Mütter und Kinder beleben. Das weitere Ziel ist die Werbung von Freipflegestellen von bedürftigen Stadtkindern auf dem Land. Damit sich dabei gewisse unliebsame Erfahrungen des Vorjahres nicht wiederholen, ist dafür Sorge getragen, daß die Kinder unter erfahrener Aufsicht stehen und notwendigenfalls auch nach Hause zurückgebracht werden. Aber nicht nur Stadtkinder sollen auss Land. Um die Volksverbundenheit zu stärken, wird die NSV. auch in den Vorstädten Pflegestellen für bedürftige L-andkinder werben. Bemerkt sei hier, daß von Hessen-Nassau aus im Juni 900 Ferienkinder nach Oberschlesien fahren werden.
Eine weitere Aufgabe der NSV. wird, wie schon berichtet, in Zukunft die Schadenverhütung sein. Die Erfahrungen der Reichsverkehrswoche von 1932, die ein so überaus günstiges Ergebnis aufwies, wird man sich hier zu eigen machen. Schon in der nächsten Zeit wird auf allen Sonderqebieten die Werbung für Schadenverhütung einsetzen.
Pfundpäckchensammlung der TlSV. Ortsgruppe Gießen Ost.
Dienstag, 15. Mai, sammeln Mitglieder der NS.- Frauenschaft Lebensmittel in Pfundpäckchen. Es wird gebeten, die Spenden zum Abholen bereitzuhalten und den Inhalt der Päckchen durch Aufschrift kenntlich zu machen.
Heil Hitler!
Schneider, Ortsgruppenamtsleiter.
IlGLB., Abteilung Höhere Schule.
Fachschaft für Deutsch.
Die erste Sitzung findet am Mittwoch, 16. Mai, um 16 Uhr in der Oberrealschule statt.
Dr. Kiefer, Fachschaftsleiter.
Siegerehrung zum Reichsberuss- wettkampf der deutschen Jugend.
Der Bann 116 der Hitler-Jugend veranstaltet am Donnerstag, 17 Mai, 20.30 Uhr, im Saale des Hauses der Deutschen Arbeitsfront, Schanzenstraße, in feierlicher Weise die
Siegerehrung und Verteilung der Ehrenpreise zum Reichsberufsweltkampf.
An die erfolgreichen Kämpfer aller Berufs- gruppen werden etwa 80 Ehrenpreise zur Verteilung kommen.
Der Musikzug und die Singschar der Hitler- Jugend wirken bei dieser Veranstaltung mit.
Alle Teilnehmer am Reichsberufswellkampf, alle deutschen Volksgenossen laden wir zu dieser Veranstaltung ein. (Eintritt frei.)
Die Teilnehmer der Hitler-Jugend am Reichsberufswettkampf treten am 17. Mai, 20 Uhr, im Hofe des Hauses der Deutschen Arbeitsfront in vorschriftsmäßiger Uniform an. Die betr. Hitlerjungen find an diesem Abend vom Dienst in ihren HJ.- Einheiten befreit.
Der Führer des Bannes 116: Alfred Häuser.
Der Leiter der Abteilung III, Soz. Amt: Heinz Becker.
Stamm I Welfen, Gießen
feiert den Geburtstag des Reichsjugendführers.
Am vergangenen Mittwoch feierten die Jungen des Stammes Welfen auf eigene Art den Geburtstag des Reichsjugendführers Baldur v. Schirach.
Das schlechte Wetter verachtend, zogen die einzelnen Fähnlein am Abend hinaus vor die Tore der Stadt und gedachten am lohenden Feuer ihres Oührers. Mit kurzen, kernigen Worten hoben die ähnleinsführer feine Arbeit, ihre Bedeutung für Staat und Jugend sowie seine Persönlichkeit hervor.
Nach der Feier gingen die Jungen in die Nacht hinaus auf Fahrt.
Am folgenden Tage wurde das Ausharren der Jungen mit lachendem Sonnenschein belohnt. Sie verbrachten den aanzen Tag mit fröhlichem Lagerleben. Lieder, Lagerspiele und Geländeübungen
lösten einander ab. Den Höhepunkt des Tages bildete das Treffen der Fähnlein an der Daubrmger Linde, wo gegen Abend der ganze Stamm versammelt war.
Mit anbrechender Dunkelheit waren die Jungen nach Hause zurückgekehrt. H.
Platzkonzert der SA.-Reserve-Kapelle.
Am gestrigen Sonntag von 11 bis 12 Uhr bereitete die SA.-Reserve-Kapelle des Sturmbanns R. 1/116 unter ihrem Leiter Musikzugführer Herrmann, durch ein Platzkonzert in den Anlagen an der Ecke Plockstraße/Johannesstraße einer großen Zuhörermenge wieder einen schönen künstlerischen Genuß. Immer wieder kann man die Feststellung machen, daß die Kapelle ihr künstlerisches Können in eifrigster Weise und mit gutem Erfolg zu steigern bestrebt ist. Dabei ist der Erfolg sowohl in der Wiedergaoe unserer schönen deutschen Marschmusik, wie auch in der Darbietung der Kompositionen unserer klassischen Tonkünstler gleich groß. Die prächtigen Leistungen des ausgezeichneten Klangkörpers veranlaßten auch gestern wieder die Zuhörer mit Recht zu lebhaften Beifallskundgebungen. Die Kapelle und ihr Leiter H e r r - mann haben mit diesem Konzert unserer Bürgerschaft wiederum eine köstliche Bereicherung geboten. Zahresfest der evangelischen Kirchengesangvereine des Dekanats Gießen.
Vom schönsten Wetter begünstigt, feierten am gestrigen Sonntag die Kirchengesangvereine des Dekanats Gießen in unserer Stadt ihr diesjähriges Jahresfest. An dem Fest nahmen 14 gemischte Chöre und 5 Frauenchöre mit rd. 800 Sängerinnen und Sängern teil. Der von ev. Gemeindegliedern aus unserer Stadt und den umliegenden Dörfern außerordentlich stark besuchte Festgottesdienst wurde auf der Waldbühne abgehalten. Die Festpredigt hielt Pfarrer Trapp von der Petrusaemeinde. Die große Nachoersammlung wurde im Saale der Sie- bigshöhe gehalten. Pfarrer S t a u b a ch (Watzenborn-Steinberg), Dekan G u ß m a n n (Lollar-Kirchberg) und Pfarrer A u s f e l d (Gießen) hielten Ansprachen. Dann traten die Dekanatsvereine zum Einzelsingen an, das nahezu drei Stunden dauerte. Pfarrer S t a u b a ch, der Vertrauensmann der Kirchengesangvereine, sprach das Schlußwort. Zum guten Gelingen des schön verlaufenen Festes hatte der Posaunenchor Klein-Linden besonders beigetragen. Wir werden über die Veranstaltung noch näher berichten.
Fortbildungskurs»«! für Aerzte.
Die Medizinische Fakultät der Universität Gießen veranstaltet in der Woche vom 14. bis einschl. 20.Oktober 1934 für pra k - tische Aerzte einen allgemeinen Fortbild u n g s k u r s u s. Am Mittwoch findet ein mit Vorträgen bzw. Demonstrationen verbundener Ausflug nach Bad-Nauheim statt. Zur Deckung der Unkosten wird von jedem Teilnehmer der Betrag von 10 Mark erhoben: weitere Unkosten entstehen nicht. Prospekte und Anfragen durch Professor Georg Herzog, Pathologisches Institut Gießen, Klinik- strahe 32g.
Daten für Nwntag, 14. Mai'
1686: der Physiker Gabriel Daniel Fahrenheit in Danzig geboren (gestorben 1736). — 1752: Albrecht Thaer, der Begründer der rationellen Landwirtschaft, in Celle geboren (gestorben 1828). — 1906: der deutsch-amerikanische Staatsmann Karl Schurz in Newyork gestorben (geboren 1829). — 1912: der schwedische Dichter August Strindberg in Stockholm gestorben (geboren 1849).
Vornonzeu.
— Tageskalender für Montag. Stadttheater, 16- bis 18.30 Uhr, „Katte" (Schüler-Dor- «. — NS.-Frauenschait Gießen-Mitte, 20 >sä Leib, Deutscher Abend. — Ortsgruppe Gießen-Nord, 20.15 Uhr, „Zum Gambrinus", Zelle 1,
Vortrag von Bannführer der Hitlerjugend Pg. Häuser über den Kampf der HI. — NS.-Hago, Ortsgruppe Süd, 20 Uhr, „Hindenburg", Mitglie- der-Versammlung. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Spione am Werk". — Männer- und Frauenoer- einigung der Matthäusgemeinde, 20 Uhr, Saal der Matthäus-Gemeinde, Hauptversammlung. — OSC., 20.30 Uhr, „Krokodil", Mitgliederversammlung.
— Stadttheater Gießen. Im Spielplan der „Oberhessischen Kulturwoche" kommt heute von 16 bis 18,30 Uhr als Schülervorstellung das vaterländische Schauspiel „Katte" von Hermann Burte zur Aufführung.
— Orgelkonzert in der Stadtkirche. Das Programm, das Martin Günther Förste- mann in feinem morgigen Orgelkonzert in der Stadtkirche spielt, enthält neben zwei hervorragenden Werken von Dietrich Buxtehude Back's G-Dur Phantasie mit ihrem großartigen fünfstimmigen Mittelsatz, einige Orgelchoräle und die Toccata, Adagio und Fuge in C-Dur. Dieses Werk ist durch seine inhaltliche und formale Gegensätzlichkeit besonders interessant und reizvoll. Den Schluß des auserlesenen Programms bildet Max Regers gewaltige Phantasie und Fuge über Bach.
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** Von d e r Universität. Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitgeteilt: Der ordentliche Professor an unserer Universität Dr. Helmuth Bohenkamp hat einen Ruf auf den ordentlichen Lehrstuhl für innere Medizin der Universität Freiburg i. Br. zum 1. Oktober 1934 erhalten. — Der ordentliche Professor für Zoologie und vergleichende Anatomie an unserer Universität Dr. Wilhelm I. Schmidt wurde in Anerkennung seiner ausgezeichneten Arbeiten auf verschiedenen Gebieten der Zoologie und insbesondere seiner führenden Arbeiten auf dem Gebiete der submikroskopischen Feinkonstruktur tierischer Gewebe von der
Kaiserlich-Leopoldlnisch-EaroNnischen Deutschen Akademie, der Naturforscher (zu Halle) zum Mitglied ernannt. — Wie das Personalamt der Hessischen Regierung bekanntgibt, erfolgte die seinerzeitige Ruhestandsversetzung des Bürodirektors an der Landesuniversität Gießen Wilhelm Erle unter Anerkennung seiner dem Staate geleisteten langjährigen treuen Dienste und in besonderer Würdigung des im nationalen Interesse bekundeten Opfersinns.
♦♦ Di e feierliche Eröffnung des Sommersemefter s 1934 an unserer Universität findet am morgigen Dienstag, 20.30 Uhr, mit einer Feier in der Neuen Aula statt. Bei dieser Feier werden Se. Magnifizenz der Rektor Pros. D. Bornkamm und der Führer der Studentenschaft, cand. jur. Adam, Ansprachen halten.
** Sonntagsrückfahrkarten zur Oder- hessischen Kulturwoche in Gießen, die vom 13. bis 20. Mai stattfindet, werden vom 14. bis 16. Mai von 12 bis 24 Uhr auf den Bahnhöfen Bad-Nauheim, Borsdorf, Braunfels-Oberndorf, Burgsolms, Butzbach, Dillenburg, Ehrinas- hausen (Krs. Wetzlar), Friedelhausen, Fronhaufen (Lahn), Garbenteich, Großen-Buseck, Grohen-Lin- den, Grünberg, Herborn, Hungen, Kirch-Göns, Lang-Göns, Langsdorf, Lich, Lollar, Nidda, Niederwalgern, Ober-Widdersheim, Reiskirchen, Schiffenberg, Trais-Horloff, Weilburg und Wetzlar ausgegeben.
*♦ Das Fundfachen-Verzeichnis. Das Verzeichnis über die im Monat April gefundenen bzw. abgelieferten Gegenstände kann an der Anschlagtafel im Flur der Polizeidirektion, Landgraf- Philipp-Platz 1, eingefeben werden. Die Empfangs- I berechtigten werden aufgefordert, ihre etwaigen Rechte innerhalb zwei Monaten beim Fundbüro I während der Dieststunden geltend zu machen.
Mrestagung der Gießener Hochschulgesellschast.
Am Samstagnachmittag fand im Universitätsgebäude die diesjährige Tagung der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen (Gießener Hochschulgesellschaft) unter Leitung von Dr. h. c. Meesmann statt.
Oie Hauptversammlung
im Anschluß an die Sitzung des Verwaltungsrates brachte zunächst den Jahresbericht des Vorstandes. In dem Bericht wurde einleitend des schweren Verlustes gedacht, den die Hochschulgesellschaft durch das Ausscheiden des Provinzialdirektors i. R. Dr. n. c. Graef aus feinem Amte als Vorsitzender der Gesellschaft erfahren habe. Provinzial- oireftor Dr. Graes gehörte seit 1925 dem Vorstand an und war vom gleichen Zeitpunkt an bis zu seinem Wegzug im April d. I. Vorsitzender der Gesellschaft. Wie er sich als erster Derwaltungs- beamter der Provinz durch die volle Hingabe an seinen Beruf, durch seine große Sachkenntnis, seinen klaren Verstand, seine Unparteilichkeit und sein allen Bevölkerungskreisen entgegengebrachtes Wohlwollen, aber auch durch seine aufrechte Gesinnung und Haltung das Vertrauen und die Zuneigung aller Angehörigen der Provinz erworben habe, so habe er durch die gleichen Eigenschaften auch in der Hochschulgesellschaft allgemeine Hochachtung und Verehrung genossen. Er habe den Aufgaben der Gesellschaft stets feine lebhafte Teilnahme gewidmet und sich jederzeit mit warmem Herzen für die Universität, ihre Bedürfnisse und Wünsche eingesetzt. Die Universität habe ihn durch die Verleihung des Ehrendoktors der Rechte ausgezeichnet. Der Verwaltungsrat der Hochschulgesellschaft habe einstimmig beschlossen,ihn zum Ehrenmitglied der Hochschulgesellschaft zu ernennen. Weiter habe der Verwaltungsrat den einstimmigen Beschluß gefaßt, dem Begründer der Hochschul- gefellschaft, Geheimerat Prof. Dr. B e h a g h e l,
ebenfalls die Ehrenmitgliedschaft der Hochschulgesellschaft zu verleihen.
Ferner wurde in dem Bericht u. a. mitgeteilt, daß der Vorstand und der Verwaltungsrat erwogen hätten, ob nicht den Zeitverhältnissen durch Veränderungen im Aufbau der Gesellschaft, besonders durch Verkleinerung von Vorstand und Verwaltungsrat, Rechnung getragen werden sollte. Sie seien dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß, da den Forderungen auf Gleichschaltung und Anwendung des Führergrundsatzes tatsächlich bereits Rechnung getragen sei, auch die Forderung auf Verkleinerung von Vorstand und Verwaltungsrat auf dem Wege der Nichtbesetzung freier Stellen ihre Berücksichtigung finde, die Frage zur Zeit also nicht dringlich sei. Im Hinblick darauf, daß eine vollständige Neuordnung des Vereinsrechts bevorstehe, hätten Vorstand und Verwaltungsrat es für zweckmäßig gehalten, bis dahin eine förmliche Aende- rung der Satzung zurückzustellen.
Die noch immer schwierige Wirtschaftslage habe sich auch bei der Hochschulgesellschaft im Jahre 1933 empfindlich ausgewirkt. Dadurch sei es erklärlich, daß die Einnahmen und die Mitgliederzahl einen weiteren Rückgang erfahren hätten. Ende 1933 gehörten der Hochschulgesellschaft 549 Mitglieder an. Die Einnahme aus Beiträgen im Jahre 1933 belief sich auf 7451,80 Mk. Trotz der Ungunst der Verhältnisse sei aber keine Veranlassung gegeben, die Flinte ins Korn zu werfen. Da der Staat auch heute noch die Stätten der Wissenschaft nicht so unterstützen könne, wie es notwendig sei, erscheine es doppelt nötig, die private Förderung der Wissenschaft fortzusetzen. Wenn die wirtschaftliche Lage es dem Einzelnen nicht mehr gestatte, größere Beträge aufzubringen, so müsse versucht werden, diese Schwäche durch eine größere Zahl von Mitgliedern mit kleinen Beiträgen auszugleichen. Ansätze zur Gewinnung neuer Mitglieder seien vor-
Lind nun, Ellen?
Vornan von Käthe Mehner.
Urheberrechtsschutz: Fünf-TÜrme-Verlag, Halle (S.)
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Ellen fühlte plötzlick mit auffteigenber Angst, wie Holm dem Gespräch sofort eine bestimmte Richtung gab. Sie erhob sich, gleichsam andeutend, daß sie Die Unterhaltung abzubrechen wünsche.
Doch Holm vertrat ihr den Weg.
„Sie wollen mich nicht verstehen, Fräulein Ehlers. Kurz gesagt, ich liebe Sie — begreifen Sie denn das nid)t?y'
Seine Lippen kamen ihr erschreckend entgegen. Brutalität stand in diesem Augenblick in dem Männergesicht, die sie entsetzte.
Angst! Angst!!
Schon griffen die starken, muskulösen Arme nach ihr. Es half nichts, daß sie sich wehrte.
„Muttchen! Muttchen!!^ Doch der Schrei erstickte.
„Ruhig! Ach, ich bin wohl fein Fabrikbesitzer — wie?"
Schon neigte sich sein Mund über den ihren — da riß sie sich empor mit letzter Kraft und riß den Mann zurück, daß er beinah taumelte. Rief, schrie ...
Da ertönte vom Zimmer her die fragende Stimme der Mutter.
Holm gab sie frei.
„Ich schaffe es schon. Du wärest wahrhaftig die erste!"
Damit schritt er pfeifend durch den Garten auf seinen Wagen zu, der vor der Tür hielt. Dann summte der Motor...
Sich noch immer vor Grauen und Angst schüttelnd, stand Ellen am Bett der Mutter. Tränen bahnten sich gewaltsam einen Weg. Doch sie bezwang sich.
„Kind, was ist denn nur?
Frau Ehlers umschlang die Weinende.
Ach, ich war ja so erschrocken. Herr Holm kam so ganz leise — so unvermutet..."
„Aber Herzchen!" Frau Ehlers beruhigte sich. „Geh jetzt schlafen, du bist übernervös. Doch gut, daß du einmal gewaltsam ausspannen muht."
Ellen hatte sich mit aller Gewalt beherrscht.
Doch nebenan in ihrer kleinen Kammer schluchzte sie unaufhörlich in die weißen Kissen. Aber es war nicht allein zornige Scham über Ernst Holms gemeine Handlungsweise, sondern ihre Tränen waren auch Tränen der Sehnsucht nach dem einen, den ihr Herz nicht vergessen konnte. Niemals.
Die letzten zwei Tage wohnte Ernst Holm im Hotel, um sich dann nach Dienstschluß an der Seite von Friedel Müller auffällig im Nebengarten zu zeigen.
Er wußte ja, was er wollte.
Viertes Kapitel.
In den Büroräumen der Siedlungsgesellschaft herrschte ein starker Andrang. (Ellen Ehlers war die Zwölfte der Wartenden.
Ein feuchter Dunst von nassen Kleidern lag in dem Raume und erschwerte das Atemholen.
Endlich. Eine Kontoristin bat Ellen einzutreten, und dann stand sie einem Herrn in mittleren Jahren gegenüber.
„Worum handelt es sich, gnädiges Fräulein?" „Herr Baurat...", Ellen stockte, und als ob sie einen kleinen Anlauf nehmen müßte, vollendete sie hastig: „Wir werden in diesem Monat die Zinsen nicht mehr aufbringen können. Ich bin stellungslos geworden."
„Sie haben doch vermietet?" Die Frage kam achlich, geschäftsmäßig.
„Nicht mehr. Der Herr zog aus."
Ja, wenn Sie in diesem Monat nicht zahlen Tonnen... Nächsten Monat werden Sie auch noch tellungslos fein. Stundung kann aber nur noch auf einen Monat gewährt werden. Bedauerlich
Ellens Augen weiteten sich in jäher Angst, und so hilfesuchend war der Blick dieser schönen, reinen Mädchenaugen, daß der harte Berufsmensch etwas wie Mitleid empfand.
„Ich darf es höchstens auf einen Monat, Fräulein Ehlers..." Fast leise fielen die Worte.
„Einen Monat? Oh, das ist wenig, wenn die Gewißheit dahintersteht, dann von Gruno und Boden zu müssen. War doch Heimat geworden." Ganz zu sich selber sagte Ellen die letzten Worte. Tränen durchzitterten ihre Stimme.
„Gibt es denn gar keinen Ausweg, gnädiges Fräulein? Könnten Sie nicht wenigstens eine Aus- bilfsftellung finden?" Ehrliche Sorge klang jetzt plötzlich aus Den Worten.
„Mutter ist seit Wochen schwer krank — ich kann nicht weg. Selbst wenn sich die Möglichkeit böte."
Ihr ganzes, hoffnungsloses Schicksal lag in den wenigen Worten.
Der Baurat zögerte einen Augenblick. Es gab keine Ausnahmen. Die Gesellschaft handelte nach ihren genau festgelegten Prinzipien. Vielleicht war es falsch, aber er brachte es nicht über sich, dem Mädchen jetzt eine kraß ablehnende Antwort zu geben.
„Ich werde versuchen... sagte er mühsam. „Kommen Sie in einigen Tagen wieder."
Zwei Tage später erhielt Ellen schon die Antwort, die sie mit Furcht erwartet hatte, als sie vorstellig wurde.
„Die Gesellschaft mußte Stundung ablehnen, da eine ^Sicherheit für pünktliche Rückzahlung nicht
In Ellen Ehlers' Gesicht wechselten Entsetzen und Scham.
„Wir sind nicht mehr sicher? Nicht mehr ehrlich genug. Haben wir nicht Anteil an dem Hause? Es war Vaters letztes Vermögen, Herr Baurat."
Der Mann wappnete sich mit aller Härte, die seine Tätigkeit von ihm verlangte. Unzählige solcher Schicksale erlebte er jeden Tag.
„Ich bebaure aufs tiefste. Aber bei eventueller Versteigerung oder Verkauf kommt Ihr Anteil heute nicht mehr heraus."
„So find wir mittellos? Ganz mittellos?"
Ein Achselzucken.
Wie durch einen Schleier sah Ellen alles um sich: den Mann, die Angestellten, das ganze Büro...
Dann stand sie draußen auf der Straße und fühlte nicht wie warme Tränen unaufhörlich über ihre Wangen riefelten.
Sie zählte mit zitternden Fingern den Inhalt ihrer kleinen Geldbörse.
Konnte sie mit der Straßenbahn bis zur Endhaltestelle fahren? Dann hätte sie nur noch zwanzig Minuten Weg. So eine reichliche Stunde.
Oder sollte sie zur Chemie-AG. hinausfahren?
„Lieber Gott, mach, daß ich nicht betteln muß! Hilf doch! Du kannst ja helfen!"
An einer Zeitungsfiliale der Vorstadt blieb sie stehen, sah sich fremd und verlassen in einer Welt um, in der niemand mehr für sie lebte als eine kranke, todkranke Mutter und die Erinnerung an einen Menschen, der gebunden war an einen anderen.
Langsam ging sie weiter. Immer schleppender wurden ihre Schritte. Der Weg in dieser Sonnen- Mittagsglut war Qual.
Sie streifte gedankenlos die kleine Kappe von den Locken und versuchte, einen Schritt zuzulegen.
Mein Gott, wie schwach sie war! Freilich, das Essen daheim war spärlich. Sie hatte ja von ihrem Gehalt nie Ersparnisse machen können. Die Mutter brauchte es daheim, und der Rest war für die Zinsen draufgegangen, seit Holm ausgezogen war.
Nach einer Stunde stand sie kurzatmig am Bett der Mutter, deren glanzlos müde Augen ihr in banger Erwartung entgegensahen.
„Stunden sie, Ellen?"
„Ja — Mutter — ja — sie stunden uns." Da war die Lüge heraus.
Das blasse kleine Gesicht entspannte sich merklich. Behutsam tupfte ihr Ellen die Schweißtropfen von der Stirn.
„Und das Essen, Ellen?" kam es schwach.
„Gleich mache ich es fertig, Muttchen. Gleich..." Ellen krampfte die Hänoe. Die Speisekammer war schon lange leer.
Was sollte sie der Kranken geben? Kartoffeln, wie schon jeden Tag. Salat, den der Garten noch hergab. Es würgte im Munde.
Aus allen Ecken des einst so traulichen kleinen Hauses gierten jetzt die Gespenster Hunger und Elend.
Vom'Nachbargarten herüber klang manchmal am Abend Ernst Holms laute, zynische Stimme in gewollter Lustigkeit.
„Es hätte anders fein können — es hätte anders
fein können... Ich bin schuld, daß die Mutter mir immer schwächer und schwächer wird. Ich bin schuld... Warum habe ich es nicht gekonnt?"
Immer wieder quälte sich Ellen. Spätabends sank sie auf ihr Bett zu kurzem, unruhigem Schlaf, aber immer wieder schreckte sie die Angst um die arme Kranke auf, und oft schlich sie sich auf den Zehenspitzen zu dem Bett der Mutter und lauschte schmerzzerrissen auf die matten Atemzüge.
Fünftes Kapitel.
An einem der nächsten Abende geschah etwas Ueberraschendes. Sicher und selbstbewußt, als sei er niemals fort gewesen, schritt Ernst Holm durch die kleine Gartenpforte.
Ellen erhob sich mühsam und ging ihm entgegen. Ihr Gesicht war schmal geworden und von einer unheimlichen Blässe. Aus ihren Augen schauten die Sorgen und die vielen durchweinten, schlaflosen Nächte.
„Sie wünschen, Herr Holm?"
„Ich komme als Interessent für Ihr Grundstück, Fräulein Ehlers. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, daß es die Stätte einstiger Hoffnung für mich ist."
Ein scheuer Blick. Die blassen Mädchenlippen zuckten.
„Sie wissen, Herr Holm?"
„Ja, ich weiß, daß Sie das Grundstück nicht mehr halten können. Ahnte es schon damals. Aber Sie schlugen ja alle Erwägungen der Vernunft in den Wind."
„Vernunft?" Das Wort hing sekundenlang als zitternde, unbegreifliche Frage in der Luft.
„Natürlich Vernunft. Liebe ohne Kontrolle der Vernunft, ohne Verstandesdirektion i[t weltfremde Idealität, deren Bedeutungslosigkeit für das Leben Sie noch kennenlernen werden. Doch wozu halte ich Ihnen einen Vortrag? Sie kennen meine Meinung, die auch heute noch gilt."
Er sah das schone, blonde Mädchen mit heißen, begehrlichen Blicken an. Alles in allem das ganze Gegenteil von Friedel Müller. Reizvoller als je schien sie ihm in ihrer hilflosen Aengstlichkeit.
Statt auf die kühnen Andeutungen Holms einzugehen, fragte Ellen sachlich, mit dünner Stimme:
„Sie erfuhren es durch die Siedlungsgesellschaft?"
„Ja und nein! Ihr Grundstück wird von der Gesellschaft bereits in der Zeitung als zum Kauf stehend angeboten. Was foroern Sie?"
Als ständen ihm Milliarden zur Verfügung, zückte Holm Scheckbuch und Füllfederhalter.
Gesten — Gesten — wie alles an diesem Menschen!, dachte Ellen.
„Das Grundstück kostete uns fünftausend Mark." „Zweitausend sind Hypotheken von der Gesellschaft drauf", kam es trocken von Holm zurück.
„Ja." Ellen fühlte eine unsagbare Mattigkeit. Es war eine Pein für sie, ausgerechnet mit diesem Mann verhandeln zu müssen, den sie am liebsten die Tür gewiesen hätte. Fortsetzung folgt.


