Nr. 186 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
5amstag,N. August 1934
Wandern und Reisen - Bäder und Sommerfrischen.
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Helgolandfahrt.
Bon ^rih Löwe.
Hamburg im Sommer.
Als ich an den St. Pauli Landungsbrücken an Deck des zur Fahrt pach Helgoland bereit liegenden Dampfers der Hamburg-Amerika-Linie stieg, jagte der Wind die über Hamburg wogenden Nebel auseinander. Die Sonne brach siegreich durch und vergoldete mit ihren Strahlen das wunderbare Hasenbild. Wie Ameisenheere strömten Scharen von Arbeitern nach den Landungsbrücken. Bald befinden wir uns mitten auf dem Strome, passieren die Riesendocks mit ihren Gerippen von Helligen. Aus dem Morgendunst steigen Hamburgs schlanke Türme. Im Hafen tummeln sich Herden von Ewern, Jollen, Motorbooten. Fischerboote gleiten vorbei. Don der Deutschen Werft dringt lautes Hämmern und Dröhnen. Brunsbüttel mit der Einfahrt zum Kaifer-Wil- helm-Kanal wird passiert. Bon See weht eine angenehme Brise. Gegen 1 Uhr sind wir bereits in Cuxhaven. Nach wenigen Minuten geht es mit Volldampf hinaus auf die lockende Nordsee.
Schmeichelnd umkosen die grünen Wogen das schone Schiff. Wenn sie am Buae zerschellen, überschütten sie ihn mit Millionen glänzender Smaragde und Edelsteine. Auf den Wogen tanzen die Elbfeuer- schiffe. Dumpfe Signale von See zeigen die Ankunft in die Elbe einlaufender Dampfer an. Noch grüßt eine Zeitlang der Leuchtturm der Insel Neuwerk. Dann befinden wir uns mitten auf der Nordsee. Die Sonne wirft ihre Feuer auf die grünen Wogen, zaubert auf sie eine schimmernde Straße, auf der unser Schiff still dahin zieht.
Plötzlich taucht wie ein lichter Frühlingstraum die Felsenfeste Helgoland empor. Umspült von tiefgrünen Wogen, die roten Felsen, erglühend im strahlenden Sonnenlicht, ein Märchen. Die Anker rasseln in die Tiefe. Schon tauchen in ihren Motorbooten die wettergebräunten Gestalten der Helgoländer Schiffer auf. Kurz darauf sitze ich im Fenster meines gemütlichen, blitzsauberen Zimmers am F a l m, der am Rande des Felsens hinlaufenden Hauptstraße des Oberlandes, lieber die kleinen I Fischerhäuschen des Unterlandes und die weiße Düne überblicke ich die schäumenden, ei na über überstürzenden Wogen der Nordsee.
Gewitterstimmung lag über der Insel, als ich! die Wanderung um das Felsenplateau begann. Der Seewind jagt spielend weiße Wolken wie Riesenballons vor sich her, ballt sie zu dräuenden Gewöl- ken, zu phantastischen Gebilden. Tiefer Frieden ringsum. Kein Mensch weit und breit. Auf grünen Wiesen weiden große Schafe. Aus der Ferne klingt die Glocke des Kirchleins, vereinigt sich mit dem Murmeln der See und hem Brausen des Seewindes zu einer friedvollen Meeressymphonie. Lange fitze ich auf der Bank am Rande einer steil ins Meer abfallenden Plattform. Links und rechts schieben sich zerrissene, rote Felsenmassen vor. Die untergehende Sonne zaubert einen blitzenden Steg von der Insel zum dunkelnden Horizont. Eine erfrischende Brise weht vom Meere. Schmeichelnd umarmen die grünen Wogen das rote Eiland. Ihr leises Plätschern klingt zu mir hinauf. Ringsum stürzen die vom Meere zerfressenen Felsen jäh ab. Ihre glutroten Trümmer umspielt die See.
So gelange ich zum Lummenfelsen. Schwarzweiße Summen, eine Art von Taucherenten, umflattern ihn krächzend, nisten brütend in den steilen Felsen. Ihre Flügel blitzen in der Sonne. Ihr wildes Gekreisch mischt sich mit der Brandung der See. Am Horizont dämmert ein zarter, rosa Schimmer. Die blaugrüne Fläche der Nordsee leuchtet weit hin. Eine blutrote Scheibe neigt sich die Sonne dem Meere entgegen. Einen Augenblick ist es windstill. Dann bricht der Sturm mit neuer Gewalt los. Schäumend schlägt die weiße Gischt an die rotglühenden Felsen. Ringsum rauschen die Wogen der Nordsee. Das Meer leuchtet jetzt blau, ins tief-grüne spielend. Die Sonne ist in blutroten Wogen verschwunden.
Dunkle Gewitterwolken fliegen über das Eiland. Als ich die ersten Häuschen erreiche, zucken aus dem Gewölk vereinzelte Blitze. Aus dem nahen Lokal „Nordseeluft" klingt lustige Musik. Die Iu-
fträuben. Seegeschichten vom Klabautermann und
Namenlosen'
Die Nordseewogen rau-
Wol-
unken-
Wanderfahrten
Großfeuer durch Blitzschlag.
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entnommen, darauf die pittoresken Häuschen, die Kirche und der Leuchtturm. Steil stürzen die Fel-
aus den i Gehen und Kommen. Im Ober- und Unterlande
Der Stimmschein für die Reise
lsi am Tage der Volksabstimmung, am 19. August, ebenso wichtig wie die Fahrkarte! 7Mt diesem Stimmschein kann man überall zur Wahlurne gehen! Wer am 19. August verreisen will, läßt sich den Stimmschein schon jetzt von seiner Heimatbehörde ausstellen, wer sich bereits in Urlaub befindet, veranlaßt die umgehende Zusendung des Slimmscheines. Diese Sicherung des Stimmrechts
darf nicht vergessen werden!
„Slirnrn mien moderten, slim mien moderten, Js mien moderten noch so stimm . . .
(Schlimm ist mein Mütterchen, schlimm ist mein
Mütterchen, Ist mein Mütterchen noch so schlimm, geh ich doch szum Tanze hin."
dem Fliegenden Holländer wechseln mit Erzählungen von Strandungen und Schilderungen von Begegnungen mit der Sekschlange.
Ich trete hinaus in den tiefen Friede der Nacht. An der Landungsbrücke brechen sich brandend die Wogen. Der Sturm heult in allen Tonarten. Aus der Ferne blinken die Leuchtfeuer. Vom Oberlande grüßen die hellerleuchteten Häuschen. Als ich die
ten die Schiffslaternen im Hafen. In der Ferne erglühen die Feuerzeichen der Elbfeuerschiffe. Im Süden blinkt das Leuchtfeuer von Wangerooge. Weiterhin das feste weiße Feuer des Rotenfauo- Leuchtturms. Heber der Nordspitze der Düne erblickt man das weiße Feuer des E.iderfeuerschiffes. Bei klarem Wetter kann man sogar das 32 Seemeilen entfernte Feuer von Amrum und das Leuchtfeuer von Hörnum sehen. Die Lichtwogen des Helgoländer Leuchtturmes huschen über die dunkle See, erhellen sekundenlang die weiße Düne.
In der Ferne, zwischen Elbe- und Wesermündung, zuckt Blitz auf Blitz. An der Küste geht ein schweres Wetter nieder. Bald steht die schwarze Wand in hellem Feuer. Dann wieder wird die Nacht noch im Zickzack herabfahrenden Blitzen grell beleuchtet. Seewind und plätschernde Wogen singen mir das Schlummerlied.
Am Morgen weckte mich strahlender Sonnenschein. Wenige Minuten später eile ich die große Treppe zum Unterlande herab, springe an der Brüpe in ein soeben abstoßendes nach der Düne fahrendes Segelboot. Wir gleiten hinaus in die sonnenübergossene See. Nach märchenhaft schöner Fahrt durch die smaragdfarbenen Fluten knirscht der Kiel auf dem Sande. Ich gehe die Düne bis zur äußersten Spitze entlang. Von beiden Seiten umbrandet mich die Nordsee. Spielend werfen mir Schaumwogen blankgeschliffene Steine, seltene Muscheln vor die Füße. Dann liege ich im Sande, lasse mich von der Sonne rösten, vom Winde kühlen. Die Düne hat den idealsten Badestrand, den man sich denken kann. An der Nordseite lebhaften Wellenschlag, kühlende Winde, an der Südseite glatte See bei oft völliger Windstille.
Amöneburg. Von der mit einer schönen Kirche überragten Ruine bietet sich eine großartige Rundsicht über das Ohmtal bis zu den Höhen des Taunus, Westerwalds, Vogelsbergs und der Rhön. Auf der Nordseite des Basaltkegels absteigend gelangen wir alsbald nach unserem Endziel Kirchhain. Gesamtdauer der Wanderung etwa fünf Stunden.
Göbelnrod — Wirberg — Winnerod — Bersrod — Großen-Buseck.
Don der Station Göbelnrod durchschreiten wir den Ort und folgen blauen Dreiecken, die uns auf hübschem Weg hinauf zum Kirchspiel Wirberg — 310 Meter hoch — bringen. Von dem ehemaligen Kloster, das im Dreißigjährigen Kriege zerstört wurde, und von dem noch Reste der Umfassungsmauern vorhanden sind, haben wir eine weite Fernsicht. Unser Zeichen führt uns hinab durch das Dörfchen Bollnbach und hierauf durch prächtigen Waldbestand auf einsamen Wegen nach Winnerod, wo wir das alte efeuumrankte Kirchlein bewundern und sodann auf guter Landstraße nach Bersrod. Hier verlassen wir unser seitheriges Zeichen und folgen blauen Punkten, die uns zumeist durch Wald nach unserem Endziel Großen-Buseck leiten, das wir nach insgesamt vierstündiger Wanderung erreichen.
alle Läden bis zum späten Abend hell erleuchtet.
Aus den Lokalen bringt Musik. Ich gehe meinen Freunden, den alten Schiffern im „Fährhaus", der gemütlichen Alt-Helgoländer Fischerkneipe, Lebewohl zu sagen. Da sitzen sie bei ihrer „Welle", dem beliebten Helgoländer Nationalgetränk, einem Weingrog, der aus sehr wenig Wasser, etwas Rotwein, aber recht viel Arrak, nebst reichlich Zucker
die Nachrichten mit fernen unsichtbaren Schiffen tauschen. Mit dem Motorboot fahre ich nach Helgo- land zurück, während aus schwarzen Wänden flammende Blitze herabzucken.
Schnell lacht die Sonne wieder. Vor dem Kurhause sitzend atme ich in vollen Zügen die frische Seeluft. Helgoland, heiliges Land, gefegnete Stätte der Gesundheit und der Lebensfreude! Mir erscheint der aus der salzigen Flut ragende grünrotweiße Felsen wie ein Riesenschiff von ungeheuren Dimensionen, das mitten in der Nordsee fest verankert liegt. Der Aufenthalt auf ihm bringt alle klima- tifchen und sonstigen Vorteile einer Seereise, während man von der Kehrseite der Medaille, Seekrankheit, Beschränkung der Bewegungsfreiheit usw. verschont bleibt. In der Tat, die Gesundheitsverhältnisse auf Helogland find infolge des vortrefflichen Klimas die denkbar günstigsten. Die meisten Inselbewohner ereichen ein hohes Alter. Manchen 70er und 80er findet man unter den Fischern, die noch rüstig mitarbeiten. Reinere Luft wie auf dem meerumwogten Helgoland gibt es wohl in der ganzen Welt nicht mehr. Hier muß man gesund werden. Gesundheit und Lebensmut kehrt in der kräftigen Seeluft bald wieder und mit ihm das Gefühl vollkommensten seelischen und körperlichen Wohlbefindens.
Noch einmal durchwandere ich abends abschiednehmend die stillen Straßen. Im Oberland an der Mauer des Falms stehen die alten Fischer und „kieken" mit dem Fernglas nad) dem Horizont. In den engen Gäßchen die kleinen typischen Giebel- Fischerhäuschen. In jedem Fenster Blumen von seltener Farbenpracht. Fische hängen zum Trocknen auf Leinen. Auf der großen Treppe ein lebhaftes
gend ergötzt sich an dem Helogländer Nationaltanz, l Gegenüber steigt das stolze Felseneiland dessen Worte lauten: Wogen. Wie einer Nürnberger Spielzeugschachtel
Burg- und Nieder-Gemünden — Homberg — Schweinsberg — Amöneburg — Kirchhain.
Diese Wanderstrecke ist, da sie wenig Schatten bietet, mehr für die kühlere Jahreszeit geeignet; sie kann jedoch auch durch die Nebenbahn wesentlich gekürzt werden. — Von der Station Burg- und Nieder-Gemünden wandern wir auf guter Landstraße am Ufer der Ohm entlang, vorbei am Hofgut Wäldershausen hinauf zu dem auf einer mächtigen Bergkuppe liegenden, von einer gotischen Kirche gekrönten Homberg. Homberg bietet noch eine Reihe altertümlicher Sehenswürdigkeiten, so die teilweise wohlerhaltenen Ringmauern mit einem Wehrturm, das alte Rathaus, die Stadtkirche, den Schloßberg mit gewaltigen Ringmauern usw. Sana entzückend ist die Aussicht in das Ohmtal, auf Amöneburg, Ulrichstein und die Höhen des Vogelsbergs. Von Homberg gehen wir blauen Dreiecken nach über Ober- und Rieder-Ofleiden nach Schweinsberg, das noch eine Anzahl prächtiger Fachwerkshäuser besitzt und von einem schönen Schloß überragt ist. Von hier erreichen wir über Rüdigheim und die Brucker- mühle (im Hofe eine Steinpyramide zur Erinnerung an den Friedensschluß des Siebenjährigen Krieges) das auf mächtigem Basaltkegel sich erhebende
sen in die Nordsee. Donnernd werfen sich die Wo- I gen auf die Düne. Wie sie einander überstürzend ' anrollen, überschüttet sie die Sonne freigebig mit i funkelndem Geschmeide.
I In der Nähe schlummern die „Namenlosen", die
Treppe emporsteige, verneigen sich wie abschiednehmend die Aeste der hohen Bäume. Der Nachtwind flüstert mir „auf baldiges Wiedersehen" zu.
An einem lachenden Sonntagmorgen fuhr ich zurück. Die Insel hatte ihr schönstes Festkleid angelegt. Unter fröhlichen Zurufen der Zurückbleibenden ging das Einbooten von statten.
Noch einmal grüßt abschiednehmend von dunkelgrünen Wogen umspült die rote Felsenfeste, als unser Schiff von schäumenden Wellenrossen verfolgt wendet und auf die hohe See hinaus gleitet. Helgoland verschwindet. Bald ist es nur noch ein kleiner Punkt am feinen Horizont. Wir passieren das Elbfeuerschiff. Das Meer wird belebter. Von allen Seiten streben große Dampfer der Eldmündung zu. Dann geht es in großem Bogen nach Cuxhaven hinein. Die „alte Liebe" ist voll von jubelnden Menschen. Wohin das Auge blickt, tauchen immer neue Dampfer auf. Schon begleitet uns die grüne Küste. Der Süllberg grüßt zu uns hinab.
Aus tiefem Grün lugen weihe Dillen, die Ruhesitze der Hamburger Großkaufleute. Glühender Rotdorn, blauer Flieder, üppiger Goldlack in den Gär- ten, eine berauschende Farbensymphonie! Die Schiffswerfte ragen auf. Bald liegen wir wieder an der Landungsbrücke von St. Pauli.
Vorbei die schöne Helgolandfahrt! Aber die Erinnerung an das rote Felseneiland, von Sonnen- licht umgossen, von grüner Flut umspült, von sal- zigen Seewinden umschmeichelt, wird immer in mir leben. —
LPD. Erbach, 10. Aug. Bei dem gestrigen schweren Gewitter schlug der Blitz hier in den G e m e i n d e ft i e r st a l l, der bald eingeäschert war. Durch den starken Wind griff das Feuer auch auf das anliegende Anwesen des Landwirtes Heinrich K e tz t e r über, das ebenfalls m i t Scheune und Stall ein Raub der Flammen wurde. Bei dem Brand gingen fast die getarnten Erntevorräte und das Mobilar verloren. Le- diglich das Vieh konnte gerettet werden.
Dicht dabei haben sich auf dem kleinen Friedhof > -v* w .............. , — , r;r , ■ q..ry „
all' die Helgoländer Geschlechter zur letzten Ruhe die See an die Düne gespült, die barm^r^e (
begeben, die sich einst zu denselben Klängen im Hände hier zur letzten Ruhe gebettet haben. Lange mulch ^'^inander und „Finnen ihr Garn Tanze geschwungen. ! stehe ich sinnend in dem kleinen Friedhöfe. Sie! daß sich der Landratte vor Entsetzen die Haare
Ergriffen stehe ich vor dem Häuschen, in dem der fanden ihren Frieden hier, die
Dichter Hoffmann von Fallersleben am schlummern wohl ruhiger, wie die von der Groß- 26. August 1841 das Gedicht „Deutschland, Deutsch- stadt umbrandeten Toten. D" ----:------
land, über alles", niedersch ieb. i scheu ihnen das Schlummerlied.
Tiefes Dunkel liegt über der Nordsee, als ich von! Dumpfes Grollen aus der Ferne kündete,„daß der Falm Ausblick halte. Aus schwarzer Nacht1 neue Gewitter im Anzuge waren. Schwarze leuchtet das rote Licht der Hafenboje. Vor der Düne' Een ballen sich über der See. Aus der Fi warnen helle Lichter. Gleich Glühwürmchen leuch-; ftntion zucken tanzende Flämmchen, Morsezeichen,
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