erst in der japanischen Politik keinen entscheidenden Raum zu füllen, vielmehr werden, wie die Ereignisse seit 1914 beweisen, alle diejenigen Mittel zum Einsatz gebracht, die der Stabilisierung der japanischen Vorherrschaft nach der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Seite hin dienen können.
Es ist deshalb eine müßige Frage, wann und wo die ersten Zusammenstöße mit Rußland, England oder den Vereinigten Staaten erfolgen werden. Abgesehen von vielfachen militärischen Gründen, die gegen eine gewaltsame Austragung der vorhandenen Gegensätze sprechen, ist Japan zweifellos an einem friedlich-schiedlichen Ausgleich gelegen, sofern „den natürlichen Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung des japanischen Volkes keine Hindernisse in den Weg gelegt werden". Diese politische Grundformel ist wiederholt durch japanische amtliche Stellen in Tokio, Washington, London, Berlin, Peiping und Paris erläutert worden, und man darf folgende Einzelforderungen festhalten:
1. Japan verlangt Rüstungsgleichheit ohne jede Einschränkung.
2. Japan wird den Grundsatz der offenen Türe im Fernen Osten anerkennen, sofern keine gegen Japan gerichteten wirtschaftlichen oder militärischen Maßnahmen (gemeint ist hier China und die russisch-japanisch-chinesische Grenze) vorbereitet werden.
3. Jovan erwartet GleichberechUgimg in der Ne- gelung aller internationalen Wirtschastsira^en, unter besonderer Betonung der Niederlassungs- frage.
In allen diesen Punkten hat die japanische Negierung mitunter eine starke Empfindlichkeit gezeigt, die in offiziellen Erklärungen fühlbar wurde. Das mag durch die Mentalität eines in der internationalen Politik erst Heranwachsenden Volkes zu erklären sein, das überall Hindernisse sieht. Es spielt aber auch das Bedürfnis eine wichtige Rolle, den großen Gegenspielern äußerste Entschlossenheit zu dokumentieren, um die Unnachgiebigkeit der japanischen Politik ausdrücklich zu unterstreichen. Es wird also alles davon abhängen, wie sich der wachsende japanische Einfluß in den gegnerischen „Altbesitz" einspielt, welche Methoden Japan zur Anwendung bringt und wie weit man auf der Gegenseite Entgegenkommen zeigen will, ohne lebenswichtige Interessen zu gefährden. Dabei hat die Geschichte mehr als ein Beispiel aufzuweisen, daß fast unlösbar scheinende Gegensätze friedlich aus- getragen wurden, während nebensächliche Dinge urplötzlich die Gewehre frei machten. Es empfiehlt sich also nicht, das Barometer im Fernen Osten durch künstliche Drehungen auf seine prophetischen Gaben hin zu prüfen. Man wird vielmehr die Wetterveränderungen auch in der Politik durch ständige Beobachtung feststellen und entsprechende Vorsorge treffen müssen.
Ehrung ber„Niobe"-Opfer.
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Ein Ehrenmal für die Besatzung des Segelschulschiffes „Niobe", das vor zwei Jahren im Fehmarn-Belt in die Tiefe sank, wurde in der Garnison-Kirche zu Wilhelmshaven geschaffen. Das Ehrenmal stellt einen trotzig aufgereckten Matrosen dar, der vor dem natürlichen Hintergrund eines Segels auf einer Planke steht. Diese trägt die Aufschrift: „Sie kämpften, sie starben, sie leben!"
Die Erschossenen von Flirey.
Wie das Standrecht während des Weltkrieges in Frankreich gehandhabt wurde.
Don uoferem Dr. K 3 -Berichterstatter in Paris.
Von der französischen Oeffentlichkeit sind in den letzten Wochen eine Reihe von Kriegsgerichts- verfahren aus den Jahren 1914 bis 1918, die mit der Erschießung der Angeklagten geendet hatten, wieder ins Gedächtnis zurück- gerufen worden. Einige Urteile sind nachträglich angefochten worden, und verschiedenen Anträgen auf Wiederaufnahme des Verfahrens wurde stattgegeben. Die einzelnen Fälle zeigen, daß die französische Militärbehörde während des Krieges mit rücksichtsloser Strenge gegen jede Disziplmverletzung vorgegangen ist. Zweifellos mit Recht; denn Meuterer gehören erschossen, wenngleich die Pariser Zeitungen neuerdings in staunenswerter Rechtsakrobatik derartige Sühnen als „Mord" hinzustellen versuchen. Es gibt aber auch Fälle, die damals mit so offenbarer Willkür abgeurteilt worden sind, daß die Franzosen sich lieber um den Balken in ihrem eigenen Auge kümmern sollten, ehe sie nach dem Splitter in dem Auge ihres Nachbarn suchen.
Vor uns liegt der Bericht eines alten Front- kämpfers, Ritters der Ehrenlegion und mehrerer Kriegsauszeichnungen, über die Erschießungen von Flirey, denen er als Augenzeuge Oeigewohnt hat. Damals hatte- sich eine Kompanie, die seit Tagen immerfort angegriffen und im chwersten Feuer gelegen hatte, geweigert, von neuem zum Angriff vorzugehen. Aus der meutern - den Kompanie — wenn man diesen harten Ausdruck hier anwenden darf — wurden willkürlich vier Soldaten und ein Korporal herausgegriffen und vor ein Kriegsgericht gestellt. Die Vernehmung des Korporals mit Dem Namen Morange spielte ich folgendermaßen ab: Der Vorsitzende fragte ihn: „Sie sind trotz des Befehls nicht aus dem Schützen- graben herausgegangen?" — „Nein, Herr Major!" — „Sie sind mit Willen nicht herausgegangen?" — „Jawohl, Herr Major!" „Warum nicht?" — „Weil andere an der Reihe waren!" Der 23er» teibiger, Hauptmann Minot, schilderte kurz die betreffende Gefechtslage. Daß die Leute in nutzlose Angriffe gehetzt wurden und daß sie durch die dauernden Fehlschläge entmutigt waren.
Es folgte die Vernehmung des ersten Soldaten, eines einfachen Bauernsohnes. Der Verteidiger vernimmt ihn mit Zustimmung des Obersten, um aus dem völlig verstörten Angeklagten brauchbare Ansagen herauszubekommen. „Wolltest du aus dem Schützengraben herausgehen?" — „Jawohl, Herr Hauptmann!" — „Bist du auf die Leiter ge- fliegen?" — „Jawohl, Herr Hauptmann!" — „Bis oben hin?" — „Jawohl, ich habe den Fuß auf den Rand des Schützengrabens gefetzt!" — „Und dann?" „Da niemand den Graben verließ, bin ich wieder
hinuntergestiegen!" Die übrigen drei Angeklagten beschränken sich darauf, ihre Vaterlandsliebe zu be- fräftigen und auf ihre bisherige makellose Führung hinzuweisen. Der Verteidiger stellt daraufhin fest, daß diese fünf jedenfalls nicht zu den Schuldigen gehören und beantragt Vertagung. Das Gericht schließt sich dem Antrag des Hauptmanns Minot an.
Am nächsten Morgen nimmt der Regiments- fommanbeur ben Hauptmann Minot beiseite: „Heute morgen!" — „Was benn?" — „Die von Flirey werben erschossen!" — „Aber bas ist boch unmöglich!" — „Still?" — „Aber, Herr Oberst, es ist boch noch gar kein Urteil ergangen!" — „Mein Adjutant wirb es gleich ausstellen!" Wenige Minuten später wirb das Urteil ben Angeklagten verlesen. Vier find zum Tobe verurteilt, ber Bauernsohn ist freigesprochen. Dieser umarmt ben Hauptmann Minot wie ein Wilber unb rennt bann querfelbein bavon. Man hat ihn niemals roieber» gesehen. Die anderen sind sehr niedergeschlagen unb stammeln bie Namen ihrer Mütter, Frauen unb Kinder.
Es ist halb soweit. Der junge Baudry sitzt neben bem Hauptmann Minot unb meint. Fon- t a n a u b verlangt nach bem Priester. P r e b o st sagt vor sich hin: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich habe immer meine Pflicht getan!" Dann geht es auf ben Richtplatz. Zur Exekution ist ein Truppenteil aus ber Etappe herbeibeorbert. Die Verurteilten müssen nieberfnien. Ihnen werben bie Augen oerbunben. Baubry reifet sich bie Binbe ab unb ruft: „Kameraben, schießt mitten aufs Herz! Ihr sollt sehen, wie ein Franzose stirbt!" Der Korporal Morange hält über seinem Haupte bie Photographie von seiner Frau unb seinen Kinbern. Dann kracht bie Salve, unb bie vier Körper sinken in sich zusammen. Aus ben Reihen bes angetretenen Regiments, zu bem bie befchul- bigte Kompanie gehört, schallen brohenbe Rufe herüber: „Mörber! Gemeine Mörber!"
Nach ber Exekution liefe ber mit ber Untersuchung beauftragte Oberst bie Kompanie nochmals antreten unb stellte, um seine Aufgabe abzuschlie- feen, folgenbe Frage: „Ist jemand unter euch, der noch mehr Schuld hat, als die Erschossenen?" Unter ben Solbaten erhob sich ein empörtes Murren unb bann antworteten einige unwillig: „Wir haben uns gegen biese Ungerechtigkeit geroanbt, weil wir alle bieselbe Verantwortung tragen. Sie haben ja Ihre Opfer selbst ausgewählt!" Damit war ber Fall ber Erschießung von Flirey erlebigt. Bis auf ben heutigen Tag, wo er von neuem bie französische Oeffentlichkeit bewegt.
Die Schicksalsschlacht bei Tannenberg.
Genie gegen Masse. — Rätsel und Wunder. — Spieler und Gegenspieler.
Don Alfred H. Troß.
Die wiederhergestellte Gteuerkrafi
Don unserem volkswirtschaftlichen Mitarbeiter.
Es war bie verhängnisvollste Folge ber Steuerpolitik des alten Systems, daß die übermäßige Anziehung ber Steuerschraube bie Steuerkrast bes deutschen Volkes in empfindlichster Weise schwächte. Die Folge davon war, daß selbst die übersteigerte Steuerbelastung keine ausreichenden Mehrerträge mehr brachte, daß vielmehr das <5teuerauffommeu in bedenklicher Weise zusammenschrumpfte Der Nationalsozialismus hat nach der Machtergreifung sofort begonnen, das Ruder der Steuerpolitik herumzuwerfen. Er hat alles getan, was möglich war, um durch einen Abbau übermäßiger Steuerbelastungen und eine gleichzeitige innere Stärkung der Wirtschaft diese zunächst einmal wieder steuerkräftiger zu machen. Das ist in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen. Die meisten Steuern sind heute bereits wieder sehr viel einträglicher, als im vorigen Jahre, und trotz der durchgeführten Steuerermäßigungen ist das Gesamtaufkommen an Reichssteuern in ständigem Steigen begriffen, während cs früher von Monat zu Monat zurückging.
Die jetzt vorliegende Uebersicht des Reichsfinanzministeriums über die Einnahme des Reiches aus Steuern, Zöllen und Abgaben im ersten Viertel des Rechnungsjahres 1934 / 35 zeigt, daß sich das Steueraufkommen jetzt in erfreulichem Aufstiege befindet. Es betrug im Monat Juni, wenn man Besitz- und Verkehrssteuern, Zölle und Verbrauchsabgaben zusammenzählt, insgesamt 7101 Millionen Mark. Das sind 106,4 Millionen Mark mehr als im Juni 1933 vereinnahmt worden waren. In dem Vierteljahr vom 1. April bis zum 30. Juni d. I. betrug das Gesamtsteueraufkommen 1885,2 Millionen Mark gegenüber 1617,8 Millionen Mark in dem entsprechenden Zeitabschnit des Vorjahres: 267,4 Millionen Mark hat also das Reich trotz aller Steuerermäßigungen mehr als in der gleichen Zeit des Jahres 1933 vereinnahmt.
Einen besonders wichtigen Maßstab der wirtschaftlichen Entwicklung bilden die Veränderungen des Aufkommens der Besitz - und Verkehrssteuern. Es betrug im Juni d. I. 183,6 Millionen Mark, das find rund 23 Millionen Mark mehr als im Juni 1933 vereinnahmt worden waren. Das Aufkommen aus der Lohnsteuer war infolge der besseren Beschäftigung der deutschen Wirtschaft um 6,5 Millionen Mark höher als im gleichen Vorjahrsmonat. Das ist um so bemerkenswerter, als in der Zwischenzeit eine Reihe von Maßnahmen durch- aesührt worden ist, die zu einer Minderung des Lohnsteueraufkommens führen mußten. So ist z B. den Steuerpflichtigen, die Hausgehilfinnen beschäftigen, die gleiche Steuerermäßigung zugebilligt worden, die bisher für minderjährige Kinder gewährt wurde. Diese Erleichterung, die die Beschäftigung von Hausgehilfinnen fördern soll, verursacht einen Lohnsteuerausfall von monatlich etwa 3 Millionen Mark. Ferner ist der Ledigenzuschlag durch die Ehestandshilfe ersetzt worden, deren Auskommen in dem der Lohnsteuer nicht mehr enthalten ist. Genaue Berechnungen ergeben, daß ohne diese Maßnahmen das Aufkommen der Lohnsteuer noch um etwa 4,2 Millionen Mark monatlich größer fein würde, und daß dann das Juniauskommen des gleichen Vorjahrsmonats um 10,7 Millionen Mark überstiegen hätte Das entspricht einem jährlichen Mehraufkommen der Lohnsteuer von rund 131 Mil
lionen Mark. Die veranlagte Einkommensteuer hat gleichfalls im Juni 1934 einen um 15,2 Millionen Mark höheren Ertrag gebracht als der Juni 1933, und ebenso ist der Ertrag des Steuerabzuges vom Kavitalertrag um 1,3 Millionen Mark größer gewesen.
Von den übrigen wichtigeren Steuern hat — immer verglichen mit dem entsprechenden Vorjahrsmonat — die Umsatzsteuer ein um 21,1 Millionen Mark höheres Aufkommen ergeben, obwohl in der Zwischenzeit die Umsatzsteuer der Landwirtschaft von 2 auf 1 Prozent herabgesetzt worden ist. Dagegen brachte die Kraftfahrzeugsteuer einen um 8,3 Millionen Mark geringeren Ertrag, weil die Steuerablösung vieler Altwagen und die Steuerbefreiung der erstmalig zugelassenen Personenwagen naturgemäß einen Steuerausfall Hervorrufen mußten. Ferner betrug das Mehraufkommen aus der Körperschaft«, [teuer 14,9 Millionen Mark, das aus der Wech- felfteuer 3,3 Millionen Mark, das aus der Beför- berungsfteuer 2,7 Millionen Mark. Die Reichsfluchtsteuer erbrachte Mehreinnahmen von 12,7 Millionen Mark. Das Aufkommen aus Zöllen war um 13,9 Millionen Mark höher. Von den Verbrauchssteuern brachten insbesondere die Zuckersteuer, die Biersteuer und das Spiritusmonopol nennenswerte Mehrerträge. Die erst in diesem Jahre eingeführte Reichsschlachtsteuer ergab im Juni Einnahmen von 18,9 Millionen Mark.
Im ersten Vierteljahr des Rechnungsjahres 1934/35 war das Aufkommen an Besitz- und Verkehrssteuern um rund 150, das an Zöllen und Verbrauchsabgaben um 117 Millionen Mark größer als in dem entsprechenden Vierteljahr 1933. Bei gleichbleibender Entwicklung würde sich also schon ein jährlicher Mehrertrag von erheblich über einer Milliarde Mark ergeben.
Die neue Steuerpolitik, deren Grundprinzip darin besteht, die Wirtschaft möglichst schonend zu behandeln, damit sie zunächst einmal wieder steuer- kräftig und tragfähig wird, hat sich also in jeder Hinsicht bewährt.
Das neue Abzeichen des Deutschen Roten Kreuzes, das für alle aktiven Mitglieder der Freiwilligen Sanitätskolonnen vom Roten Kreuz geschaffen wurde.
(Urheberrecht: Dammert-Presfedienste, Berlin W 35) 4 Fortsetzung.
Das große Rätsel.
Die Deutschen kämpfen sich unentwegt vor, sie nehmen Usdau, sie umfangen immer fester die Armee Samsonow, haben sie schon im Norden und im Süden umfaßt. Hier, bei Usbau, aüerbings trifft eine Alarmnachricht ein:
Ein Flieger melbet, bafe bie Armee Rennenkampf ben Vormarsch angetreten habe. Das bebeutet. Rennenkampf fällt der deutschen Armee in den Rücken, schneidet ihr die Verbindungen zur Etappe ab, packt sie wohl gar in ber Flanke an unb rollt sie auf.
Bange Stunden.
Eine zweite FUegermelbung widerruft bie erste —: nein, Rennenkampf rührt sich nicht!
Und dieses Rätsel peinigt die deucsche Führung ast mehr, als die Gewißheit eines Angriffs cs tun würde Man versteht Rennenkampf nicht, bet nur bünne deutsche Truppenschleier vor sich hat, aus bem Süben her schon bie Geschütze ber Rtesen- chlacht gegen Samsonow hören, ber burch Funk- prüche von ben schweren Kämpfen benachrichtigt sein muh — unb dennoch nicht bar an ben ft, in bie Schlacht einzugreifen
Warum marschiert er nicht?!
Dies Rätsel ist nie gelöst worben, Rennenkampf, ben später bie Bolschewiken am Schwarzen Meer erschlugen, hat bas Geheimnis mit sich ins Grab genommen. War er bestochen? Ließ er aus altem Haß heraus Samsonow im Stich unb jagte ihn so in ben Tod?l
Wir wissen es noch heute nicht. Jebenfalls ist er es gewesen ber burch seine Untätigkeit Samsonows unb seiner Armee Untergang mit verschuldete unb hier schon sein eigenes Verberben bei ben Masurischen Seen vorbereitete.
3« der Falle.
Mehr und gelingt die große U mf lamme- r u n g. Hie und da brechen die Russen durch — ein Gegenangriff wirst sie sofort zurück. Wohin sich bie einzelnen Divisionen auch roenben —: überall ber Feinb, überall bie Deutschen! Sie stehen im Narben, sie stehen im Westen, sie stehen im Süben, sie tauchen, die Falle zu schließen, schon im Osten auf .. .
Unmöglich, all die Einzelleistungen, all die Einzel- verschiebungen der deutschen Verbände aufzuzeigen — das ist die Aufgabe eines Generalstabswerks. Solchermaßen aber spiegelten sich die letzten entscheidenden Tage der Schicksalsschlacht bei Tannenberg im Erleben eines Berliner Landwehrmannes, der als wahrhaft klassischer Zeuge noch heute zu erzählen weiß:
Wir marschierten am 26. August in unsere (Stellung über den historischen Boden von Tannenberg hinweg. Ein leiser Schauer überlief uns, als wir längs der Straße achtzehn schwere Feldhaubitzen in der Erde eingegraben fanden. Es war das Zentrum, der Schwerpunkt unserer Stellung. Das Regiment erhielt Befehl, bis Seewalde vorzurücken und sich an die Landwehr-Regimenter anzulehnen, wie überhaupt fast nurLandwehr gerade hier gekämpft hat
Um zehneinhalb Uhr begrüßt der General feine Landwehr. Um die gleiche Zeit beginnt unsere schwere Artillerie den großen Kampf gegen die russische Kerntruppe des Generals Samsonow. Die Russen waren bis Mühlen vorgedrungen Weiter
durften sie nicht kommen! Unheimlich war das Geheul der Haubitzen. Hu—i—ch—sch—ach, so traten sie ihre Luftreise über unsere Köpfe hinweg an und trugen Entsetzen unb Tob in bie russischen Linien unb Kolonnen. Der Vormarsch stockte. Die Russen entwickelten eine breite Front gegeen unsere Stellung, unb ber Jnfanteriekampf begann. Wir lagen noch zur Bebeckung ber schweren Artillerie hinter der Front der Infanterie und kamen am 26. noch nicht ins Gefecht.
Rechts von uns waren die Russen in einem dichten Tannenwald bis an unsere Stellung vorgedrungen. Unsere schwere Artillerie wirkte sowohl physisch wie moralisch Wunder. Nach wenigen Schuß waren wir gegen den Wald vorgeschickt worden. Er war verlassen. Der Rand glich einem Lumpenkeller. Alles, was sie besessen hatten: Mäntel, Kochgeschirre, Hemden, Hosen, Eßoorräte, Gewehre, Stiefel und anderes mehr hatten sie im Stich gelassen und waren geflüchtet. Die Einschläge der Haubitzengeschosse hinterließen ein Loch, in das eine normale Wohnstube hätte hineingesetzt werden können. In eine Gruppe hatte ein Geschoß feinen Weg gefunden, mindestens elf Mann haben hier ihr Leben lassen müssen — Der Feind war zum Stehen gebracht!
Lieber Nacht war der Ring geschloffen!
Der Russe mußte durch seine Patrouillen nächtlich festgestellt haben, daß er in eine Falle geraten war, aus der er sich unter allen Umständen befreien mußte, wollte er nicht die ganze Armee vernichten lassen. Bei uns litt natürlich die Verpflegung, bei uns wurde der Hunger durch stramme Haltung zurückgeschlagen.
Nach wenigen Stunden Ruhe unter freiem Himmel begann nun im Morgengrauen der Vers zweifln ngskampf der rufsischen Ar- m e e. Wir lagen hinter der Landstraße Seewalde— Mühlen im Straßengraben, als am Morgen des 27 August der furchtbare Artilleriekampf begann. Es dauerte nur kurze Zeit, da deckten uns die russischen Granaten zu. Im gleichen Augenblick erreichte uns der Befehl:
„Das Bataillon hinter Gut Mühlen führen und von dort nach der Feuerlinie entwickeln!"
Es war ein furchtbarer Augenblick ... Ein jeder hatte mit dem Leben abgeschlossen. Gut Mühlen war ein brennender Trümmerhaufen. Ein nerven- zerrüttendes Getöse. Platzende Granaten, pfeifende Kugeln, ratternde Maschinengewehre, rasselnde Geschütze, wiehernde Pferde, brüllende Kommandos, schreiende Verwundete umgaben uns bei unserer Ankunft. In solcher Lage konnten wir nicht bleiben. Aus dem brennenden Gut und den aufgetürmten Menschen- und Tierleichen mußten wir heraus.
„In der Richtung auf den Wald halblinks —* Schwärmen!"
So manchem wurde einen Augenblick bange, sehr bange, wenn er an ben bevorstehenden Gang unb an alle seine Lieben zu Hause dachte. Aber das konnte nur ein kurzer Moment sein, denn die Wirk- lichkeit riß jeden mit fort, und als Muster von Ruhe und Unerschütterlichkeit stand unser General da und ermutigte uns.
Angriff.
Mein Zug, so erzählt unser Landwehrmann, entwickelte sich links der Chaussee Mühlen—Neidenburg. Dort ging es in rasenden Sprüngen über das


