Erlebnis von Potsdam.
Von Hans Brandenburg.
Wer möchte sich vermessen, mit Göttern und Heroen zu Tische zu sitzen? Doch wenn man, fürstlich 3u Gaste geladen, im Palaste der Orangerie, über Den Gärten von Sanssouci wohnt, Nachbar des großen Königs, dessen Geist hier allenthalben lebt, seines Schlosses, seiner Tafelrunde und seines Flötenkonzertes, die Adolph Menzels Berliner Bilder beschwören, dann wähnt man sich eine Weile auf Wolkenhöhen entrückt. Geist und Witz und schöne Künste sind das lichte Gewölk auch um unsere Tafelrunde, vor allem Musik gewiß, und Philosophie. Und auch wir kennen den Gott Mars, er regiert auch unsere Stunde und regiert sie noch. Weniger als sieben Jahre? Nein, mehr — und furchtbarer als jene sieben. Ja, wir kennen ihn und kennen sein Gefolge der apokalyptischen Reiter. Und wir kennen die letzte Weisheit von Potsdam und Sanssouci, -wir lernten und lebten sie und verstehen sie darum erst jetzt: das Schwert unter Rosen . . .
Die Stadt Potsdam ist nicht Berlin und ist doch — liebevoll boshaft klingt dies Paradox — das Schönste an Berlin. Norden und Süden haben sich hier im kolonisierten kargen Wendenlande durchdrungen, Preußengeist und Antike, Deutsch, land und Frankreich, spartanisches Soldatentum und üppigstes Rokoko: hier befehdeten sich und verschmolzen diese feindlichen Elemente unter dem Schöpferblick Friedrichs und über sein Leben, rückwärts und vorwärts, hinaus. Den Lustgarten, den der große Kurfürst vor dem Stadtsckloß angelegt hatte, verwandelte Friedrich Wilhelm I. in einen Exerzierplatz für seine langen Kerls, aber in der schweihfangenden Leere des Parademarsches sprengen nicht nur die barocken Pferdegruppen des Marstalls, sondern über ihr ragen auch die mythologischen Nacktheiten der Schloßfront und jenseits der ehemals kriegerisch zerstampften märkischen Sandfläche lockt belebter Marmor aus grüner Wand. Am Markte stehen Rathaus und Palast Barberini, im Kleide nordischer Wasserfarben ein Traum von Palladio und Rom, in der Mitte ragt der Marmor-Obelisk mit dem Medaillons der großen Hohenzollern vor Schinkels Nikolaikirche, die ihre Kuppel auf säulenumgürteter Trommel über die Stadt erhebt. In ihr hat auch der Pro- testantismus einmal seine Kirche, nämlich nicht nur ein Gotteshaus als frommen Zweckbau, son- dern als wahre Kultstätte, als Kunst und Form gewordenen Tempel, und man muß darin Vater K e m p f f s, des Musikdirektors, Singchor und sein oder des Sohnes Orgelspiel hören, daß in
der Kuppel der Engelshimmel des Cornelius farbig zu flügeln beginnt und die heilige Taube aus höchster Höhe herabschwebt.
Die Straßen ringsum sind zopfig steif gereiht, wie Fronten von Grenadieren ausberichtet, aber über ihre niedrigen Häuser und breiten Pläne ist eine karge, kühle Anmut ergossen. Es gibt spärlichen Zierrat und kühle Volutengiebel, ein ganzes Viertel im holländischen Backsteinbau und immer wieder öffentliche Gebäude von einer strengen und doch einnehmenden Haltung, die viel von Palästen und etwas von Kasernen hat. Man ist in der Soldatenstadt, doch ihre Trockenheit wird durchfeuchtet vom Wasserhauch, denn man ist zugleich auf einer Insel, auf dem Werder, den die Havel und ihre Seen bilden. Am Kanal entlang mit seinen Treppchen für die Wäscherinnen wandern die Platanen, deren Rinde wie spröde Silberpatina abblättert, und von der Brücke, die hinüberführt, schließt sich das Verschlossene der Stadt dem Schauenden plötzlich auf. Römische Krieger sind die Laternenträger auf ihren steinernen Brüstungen, links am beginnenden Zuge der breiten Straße stuft sich der Turm der Garnisonkirche über Bäumen empor, rechts liest man die Straßenbe- zeichnung „An der Gewehrfabrik". Und es ist in der Tat die alte Gewehrfabrik, was da mit figuraler antikischer Front der Kirche gegenüber steht. Doch selbst die Front der Kirche trägt Gewehre in ihren trophäischen Emblemen neben der Schrift, daß Friedrich Wilhelm I. sie zu Ehren Gottes erbaute. Sie ist der zweite echte Tempel, den der Protestantismus in Potsdam hat, der preußische Soldatentempel. Ihr Inneres schart sich mit doppelten Emporen, in deren Ecken die alten Regi- mentsfahnen gebündelt sind, um die Kanzel, die in ihrem reich barocken Marmor der einzige Schmuck [ein sollte, der Schmuck um Gottes Wort. Unter ihr öffnet sich eng und arm die gewölbte Gruft des Vaters und des Sohnes, des Soldatenkönigs und Friedrichs, der im Bleisarge ruht unter keiner anderen Zier als derjenigen der Kränze und Schleifen im ehrwürdiaen unangetasteten Staub und des Lorbeers. Auch wir sind feine Invaliden, wenn wir dann draußen auf der Bank unter den Bäumen sitzen und das Glockenspiel vom Turm lehrhaft und doch mit frommer Melodie die Stunde schlägt, die dieses Land groß machte — jede volle Stunde mit „Lobe den Herrn", jede halbe mit „lieb immer treu und Redlichkeit."
Und weithin um die Stadt ist der Lauf des Flusses mit seiner Seenkette und seinen dunklen Kiefernhöhen gezogen, die Heilandskirche von Sa- krow tritt runbbögig und streng in den Wasser- spiegel, die Pfauemnsel schlägt ihre sprühenden
Farbräder in alten Nordlandseichen und Südlandszedern zwischen der gotisierenden Ruinenromantik von Schloß und Meierei aus den Tagen der Königin Luise. Während das mussolinische Italien sich erneuert, wird dies bismarcksche Deutschland am Rande der Havel immer italienischer mit seinen oerwucherten Gärten, verlassenen Palästen, bröckelnden Villen vor den Toren der Hauptstadt. Nur die unmittelbare Nähe Potsdams oder vielmehr das was noch wirklich zu Potsdam gehört, hält sich auch nach der Fürstenzeit in • fürstlichem Glanze: das Wunder von Sanssouci.
Das sind nicht nur Gärten und Schlösser, das ist eine ganze Schloßwelt und Parklandschaft, fran- zösifch, englisch, italienisch und doch in allem deutsch, nämlich ohne durchgreifende Regel: so ein nordischer und ein sizilianischer Garten nebeneinander, Hecken- und Laubengänge, Grotten, Nischen, Terrassen und Treppen, Blumenbosketts und Wildforst, olympisches und irdisches Statuengewimmel und Alleen, die in himmelweiten Perspektiven an Schloß- und Tempelfronten verdämmern. Sphinxe der Reifrockzeit mit Feberstutz und mit Putten als Kammerjungfern flankieren die Baumwände, die sich öffnen, und hinter der Riesenfontäne steigen zwischen den Taxuskegeln und von Terrasse zu Terrasse, von Spalier zu Spalier der Südlandsfrüchte, die geschweiften Treppen zu Schloß Sanssouci empor. Dort oben liegt es, Dach und Sims von den Hermenpilastern bezwungener Giganten getragen, königlich, eine Krone, ein Geschmeide und doch pavilloneinfach und geduckt und versteckt, passend zu den Gräbern der Windhunde und des königlichen Lieblingspferdes vor der rechten Flanke, bei denen der König selber ruhen wollte. Den benachbarten Kavaliersbau überragt die historische Windmühle, dies Denkmal der Ge- rechtigkeit zwischen Fürst und Volk. Weiter daneben erhebt die Orangerie ihre Kolonnaden über den Terrassen, deren Treppen Goldfischbassins umarmen, und auf ihrem Plateau geht die Promenade zum Belvedere, unter dem das Dach des new»n Palais aus den Wipfeln steigt: aus dem Wald ein Wald von Göttern . . .
©er Veilchenfresser.
Zu Großmutters Zeiten hat man einen Kavalier der die von ihm verehrten Damen mit Blumenange- gebinben überschüttet, mit Anspielung auf Mo ers populäres Lustspiel, scherzhaft einen „Veilchenfresser" genannt. In unseren Tagen hat sich nun ein anberer Schwerenöter diesen Namen verdient und zwar der Elefant, der im Londoner Colosseum in einem Schaustück „Das goldene Spielzeug" mit seiner gewichtigen Person mitwirkt. Auch er hat
Mutter, darum hat er sie schön wie des Kaisers Gemahlin gemacht. Nein, so ein Maler war der Albrecht nicht; er hatte die Mutter gemalt, wie Gott "sie in einem arbeite® und sorgenreichen Leben hatte werden lassen. Ja, es war gut so. Barbara Dürer prüfte gewissenhaft jede Einzelheit nach: das oerschrumpfte Gesicht, die Falten der Stirne, die mageren Backen, die tiefe Furche von der Nase zum Kinn, die dünnen Lippen, der fleischlose Hals, an dem jede Sehne, jede Ader zu sehen ist, das schwarze Kopftuch aus Seinen und das einfache, schmucklose Mieder.
„'s ist gut so", sagte Barbara Dürer und reichte das Blatt dem Sohne. Der schrieb darauf: „1514 an Oculi. Das ist Albrecht Dürers Mutter, die war alt 63 Jahre" und schloß das Blatt in den Schrank ein.
Zwei Monate später holte Albrecht Dürer das Bild der Mutter wieder aus dem Schrank hervor. Es war am 16. Mai 1514. Der Mutter Wunsch und Ahnen hatte sich erfüllt. Sie war verschieden und eingegangen in das Reich zu ihrem Erlöser.
Nebenan in der Witwenstube lag die Mutter. Der Friede, den ihr Herz gefunden, verklärte die Züge des bleibenden Antlitzes. Albrecht Dürer trat mit dem Bilde an das Totenbett. Seine Maleraugen verglichen das Bild der lebenden Mutter mit der toten. Dann schrieb er auf das Zeichenblatt unter die Worte, die er vor zwei Monaten dahin gefetzt hatte: „und ist verschieden im 1514. Jahr am Erchtag vor der Kreuzwoche" und schloß darauf das Blatt leise in den Schrank ein.
Vier Tage später schrieb Albrecht Dürer zum Andenken der Mutter folgende Worte in die Familienchronik: „lieber der Mutter Tob hab' ich solchen Schmerz gehabt, daß ich es gar nicht aussprechen kann. Gott sei ihr gnädig! Sie hatte immer meinet- und meiner Brüder wegen große Sorgen vor Sünden, und ich ging aus ober ein, so war stets ihr Sprüchwort: Geh in dem Namen Christi! Unb ihre guten Werke und die Barmherzigkeit, die sie gegen jedermann erzeugt hat, kann ich nicht genug anzeigen, auch nicht ihr gutes Lob. Diese meine fromme Mutter hat 18 Kinder geboren und erzogen, hat oft die Pestilenz gehabt und viele andere schwere Krankheiten, hat große Armut gelitten, Verspottung, Verachtung, höhnische Worte, Schrecken und große Widerwärtigkeit. Und doch ist sie nie rachgierig gewesen. Ich habe sie mit allen Ehren nach meinem Vermögen begraben lassen."
Meine Mutier war eine Bauersfrau.
Von Charlotte Hauser.
Sie hat zwölf Kinder geboren, davon blieben neun am fieben; blieben gesund und wurden alle brauchbare Menschen. Als man die Mutter in die Erde legte, erinnerte der Geistliche an diese neun Kinder: um ihretwillen nannte er die Mutter eine echte Christin.
Sie schickte nacheinander vier Söhne in den Krieg. Wie durch ein Wunder tarnen sie alle wieder. Vielleicht hat sie sich als Opfer angeboten, denn wer blieb, das war sie. Vier Jahre trug sie Angst unb Sorge um die Söhne. Die Meldungen „vermißt", „verwundet" schufen harte Spannungen. Ihr Herz trug es bis zu Ende, opferte all feine Kraft. Als die Söhne wieder zu Hause waren, wurde sie krank und starb, verlöschte wie ein Licht, das bis zum erwachenden Morgen geleuchtet.
Die Jahre hatten Furchen in ihr Gesicht gegraben, das Leiden sie vertieft. Aber >der Tod glättete dies Gesicht wieder. Die Bäuerin lag mit erhabenen Zügen, mit einer Stirn, wie große Männer sie haben.
In den Wochen nach ihrem Tod erzählte der Vater mir viel von jener Zeit, als er, ein junger Bursche, um die Mutter gefreit. Flachsblond sei sie gewesen, die Schönste im Dorf. Des Abends hatte er sie besucht, wenn sie mit Geschwistern auf der Bank vor dem elterlichen Hause saß. Wenn er auf die Felder fuhr, hatte er Umwege gemacht, um an ihrem Elternhaus vorbeizukommen. Sie kannte sein Peitschenknallen, er konnte sie damit ans Fenster
locken. Er wurde zwei Jahre Soldat, und sie wartete auf ihn. Als er zurückkam, gründeten sie ihren Hausstand und lebten zusammen fünfundvierzig Jahre, bis die Mutter starb.
Ich, als die Jüngste von den neuen Kindern, kenne die Mutter nur als die Vierzig- und Fünfzigjährige, als die nie rastende Bäuerin, die das Große wie das Kleine achtete und mit Treue verwaltete. Von ihr lernte ich nicht mehr und nicht weniger, als das, was sie selbst auch lebte.
Ick erinnere mich an eine Schriftstellerin, die spricht in ihren Werken immer von ihrer „teuren Mama". Ich selbst war eine Zeitlang versucht, von meiner „armen Mutter" zu sprechen.. Was hatte sie denn vorn Leben, diese Frau? Die Sorge um Haus und Stall ließ sie des Morgens noch vor Tage aufstehen. Sie werkte bis zum Mittag, und wenn es gut ging, brachte dieser Mittag ihr eine kleine Pause. In der Kammer der Eltern in einer Ecke, stand der sogenannte Sessel, ein einfacher, um gepolsterter Stuhl mit hölzerner Rücken- und Sei
tenlehne. Hier ruhte die Mutter am Mittag, auf--1 gestützt den Arm auf die harte Lehne, das Gesicht | in der Hand geborgen, die Füße leicht vom Boden hochgezogen. So ruhte sie eine halbe Stunde, vielleicht noch etwas länger, und von hier holte sie der Lärm unseres Aufbruchs, damit sie mit uns zu den Feldern fahre, oder gehe, wo Tag für Tag zu tun war.
Ruhe fand sie am Fensterplatz, den sie am Sonntagnachmittag einnahm, vor sich den Stopfkorb mit zerrissenen Kleidern und Strümpfen; ober an Winterabenden, wenn die Nadeln des Strickzeuges in ihren Händen klapperten. Ruhe fanb sie in den Tagen der Krankheit, auch am Fenster sitzenb, vor sich das alte Gebetbuch mit den seltsam großen Buchstaben, Ruhe fand sie endlich, als wir ihre Kammer mit blühendem Mohn schmückten, die Kammer, in der sie lag mit faltenreiner, großer Stirn unb frieblichem Gesicht — nicht meine arme Mutter, sondern bie Mutter.
unbändig, daß alles so wohl geraten ist: Hw ei Augen, die das erste Ächt empfangen, Mund und Nase, alles ist da, und sogar ein ganz winziger Hauch von Augenbrauen. Und welch ein Glück: a» jedem Händchen fünf Finger, als müßte es so sein, — aber es muß keineswegs so sein; man weiß, daß die Natur in ihrer wilden Unberechenbarkeit schreck« liche Dinge ausbrütet. Ach, und an jedem Füßchen je fünf Zehlein, minimal, aber doch vorhanden, nichts ist vergessen worden in dieser stillen Ausbildung tief unter Tag. Sie sehen witzig aus, diese Zehlein, man möchte jedem einzeln einen Namen geben. Und das ist noch nicht alles! Kleine Nägel sind auch schon da an Fingern und Zehen, richtige
Nägel, ich muß darüber ehrfürchtig staunen und etwas'wie ein Werkmeisterstolz beschleicht mich.
Aber bann, wenn ein paar Monate ins Land gezogen finb, ober gar ein paar Jahre, bann ist man töricht genug, bieses dankbare unb stolze Staunen verfliegen zu lassen, als bliebe ein Wunber nicht ein Wunber, unb eine Gnabe nicht eine Gnade, auch wenn beides wächst.
Kinderaugen.
Die achtjährige Loni betrachtet ihren Vater prüfend eine gute Weile unb stellt dann fest: „Heute siehst du aber gar nicht aus wie unser Vati."
Was ist das? Eine Laune, eine Ahnung, ein sinnloses Geplapper oder das Ergebnis einer tiefen Einsicht?
Manchmal könnte man ein bißchen Angst bekommen vor Kinderaugen. Nur Frauen schauen so tastend, ahnend, durchdringend; blindlings erfühlen sie das zweite Gesicht hinter dem Gesicht.
Loni, wenn sie so schaut, ist eine verzauberte kleine Frau, ihre Mutter, rückverwandelt in Gestalt des Kindes.
„Heute sieht du gar nicht aus wie unser Vati." Warum nur? Man wagt nicht tu fragen: warum. Wenn die Loni es sagt, wird schon was Wahres dran sein.
Ihre Mutter pflegt in solchen Fällen, mit einem Blick, der über die Stirne streift und dahinter, halb fragend, halb feftftellenb, zu sagen: „Du hast etwas ..."
Warum sehe ich nicht aus wie „unser Vati"? War ich an jenem Tage sehr fern, ganz weit weg und allein? War ich ihnen entglitten, die „Vati" zu mir sagen? Und nur Loni hat es gefehen und mich wieder eingeholt, weil sie ein paar Augen hat wie blanke Märchenspiegel, für die es keinen Unterschied zwischen Außen unb Innen gibt? Ich weiß es nicht. Aber Loni hat gesagt: „Heute siehst du aber gar nicht aus wie ..."
Und da mußte ich wohl schuldbewußt den Kopf senken und hatte nur den einen Wunsch: wieder auszusehen wie „unser Vati".
Lin Wiegenlied bei Mondschein zu singen.
Von Matthias Claudius.
So schlafe nun, du Kleine!
Was weinest du?
Sanft ist im Mvnbenscheine
Und süß die Ruh.
Auch kommt der Schlaf geschwinder und sonder Müh';
Der Mond freut sich der Kinder Und liebel sie.
Er liebt zwar auch die Knaben, Doch Mädchen mehr, Gießt freundlich schöne Gaben Von oben her
Auf sie aus, wenn sie saugen,
Recht wunderbar,
Schenkt ihnen blaue Augen Und blondes Haar.
Alt ist er wie ein Rabe, Sieht manches Land;
Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt.
Und bald nach ihren Wochen
Hat Mutter mal
Mit ihm von mir gesprochen: Sie saß im Tal
In einer Abendstunde, Den Busen bloß, Ich lag mit offnem Munde In ihrem SchvH.
Sie sah mich an, für Freude Ein Tränchen lief, Der Mond beschien uns beide, Ich lag unb schlief;
Da sprach sie: „Mond, oh! scheine, Ich hab' sie lieb, Schein' Glück für meine Kleine!" Ihr Auge blieb
Noch lang am Monde kleben und flehte mehr.
Der Mond fing an zu beben, Als hörte er,
Und denkt nun immer wieder
An diesen Blick, Und scheint von hoch hernieder Mir lauter Glück.
Es schien mir unterm Kranze Ins Brautgesicht, Und bei dem Ehrentanze; Du warst noch nicht.
Kleine Kindersonaien.
Von Hans Natonet.
Die Mutter sinnt.
Zum erstenmal, als es sich regte, war es ganz mit mir verbunden, ganz allein mein.
Dann kam die Stunde, da ich es der Welt gab, dem Gesetz gemäß. Fremde Hände trugen es fort unb nahmen sich feiner an. Das war die erste Trennung. Ich muhte es dulden, denn ich war hilflos und schwach. Aber bann würbe es mir wieber in bie Arme gelegt, ich hielt es fest, als sollte es nie wieber fort. Da ich es stillte, ftanb die ungestüme Zeit selig still, und es war ein Friede, wie in der Zeit der Hoffnung.
Und wieder wuchs es mir vom Herzen fort, und es war gut so. Und der erste Schultag war die zweite große Trennung. Und nun ist kein Halten mehr. Nun reicht es mir schon bis zur Hüfte. Wie das wächst, wie' die Jahre fliegen!
Man muß sich einrichten auf langsames Entfernen und auf leisen Abschied. Wenn sie einmal da sind, muß man's geschehen lassen. Wie er vierzehn Jahre war, ich erinnere mich wie heute, hat er gesagt: „Mutti, ich will nie heiraten, wenn ich groß bin, unb immer nur bei dir bleiben." Er geht mit einem Mädchen, und ich tue, als wüßte ich es nicht,
damit er leichten Herzens fei. Er ist mir über die Schulter gewachsen, und ich werde immer weniger.
Schon gut, ich meine nicht, wie damals am ersten Schultag. Ich nehme den Schmerz für Glück. Sei stark und glücklich, mein Kind. So hat meine Mutter mir stumm gewinkt, so winke ich dir, so wirst du deinem Kinde winken beim Abschied.
Geh nur zu, Kind, brauchst dich nicht umzudrehen, wenn du nicht magst. Ich hab es ja nicht anders getan.
Da biegt es um die Ecke. Einst hielt ich es im Arm, ich weiß es noch wie heute. Jetzt fühle ich mich so klein und schwach, daß es mich in feine Arme nehmen könnte.
Ich will ganz still beiseite gehen, da ich ja doch nicht mir dir gehen kann, mein Kind. Man hat ja seine Hebung im Abschiednehmen und die Erinnerungen.
Und da es nun fort ist, habe ich wieder fein ganzes Leben in mir wie einst, ehe ich es gebar.
Väterliche Freude.
An dem Tag, da es zur Welt kommt, das Kind, ist bie Freube, je nach Temperament, innig ober
also wie jene Kavaliere der achtziger Jahre einen Hang zur leichtgeschürzten Muse, aber er ist hinter jenen in der Bildung und im feinen Benehmen noch weit zurück; er verschenkt nämlich den Blumenflor nicht an feine sehr zahlreichen Verehrerinnen, sondern er frißt die Angebinde wirklich auf und zwar mit sichtlichem Wohlbehagen. So hat er sich kürzlich mit elegantem Rüsselschwung aus dem Blumenkorv eines ahnungslos an ihm vorbeigehenden Dlumen- verkäufers einige Sträußchen duftender Veilchen geholt — acht Dutzend! der Verkäufer hatte sie soeben erst überzählt und sich den möglichen Verdienst im Kopf errechnet — unb sie auf einen Bissen verschlungen. Fassungslos starrte ber Verkäufer auf diesen unerwarteten „Großabnehmer" unb jammerte bann um feine Ware, bis man ihm vollen Ersatz zusagte. Aber leicht wirb es bie Direktion des Colosseums nicht haben, wenn sie ihren Star in Zukunft mit Veilchen füttern will, um ihn bei Laune zu halten; denn sein Appetit läßt nichts zu wünschen übrig.
Ein Schotte hat Gewissensbisse.
Die Engländer haben manchmal ein überaus zartes Gewissen. Wenn sie einmal den Vater Staat um eine Kleinitzkeit betrogen haben, etwa durch Hinterziehung einer Steuer, dann drückt sie ihr Gewissen jahrelang, bis sie, zumeist wohl anonym, die betreffende Summe an bie zustänbige Behörde einschicken, um sich dadurch für den Rest ihres Lebens von dieser Schuld zu befreien. Diese Zahlungen sind als „Gewissensgelder" bekannt und werden natürlich gerne angenommen, da sie ja schließlich wieder der Allgemeinheit zugute kommen. Kürzlich hat sich sogar ein Schotte, vermutlich schwer genug, von zehn Schillingen getrennt, die er einer Eisenbahnverwaltung zusandte mit dem Vermerk, er schulde diesen Betrag seit langem und wolle sich endlich diese Schuld vom Gewissen wälzen. Zehn Schilling sind keine großartige Sache, immerhin genügen sie, um den englischen Zeitungen für ein paar Tage Stoff für allerhand humorvolle Betrachtungen zu geben. Was kann ausgerechnet einen Schotten veranlaßt haben, dem Staat freiwillig zehn Schillinge zu zahlen? Der muß ja etwas ganz Schlimmes verbrochen haben! Einige Journalisten vermuten, er habe eine Lokomotive geflaut, um sie feinen Kindern zu Weihnachten als' Spielzeug zu schenken. Andere sprechen den Verdacht aus, er habe die Fensterriemen aus den Zugabteilen cck- gefchnitten, um sie als Leibgürtel zu verwenden» Oder ist er etwa ein paarmal „blind" gefahren? Man sieht, es ist eine aufregende, nicht leicht zu enträtselnde Angelegenheit!


