Ist der Name Schall und Rauch?
Ein kleines Erlebnis zuvor! Eine kluge Hausfrau schnitt vor kurzem einmal ein Thema an, das gewiß schon manchen beschäftigt hat. Sie sagte: „Ist es nicht ein Unfug, daß man nicht mehr, wie es früher war, Briefpapier oder Schuhcrem, Zahnpasta oder Seidenstrümpfe im Geschäft fordert, sondern statt dessen ein P. Q Papier oder einen Schuhcrem auf „. .al" oder „.. in" oder Marabu- Strümpfe oder dergleichen, also Waren unter einem bestimmten Namen, bei dem sich meistens gar nichts denken läßt?
Diese Frage blieb zunächst unbeantwortet, aber einige Minuten später erkundigte sich jemand aus der Runde bei der Sprecherin, womit sie ihre Bestecke so schön blank bekäme. Die Antwort war: „Ich nehme immer Jxolin dazu." Der Name war ein anderer, aber das tut nichts zur Sache, — Tatsache war, daß diese Zweiflerin für fast jeden Artikel ihres Bedarfs eine ganz bestimmte Marke bevorzugte, daß sie in keinem Fall ein namenloses Erzeugnis kaufte. Und warum? Weil sie mit der Ware unter dem betreffenden Namen gute Erfahrung gemacht hatte, weil sie wußte, sie bezahlt in allen Geschäften denselben Preis dafür, und weil sie keine Neigung hatte, sich auf Experimente und Versuche einzulassen, die vielleicht Enttäuschung und unnütze Geldausgaben bedeuten würden, kurz, well die „nichtssagenden" Namen ihr doch allerlei zu sagen hatten.
Diese kleine Episode ist schlagender als eine langatmige theoretische Auseinandersetzung über Begriffe, Wesen und Vorzüge des „Markenartikels". Was hier die praktische Hausfrau ohne gelehrte wirtschaftswissenschaftliche Belastung fast unbewußt tut, sollte Anregung und Lehre sein.
Es ist schon etwas daran, wenn ein Fabrikant mit seinem guten Namen, mit dem fest eingeführten Namen und der Marke seiner Ware vor den Käufer tritt. Es muß dahinter das gute Gewissen stehen, die feste Ueberzeugung, daß die Ware ihrem Hersteller keine Schande machen wird. Der Markenartikel-Fabrikant hat beträchtliche Summen daran gesetzt, sein Produkt auf dem Markt einzuführen; stellt sich nun heraus, daß die Käufer den Artikel für schlecht halten, so ist ihm mit einem Schlage der Markt versperrt. Der eingeführte Name dient dann für den Käufer geradezu als Warnung.
Wer also bei seinen Käufen bestimmte Marken fordert, sichert sich vor Enttäuschungen, denn Name und Marke sind nicht „Schall und Rauch", sie sind Bürgschaft für Qualität und retten Preis.
Oie Gießener Arbeitsopfer hinter Hitler
Die jüngste Versammlung der Deutschen Arbeits- opferversorguna, Ortsgruppe Gießen, am gestrigen Donnerstagnachmittag im Hause der Arbeitsfront| stand — wie uns berichtet wird — im Zeichen der Abstimmung. Der Bezirksverbandsführer für Oberhessen, Pg. Bienengräber - Gießen, hielt den zahlreich erschienenen Mitgliedern in zu Herzen gehenden Worten die Wichtigkeit der Abstimmung vor Augen. Er führte u. a. aus, daß die Arbeitsopfer aus Dankbarkeit nicht nur ihr Ja geben, sondern durch ihr Ja den Führer bitten: Führer, du, nun führe uns, führe unser Volk der Freiheit, dem Glück, dem Frieden entgegen! Die Kundgebung schloß mit dem einmütigen Bekenntnis: Adolf Hitler, unser Führer, dein sei unser Ja! Adolf Hitler wir glauben an dich!
Oie Gießener Bäckerinnung geschlossen hinter dem Führer.
Am Mittwoch hielt die Bäckerzwangsinnung Gießen — wie uns berichtet wird — eine gutbe- fuchte Versammlung im „Andrees" ab. Vor Eingang in die Tagesordnung würdigte der Jnnungs- führer, Bäckermeister L ö b e r, die Verdienste unseres verschiedenen Reichspräsidenten. In treff-, lichen Worten hob er die großen Charaktereigenschaften des Generalfeldmarschalls und Staatsmannes hervor, der sich jederzeit, ohne an sich selbst
zu denken, in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat. Der Jnnunasführer betonte, daß das Handwerk seinem großen Ehrenmeister von Hindenburg den Dank für sein restloses Einsetzen für unsere Nation nicht besser abstatten könne, als daß es unserem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler am kommenden Sonntag re st los und aus innerer Ueberzeugung seine Ja-Stimme gebe, da Adolf Hitler der einzig Berufene sei, das Erbe dieses Mannes anzutreten.
Die wenigen beruflichen Fragen wurden nach einer kurzen Pause in voller Einigkeit erledigt.
Kraftfahrer voran!
Der Gauführerdes DDAC., Gau 3 Hessen, erläßt zur Volksabstimmung folgenden Aufruf:
Mitglieder des DDAC.! Deutsche Kraftfahrer!
ßc-ndiszipttn und die tatkräftige Inangriffnahme des gigantischen Werks der Straßenbauarbeiten.
Noch stehen wir mitten im Umbruch, aber heute schon können wir erkennen, wieviel der Führer gerade für die deutschen Kraftfahrer getan hat und noch zu tun beabsichtigt. Da ist es eine Ehrenpflicht der deutschen Kraftfahrer, ihm bei der bevorstehenden Volksabstimmung für seine Taten zu danken und ihm durch ein freudiges „Ja" unsere Unterstützung für sein weiteres Wirken zuzusichern.
Ich zweifle nicht daran, daß jeder Kraftfahrer am Sonntag selbst zur Stimmurne geht und sich zum Führer und seiner Politik bekennt. Darüber hinaus erwarte ich, daß sich sämtliche Angehörige des DDAC. mit ihren Fahrzeugen für den Wahldienst zur Verfügung zu stellen, damit alte, kranke und gebrechliche Volksgenossen chr Stimmrecht ausüben
Gememschastsempsang der Rede des Führers über alle deutschen Sender.
Oie Übertragung -er Rede beginnt um 20 llhr.
Für Gießen sind folgende Abhörstetten eingerichtet:
1. Landgraf-Philipp-Plah und Brandplatz für die gesamte SA., SG., HI. und RSBO. (Arbeitsfront).
2. Cafö Leib: für PO. mit allen übrigen Gliederungen der NSDAP. (Frauen- schaft, NSD., DOM., NSKOD., Opfer der Arbeit).
Volksgenossen, die keiner Gliederung angehören, können selbstverständlich auch erscheinen.
3. Oie Rede wird auch im Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, übertragen. Anschließend wird das Programm (Hauptfilm und Wochenschau) vorgeführt.
4. Von den Lokalen, die eine gute Gmpfangsmöglichkeit haben, wird erwartet, daß sie Volksgenossen auch ohne Verzehrzwang die Rede anhören lassen, soweit Wert darauf gelegt wird. Diese Lokale werden durch Plakate, die von der Kreisleitung vertrieben werden, kenntlich gemacht. Konzert- und andere Darbietungen sind während der Rede einzustellen. Wir fordern alle Volksgenossen auf, darauf zu achten.
Die Gliederungen der Bewegung werden gebeten, sofort das Erforderliche zu veranlassen.
Ab Freitag, in der Zeit von 12 bis 14 Llhr, flaggt jede deutsche Familie die Fahnen des Dritten Reiches. Die Fahnen bleiben bis über den Wahlsonntag hinaus hängen, und zwar bis zum Montag um 20 Llhr.
Kreisleitung Gießen der NSDAP.
Der Führer und Reichskanzler hat das deutsche Volk aufaerufen, um öffentlich vor der Welt seine treue Gefolgschaft zu bekunden.
Der deutsche Kraftfahrer hat seit der Machtübernahme durch den Führer eine Förderung erfahren, die sie vorher nie zu erwarten gehofft hätte und die die Bewunderung der ganzen Welt erregte. Davon zeugen nicht nur die gewaltigen Siege dieses Jahres, die dem deutschen Kraftfahrsport wieder Weltgeltung verschafften, sondern insbesondere auch die für alle Kraftfahrer spürbaren Erleichterungen in der Fahrzeughaltung, die wiedergekehrte Stra-
können. Auch auf diese Weise könnt ihr dem Führer einen kleinen Teil eurer Dankesschuld abtragen.
Ein Reich, ein Volk, ein Führer! Heil Hitler! Gez. Dr. Behrens, Gauführer des DDAC., Gau 3 Hessen.
Appell an die Arbeitskameraden der Arbeitsämter.
Der Betriebszellenobmann des Landesarbeitsamts Hessen erläßt folgenden Aufruf:
Arbeitskameraden des Landesarbeitsamts Hessen und der Arbeitsämter!
Unser Führer Adolf Hitler hat unserer Arbeit in den Arbeitsämter zum ersten Male zu Anerkennung und Erfolg verhalfen. Millionen von Arbeitslosen sind nach langer Arbeitslosigkeit und Entbehrung in den 16 Monaten seiner Amtsführung in Arbeit vermittelt worden.
Wir helfen unserem Führer sein Werk weiterzu- führen und vollenden und stimmen am 19. August 1934 mit „Ja".
Kreisleitung Gießen der NSOAP.
Abteilung Rundfunk.
Die Abfahrt des zweiten Sonderzuges zur Funkausstellung Berlin erfolgt ab Gießen am 20. August, 10 Uhr vormittags. Fahrkarten können sofort abgeholt werden, und zwar Freitag und Samstag auf der Kreisleitung, am Sonntag in der Geschäftsstelle des R. D. R. Gießen, Seltersweg 77, bei Pg. P l a ck e r t.
NG.-Gemeinschaft^KrastdurchFreude^
Das für Freitag, 17. August, angesetzte Konzert der Theaterkapelle im Fabrikhof der Firma Schunk & Ebe bzw. in der Turnhalle zu Heuchelheim muß aus zwingenden Gründen verlegt werden.
Die Rundfunkübertragung der Rede unseres Führers in der Turnhalle zu Heuchelheim bleibt selbstverständlich bestehen.
lu'ii
— Tageskalender für Freitag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Gern hab' ich die Frau'n geküßt".
** Straßensperre. Die Ortsdurchfahrten Klein-Linden, Großen-Linden, Lang-Göns, Kirch- Göns, Pohl-Göns, Nieder-Weisel, Nieder-Mörlen, Ober-Wöllstadt und Kloppenheim der Provinzialstraße Gießen—Frankfurt a. M. werden wogen Kleinpflasterungsarbeiten vom 20. August ab für jeglichen Verkehr gesperrt. Die Umleitung erfolgt für den Fernverkehr über Marburg, Londorf, Grünberg, Lich, Langsdorf, Bettenhausen, Bellersheim, Utphe, Friedberg, Bad Homburg, für den Nahverkehr über Gießen, Grüningen, Garn- dach, Rockenberg, Rödgen, Friedberg. Die Umleitung Marburg, Gladenbach, Wetzlar, Pohl-Göns wird geändert in Marburg, Gladenbach, Frankenbach, Rodheim, Gießen.
** Sonderzug zur Saarkundgebung in Koblenz am 26. August. Am 26. August wird aus Anlaß der Saarkundgebung, bei der der Führer persönlich sprechen wird, ein Sonderzug von Friedberg aus über Gießen nach Koblenz und zurück fahren. Der Zug verkehrt ab Friedberg 5.21 Uhr, ab Bad-Nauheim 5.29 Uhr, ab Butzbach 5.43 Uhr, ab Gießen 6.17 Uhr, ab Wetzlar 6.35 Uhr, an Koblenz 8.55 Uhr. Rückfahrt: ab Koblenz 19.08 Uhr, an Wetzlar 21,17 Uhr, Gießen an 21.42 Uhr, Butzbach an 22.15 Uhr, Bad-Nauheim an 22.29 Uhr, Friedberg an 22.37 Uhr. Die Fahrpreisermäßigung beträgt 75 Prozent und der Fahrpreis beläuft sich ab Gießen und zurück auf 2,40 Mark. Die Fahrkarten sind nur im Hapag-Reisebüro erhältlich.
** Hindenburg - Gedenkfeier der Oeffentlichen Handelslehranstalt. Wie alle Gießener Schulen, so widmete auch die Oeffent- liche Handelslehranstalt den ersten Schultag dem Gedenken des verstorbenen Reichspräsidenten und Generalfeldmarschalls von Hindenburg. Der große Saal der Schule zeigte Fahnenschmuck und das vom Trauerflor umrahmte Bild des großen Toten. Die Feier wurde durch das gemeinsame Lied: „Ich hab' mich ergeben" eingeleitet. Hierauf las eine Schülerin einen Abschnitt aus: „Der Wanderer zwischen zwei Welten", von Walter F l e x, vor. Anschließend gedachte der Schulleiter, Privatdozent Dr. Kruse, des großen Toten und rühmte ihn als Vorbild der Pflicht und der Treue. Ein Schüler der Anstalt verlas darauf die Weiherede des Führers am Tannenberg-Denkmal. Mit einem Sieg-Heil, dem Deutschland- und dem Horst-Wessel- Lied schloß die Feier.
MNeWöe weift
Roman von Gert Rothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
17. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Da kam ihm plötzlich ein Gedanke: Wenn Nora ihm ein ganz anderes Alter genannt, nur um ihn zu beruhigen? Weil sie das Verhältnis nicht fort« fetzen mochte?
„Fräulein Helge, wie alt ist Ihre Schwester Nora eigentlich?"
Ein spitzbübisches Lächeln legte sich um den roten Mädchenmund:
„Hm! Künstlerinnen fragt man nie nach ihrem Alter. Die bleiben ewig jung. Das sagte mal Professor Hammerborg aus Kopenhagen, als der mal hier bei uns zu Besuch war. Ich hab mir das gemerkt. Aber Sie kann ich doch schließlich nicht beschwindeln. Nora ist — ist — hm, eine Gemeinheit bleibt es von mir. Nora ist — ist — Nora ist fünfundvierzig Jahre alt, aber sie sieht aus wie fünfundzwanzig! Nicht war? Finden Sie das nicht auch?"
„Ja. Nora Nordström ist wunderschön und jung! Da spielt das Alter gar keine Rolle!"
„Das ist fein, daß Sie auch so denken, Herr Farnhorst. Möchten Sie ein paar Rosen mitnehmen aus Omslö?"
Er nickte lächelnd.
„Ja, zum Abschied, liebe kleine Rosenfee."
Wie ein gaukelnder Schmetterling war Helge Nordström. Sie lief zu dem Gartentisch, holte Schere und Bast. Schnitt duftende weihe Bluten, die schimmerten wie weißer Schnee.
„Auf Wiedersehen!"
„Auf Wiedersehen!"
Droben an der Mauer stand Helge und winkte fröhlich. Farnhorst sah sich noch einmal um.
Ein Märchen!
Ein wunderholdes Märchen auch dieses unberührte, fröhliche Menschenkind!
In seinen Händen ruhten die stillen, weißen schimmernden Blüten, die zu ihm empordufteten.
Ein letzter Gruß von Nora? Denn auch sie war ja ab und zu einmal in dem Märchengarten von Omslö.
Der Weg führte wie ein schmales weißes Band hinab. Rechts und links lagen weite, reiche Höfe. Auf den grünen Wiesen stand fettes Vieh. Am Waldrand standen lila Nachtviolen und kleine weiße Sternblumen. Und der Bergbach rauschte herab zwischen den dunklen Tannen, die sich eng an den Abhang schmiegten.
Und weiter und immer weiter ging der Weg. Farnhorst wußte aber gar nicht einmal, wie weit er nun wohl schon den Weg nach dem freundlichen Pfarrhause wieder zurückgelaufen war. Ganz in
Gedanken war er. Links von ihm dehnte sich jetzt eine tiefe Schlucht aus. Wohl einige hundert Meter wand sie sich dahin. Auf einmal blieb er stehen.
Rief da unten jemand? Farnhorst beugte sich weit über das Holzgeländer.
„Hallo?"
„Hier! Bitte helfen Sie mir! Ich habe mir das Bein verletzt."
Eine Männerstimme! Und dort hinter dem Felsvorsprung mußte er liegen.
Farnhorst stieg behutsam hinunter. Die vorstehenden Steine boten ganz guten Halt. Auch kleine Tannen ließen sich als Stütze gut benützen. Nun noch um den Felsen herum. Und dann hatte er den Mann. Es war wirklich nur ein ganz einfacher alter Mann. Vielleicht war's auch nur ein Stromer. Ab und zu trieben sich da auch welche in der grünen Bergwelt herum!, hatte der alte Pfarrer gesagt. Also vielleicht war es einer. Eigentlich sah er mit seinem schmutzigen Anzug, den Bartstoppeln und der ein bißchen roten Nase wirklich so aus.
„Das ist gut, daß Sie da gerade kamen. Verteufelte Sache, wenn man selber nicht mehr weiter kann! Ich hatte da unten die blaue Nordlichtblume gesehen. Wollte sie holen — ich sammle solche Sachen. Und da muß mir ausgerechnet so etwas passieren. Na, nun mache ich Ihnen eine Menge
„Das wird nicht allzu schlimm werden. Wir befinden uns doch hier in der Nähe vom Pfarr- hause Holm. Dort bringe ich Sie hin."
Ein rascher Blick aus den kleinen, dunklen Augen des alten Mannes glitt nun über das schöne, gebräunte junge Männergesicht. Aber der Alte sagte kein Wort dazu. Er versuchte, sich aufzurichten, doch er stöhnte bedenklich. Hier konnte er nicht bleiben, hier unten zwischen dem feuchten Gestein. Und so stützte er sich eben auf feinen Retter und stöhnte und stöhnte. Aber schließlich waren sie doch oben auf dem schmalen Wege. Farnhorst war sehr froh, daß der alte Mann sich, schwer auf ihn gestützt, dahinschleppen konnte. Es war auch gut, daß Pfarrer Holm hier in der Nähe wohnte, Denn auf irgendeinen der Höfe hätte er den Mann wohl doch nicht bringen dürfen. Bestimmt war es ein alter wandernder Geselle. Er hatte sehr schadhafte Schuhe an, und die übrige Kleidung paßte zu diesen Schuhen. Psarrar Holm mußte dem Alten noch ein bißchen helfen. Er, Farnhorst, wollte ihn darum bitten und wollte auch eine Kleinigkeit zulegen. Denn der Mann fror doch jetzt in den kalten Nächten in seiner schadhaften Kleidung.
Pfarrer Holm war daheim. Er saß vor dem Hause auf der grünen Bank und las seine (Sonntags- predigt. Das schwarze Käppchen war ein bißchen zurückgeschoben, und der geistliche Herr schmauchte eine kleine altmodische Pfeife. Das mochte den Insekten nicht passen, denn sie umschwirrten ihn bösartig. Aber wiederum konnten sie das Kraut auch nicht vertragen.
Durch das Quietschen des kleinen Gartenpförtchens aufmerksam geworden, gewahrte er die seltsame Gruppe. Sogleich legte er seine Predigt beiseite und kam schnell nach vorn. Da rief er aber auch schon erschrocken:
„Ja, Herr Baringsen, was ist denn? Und unser junger Freund dabei? Ist ein Unglück geschehen?"
„Nicht so schlimm, Herr Pastor! Ich hab mir den Fuß vertreten. Das ist nun ein bißchen schmerzhaft, wird sich aber bald wieder machen. Und ich war froh, daß dieser junge Herr sich meiner an« nahm, sonst hätte ich wahrscheinlich noch lange dort unten liegen können. Es kommt ja dort nur selten einer mal vorüber."
Pfarrer Holm stellte einen Stuhl bereit. Und ächzend ließ Baringsen sich nieder.
„Ein Glas Wasser, bitte!"
„Ich gehe!"
Farnhorst sprang mit ein paar Sätzen den Weg hin und die Stufen hinauf, wo die gute alte Pfarrersfrau schon auf der Plattform stand und Ausschau nach ihrem Mann hielt, denn sie hatte ihm doch gerade den Kaffee und selbstgebackenen Kuchen bringen wollen.
Nun gab sie schnell das Wasser aus der Küche. Und sie stellte noch auf das Tablett ein Gläschen mit Kognak. Dann trug sie es neben Fritz Farnhorst her.
Inzwischen hatte Gunnar Baringsen gesagt:
„Ein bildschöner Mensch! Direkt eine Augenweide für mich alten, häßlichen Kerl. Wer ist das eigentlich? Und ein Herz hat er auch im Leibe. Denn er kannte mich nicht, und er hat mich meiner äußerlichen Seite nach sicherlich für einen alten Herumtreiber und Stromer gehalten. Was ist der Mann eigentlich?"
Da wurde es erst dem guten alten Pfarrer klar, was diese Begegnung Doktor Farnhorsts mit Gunnar Baringsen zu bedeuten haben konnte.
„Ein junger deutscher Doktor. 5)at Volkswirtschaft studiert. Ist zur Zeit ohne Stellung. War in eine dumme Sache verwickelt, ist aber vollständig rehabilitiert!"
„So! Nun, ich meinte nur so. Aber schicken Sie mir doch den jungen Herrn morgen früh mal hinunter! Ich möchte mal mit ihm sprechen."
„Gern, Herr Baringsen. Sehr gern werde ich das tun. Ich habe mich auf meine Menschenkenntnis eigentlich immer verlassen können, und ich habe diesen jungen Doktor sehr gern. Meine Frau liebt ihn."
„Haha!"
„Wahrhaftig."
Die Pfarrersfrau kam mit dem Tablett, und Baringsen sagte höflich:
„Dielen, vielen Dank! Guten Tag auch! Ihr Herr Gemahl wird Ihnen mein kleines Pech er» Zählen. Aber könnten Sie nicht mal Ihre Aslaug hinunterschicken?Gerling soll mich holen lassen. Mit jo ’ner Art Sänfte. Ich überlasse, es feiner Findig
keit, wo er die herkriegt. Wenn die Leute mich aber unterwegs fallen lassen, gibt's was. Ich hab genug von dem einen Sturz."
Sie lachten alle. Und die Frau Pfarrer ging wieder ins Haus zurück, um ihre Magd auf bas Besitztum Baringfens zu schicken.
Dann ging sie wieder zurück. Man unterhielt sich gemütlich. Aber Farnhorst merkte doch, daß dieser alte Mann, den er aus der Schlucht geholt hatte, doch etwas ganz anderes war als das, was er gedacht hatte. Das machte ihn ein bißchen kopfscheu, und so saß er schweigend da. Dann kamen die Leute, und ein beweglicher kleiner Herr war auch dabei. Der sah ganz grün aus vor Angst und Sorge, und er kam den Gartenweg entlang gestürzt.
„Guten Tag allerseits. Herr Baringsen, was ist denn nur passiert? Ich habe mich ja zu Tode erschrocken. Und die Aslaug wußte auch so gar nichts."
„Vorläufig leben Sie noch, lieber Gerling. Der Schreck ist Ihnen gut bekommen. Ich hab mir ein bißchen den Fuß verstaucht. Aber nun nach Hause! Morgen hab ich die wichtige Konferenz mit den beiden Amerikanern. Nun kann ich dabei auf dem Sofa liegen. Na, ist nicht zu ändern."
Wirklich hatte Gerling so etwas wie eine Sänfte zusammenstellen lassen, und Baringsen wollte sich totlachen, als er das Ding sah. Es ging dann aber ganz gut. Und Baringsen schaute zurück und winkte. Aber da verzog er doch schon wieder schmerzlich das Gesicht.
Neuntes Kapitel.
„Baringsen? Nun, das ist so ungefähr der reichste Mann Norwegens. Der besitzt die große Reederei, er ist selber Ingenieur und hat die zwei großen Stauwerke gebaut. Die Wildbäche hatten viel Unglück angerichtet. Nun kriecht er hier in den Bergen umher. Er hat bestimmt etwas auf dem Herzen, penn Schmetterlinge fängt er nicht, und Blumen sucht er auch nicht. Wir haben hier auch solche gefährlichen Bäche. Wir hier oben werden davon noch verschont, wenn die Bäche reißend werden. Aber die weiter unten, die haben es dann in aller Furchtbarkeit, wenn die Ueberschwemmung kommt. Da ist schon manches kleine Haus und das Vieh mit fortgerissen worden. Ich denke, daß Baringsen da irgend etwas Großes vor hat. Aber über feine Pläne spricht er nie. Herr Doktor, es war sicherlich ein vom alten Herrgott selbst herbeigeführter Zufall, der Sie gerade den alten Baringsen finden ließ. Baringsen bittet Sie, ihn morgen zu besuchen. Er wird Ihnen sicherlich eine Stellung anbieten. Ich habe mir allerdings erlaubt, ihm Ihre Lage kurz zu schildern."
„Herr Pfarrer, wenn ich hierbleiben dürfte?!"
„Alle Aussicht ist da. Sie haben Baringsen gefallen, bas hab ich genau bemerkt, und damit ist viel gewonnen. Eigentlich alles. Viel Glück, Herr Doktor!"
(Fortsetzung folgt.)


