Ur. 109 Erster Blatt
184. Jahrgang
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Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Zum Ehrentag der deutschen Muiier.
An die Mutter.
Von 3- W. von Goethe.
Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir So lang dir kommt, laß keinen Zweifel doch Ins Herz, als wär die Zärtlichkeit des Sohns, Die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust Entwichen. Nein, so wenig als der Fels, Der tief im Fluß vor ew'gem Anker liegt, Aus seiner Stätte weicht, obgleich die Flut Mit stürm'schen Wellen bald, mit sanften bald Darüber fließt und ihn dem Äug' entreißt, So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich Aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom, Vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt Und, von der Freude bald gestreichelt, still Sie deckt und nie verhindert, daß sie nicht Ihr Haupt der Sonne zeigt und ringsumher Zurückgewvrfsne Strahlen trägt und dir
Bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.
Dank und Besinnung.
Von Dr. Witt Sauer.
„Immer tragen sie an ihrem Lieben Wie an einer überschweren Bürde."
Elisabeth von Langen.
Unsere Zeit ist hart und muß hart sein: es gilt unser Volk von Grund aus innerlich umzubilden, es gilt Deutschlands Ansehen und Ehre nach außen wieder herzustellen! Aber so sehr in solchen Zeiten auch die Frage der politischen Macht in den Vordergrund aller Geschehnisse tritt, so wenig darf d i e Macht der Liebe in ihnen fehlen! Ja, die Liebe ist die eigentliche Kraftquelle, aus der alle großen Ereignisse wachsen. Und nirgends tritt uns die Macht der Liebe selbstloser, schöner und schöpferischer entgegen als in der Liebe der Mutter!
Gerade uns Deutschen, die wir seit uralten Zeiten in der Familie den Urgrund völkischen Lebens und Gedeihens erkannten, war die Mutter immer die Hüterin unseres reinsten und feinsten Seelengutes, war die Mutter ein Heiligtum. Ihr stilles, rastloses Raffen und Schaffen, ihr inniges Ringen, ihr großes Geben und ihr gütiges Verzichten, das wir alle, alle von ihnen erfahren haben, hat sie uns stets als Helden des Herzens empfinden lassen. Es gibt kaum einen großen Führer und Wegbereiter in der Geschichte unseres Volkes", der nicht einmal ein Bekenntnis abgelegt hätte von der Liebe zu seiner Mutter. Goethe, Kant, Dürer, Rethel, Bach und Beethoven fanden Worte, Farben und Melodien, um das zu gestalten, was ihre Seele erfüllte. Und viele, viele andere reihen sich ihnen in gleichen frommen Bekenntnissen an. Ganz schlicht schreibt einmal der Dichter Peter Rosegger: „Das Beste in mir, ich habe es von meiner Mutter!" Und ähnlich schreibt Adalbert Stifter: „Das Mutterherz ist der schönste und unverlierbarste Platz des Sohnes, selbst wenn er schon graue Haare trägt." Roch zutreffender, dankbarer, inniger urteilt Novalis, der reinste und reifste, früh verblichene Romantiker: „Wem danken alle Männer beinahe, die etwas Großes für die Menschheit wagten, ihre Kräfte? Keinem als ihrer Mutter!"
Das ist es: Kraft geht von dieser Liebe aus, die stark bleiben läßt in Stunden der Versuchung, die Mut verleiht in Kämpfen und Nöten, die rein erhält inmitten aller Erbärmlichkeit des Alltagslebens Und sie ist lautlos, diese Liebe! Schlicht und still und selbstverständlich geht sie von der Mutter aus fließt uns, fast unbewußt, ins eigene Leben hinein und erfüllt es tiefer und immer, immer tiefer Sie ist so tief im Ewigen verwoben, diese Liebe, daß sie, die Mutter und wir, die Kinder, sie oft erst wahrnehmen, wenn wir sie unmittelbar nicht einmal mehr besitzen. . . , ...
Mutter — ich kriege meine Rechenaufgabe nicht raus'" — „Mutter — ich habe Hunger!" — „Mein Strumpf ist kaputt!" - „Mutter - ich habe mir den ftinaer in der Tür geklemmt, es tut so weh! - Mutter warum bellt der Nero so laut? Wann kommt der Vater nach Hause? Darf ich auf die Straße spielen gehen?" Wer kennt sie nicht aus eiaener Erfahrung oder erinnert sie wenigstens aus sekner Kindheit - alle diese Ausrufe kleiner und doch so wichtiger Sorgen, diese Fragen oft voll Wissensdurst oft voll spielerischer Elnblldungsk^ all diese so bewundernswert hemmungslosen Aeutze- rungen des kindlichen Lebens, des^ Erwachens der jungen Seele? Und immer hat die Mu er eme liebevolle Anwort bereit, immer weiß sie ^u helfen, immer bemüht sie sich, dem Kinde zu öligen, w sehr e- im Mittelpunkt ihres Lebens steht.
Und doch: wie groß, schier überwältigend sind ihre sonstigen Aufgaben! Da ist neben den klemen Fragegeistern sicher noch ein größeres, schon etwas verständigeres Kind, es hängt nicht mehr ganz so fest an Mutters Schürzenzipfel, stellt keine so große dauernde Belastung bar, aber es will auch umsorgt fein es zerreißt Strümpfe, es will essen, dann liegt vielleicht noch ein ganz kleiner Schreihals im Kinderwagen, der fragt zwar noch nicht, aber tutseme oft unersättlichen Wünsche desto unnachsichtiger kund! Eigentlich würde er zu seiner Obhut eine
Oie endgültige Zerstörung der Familie würde das Ende jedes höheren Menschentums bedeuten. So groß die Tätigkeitsbereiche gezogen werden können, so muß doch das letzte Ziel einer wahrhaft organischen und logischen Entwicklung immer wieder in der Bildung der Familie liegen. Sie ist die kleinste, aber die wertwollste Einheit im Aufbau des ganzen Staatsgefüges. Oie Arbeit ehrt die Frau wie den Mann. Oas Kind aber adelt die Mutter. AdoifHitler.
Person ganz allein in Anspruch nehmen, und die Mutter gibt sich auch redlich Mühe, ihm diese ganze Person zu sein ... Aber das finden wieder die älteren sehr ärgerlich!
„Mutter — wirf ihn doch aus dem Fenster! Eine Frau, die sich gerade einen wünscht, wird ihn dann finden und mitnehmen" — dieser entzückend folgerichtige kindlich-unbarmherzige Ausspruch ein/s Vierjährigen zeigt, daß er auf fein Anrecht an die ungeteilte Mutter durchaus nicht zu verzichten bereit ist. Mag ihm dies aber ruhig schwer fallen: gerade diese erste Enttäuschung ist geeignet, den ersten Kern einer kleinen Persönlichkeit, den Keim der Selbständigkeit in diesen Buben zu legen, und unmerklich wächst, was dem Einzelkind später unter bitteren Erfahrungen oder vielleicht überhaupt nicht mehr von der harten Schule des Lebens beigebracht werden kann: die Anpassung an Geschwister, die Rücksichtnahme auf andere.
Die junge Mutter, die inmitten ihrer ungeduldigen Kinderschar nicht allen Wünschen und Nöten zugleich gerecht werden kann, braucht deshalb nicht zu verzagen. Wenn sie nur alle gesund sind — dann ist die frühe Erziehung zur Selbständigkeit und zu Pflichten im Hause das Beste, was sie ihnen fürs Leben mitgeben kann. Das lehrt uns wohl einen Blick aufs Land. Da ist der Bäuerin Tagewerk nicht mit der Hausarbeit und Kinderpflege getan — obwohl bereits diese allein dort schon mehr Kräfte beanspruchen als in der Stadt, denn ihre Wege sind weiter, vielerlei Annehmlichkeiten in Küche und Kammer fehlen. Nun aber heißt es, für Knecht und Magd und Schnitter zu sorgen, die Kühe zu melken, die Hühner zu füttern, Milch, Butter und Eier müssen verwaltet und zum Verkauf bereitgestellt werden, und über alles soll eine sorgsame Buchführung Rechenschaft ablegen. Da muß die Bäuerin wohl manchmal ihre Kinder mit ungeduldiger Hand beiseite schieben, wenn sie mit immer neuen Bitten sie bestürmen. Doch um so verständnisvoller für ihre Pflichten gegenüber
Leben und Berus, um so tüchtiger wachsen sie heran für die harten Ausgaben, die ihrer harren.
Aber gleichviel, wieweit die Mutter in der Lage ist, für jedes einzelne Kind „da zu sein" — immer sinnt sie, wie sie sich noch steigern, die Zeit besser nutzen, ihnen allen mehr geben könnte. Und sie nehmen, ohne viel zu fragen, unbekümmert, oft unzufrieden ... Erst Jahre später, wenn sie im Leben stehen, wohl auch für Zeiten das Elternhaus entbehrt haben oder schon für immer darauf verzichten müssen, begreifen sie, was alles ihnen die Mutter war. Es voll zu umfassen, vermag vielleicht nur die Tochter, die selbst den Kreislauf des Lebens neu beginnt und eigene Kinder zu hegen hat.
In diesen 'Müttern aber ruht nicht nur die Familie: in ihnen wurzelt das Volk. So sind sie nicht nur Mittelpunkt einzelner Gruppen, sondern gemeinsam der Grundstock deutschen Seins.
Und darum ist es recht und billig und schön, der deutschen Mutter eine Stunde der Besinnung und des Dankes zu weihen. Und würdiger kann es nicht geschehen als mit den Worten, die eine deutsche Frau und Dichterin den deutschen Müttern zugeschrieben hat:
Immer tragen sie an ihrem Lieben Wie an einer überschweren Bürde, Als ob das Geliebte fallen würde, Wenn die Arme nicht erhoben blieben.
Immer halten sie das, was sie lieben, In den Schimmer golbner Uebertreibung, Sehen es in zarter Einverleibung Schon auf Gottes weite Stirn geschrieben. Wenn sie nachts in blinden Zimmern stehen. Schütten sie das Licht der stillen Augen In die Träume ihrer Schläfer ein.
Und es gibt für sie nur ein Vergehen: Für den Sinn der Liebe nicht zu taugen, Nicht im Sieben stark wie Gott zu fein!
An meine Mutter.
Von Eduard Mörike.
Siehe, von allen den Liedern nicht eines gilt dir, o Mutter!
Dich zu preisen, o glaub’s, bin ich zu arm uni) zu reich.
Ein noch ungesungenes Lied ruhst du mir im Busen, Keinem vernehmbar sonst, mich nur zu trösten bestimmt,
Wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam
Seines himmlischen Teils bleibenden Frieden bedenkt.
Dürer malt seine Mutter.
Erzählung von Waldemar Güls.
Endlich war die Sonne auf ihrem Frühlingsbogen so hoch gestiegen, daß sie über die hohen Giebel hinweg in die engen Gassen der freien Reichsstadt Nürnberg scheinen konnte. Die hellen Strahlen blinkten durch die Butzenscheiben in die Werkstatt Albrecht Dürers, als sei der 19. März schon der Frühlingsanfang des Jahres 1514.
Im Haufe am Tiergärtnertor war ein Festtag. Die Mutter, die der Meister nach feines ehrwürdigen Vaters Tode vor zwölf Jahren zu sich genommen hatte, feierte ihren 63. Geburtstag. .
Der Meister arbeitete an diesem Tage nicht. Er hätte auch keine Muße zur rechten Kunst gefunden; denn feit frühem Morgen tarnen nacheinander die elf Söhne und Töchter, die von den achtzehn Kindern der Barbara Dürer noch lebten, um der Mutter zu ihrem Geburtstage zu gratulieren.
Am Nachmittag, als die Sonne sich hinter die schlanken Giebel senkte und die letzten Strahlen durch das geräumige Zimmer huschten und hier und dort noch einen hellen Schein auf einen Stich oder auf -ein Gemälde Dürers warfen, verabschiedeten sich die Kinder von der Mutter. Gütig lächelnd saß sie allein ihrem berühmten Sohne, dem Meister Albrecht, gegenüber.
„’s wird wohl das letzte Mal gewesen sein, daß ich euch alle so zusammen sah", sagte Barbara Dürer.
„Warum, Mutter? Willst du sterben? Jage die schwarzen Gedanken fort. Oder fühlst du dich nicht mehr wohl bei mir?"
„Albrecht, das sei ferne. Ich weiß, dir bin ich keine Last. Du hast das Versprechen, das du dem Vater an seinem Totenbette gabst, treu erfüllt und mich wie eine Mutter nach Gottes Wort in Ehren gehalten. Das ist's nicht. Ich möchte heim zu deinem seligen Vater. Ich spure es, mein Ende ist nahe. Ich habe Lust, abzuscheiden, und bei Christus, unserm Herrn, zu sein."
Albrecht Dürer stand von dem Sessel auf und ging zur Mutter. „Gott allein weiß deine Zeit und Stunde, Mutter; hadere nicht mit dem Herrn. Er hat dich von dem harten Krankenbett dieses Winters gesunden lassen, damit du den Frühling und den Sommer sähest und noch nicht stürbest."
Barbara Dürer neigte ein wenig - den Kopf zur Seite und schaute mit ihren klugen blauen Augen den Sohn an. „Albrecht, wenn ich sterbe, gelobe mir, daß du deinen jungen Bruder in Frömmigkeit erziehst. Denn was wir auch sind und tun in dieser Welt, nichts Besseres sei unsere Sorge, als unsre Seele nach dem Tode bei Christo Jesu, unserm Herrn, zu wissen."
Der Meister ergriff der Mutter beide Hände. „Liebste Mutter, ich verspreche es gern. Gott zu Ehren schaffe ich in meiner Kunst; im Leben will ich kein schlechterer Christ sein als im Handwerk."
Da lächelte Barbara Dürer wieder. „Ach, Albrecht, ich habe nie viel von deines Vaters und noch weniger von deiner Kunst verstanden, weshalb dich die Leute einen großen Meister nennen — aber es freut mich eins: daß ich in meiner Kinder Herzen die Demut vor Gott hab pflanzen können."
Albrecht Dürer legte der Mutter die Hände aus den seinen in ihren Schoß. „Heute wirst du mir’s nicht abschlagen, Mutter. Ich konterfeie dich, auch wenn du es abwehrst und meinst, das Bild einer alten Frau sei nichts für meine Kunst. Was mag die Welt einst von dem Maler Albrecht Dürer denken, wenn ich ihr kein Bild von dir malte. Sie wird sagen: Der Dürer konnte noch nicht einmal seine Mutter malen."
Da ließ es Barbara Dürer geschehen, daß ihr berühmter Sohn sie malte. Sie faltete die Hände zum Gebet, während der Sohn auf dem Malerschemel saß und die Kohle leise zeichnend über das Papier führte.
Ohne einen Augenblick des Zögerns, mit nachtwandlerischer Sicherheit setzte er einen Zeichenstrich neben den anderen. Diese Hände führten nie fehl...
Als die Turmuhr mit hellen Glockentönen die fünfte Nachmittagsstunde verkündete, legte der Meister die Kohle zur Seite. „Ich bin fertig, Mutter. Sieh, das ist dein Bild. Hab ich's gut gemacht?" Und er reichte der Mutter das Blatt.
Es zitterte, als es Barbara Dürer in den Händen hielt. Ja, der Albrecht war ein großer Meister; ehrlich und wahr, hatte er nichts hinzugefügt, hatte nichts beschönigt; er wollte nicht, daß die Leute sagen sollten: der Dürer hat seine Mutter anders gemalt, als sie ist, er schämte sich feiner alten


