Nr. 1*0 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien) Montag, H.IUai
Nofretete am laufenden Band.
In der «Sipsformerei der staatlichen Museen in Berlin. Keporter zwischen Griechengöttern.
3n Charlvttenburg, am Rande der Reichshauptstadt, befindet sich die Gipsformerei der staatlichen Museen, das bedeutendste und von den Fachkreisen der ganzen Welt bevorzugte Institut dieser Gattung. Es ist ein von wildem Wein bis hoch hinauf umranktes Backsteingebäude, das in den Jahren 1890/1891 ausgeführt wurde. Die gewaltige Ausdehnung des Betriebes, der nach den Angaben des Herrn Inspektors Ulbrich um 1850 von der alten Münze in der Münzstraße aus hierher verlegt wurde, verlangte eine bedeutende Erweiterung der Jnnenräume, die der Empfindlichkeit der Produkte angepaßte, bequemere und übersichtlichere Anordnungsmöglichkeiten erlaubten.
Ein überaus interessantes Gebiet der Rachge- staltung von Kun st werken aus allen Zeiten und allen Ländern erschließt sich dem Besucher bei der lehrreichen Wanderung durch die ausgedehnten Kellereien und die drei weitläufigen inhaltsreichen Stockwerke. Herr Ulbrich, der bereitwillig die Führung durch sein Reich übernommen hat, öffnet eine Tür — und Marmorbilder stehen und sehen dich an . . .
„Dies ist einer unserer Modellsäle", heißt es. Ein weites hohes Gewölbe umfängt den Wissensdurstigen. Dicht drängen sich weltberühmte und weniger bekannte Plastiken aneinander.
»,Wtt müssen uns von dem Original ein Modell herstellen, daß wir hierbehalten können," erklärt Herr Ulbrich. „Das bedeutet, daß wir von dem Original erst mal ein Negativ nehmen."
Eine außerordentlich verantwortliche Aufgabe ist es, zu beurteilen, ob das Material, aus dem das nachzubildende Werk geschaffen ist, für die anstrengende Prozedur des Abdrucknehmens überhaupt noch in Betracht kommt. Witterung, Feuchtigkeitseinflüsse, katastrophale Einwirkungen können es zu sehr zermürbt und angegriffen haben. „Und kaputtgehen darf nichts, sonst dürfen kein« Abgüsse vorgenommen werden," berichtet mein freundlicher Führer. Vom Original hängt es auch ab, ob man eine „Stückform" aus hartem Material angefertigt oder eine „Gelatineform", bei den Werken von größerer Empfindlichkeit oder zarter Feinarbeit verwendet wird.
Die Herstellung des Gipsnegativs beginnt mit dem Ueberziehen des Originals mit einer Lösung aus Seife, Stearin oder Petroleum oder mit Stanniol. „Isoliert muß auf alle Fälle werden, bei Ton wird Puder dazu genommen," erfährt man, und ferner: „Ton gibt jedoch keine so scharfen Umrisse, da muß hinterher mit der Hand nachgearbeitet werden."
lieber die Jsolierungsschicht kommt nun eine dicke Giysschicht, der sich die Formen des Kunstwerks innen einpressen, aber wie beim photographischen Negativ im umgekehrten Verhältnis. Ist diese Schicht erhärtet, wird sie stückweise abgenommen und unter Beobachtung größter Aufmerksamkeit mit Nummern versehen. Bei größeren Abgüssen setzt sich diese Form aus unglaublich vielen Einzelstücken zusammen. Welche Sorgfalt und was für eine geübte Hand zum Abnehmen der harten Stücke erforderlich sind, kann man ermessen, wenn man sich vorstelle, daß dem Original, „kein Haar gekrümmt" werden darf.
So wird dann auch, praktischen Erwägungen der Größenverhältnisse gemäß, das Modell in zu vielen Einzelstücken gefügten Einzelvorgängen wiedergeschaffen. „Wir haben hier Tausende und Abertausende von Formen, die in Ein- zelftücken aufbewahrt werden müssen und zwar sehr sorgfältig, weil ja die Formungskosten so hoch sind. Geht nun mal etwas durch häufigere Inanspruchnahme entzwei, so wird nach dem aufbewahrten Modell ein neues Stück gegossen. Aber auch bei den Modellen müssen wir scharf auf Be
schädigungen achten und auch sie bedürfen oft der Ergänzungsarbeiten und auch der Neuschaffung. So haben wir von der Nofretete hunderte von Modellen und noch viel mehr Negative angefertigt, nach denen Tausende von Abgüssen gemacht wurden." Die breiten, sich an den Wänden entlang ziehenden Regale sind beladen mit solchen Stückformen!
An heiligen Katzen, Janusköpfen, riesigen Jupiter- und Zeusbildnissen, Sonnengöttern, Frauenleibern, Männernkörpern, Torsen, einem „Alten Fritz", großen und kleinen Reliefs, Vitrinen mit Plaketten, Skarabäen, Ringen, zarten Elfenbeinschnitzereien vorüber führt der Weg in die Formerei. Unterwegs hatte man Gelegenheit, die anmutige Nofretete flüchtig bei der Toilette zu belauschen: eine kundige Männerhand schminkt sie gerade mit einem Pinsel, während sie unbewegt und geheimnisumschattet zum Fenster hinausblickt. Ueberhaupt begegnet man ihr in allen Größen überall, und nur ihr Gemahl Amenophis IV. erreicht beinahe den gleichen Absatz.
In der Formerei lernt man etwas Neues. Ein Former gewährt einen „Einblick" in das Innere der Forny in die er Gipsmasse gefüllt hat. „So eine große Form gießt man nicht voll," erklärt er, „weil das Stück ja sonst zu schwer würde. Die innere Wand der Form wird dick mit Gipsmasse ausgeschwenkt und nun muß ich die Form immerzu drehen, damit die Masse in alle Einzelheiten des Negativs eindringt." Und er wendet die Form wieder um.
Eine große Christus-Plastik liegt daneben. Erklärend fährt die Hand des Retouchierers über die
Oie geschützten Naturdenkmäler im Kreise Gießen.
Don Dx. Karl Rudolf Fischer, staatlichem Vertrauensmann für den Naturschutz in Hessen und Kreisfachamtsleiter für Naturschutz und Tierschutz im Reichsbund Volkstum und Heimat.
In Hessen ^ibt es ein Denkmalschutzgesetz seit dem Jahre 1902. Jedoch hat diese amtliche Betreuung von Bau-, und Naturdenkmälern, wie man im Laufe der Zeit bemerkte, nicht ausgereicht, um für alle vorkommenden Fälle eine vollendete Unterschutzstellung der in Frage kommenden Dinge zu gewährleisten. Daher haben sich in der Nachkriegszeit, als Gefahr im höchsten Verzug war, die Mini- sterialbehörden dieser Belange angenommen. Insbesondere war es die Ministerialforstverwaltung, die durch Einberufung eines großangelegten Ncttur- schutztages in Darmstadt 1928 sich eingehend über die für notwendig erachteten Naturschutzmaßnahmen von Fachleuten und Heimatkennern aus allen Teilen des Hessenlandes beraten ließ. Als Ergebnis dieser Arbeiten ist dann im Laufe der Jahre das unter vieler Mühe zustandegekommene hessische Naturschutzgesetz mit seiner Ergänzungsoeröffentlichung und seinen Ausführungsbestimmungen, die heute noch für neu eintretenden Fälle innerhalb des großen Spielraumes der Rahmenbeftimmungen stets erweiterungsfähig find, zuwege gebracht worden, dessen Waltung den Behörden unter ständiger Mitarbeit der staatlichen Vertrauensleute für Naturschutz übertragen ward. So ist amtlicherseits alles getan, um die Durchführung des Gesetzes zu gewährleisten, die Natur vor Uebertretungen zu schützen und jenen wünschenswerten Burgfrieden wiederherzustellen, der die Erhaltung der bedrohten Arten verbürgt.
„Gußnähte", die Stellen, an denen die Stückformen zusammengefügt sind und die als feinste erhabene Linien über das ganze Werk laufen. „Die Nähte müssen sehr vorsichtig entfernt — retourfjiert — werden," erklärt der junge Mann, und Herr Ulbrich fügt hinzu: „Bei Bestellung für Künstler dürfen wir die Gußnähte nicht entfernen, da sie für sie wichtig sind insofern, als durch das Retvu- chieven irgendein Schaden eintreten könnte."
In einem andern Raum leuchten lichtblaue Globusse, auf denen sich die ockergelben Kontinente als Reliefe abheben. Aus diesen Reliefs werden Blinde die Gestalt des Planeten, auf dem sie leben, mit ihren feinfühligen Fingerspitzen ertasten.
Dann wird man mit einer Masse bekannt gemacht, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Gummi aufweist: Gelatine, die auch von empfindlicherem Material vertragen wird, zu dickwandigen Formen gegossen. Wieder erbarmt sich der langmütige Führer unserer Unwissenheit: „lieber das Original kommt auf die Isolierung eine Tonschicht und eine Gipskappe darüber. Der Ton wird entfernt und der Raum zwischen Gipskappe und Original mit Gelatine ausgegossen. Dadurch entsteht ein Gelatine-Negativ." Er hält ein handgroßes Relief mit der Darstellung einer heiligen Szene her. „So feine Arbeit leistet nur die Gelatinemasse." Hände sind daraus zu sehen, deren Finger kaum die Länge eines Millimeters haben, haarfeine, scharfe Umrisse! Man ist stumm vor Staunen. —
Die Tönungen der Kunstwerke werden vortrefflich nachgeahmt, gleichgültig, ob sie aus Bronze oder Ton, Fayence oder Elfenbein bestehen. Ein edles Handwerk dient edlen Zwecken. In Schulen und Universitäten, Museen und Privatbesitz des In- und Auslandes wandern diese wundervollen Nachbildungen, die in diesen weltberühmten Werkstätten entstehen und den Ruf von deutscher Gediegenheit und deutscher Zuverlässigkeit in die fernsten Lande tragen.
Darüber hinaus aber soll auch noch eine ideelle Durchdringung der breitesten Volksschichten mit dem Gedankengut des Heimat- und Naturschutzes erfolgen. Ihr Sachwalter ist der Reichsbund Volkstum und Heimat geworden, der in jeder Landschaft fein Fachämter für die in Frage kommenden Spezialbelange unterhält und in Schulungskursen und Vorträgen (NS.-Lehrerbund, Kraft durch Freude usw.) die Gelegenheit wahrnimmt, bis in die letzte Hütte des letzten Dorfes fein Ideengut hineinzutragen. Selbstverständlich brauchen solche Riefenorganisationen ihre Zeit, doch hoffen wir noch zum Sommer hin soweit zu fein, daß das Ringen um die Volksseele auch auf diesen Gebieten einsetzen kann.
Um nun zu zeigen, in welcher Weise das Hand-in- Hand-Arbeiten zwischen Behörden, Reichsbund, Gemeinden und damit dem Volk zum Ziele führen kann, wie von der Anregung draußen im Lande der Gang der amtlichen Anerkennung und Verwirklichung zum allemal gesicherten Erfolg führt, sei an dieser Stelle einmal kurz darüber berichtet, welche Naturdenkmäler im Sinne des Einzelschußes bislang im Kreise Gießen den Staatsschatz genießen.
Im Kreise Gießen stehen unter Naturschutz:
In Alten-Buseck: die Linde bSim hölzernen Brunnen. (Sie ward leider durch Brandschaden heimgesucht, und es bleibt abzuwarten, inwieweit sie sich wieder erholt.)
In G r ü n i n g e n : die Dorflinde und die Kirchhofslinde.
In Hungen: die Meßfeldner-Eiche unter den Kaiserlichen. Schöne Baumgruppe von 7 Linden und zwei Fichten.
In Lang-Göns: die Linde im Dorf.
Aus der Provinzialhauptstadt.
In L i ch : die Sedanslinde, die beiden Lutherlinden, die Reformationseiche und die Stadteiche.
In Nieder-Beffingen: die Friedenslindö und die Luthereiche.
In Rödgen: die Eiche am Bergwald.
In Weickartshain: die Fichten am Friedhof, die Lindenallee an der hohen Straße von Grünberg nach dem Heffenbrücker Hammer.
Oberstudienrat Prof. Or. Weimar f.
Nach längerer schwerer Krankheit ist am Freitagabend der Oberstudienrat i. R. Prof. Dr. W e i • m a r in Gießen im Alter von 73 Jahren verstorben.
Der Heimgegangene erblickte am 18. September 1861 in Darmstadt als Sohn eines Pfarrers das Licht der Welt. Seine Mutter entstammte ebenfalls einer alten hessischen Pfarrerfamilie. Nach dem frühen Tode seines Vaters wurde der nun Verewigte mit zwei Brüdern von der Mutter erzogen, die ihren drei Kindern auch das Studium ermöglichte. Otto Weimar studierte in Gießen und in Berlin Mathematik, Chemie und Physik. Nach feinem Fakultätsexamen in Gießen wurde er im höheren Schuldienst zuerst in Langen verwandt, hierauf war er Oberlehrer an der Realschule in Oppenheim, dann kam er, im Jahre 1902, nach Gießen. Seine erste Lehrtätigkeit in unserer Stadt entfaltete er an der Oberrealschule, dann kam er an das Realgymnasium, wo er viele Jahre wirkte und auch eine Reihe von Jahren die Anstalt leitete. Sein Wirken als Schulmann war reichgesegnet und brachte ihm die Wertschätzung seiner Kollegen und die dankbare Anerkennung seiner Schüler.
Neben seinem Lehramt widmete er sich in hingebungsvoller ehrenamtlicher Tätigkeit besonders der Förderung der evangelischen Kirche. Als Mitglied des' Kirchenvorstandes der Johannesgemeinöe und des evangelischen Gesamtkirchenvorstandes war er außerordentlich fruchtbar tätig und leistete durch seinen klugen Rat und seine sorgsame Arbeit unserer ebangelischen Gemeinde wertvolle Dienste. Sein besonderes Interesse widmete er der Inneren Mission und ihren Einrichtungen, wie der Herberge zur Heimat in Gießen, dem Eleonoren-Hospiz und dem Elisabeth-Kinderheim in Bad-Nauheim. Für alle diese Einrichtungen wurde sein Wirken zu großem Segen. Dem Kirchengesangverein war er als Vorsitzender und eifriger aktiver Sänger ein starker Helfer, der das Gedeihen des Vereins in hohem Maße förderte. Weiterhin führte der Verewigte früher lange Jahre den Vorsitz im Alte-Herren-Ver- banb des Wingolf.
Sein bescheidenes und gegen jedermann zuvorkommendes Wesen, seine unermüdliche Hilfsbereitschaft und fein ausgezeichneter Charakter, wie auch seine vorbildliche nationale Gesinnung machten den Menschen in der gleichen hoben Weise schätzenswert, wie den Schulmann und Förderer der kirchlichen Aufgaben. Das Andenken an diesen vorbildlichen Mann wird in unserer Stadt in hohen Ehren fortleben.
Propagandatagung
des Gaues Hessen-Naffau.
Nachdem Gauleiter Sprenger die national- sozialistische Propagandaaktion gegen die Miesmacher und Nörgler am 5. Mai mit der Großkundgebung in Darmstadt eröffnet hatte, sand am Sonntag in Frankfurt a. M. eine Propagandatagung zu dieser Aktion der NSDAP, statt. Die Tagung war von den Kreisleitern und den Kreispropaganda. Ieitern aller 38 Kreise besucht und stand unter der Leitung des Gaupropagandaleiters Pg. Müller- Scheld. Neben feinem Hauptvortrag sprachen der Bezirksleiter der Arbeitsfront, der Landesbauern, führer, der Gaupresiechef und der stellvertretende Propagandaleiter auf der über vier Stunden dauernden Tagung.
Oie nächste Aufgabe der NSD.
Nach dem Muttertag wird die NSV. ihr« Wohlfahrtsarbeit unter dem Motto „Mutter und Kind" fortführen. Die Arbeit soll einmal die Selbsthilfe der einzelnen Ortsgruppen zugunsten bedürftiger
Oie kranke Mutter.
Von Gar! Gonrad.
Ich entsinne mich noch ganz genau, es war an einem warmen Abend im Sommer, die Fenster standen weit offen, die Temperatur war geradezu drückend.
Meine Mutter lag still und bleich in Ihrem Bett. Ihr« Nase war tn den letzten Tagen noch spitzer geworden, und ihre Wangen waren furchtbar eingefallen. Sie hatte die Augen geschlossen und rührte sich nicht.
Meine Großmutter saß unten auf dem.Bett und rieb ihr die Füße warm, als glaube sie so das Leben zurückhalten zu können. Das Gesicht der Großmutter war weiß wie Papier und ganz starr. Auch saß sie sehr gerade und aufgereckt da. Mein Großvater lief nebenan in der Küche mit langen Schritten umher. Die Tränen rollten ihm übers Gesicht, und er schluchzte, daß es durch das ganze Haus zu hören war.
Vorher, wie der Anfall kam, war er zum Telephon gelaufen, das in dem Gasthaus von Schwenk installiert war, aber der alte Mann war so erregt und verwirrt, daß er kaum ein Wort hervorbringen konnte. Die Wirtin nahm sich seiner an und telephonierte zum Arzt. Nun mußte der Arzt jeden Augenblick kommen.
Ich stand unten am Bett meiner Mutter, klammerte meine Händchen um den Knauf des Bett- pfoftens und zog mich empor, um in das Bett hineinsehen zu können. Ich weinte nicht. Warum, das vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Ich entsinne mich nur sehr genau, daß ich nicht weinte. Doch hatte ich furchtbares Herzklopfen.
Plötzlich fing ich ganz laut zu beten an: „Lieber ©ott, laß doch bitte, bitte, meine Mutti nicht sterben." Dann ging ich um das Bett herum und flüsterte meiner Mutter ins Ohr: „Mutti, du stirbst nicht. Ich weiß das ganz genau. Ich habe gebetet. Der liebe Gott ist gut." Damit schlich ich mich hinaus und hockte mich unter den Birnbaum, der vor dem Hause stand.
Ich saß noch nicht lange dort, als ein Motorrad heranknatterte. Es fuhr mit großer Geschwindigkeit und hielt mit einem Ruck vor unserer Tür.
Ich lief auf den Arzt zu, er drückte mir flüchtig die Hand. Ich ging hinter ihm her, durch die Küche, wo der Großvater noch immer weinend umherlief, in das Zimmer meiner Mutter. Es war ein sehr kleines Zimmer mit niedriger Decke. Großmutter zündete das Licht an und blieb dann wie ein Steinbild mitten im Zimmer stehen. Der Arzt war
ein blutjunger Mensch mit einer Menge Narben im Gesicht, die mir eine gewaltige Hochachtung einflößten.
Er untersuchte lange und eingehend. Dann ließ er sich ein Glas Wasser bringen und hantierte mit verschiedenen silbrig glänzenden Instrumenten. Er machte eine Einspritzung. „Das ist der letzte Versuch", sagte er, richtete sich auf, ging zum Fenster, lehnte sich darein und kreuzte die Arme.
Es war totenstill in dem kleinen Zimmer.
Plötzlich knirschte draußen der Kies. Ich reckte meinen Kopf über die Fensterbank und sah meinen Vater langsam herankommen. Er hatte sich auf das Telegramm hin sogleich in den nächsten Schnellzug gesetzt. Er hatte keinen Mantel und keinen Koffer bei sich. Dennoch ging er so langsam und müde, Nils habe er eine ungeheure Last zu tragen. Als er durch den Lichtstreifen ging, sah ich, daß sein Gesicht kreideweiß war. So hatte ich meinen Vater noch nie gesehen.
Wie er ins Zimmer trat, bewegten sich feine Lippen, als ob er etwas jagen wollte. Es war aber kein Laut zu hören.
Der Arzt hatte sich wieder über meine Mutter gebeugt und horchte mit einem Rohr an ihrem Herzen. Es dauerte endlos lange. Schließlich richtete er sich auf, die Arme hingen ihm schlaff herunter, und sagte ganz unvermittelt mit einem kleinen, hilflosen Lächeln: „Tot".
Für einen Augenblick rührte sich nichts im Zimmer. Dann ging mein Vater langsam zu dem Bett und sank am Kopfende nieder. Er nahm den Kopf meiner Mutter zwischen seine großen Hände und küßte fortwährend ihren Mund. Nebenan in der Küche war es gleichfalls still geworden.
Ich dachte: „Jetzt ist Großvater in den Wald gegangen". Plötzlich zog sich mir die Kehle zusammen, und ich fing an, laut und jämmerlich zu weinen.
In diesem Moment sprang mein Vater auf, riß den Arzt am Arm zu sich her und deutete mit der Hand auf die Augen meiner Mutter. Wir starrten alle dorthin, es war kein Zweifel: die Augen meiner Mutter bewegten sich.
Der Arzt hielt wieder fein Rohr an das Herz meiner Mutter. Dann rieb er sich vor Freude die Hände.
Und ich eilte in den Wald, meinen Großvater zu suchen. Ich rief nach allen Seiten durch die hohle Hand: „Huhu!", bekam aber feine Antwort außer einem halben Echo. Als ich dahinlief, blickte ich von ungefähr seitwärts und sah meinen Großvater auf einem Baumstumpf sitzen. Er weinte nicht mehr, er blickte mich nur mit stumpfen, großen Augen an: „Tot? Nicht wahr? Sag es nur ruhig." —
„Nein!", rief ich, „nein Großvater, sie lebt!" Er schüttelte nur traurig den Kopf und sagte: „Lüg nicht, Junge". Dann aber, plötzlich, sprang er auf und lief so schnell den schmalen Feldweg entlang unferm Hause zu, daß ich ihm trotz meiner jungen Beine kaum zu folgen vermochte.
»Spione am Werk".
Dieser Cine-Allianz-Film, dessen Manuskript nach einer Novelle von Kimmich und Klaren geschrieben wurde, behandelt ein von jeher für den Film bevorzugtes und dankbares Thema. Spionage und Gegenspionage zwischen Oesterreich und Italien milden Zentren in Wien und Rom; der gan^e unendlich komplizierte, mit erstaunlichen Mitteln arbeitend« Apparat des militärischen Nachrichtendienstes; ein« Handlung mit aller kriminalistischen Spannung des Krieges im Dunkel, getragen von einem verwirrenden Tempo, überspringend von einem Schauplatz zum andern, vom Spieler zum Gegenspieler, von Unschuldigen zu Verdächtigen und Halbverdächtigen; dazwischen naturalistische Bilder von der österreichisch-italienischen Front im Hochgebirge und vom Luftkampf; auch eine Liebesgeschichte, wie könnte es anders sein, ist in das vielfältig verspannte und verzweigt« Netz der Beziehungen verflochten; im großen Rahmen gemachte Gesellschaftsszenen und malerische Landschaften fehlen auch nicht. Der Regisseur Gerhard Lamprecht, der seine Fähigkeiten bereits an bedeutenden Aufgaben erproben konnte, hat sich nichts von dem entgehen lassen, was die Vorlage ihm bot. Er arbeitet geschickt, großzügig und intelligent, läßt dem Zuschauer gar nicht Zeit, etwa auftauchende Zwifchenfragen zu stellen (wie sie sich beispielsweise gelegentlich einer sinnreich konstruierten römischen Spieluhr ergeben möchten) und behandelt Bild, Ton und Darstellung mit der gleichen Ruhe und Uebersicht. Außerdem verfügt er über ein Aufgebot hervorragender Schauspieler, die fast alle schon in ähnlich gearteten Stücken mit großem Erfolg eingesetzt wurden: in nicht einmal besonders umfangreichen Rollen sieht man so tüchtige Leute wie Winter st ein, Loos, Otto, Heilinger, D u m ck e und den vor einiger Zeit verstorbenen F a l k e n st e i n. In der weiblichen Haupttolle Brigitte Helm, die sich diesmal ein wenig auf Greta Garbo frisiert hat und im übrigen hier genau das zu spielen hat, was von jeher ihre besondere Stärke war und etwa auf der Mitte zwischen Abenteurerin und großer Dame liegt. Karl Ludwig Diehl, der sich in einer Reihe von Kriminalfilmen schnell nach vorne gespielt hat, und Oskar Ho molka
geben konzentriert und scharf umrissen die dramatisch wichtigsten Gestalten. — Der Film erschien gestern zum ersten Mal im neuen Programm des Lichtspielhauses und fand ein sehr aufmerksames Publikum.
Zeitschriften.
— „Der Naturforscher", vereint mit „Natur und Technik", Hugo Bermühler Verlag, (Berlin-Lichterfelde). — Der Elch, die größte Hirschart der Erd«, wäre heute ganz aus Deutschland verschwunden, wenn er nicht in Ostpreußen auf der Kurischen Nehrung eine Heimstätte gefunden hätte. Dank den Schutz- und Högemaßnahmen der preußischen Forstverwaltung beträgt der Elchbestand heute wieder über tausend Tiere und gilt als der beste in Europa. In neuester Zeit ist es der Tatkraft des obersten Schirmherrn der deutschen Jagd, Hermann Göring, zu danken, daß auch in anderen Teilen des Reiches Elchschutzgebiete entstehen. Hierüber berichtet in seinem längeren Beitrag „Elche in Deutschland", der mit vielen prächtigen Bildern geschmückt ist, der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens, Dr. Lutz Heck. Dr. N. Peters vom Zoologischen Museum in Hamburg gibt eine beachtenswerte Darstellung von den „Ergebnissen neuester Forschungen über di« chinesische Wollhandkrabbe in Deutschland". Im Anschluß an seinen Bericht im Aprilheft erzählt Volkmar Graumüller von den „Ergebnissen siebenjähriger Beobachtungen des Wanderfalken", insbesondere von der Aufzucht der Jungen, an Hand schöner Naturaufnahmen. Dipl.- Ingenieur Wolf Dietrich erläutert in einem reich- bebilderten Aufsatz die technischen Einzelheiten beim „Bau des Riefenluftschiffes L Z 129". Ferner seien von anderen beachtlichen Beiträgen noch die Titel genannt: „Natürliche und künstliche Hypnosezustände bei Tieren", „Die Klimaabhängigkeit der fettliefernden Pflanzen", „Kropf und Jod", „Wachstumsbeein- fluffung durch Hormoneinspritzungen", „Das Elek- tronenmikroskop". Das vorliegende Heft mit feinen wertvollen Beiträgen und zahlreichen prächtigen Abbildungen legt wieder ein gutes Zeugnis für die Leistungsfähigkeit des „Naturforscher" ab. Die Zeitschrift kann jedem Natur- und Heimatfreund warm empfohlen werden.
Sochschulnachnchten.
Der langjährige Oberassistent des Marburger zahnärztlichen Instituts, Privatdozent Dr. Hans Fliege, hat einen Ruf auf den ordentlichen Lehr- stuhl für Zahnheilkunde an der Universität Marburg erhalten und angenommen.


