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Vornan von Gert Gothberg.

Urheberrcchtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

18 Fortsetzung Nachdruck oerbotcnl

Der Pfarrer trank mit seinem Sommergast den Kaffee. Es gab einen guten, selbstgebackenen Kuchen dazu, und Frau Pfarrer sagte, daß sie nur kurze Z^it mit am Tische sitzen könne. Sie hätte noch etwas für den anderen Tag in der Küche herzu- richten.

Der Herr Pfarrer griff dann auch wieder nach seinem Buch, nachdem er sich freundlich damit ent- lchuldigt hatte, daß seine Predigt noch nicht fest sitze. Und so ging Farnhorst weiter hinter in den Garten.

Die kleine Helge hat mir Glück gebracht!, dachte er.

Am anderen Tage ging er den Weg weiter hin­unter. Fehlgehen konnte' er nicht. Pfarrer Holm hatte ihm Baringsens Besitztum genau beschrieben. Und als er eine Viertelstunde gelaufen war, sah er es liegen. Groß, wuchtig, fast düster wirkte es, wie es da so dort drüben aus dunklen Tannen hervorsah. Ein riesiger Besitz. Pferde wieherten. Und auf der Weide standen unzählige Rinder. Hunde rasten im Grundstiick umher und wollten sich fast umbringen, als der Fremde am Tor klingelte.

Farnhorft wurde eingelassen. Eine alte, böse aussehende Frau war es, die ihn einließ und dann ins Haus geleitete. In einem mächtigen Zimmer mit gewaltigen alten, fast schwarzen Möbeln emp­fing ihn Gunnar Baringsen. Er lag auf einem breiten Sofa, war mit Kissen und Decken gestützt. Trotzdem stöhnte .er:

Ich halte das nicht aus. Aber die Bande macht fa nie etwas richtig, und der alte Quacksalber, der Doktor, versteht noch weniger. Hat der mich ge­schunden! Na, nun setzen Sie sich doch ein bißchen!"

Farnhorst setzte sich dich an das Lager des alten Brummbären, dessen Augen aber doch so gut unter den buschigen Brauen heroorblickten.

Und dann sagte dieser völlig unvermittelt:

Herr Doktor Farnhorst! Würden Sie hier in Norwegen bleiben, wenn man Ihnen eine gute Stellung a ibietet? Oder wollen Sie nach Deutsch­land zurück?"

Ich würde lieber in meinem geliebten Vater­lande bleiben. Aber dort habe ich keine Aussicht, bald etwas zu bekommen. Und hier gefällt es mir sehr gut. Ich würde also bleiben."

Sehr gut!. Meine Mutter war eine Deutsche. Aus Westfalen mar sie. Und mein Vater ist jedes Jahr einmal mit ihr dorthin gefahren. Sie hat, glaube ich, immer Heimweh gehabt. Ich habe auch gute Beziehungen zu Deutschland. Das freut mich

im Gedenken an meine Mutter besonders. Und darum fällt cs mir auch nicht schwer, gerade einem Deutschen eine gute Stellung anzubieten. Ich brauche eine junge Kraft, einen Menschen, der mich nie ver­läßt, der immer bei mir bleibt. Ich bin alt, und dann passieren eben solche Sachen wie gestern. Ich zahle Ihnen ein anständiges Gehalt. Sie können es festsetzen, was Sie haben wollen. Mir ist das ganz gleich, es spielt keine Nolle. Sie hatten mir gestern gefallen, weil Sie nicht viel Worte machten und mich alten Kerl heraufholten. Um die Stellung näher festzulegen: Sie würden, wenn ich erst ein paar Monate näher in Sie hineingesehen habe, mein Bevollmächtigter in allen geschäftlichen Dingen sein. Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?"

Siebenundzwanzig Jahre alt, Herr Baringsen!" Sehr gut! Man kann gar nicht jung genug in eine schwere, verantwortungsvolle Stelle hinein. Also abgemacht?!"

Abgemacht!"

Die Hände der beiden Männer lagen ineinander. Und Gunnar Baringsen betrachtete die beiden Hände. Seine eigene, giftige, runzelige, und die

* schöne, schmale, kraftvolle braune Hand des Jünge­ren. Dann gab er Folnhorsts Hand frei. Aber er sah ihm sehr ernst und sehr lange in die Augen.

Wann können Sie also zu mir kommen?"

Ich kann schon heute bleiben! Sofort! Arbeit so schnell als möglich!"

Sie waren aber zur Sommerfrische hier. Ich will Ihnen Ihren Urlaub nicht verkürzen."

Ich hatte lange Urlaub. Ich bin froh, daß er zu Ende ist!" sagte Farnhorst fest.

Da lächelte Gunnar Baringsen. Und er fing auch gleich an, von dem Projekt zu sprechen, das ihn schon lange beschäftigte. Er meinte:

Wenn Sie Ingenieur gewesen wären wie ich, wäre es mir noch lieber gewesen. Aber es ist auch so sehr gut. Sie werden Ihren Mann schon stellen, das Gefühl habe ich in den Fingerspitzen. Und selbstverständlich haben Sie frei, wann sie frei sein wollen. Es ist keine dienende Stellung. Frei sein sollen Sie. Und ich will mich freuen, wenn Sie sich in dieser Freiheit entwickeln."

Und dann sprach der alte Mann wieder von seiner Absicht, hier das große Werk in Angriff zu nehmen, damit die Wasser, die aus den Bergen im Frühjahr herunterstürzten, keine Gefahr mehr bedeuteten, sondern den Menschen zum Segen wurden.

Und Fritz Farnhorst freute sich unsagbar, daß dieser Mann ihm sein Vertrauen schon am gleichen Tage schenkte. Und das, was er durch die Worte Baringsens vor sich sah, dieses grandiose Bild, das erfüllte ihn mit heißer Bewunderung für diesen alten, häßlichen Mann, dessen gute, kluge Augen begeistert leuchteten. Einmal fragte Farnhorst:

Und wer gibt das Geld? Es wird Millionen kosten."

Das gebe ich! Wenn es gelungen ist und der

Staat will unser Werk übernehmen sei es drum! Aber ich behalte es auch gern, mein Werk. Dann wird man eben später sagen, wenn ich tot bin: Der alte Baringsen war doch ein toller alter Kerl. Aber gut hat er es mit uns gemeint. Das ist bann eben auch ein Lohn."

Die Hochachtung für diesen schlichten, einfachen Mann stieg in Farnhorst höher und höher. Und Barinasen wiederum freute sich, was für kluge, kurze Antworten dieser junge Deutsche ihm gab.

Wo wollen Sie wohnen? Hier oder im Pfarr­haus, lieber Farnhorst?"

Bestimmen Sie, Herr Baringsen!"

Wie kann ich das? Sie sind doch nicht mein Sklave? Aber ich würde sagen: Bleiben Sie im Pfarrhaus. Die Holms tun gern Gutes unter den Armen. Wenn ich etwas gebe, dann find sie sehr erfreut, aber ich merke doch, daß es ihnen mehr Spaß macht, wenn sie es von sich aus tun können. Und darum vermieten die Holms an Gäste. Nur deshalb! Bleiben Sie also vorläufig wohnen. Es ist nicht weit bis hierher. Sie kommen jeden Morgen gegen neun Uhr zu mir. Dann arbeiten wir zusammen. Mittags sind Sie zwei Stunden frei, und dann kommen Sie wieder einige Stunden. Wir werden ja auch nicht immer im Zimmer hocken, sondern wir werden viel draußen in den Bergen sein. Man muß da jedes Winkelchen kennen­lernen. Und nun Gott befohlen! Gehen Sie in diesen Tagen noch tüchtig spazieren, während mein Fuß mir yier diesen Satanspossen spielt. Ich werde mich aber freuen, wenn Sie jeden Morgen zwei Stunden kommen. Länger brauche ich Sie nicht. Vorläufig nicht. Aber Sie können sich ja da draußen schon immer ein bißchen umsehen, damit Ihnen meine Welt vertraut wird."

Noch einige freundliche Worte, dann giüg Farn­horst. Er wäre gern noch geblieben, hätte diesem alten und doch so großen, klugen Manne gern noch Gesellschaft geleistet. Aber der schickte ihn sehr energisch fort. Er wollte schlafen. Das sei das beste Mittel, wieder auf die Beine zu kommen. Und wenn sich's in diesem Falle auch nur um einen ver­letzten Fuß handle.

Da ging Fritz Farnhorst!

Und vielleicht wußte er es nicht einmal. Aber er schlug den Weg ein, der am Pfarrhof vorbei weiter hinausführte zu dem kleinen, von Nosen schier er­drücktem Hause, wo ein blondlockiges, sonniges Mädel wohnte, das so köstlich froh und unbeküm­mert lachen kannte, und das Noras junge Schwester war!

Nora Nordström!

Einmal würde sie wieder hierherkommen. Was würde sie sagen, wenn er ihre Heimat inzwischen zu der (einigen gemacht hatte? Und würden sie sich noch einmal finden?

Ich bin fünsundoierzig Jahre alt!"

Fritz Farnhorst blieb stehen, sah sich um. Hatte jemand diese Worte laut und höhnisch gesprochen?

Es war ihm, als halle es von den Wänden zurück! Ich bin fünfundvierzig Jahre alt."

Er schritt weiter, immer weiter, den Kopf tief gesenkt.

Nora hatte recht!

Es war gut so, daß sie sich von ihm getrennt hatte. Denn einmal würde das unbarmherzige Alter auch sie erfassen!

Hätte er sie weniger geliebt?

Sicher nicht! Er war nicht wandelbar! Aber Nora Nordström hätte keine junge Schwester haben dürfen, die ihm nun gezeigt hatte, wie köstlich Jugend und Frohsinn sein konnten.

Nora!

Hart, unbarmherzig und schlecht kam er sich vor, weil er nicht mehr mit dieser schwärmerischen, oer. letzten Liebe an sie dachte.

Seit einem Tage hatte sich in seinem Innern eitv | Wandlung vollzogen. Eine völlig unerwartet l Wandlung, deren Ziel ihm noch unklar war. Aber diese Wandlung war eben da und bedeutete dir Vernichtung seiner einst so heißen Liebe zu Nora Nordström!

Diese Feststellung machte ihn traurig. Und doch fühlte er sich erleichtert. Oder war alles nur, weil er sich wieder als brauchbares Glied der Menschheit sah, weil er wieder einen Lebenszweck, weil er ! Arbeit haben würde?

! Langsam war er erst gegangen. Seit Minuten - schon lief er schnell immer schneller.

Und dann lag das Haus vor ihm, das von den | vielen Rosen schier erdrückt wurde.

| Er stand regungslos da. Dort drüben im Garten saß auf einem Obstbaum Helge Nordström. Sie sah ihn nicht. Ihr schönes, junges Gesicht, das dem­jenigen Noras so sehr ähnlich, aber eben nur jünger, froher war, war zum blauen Himmel erhoben. Auf den Knien stielt sie ein Buch. Und die blauen Augen blickten ganz nachdenklich und ernsthaft.

Ein Gemälde war es! Wie ein wundervolles Gemälde! Das Herz Fritz Farnhorfts schlug laut und rasch.

Was war das? Wollte er sich vielleicht gar in Nora Nordströms junge Schwester Helge verlieben? Wirklich? Dieser Geschmacklosigkeit wollte er sich schuldig machen?

Und aus diesen Gedanken heraus wandte er sich still ab, ging leise wieder davon.

Der zottige Hund schlich am Zaun entlang. Knurrte. Da wurde auch Helge aufmerksam. Und sie sah ganz weit drüben eine hohe Gestalt davon­gehen.

Doktor Farnhorst? Er war es doch? Weshalb sagte er ihr nicht einmal guten Tag? Und sie hatte doch gerade jetzt immer nur an ihn gedacht? Immer nur an ihn! Und nun ging er an Haus Omslö vorüber und machte nicht einmal den Versuch, fie zu sehen!

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