gr.VS Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Donnerstag, 17. Mi (934
„Mit dem Kührer unterwegs." Randnotizen aus dem Bordbuch.
Von Herbert Seehofer.
Im Zentralparteiverlag Der NSDAP. Franz Eher Nachfolger erschien soeben ein neues Buch „Mit dem Führer unterwegs". — „Kleine Erlebnisse einer großen Reise". Das Buch, das dem Führer des Reichsverbandes der Deutschen Presse SA.-Gruppen- führer Wilhelm Weiß gewidmet ist, ist von Herbert Seehofer geschrieben, der a n zahlreichen Deutschlandflügen des Führers als Sonderberichterstatter teilnehmen konnte. Wir bringen mit Genehmigung des Berlages nachfolgend einen Auszug aus einem Kapitel des flüssig, farbig und interessant geschriebenen Buches.
Es ist ein schmales, abgegriffenes Heft mit biegsamem, schwarzem Leinwanddeckel. Klappe ich das Heft auf, so sehe ich auf den ersten beiden Seiten einen Ausweis eingeheftet mit dem Stempel der Kanzlei Adolf Hitler und dem Stempel der Reichsleitung, der den Wortlaut trägt:
„Inhaber dieses Ausweises ist Sonderberichterstatter der Reichspressestelle der NSDAP, für die Wahlreise des Führers und befindet sich in seiner Begleitung. Alle Parteistellen werden im Interesse unseres Wahlkampfes ersucht, ihn in jeder Weise zu unterstützen. Insbesondere ist auch der Inhaber des Ausweises immer unmittelbar zur Führertribüne zuzulassen."
Es ist möglich, daß ich einmal von meiner vorgesetzten Dienststelle aufgefordert werde, diesen Ausweis abzuliefern — dann habe ich für mich zur Erinnerung seinen Wortlaut in diesen Zeilen verankert. Ich hoffe aber, daß man mir gestattet, dieses Dokument zu behalten, ich will es dann als einziges greifbares Andenken an die stolzeste Zeit meiner Iournalistenlaufbahn hüten. Bleiben würden mir auch noch die eng beschriebenen Seiten dieses Heftes, auf denen in krausem Durcheinander, mit Bleistift und Tinte, längere und kürzere Notizen vermerkt sind.
Es sind Stichworte der großen Reise, Stichworte für die Flüge und die Fahrten mit dem Führer. Mit jedem Stichwort verbindet sich die Vorstellung meines Erlebnisses aus jenen Tagen. Unterstützt von Material aus meinem Archiv forme ich aus den Randnotizen des Bordbuches noch einmal die von mir erlebten Ereignisse des letzten und größten deutschen'Wahlkampfes nach. Mögen sie ihre Aufgabe als kleines Quellenmaterial erfüllen, wenn dereinst in der Geschichte der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung die Wahlkämpfe ihre Würdigung finden. Sie schildern die Stimmung rings um das große politische Geschehen.
Ein herrlicher Flug liegt hinter uns, der Flug von Hannover nach dem Landeplatz H a n g e l a r in der Nähe von Bon n. Wie schwer wurde uns der Aschied von Niedersachsen gemacht: Als wir den Wagen bestiegen, durchbrachen begeisterte Menschen, die seit den ersten Vormittagsstunden sehnsüchtig auf diesen Augenblick der Abfahrt des Führers gewartet hatten, das lebende Gitter der Absperrungskette, und tausend Hände streckten sich dem Führer entgegen, und unter einem Regenfall von Blumen, immer wieder in den Straßen und aus den Häusern enthusiastisch begrüßt, suchten wir mühselig die freie Fahrt zur Landstraße.
Auf den sechzehn Plätzen der schwankenden Kabine der „D 2600" sitzen wir, wie wir schon damals sahen, als der Wahlkampf sich noch unter anderen Bedingungen abspielte. Damals, im Juli 1932, oder im November, oder im Februar, oder früher noch ...
Die „D 2600" hat sich fast unmerklich auf nahezu 3000 Meter Höhe geschraubt. Das weite Land unter
uns hat sich völlig der Sicht entzogen. Nachdem wir eine Zeit lang lustige Jagd nach Wolken angestellt haben, die sich aber nicht kriegen lassen, sondern vor dem schneidenden Schnabel des riesengroßen silbernen Vogels eilig flüchten, steigen wir jetzt über die Wolkengebirge hinaus. Sie liegen nun wie weiße Watteberge unter den Schwingen oder wie eine endlose Schneelandschaft. Wenn sich die Sonne für zwei Sekunden Bahn bricht, dann sehen wir in einer abgrundtiefen Schlucht lustiges Häuserspielzeug und herbstlich grüne und braune Schachfelder des Sauerlandes. Ewig neues Erlebnis eines Höhenfluges umfängt uns.
Der Führer hat sich jetzt von seinem alten treuen Begleiter, Oberführer Schaub, die Morgenzeitungen geben lassen. Der Führer liest und läßt sich dann von dem Reichspressechef Dr. Dietrich über den Widerhall der gestrigen Rede an Hand der Pressemeldungen Bericht erstatten. Der Adjutant des Reichspressechefs, Obersturmbannführer Alfred- Ingemar Berndt, vergleicht den Wortlaut der veröffentlichten Führerreden mit dem Stenogramm, das er durch seinen Nachrichtenapparat an alle deutschen Zeitungen gegeben hat.
Neben dem Führer sitzt sein persönlicher Adjutant, Oberleutnant Brückner. Der Führer blättert jetzt in einer großen Landkarte und verfolgt die Flugroute. Vom Pilotensitz wird ein Zettel durchgereicht, daß wir in knapp zehn Minuten landen.
Nun geht alles rascher, als es ausgezeichnet wird. Jetzt sind wir nur noch 1500 Meter hoch. Jetzt zeigt der Höhenmesser 1200 Meter an. Wir durchstoßen das weiße Wolkengebirge. Die Wolken türmen sich jetzt schon über uns, und nun sehen wir auch das Land wieder. Wir erkennen Dorf an Dorf. Aber alles scheint ausgestorben. Setzt man jedoch den Feldstecher an die Augen, dann stehen an den Straßen und Chausseen, auf den Feldern und Gehöften winzige wirkende Menschlein, und sie jubeln uns zu.
Schnell auf $00 Meter, dann 300, 200, 170. Der Flug, der mittags 12.40 Uhr begann, nähert sich feinem Ende. Die „D 2 600" liegt jetzt ganz schräg auf ihren Tragflächen, und schon stürzen mir nahezu auf das Rollfeld Hangelar hinab. Schwefelgelb schwelt die lange Fahne des Landungsfeuers und zeigt uns den Weg zum Landeplatz. Kurzer, herzlicher Empfang. Wieder Fahnen, Jubel und Blumen. Dann Erholungspause in dem schönen Godesberg, ein unvergeßliches Erlebnis. Ein Nachmittag in Godesberg, wo wir uns nun schon unzählige Male trafen, und Dann am Abend in sausender Fahrt über die Chaussee, dem Lichtflut Kölns entgegen.
Hunderttausend warten stürmisch auf den Führer. Adolf Hitler zieht von neuem in die Stadt ein. Die Massenkundgebung in den Messehallen ist eröffnet.
In der Kabine der „D 2 600" ist jeder vollauf mit sich selbst beschäftigt. Der Führer lieft in Briefen, die ihm durch seinen Adjutanten überreicht wurden, und läßt sich dann wieder die in- und aus-; ländischen Zeitungen vorlegen ... Wir anderen alle, denen das Fliegen nun schon alltägliches Ereignis geworden ist, vertreiben uns die drei Stunden bis Stuttgart, wie wir gerade aufgelegt find.
Die Stimmung in der Kabine ist zwanglos. Gerade hier unter den sechzehn Menschen offenbart sich der Führer in feiner ganzen schlichten Größe. Es wird nur wenig gesprochen. Eine Verständigung ist auch schwer, da das Hämmern und Pochen der Motoren die Stimmen übertönt. Aber das Land unter uns erzählt uns mit jedem Meter, den wir überfliegen immer neue, wunderbare, unterhaltende Geschichten.
Wir sind jetzt langsam auf 1500 Meter geklettert. Die Heizung der Auspuffgase hat eine angenehme Wärme in der Kabine erzeugt, und wir ziehen die
Mäntel aus. Eben haben wir Wittenberg überflogen. Die Elbe schlängelt sich in kuriosen Windungen durch das Land, als wenn man versehentlich Tinte über eine bunte Kaffeedecke ausgegossen hätte. Fabrikschornfte'ine, gerade fingerhoch, blasen mächtige Rauchschwaden nach oben, und in einem Walzwerk glüht helles Hochofenfeuer. Die Sonne ist schon wieder verschwunden, und nur ein ganz schmales marineblaues Band zieht sich rund um den Horizont. Man ahnt, daß unten auf den Feldern gearbeitet wird; Denn herbstliche Kartoffelfeuer schwelen in Dünnen RauchfäDen, unD auf einer Wiese hat man Das letzte Gras geschichtet. Die Grashaufen sehen aus der Hohe wie grüne Wirsingköpfe auf einem schwarzen Blumenbeet aus. In Der Ferne verschwinDen Land und Himmel zu grauem, dunstigem Gewölk, und unter uns liegt jetzt ein sauber geschnittenes Ziergartenbeet. Es ist aber, wie aus der Flugkarte ersichtlich wird, ein stattlicher Wald von über 500 Morgen ...
Wir fliegen jetzt in 2400 Meter und 160 Kilometer Geschwindigkeit Dem Flughafen Böblingen entgegen. Furche neben Furche liegt Das gepflügte Land unter den Tragflächen, als wenn es mit einem großen Kamm sauber gekämmt worden wäre.
Ein Flug über Die vorwinterlichen Hänge I Düringens. Da wir in einer Höhenlage bleiben, kommen uns Die verschieDenen hohen Bergkämme scheinbar entgegen. Die Spitzen Der gezackten Kämme wollen Die Tragflächen streifen. Dabei trennen uns mehrere hunDert Meter von ihnen.
Ein weites weißes Leinentuch ist über Die Hänge gebreitet worden und die verschneiten Aecker muten
an, als wenn ein aufgeteilter großer Blechkuchen mit Puderzucker bestreut worden märe. Dann nähern wir uns Dem schweigenden Thüringer Wald.
Unvergeßliches Bild. Der Wald steht graugrün auf Den Höhen, von Schnee überrieselt, wie ein Berg von Bleikristall. Jetzt hat man Den EinDruck, als würden große Klumpen Eisenpfeilspäne Durch starke Magneten nach Den verschieDensten Richtungen auseinanDergezogen, um sich nun in bizarren Formen oieltaufenDfältig zu orDncn. Die vereisten Kuppen glitzern unD gleißen wie funkelnde Diamanten.
Wohl eine gute halbe Stunde nehmen wir Das vorweihnachtliche Bild in uns auf. Es ist so stimmungsvoll. Man denkt an Tannenbaum und En- gelshaar, Pfefferkuchen und Lichterglanz. Plötzlich staubt ein luftiges Schneetreiben an unseren Kabi» nenfeftern vorüber. An Den Scheiben blühen Eisblumen. Also, es wirb Winter.
Jetzt ist Der Thüringer Wald überflogen, und nach Kitzingen und Mergentheim nähern wir uns Ludwigsburg. Die Sonne bricht wieder durch und überstrahlt den herbstlichen Laubwald, der ockergelb und purpurn uns zu Füßen liegt. In sechs Minuten sollen wir landen.
Die „D 2600" senkt sich auch schon in weiten Riesenspiralen. Gerade haben mir noch Zeit, nach unseren Mützen und unserem Äoppe^eug zu fassen, schon setzen die Räder auf. Die Maschine springt noch einmal, zrneimal, dann stehen mir, und von neuem umtost uns der Begrüßungsjubel der in Erwartung gejpannten Taufende, die sich auf dem Rollfeld Böblingen, dem Flughafen Stuttgarts, in Heller Freude versammelt haben...
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Jules Dernes wird überboten!
Das gigantischste Luftrennen aller Zeiten. — Flug über 22000 Kilometer.
Von Thea Rasche.
Anläßlich der Hundertjahrfeier des australsichen Staates Victoria und feiner Hauptstadt Melbourne veranstaltet der Königliche Aero-Club London ein Flugzeugrennen von England nach Melbourne, d. h. über eine Strecke von rund 22 000 Kilometer. Für dieses gewaltigste Rennen aller Zeiten, das über drei Erdteile führt, hat ein Bürger von Melbourne, Sir Mac Pherson Robertson Geldpreise in Hohe von 15 000 Pfund Sterling und als Ehrenpreis für den Sieger einen goldenen Pokal im Werte von weiteren 500 Pfund Sterling gestiftet. Das nach dem Stifter benannte „Mac Robertson International Air Race“ zerfällt in ein Geschwindigkeitsrennen (speed Race) und in ein Handicaprennen; Teilnehmer, die sich für bas Geschwindigkeitsrennen melden, können jedoch auch gleichzeitig ihre Meldung für das Handicap abgeben. Zwangs- und Kontroll-Lande- plätze für das Geschwindigkeitsrennen find Bagdad, Kalkutta, Singapur, Darwin > 'd Eharleville. Für das Handicap ist Die Strecke: Marseille — Rom — Athen — Aleppo — BagdaD — Buschir — Karachi — JoDhpur — Allahabad — Kalkutta — Rangoon — Bankok — Alor Star — Singapur — Batavia — Bamdang — Koepang — Darwin — Newcastle Water — Cloncurry — Eharleville — Narramine — Melbourne festgesetzt.
Nennungsschluß für Das Rennen ist der 1. Juni 1934, 12 Uhr, und zwar beträgt die Nenngebühr für Das Geschwindigkeitsrennen fünfzig PfunD, für das HanDicap zehn Pfund. Teilnehmer, Die Die ganze Strecke nicht innerhalb von 16 Ka- lenDertagen zurückgelegt haben, scheiben endgültig aus. Dagegen erhält ber Führer jebes am Rennen teilnehmenben Flugzeuges, ber innerhalb von 16 Kalenbertagen die Ziellinie in Melbourne überfliegt, eine goldene Medaille. An Bord jedes Flugzeuges muß während der ganzen Dauer des Rennens Proviant und Wasser für drei Tage für sämtliche Mitglieder der Besatzung mit- geführt werden: dabei rechnen Passagiere ebenfalls zur Besatzung der Maschine. Ferner muß für jedes Mitglied ein Rettungsgürtel, Signalpatronen, die
erforderlichen Streckenkarten, ßagepläne Der Zwi- schenlandeplätze mitgeführt werden. Tanken in der Luft ist den Teilnehmern gestattet, ebenso können auch Nachtflüge Durchgeführt werden, vorausgesetzt, daß Die Maschinen mit Den Dafür erforderlichen Nachtfluginstrumenten ausgestattet sind.
Trotzdem bis zum Nennungsschluß noch fast 14 Tage vergehen, liegen angeblich bereits 77 Meldungen der berühmtesten Flieger aus Der alten und Der neuen Welt vor, und zwar werden sich außer England und Australien auch Frankreich, Italien, Holland und die USA. an diesem Wettbewerb um Den Mac-Robertson-Pokal beteiligen. So liegt u. a. die Teilnahme der Flieger K i n g s f o r d - S m i t h , Mollison, Ulm, Doolittle, Fitzmau- rice, Neville Stack und Wiley Post fest, ebenso wird Sir Alan Cobham an Dem Geschwindig- feitsrennen teilnehmen. Während Kingsforb-Smith voraussichtlich ein Lockheed-Rennflugzeug führen wird, beteiligt sich Eapt. Neville Stack, ber mit Sibney Turner als Begleiter fliegt, mit einem zweimotorigen Airespeed A. S. -8, bas eine Geschwindigkeit von 322 km/std. entwickeln soll. Sir Alan Cobham will die Landungen mit seinem Schnellflugzeug ausschließlich auf Die vorgeschriebenen Zwangslandeplätze beschränken und sonst seinen Brennstoff- unD Oelvorrat durch Tanken in der Luft ergänzen. Zu diesem Zweck führt er bereits feit mehreren Wochen in England Tank- versuche mit Schnellflugzeugen Durch, Die teilweise in Gegenwart Des Üuftmarschalls Sir Hugh Dowding vorgenommen und bei Denen außerordentlich günstige Ergebnisse erzielt wurden. Weley Post, ber bekannte Weltflieger wirb sich voraussichtlich wieder mit seinem Lockheed-Hochbecker „Winnie Mae" beteiligen, den er gegenwärtig zu einer Generalüberholung an bie Lockheed-Werle geaeben hat. Durch einige aerodynamische Verbesserungen will Post gleichzeitig die Gefchwindig- feit seiner Maschine erhöhen. Er wird auch beim Rennen um Den Mac-Robertson-Pokal wieder von seinem automatischen Piloten begleitet, wie überhaupt Drei dieser Sperry-Selbststeuerungsgeräte
Das germanische Thing.
Von Or Joachim Lorenz Struck.
In dieser Zeit, in ber bas beutsche Volk um bie Wiebergewinnung seines Volkstums ringt, in benen es sich von artfremben Gebauten freimacht, wirb jeher einzelne unb mit ihm bas Volk in allen Fasern seines Seins umgeschmolzen. Man besinnt sich roieber auf Familie, Sippe unb Geschlecht, auf Namen und Wappen, auf angestammten, bobenftänbi- gen Besitz, auf überkommene Gebräuche. Geht man diesen Gedankengängen nach, so kommt man, wenn man auf die älteste germanische Geschichte zurückgeht, auf manche alte Sitte, auf manch alten Brauch, der verschollen und vergessen ist. Hierzu gehört bie Einrichtung ber Volksversammlung, bes Dings ober bes Things.
Wozu Diente Das Ding unD woher stammte sein Name? Im Alt- unD Mittelhochdeutschen heißt Die Volks- unD Gerichtsoersammlung „Sine", im Hol- länDischen „Ding", im Altsächsischen, Altfriesischen unD Englischen „Thing". Am besten erhalten hat sich Diese Bezeichnung bei Den NorDgermanen, wo man heute noch von Thing spricht. So heißen Die Gerichtsbezirke auf Jslanb „Tinge". Die skandina- vifchen Staaten haben alle, mit Ausnahme Schwedens, für ihre Volksvertretungen bas Wort beibehalten. So heißt es in Jslanb „Althingi", in Norwegen „Stortinget", das in „Obelstinget" und „ßagtirtget" zerfällt, und ebenso ist es in Dänemark, wo man von einem „Landsting" und „Folk-.ting" spricht.
Bei uns ist der Begriff des Dings fast verloren gegangen. Vor Dem Kriege hielten zuweilen die Wandervogel unb Pfabfinber Tagungen ab, benen sie ben Namen „Ding gaben. Die große Menge aber konnte sich keine rechte Vorstellung von die- fem altgermanifchen Brauch machen. Um biefe Einrichtung verstehen zu können, muß man sich in bie älteste Zeit deutscher Geschichte vor Karl dem Großen zurückversetzen. Die germanischen Stamme waren zunächst noch keine fest geschlossenen Staaten, sondern bildeten rechtlich verhältmsmaßig einfach ausgebildete Kriegs- und Rechtsgemeinschaften. Teils stand an ihrer Spitze ein König, teils waren sie republikanisch geordnet. Bei jenen gab es wohl Versammlungen aller wehrfähigen, freien Männer, aber eine Derartige Versammlung hatte nicht Die Bedeutung, wie Die in Den republikanischen Stämmen. Diese hatten als Träger Der Staatsgewalt .— um einmal Diesen neuzeitlichen Ausdruck anzu- wenDen — Die Volksversammlung. Nur im Kriegsfälle wählten sie einen Heerführer, Den „Herzog".
Alle Entscheidung in FrieDenszeiten lag bei Dem Ding. Es war Dies Die Wehr-, Volks- unD Gerichtsversammlung. Neben Der Erledi- gung Der allgemeinen Aufgaben Des Stammes oDer Gaues lag ihm Die Rechtspflege ob. Das Ding richtete über politische Verbrechen unD schwere Bluttaten, über Fahnenflucht unD MeineiD.
Das Ding wurDe unter freiem Himmel, an althergebrachter „Dingstätte", an heiligem Orte, auf Bergen, in Hainen, unter uralten Bäumen begangen. Der Zeitpunkt, an Dem ein Ding ftatt- finDen mußte, waren Die Tage Des Voll- unD Neu- monDes. Es mußte ftets bei Tage abgehalten roerDen. Daher spricht man auch von „TaiDing". Geleitet wurDe das Ding Durch Den Priester, unD bie Zustimmung zu ben Vorgängen erfolgte burch Zusammenschlagen ber Waffen, während bie Ablehnung burch Murren funbgetan würbe. Es gab ein „echtes" ober „ungebotenes" Ding, bas im Frühjahr ftattfanb, unb ein „gebotenes" Ding. Dies würbe nach Bebarf außerhalb ber erwähnten „Dingzeiten" einberufen. Es erforberte eine befon- bere Labung an bie „Dingpflichtigen", währenb biefe zu bem „echten" Ding unaufgeforbert erscheinen mußten. Auch gab es „Nach"- ober „After- binge", bie bann burchgeführt würben, wenn ein echtes Ding nicht alle Vorlagen hatte erlebigen können.
Vor ber (Eröffnung pflegte ber Priester ober König an bie Gemeinb bie brei „Hegungsfra- gen" zu richten: ob es rechte Dingzeit unb ber rechte Ort fei, ob bas Ding ordnungsgemäß „gehegt" (besetzt) sei unb ob das Friedewir'ken für bas Ding geboten fei. Die Hegung würbe burch Ein- f r i e b u n g Des Dingplatzes mit Schnüren vollzogen, unb ber Vorfitzenbe gebot ben Dingfrieben. Ursprünglich scheint ber Vorsitzende bas Urteil selbst vorgeschlagen zu haben, unb bas Volk hat bann abqeftimmt. Später jeboch ist er wohl nur auf bie Leitung ber Verhanblungen beschränkt worben, unb Das Urteil fällte Die Volks- gemeinDe selbst ober ein Ausschuß, aus bem sich bann bie Schöffen herausgebilbet haben.
Diese Entwicklung zeigte sich schon um bas Jahr 800 unter Karl bem Großen. Die Bebeutung bes Dings tritt immer mehr zurück, unb das „echte Ding" kann nur von dem Grasen abgehalten werden. Das „unechte Ding" beschränkt sich auf die Straftaten minderer Bedeutung. Mit dem Fort- fchreiten der Bevölkerungszunahme unb mit bem Aufkommen einer verfeinerten beutschen Rechts- fultur verschwinbet bas Ding immr mehr unb mehr, unb so treten benn Die Königsgerichte unD onDere an feine Stelle. Doch als Versammlung aller Wehr
haften unD als Volksversammlung behält Das Ding Doch noch bis in Die Zeit Der Merowinger unD Karolinger hinein eine gewisse BeDeutung. Es ist Dies Das März- unb bas Maifelb, bie alten Reichstage. Allmählich verschwinbet auch hier bie Versammlung ber Allgemeinheit, unb es treten nur bie Fürsten zur Beratung zusammen.
Bei bem Aufblühen stäbtifcher Sieblungen im 12. und 13. Jahrhundert zeigen sich auch hier wieder ähnliche Gebilde von Volksversammlungen. Man pflegte vornehmlich in den Städten ber beutschen Hanja allgemeine Bürgerversammlungen einzuberufen. Jeboch finb biefe halb roieber in Fortfall gekommen. Das Anwachsen ber Stäbte zwang allmählich bazu, Verwaltung unb Rechtsprechung auch hier auf einen kleineren Kreis zu beschränken. Der Rat ber Stadt unb auch später bie Bürger- schaftsvertretungen nehmen ben Platz ber Bürgerversammlungen, also ber Dinge ein. Es handelt sich hierbei um das echte Ding ober bas „Etting". Bei biefen Ettingen würbe bie sogenannte Bursprake verlesen, Verordnungen, Satzungen unb Weistümer, nach benen bie Verwaltung unb Rechtsprechung in bem betreffenben Jahre erfolgen sollte. Eine Betätigung ber Bürgerschaft selbst erfolgte babei nicht mehr. Das Etting fanb einmal im Jahre, am Tage ber Heiligen brei Könige statt. Bis heute hat sich bas (Etting in ben alten Hansestädten ber Ostsee zum Teil erhalten. Zahlreiche Innungen nennen noch heute ihre erste Vierteljahres-Zusammenkunft „(Etting", wenngleich ben meisten Teilnehmern bie Bebeutung bes Wortes verloren gegangen sein bürste.
Kulturgeschichte in Pillen gedreht.
Von Peter Peppermint.
Johann S t r a u ß' erste Operette hieß „Die luftigen Weiber von Wien". Das Textbuch stammte von Joseph Braun. Die Operette ist niemals aufgeführt worben.
Die Leibener Flasche ist nicht in Leiben, sonbern in Cammin vom Domherrn unb Hof- gerichtspräsibenten (Eroalb Jürgen von Kleist 1745 erfunben worben. Aber Kleist behielt seinen Versuch für sich unb korresponierte nur mit einigen Gelehrten barüber, bis 1746 in Leiben der Versuch mit Verstärkungsflaschen gemacht wurde, über den Abbe Rollet schrieb. (Er glaubte, daß Die Flasche hier erfunDen fei.
Bei einer FluggefchwinDigkeit von 200 StunDenkilometer kommen wir in acht Tagen um Den Aequator, in Drei Tagen aber schon um Den Merkur, in 4V- Tagen um Den Mars. Für einen Flug um Den Jupiter aber müßten wir uns auf über 90 Tage einrichten.
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Den Aerzten Des 13. JahrhunDerts war Das Zeremoniell Des Krankenbesuchs genau vorgeschrieben. In einer HanDschrist heißt es: „Seid ihr bei Den Patienten, so gebt eurem Gesicht einen ruhigen unD öertrauenerroetfenDen AusDruck unb oermeibet in Sprache unb Bewegung alles, was als Habgier ober Hochmut ausgelegt werden könnte. (Entbietet Denen, Die euch grüßen, mit Demütiger Stimme Den Gegengruß und setzt euch erst, wenn diese Platz genommen haben. Dann bleibt einen Augenblick sitzen, um Atem zu schöpfen, und sucht in euren Worten den Dialekt des Landes, in dem ihr seid, auszudrücken. Dann erst wendet euch Dem Kranken zu unD fragt nach feinem BefinDen.
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Wenn Sie in Berlin durch Die Heiligengeift- Straße gehen, achten Sie auf Nummer 38. Da befindet sich in einer Nische eine weibliche Büste von nicht geraDe sympathischem Aussehen: Die holde Dame, Die Die Zunge herausstreckt, Grimassen schneidet und Schlangen in Den Haaren hat, ist Die Furie des Neides. Friedrich Wilhelm I. ließ einem Goldarbeiter ein Häuschen bauen, worüber sich der Nachbar ärgerte unD jenem immer Die Zunge herausstreckte. Als Das Der König erfuhr, ließ er am neuen Haufe noch Die Figur auf- ftellen.
Der Bau Der Jungfraubahn ist auf einen Aprilscherz zurückzuführen. Ein Schweizer Pfarrer schrieb in einer Zeitung vom 1. April 1893, Daß man eine solche Bahn bauen wolle. Der Züricher Finanzmann Guger-Zeller nahm Den Scherz ernst unD betrieb Die Angelegenheit systematisch, bis er ei« Jahr später Die (Erlaubnis zum Bau der Bahn erhielt. Die sich glänzenD rentiert hat.
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Brillat-Savarins, Des großen Gastro- sophen Schwester, war in Die Fußstapfen Des Bru« Ders getreten. Sie aß gern gute Sachen unD wurDe knapp HunDert Jahre alt. Sie starb währenD eines ausgezeichneten AbenDesfens. Nach Dem Braten, rief sie: „Bringt rasch Das Dessert, Denn Ich fühle. Daß es mit mir zu (EnDe geht!" Man reichte ihr schnell Den Nachtisch, aber sie sank, ohne ihn berührt zu haben, tot in Den Stuhl zurück.
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