Kr.186 Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
5amrtag,N. August
Stark und fest!
Das Reichsgesetzblatt veröffentlicht das Gesetz über bie Straffreiheit, das die Reichsregierung aus Anlaß der Vereinigung des Amtes des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers beschlossen hat. Die Grenzen, die dieses Gesetz zieht, sind so weit angelegt, wie das in der neueren Rechtsgeschichte nur selten oder noch gar nicht oor- aekommen ist. Es werden Tausende von Personen sein, die in den Genuß der Straffreiheit kommen, denn die Straffreiheit wird nicht nur für gewisse politische Vergehen gewährt, sondern auch für alle Straftaten, bei denen die ordentlichen Gerichte auf Strafen bis zu sechs Monaten und Geldstrafen bis zu tausend Mark erkannt haben. Das gilt für Personen, die noch nicht oder nur unerheblich bestraft worden sind, während Personen, die mit dem Strafgesetz schon zu tun gehabt haben, auch dann Straffreiheit erwarten können, wenn die neuerdings erkannte Strafe drei Monate oder Geldstrafe bis zu fünfhundert Mark beträgt. Soweit es sich um rein politische Straftaten handelt, geht die Straffreiheit soweit, daß sie alle Beleidigungen des Führers und Reichskanzlers erfaßt, sowie Verfehlungen gegen das Wohl oder gegen das Ansehen des Reiches, vorausgesetzt allerdings, daß sie nicht staatsfeindlicher Gesinnung entsprungen sind. Daß Verbrechen und Vergehen aus ehrloser Gesinnung, sowie Straftaten, die als Hoch- und Landesverrat, sowie als Verrat militärischer Geheimnisse anzusehen sind, nicht straffrei bleiben, ist ein anerkann- ter Grundsatz in jedem geordneten Staatswesen.
Nur ein Staat und eine Regierung, die stark und fest miteinander verbunden sind, können es wagen, Straffreiheit in diesem Umfange mit ausdrücklichem Bezug auch auf politische Vergehen zu gewähren. Das neue Deutschland hat die Staatsumwälzung, die mit der nationalsozialistischen Erhebung verbunden war, in verhältnismäßig kurzer Zeit abgewickelt, ohne daß Bürgerkriege, blutige Aufstände und Putsche den Uebergang von der alten Unordnung zur neuen Ordnung erschwerten. Der Staat, den die nationlsozialistische Revolution am 30. Januar 1933 oorfand, war nicht nur wirtschaftlich und finanziell bankerott, er war auch politisch und sozial so zerrüttet, daß nur eine außerordentlich starke Führung den Zusammenbruch verhindern konnte. Das hätte an sich schon Spannungen geben müssen; aber daß es diese Spannungen nicht gegeben hat, daß im Gegenteil der Uebergang der gesamten staatlichen Gewalt an die nationalsozialistische Bewegung sich reibungslos vollzog, das ist ein Beweis dafür, daß dieser Uebergang mit dem Willen des Volkes überein» ft i m mi t e. Gewiß hat die neue Staatsgewalt, nachdem sie alle Macht übernommen hatte, sich gegen Staatsfeinde verteidigen müssen, aber das liegt im Wesen jeder Staatsumwälzung begründet. Diese Verteidigung hat indessen nicht Formen angenommen wie etwa in Oesterreich, oder gar in Sowjetrußland, denn das neue Deutschland wurde nicht gegen den Willen großer Teile des Volkes auf den Schild erhoben. Auch die Ereignisse vom 30. Juni, die im Auslande teils bösartig, teils aus Dummheit und Unverstand als bürgerkriegsähnliche Erscheinungen, oder gar als eine zweite Staatsumwälzung mißdeutet wurden, waren tatsächlich nur eine innerpolitische Auseinandersetzung, in der sich die Staatsgewalt durchsetzen mußte, wenn Staat und Volk leben sollten. Soweit vom 30. Juni noch Wirkungen übrig geblieben sind, werden auch diese durch das Gesetz über die Straffreiheit im wesentlichen ausgeräumt. Das neue Deutschland steht s o fest und so unerschüttert da, daß es in Großmut und in Gnade weitergehen kann, als irgendein anderer Staat, in dem soziale und politische Erschütterungen heranreifen.
Das Novembersystem leistete sich wiederholt sog. „Amnestien" Allein die „Amnestien" des Novembersystems erfolgten immer nur unter dem Druck der Straße, waren immer nur ein Zeichen politischer Schwäche. Das erklärt auch, warum diese November-Amnestien gemeine Verbrecher von der verdienten Strafe befreiten, wie den Mordbrenner
M a x H ö l z, den das zuständige Gericht seinerzeit nicht einmal wagte, zum Tode zu verurteilen. Wie schwach die Staatsgewalt unter dem Novernber- lystem war, geht auch daraus hervor, daß Max Hölz nach seiner Freilassung wie ein Triumphator tn die Reichshauptstadt einziehen konnte. D i e Straffreiheit, d i e das neue Deutschland gewährt, läßt politische und gerne ine Verbrecher da, wo sie hingehören, nämlich im Zuchthaus. Die Regie- rung des neuen Deutschland hat keine Ursache, solchen Menschen die Freiheit vor Ablauf ihrer gesetzlichen Strafe wiederzugeben.
Der Führer und Reichskanzler hat aus
freier Entschließung, aus dem sicheren Gefühl heraus, daß das neue Deutschland von inneren Stürmen und Unruhen nicht mehr gefährdet werden kann, die Straffreiheit für alle Vergehen angeordnet, die sich nicht unmittelbar gegen die Sicherheit des Staates richten. Es ist auch der Wille des Führers und Reichskanzlers, alle Personen aus der Schutzhaft zu entlassen, denen staatsfeindliche Gesinnung oder Betätigung nicht nachgewiesen werden kann. Das neue Deutschland ist nach innen so gefestigt, hat sich inechterVolksgerneinschaft so verbunden, daß es ohne Besorgnis Milde und Nachsicht üben kann gegen alle, die einmal Gesetzesverächter und Rechtsbrecher gewesen sind.
Mols Silier in der Mnchener Ausstellung „Sie Straße"
Der Führer und Kanzler bei der Besichtigung eines Modells der täglichen Verkehrsunsälle, das ihm von Professor Lechner (neben ihm) erläutert wird.
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3u Schiff nach Japan.
Don unserem nach Tokio entsandten X W.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Port Said, Anfang Juli 1934.
Die Reise in die „Neue Welt" — so nennen die Japaner den Länderbereich im westlichen Pazifik — dauert vier bis sieben Wochen, wenn man den heute üblichen Seeweg nimmt. Man kann auch mit der Bahn über Sibirien reisen, aber die Schwierigkeiten sind so mannigfacher Art, daß man den Weg über Indien vorzieht. Dor dem Kriege freilich bedeutete die Fahrt mit der sibirischen Bahn eine gewaltige Zeitersparnis, abgesehen davon, daß die Expreßzuge eine bequeme Reise gestatteten. Man fuhr in zwei Tagen bis Moskau und konnte dort den bis Charbin oder Wladiwostok durchgehenden Zug nehmen. Von Charbin war man in drei bis fünf Tagen in Shanghai oder in Japan, fo daß die ganze Reife Berlin—Tokio etwa 16 bis 18 Tage in Anspruch nahm. Heute ist es nicht möglich, größeres Gepäck mitzuführen. Man ist auch nie sicher, ob nicht neue Schwierigkeiten in der nördlichen Mandschurei zu unfreiwilligem Aufenthalt in irgend einer Station Transbaikaliens ober des Amurgebietes zwingen. Endlich lassen Ver-
pfleßung und Sauberkeit auf der Bahn durch Sibirien so viel zu wünschen übrig, daß man sich ohne viel Zögern für den Seeweg entschließt.
Man kann nun wieder zwei Wege einschlagen, und zwar den über die Vereinigten Staaten ober Suezkanal—Jnbien. lieber Amerika gewinnt man etwa 10 bis 14 Tage Zeit, aber man muß in Neuyork mit bem ganzen Gepäck an Lanb und bann in San Franzisko ober Vancouver (Kana- bische Bahn) roieber an Borb gehen. Außerbem ist bie Reise etwas teurer, ba sie sich auf runb 110 englische Pfunb stellt, gegenüber runb 80 Pfunb bes Seeweges über Jnbien. Unb enblich bietet bie Fahrt über ben Pazifik, von Honolulu ' abgesehen, wenig Abwechselung, währenb ber Weg über ben Suez'kanal alle Schönheiten ber tropischen Welt erschließt. Unb wer mit offenen Augen biefe ehemals „englische Welt" durchfährt, ber wirb ben gewaltigen Wandel ber Zeiten seit bem Weltkriege fest- stellen können. Am englischen Besitz hat sich freilich nichts geänbert, ber Seeweg nach bem Osten ist immer nach englisch, unb englisch ist die Sprache der Häfen der Welt. Das Tor zum Mittelmeer wird von Gibraltar kontrolliert, Malta und Cypern
Neuer Präsident der Akademie für deutsches Necht.
Dr. Hans Frank, Reichsjuftizkommifsar und bayerischer StaatsministeO der Justiz, ist von dem Führer und Reichskanzler zu dem Ehrenamt eines Präsidenten der Akademie für Deutsches Recht berufen worden.
beobachten den Weg zum Suezkanal, diese wichtige Lebensader des britisch-indischen Reiches. Von Port Said ab sind alle wichtigen Häfen und Stützpunkte in englischem Besitz. In Singapore schließt die englisch-indische Welt unter absoluter Beherrschung des Indischen Ozeans und der angrenzenden Ländermassen. lieber Singapore hinaus öffnet sich die englisch-pazifische Welt, die über Australien und Neuseeland weit in das Jnselgebiet Polynesiens hinübergreift. In China selbst hat England den größten südchinesischen Hafen Hongkong in Besitz, der schon mitten in der japanisch-chinesischen Welt, der „Neuen Welt" gelegen ist.
Der Weltkrieg hat eine starke Verlagerung an der Küste zur Folge gehabt. Javan ist heute di- führende Macht im Osten, es beherrscht das nördliche China unb scheint nach verschiedenen Erklärungen seiner Staatsmänner entschlossen zu fein, keine fremben, das japanische Interesse schädigenden Einflüsse in China zu dulden. Das bedeutet eine wesentliche Verschärfung der Gegensätze im Fernen Osten, die trotz der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Verträge mit England, Frankreich, Sowjetrußland und den Vereinigten Staaten sich immer stärker vertieft haben. Die Lage wird auch dadurch noch erschwert, daß Japan schon heute erklärt hat, keine irgendwie geartete Einschränkungen seiner auf der Konferenz von Washington 1922 festgesetzten maritimen Rüstung mehr anerkennen zu wollen. Das könnte eine Kampfansage an England und bie Vereinigten Staaten fein, wenn ber Zeitpunkt für maritime Auseinanbersetzungen nicht schon verpaßt wäre. Heute wirb man sich an ben Gebauten eines Groß-Japan gewöhnen müssen, bas in zäher Arbeit bie Stützpunkte ausbaut, bie ihm burch ben Weltkrieg militärisch unb wirtschaftlich zugefallen finb. Dabei zeigen bie japanischen Expan- sionsziele nicht einmal überraschenbe Momente, im Gegenteil, schon in ber Restaurationszeit waren bie Blicke bes Kaiserreiches auf Korea, bie Man- bschurei unb bie östliche Mongolei gerichtet, unter Aufrechterhaltung bes großen politischen Zieles, mit China ober auch gegen China bie Herrschaft ber gelben Rasse über ben Fernen Osten aufzurichten. Daß sich biefe Politik, bie notroenbigerroeife auf Expansion eingestellt fein muß, immer stärker gegen bie europäischen Besitz- unb Jnteressenzonen auf bem chinesischen Festland ober in ber indisch- australischen Inselwelt auswirken muß, erklärt sich ohne viel Worte aus rein geopolitischen Grünben, bie durch ben wachsenben Bevölkerungsüberschuß bes japanischen Jnselreiches besonbere Beweiskraft erhalten. Rasfenmäßige Ueberlegungen scheinen vor-
Das Himmelsgewölbe.
Erzählung von Heinz Steguweit.
Floß, so hieß er. Professor Dr. Anton Floß, geboren zu Köln am Rhein, baselbft auch Orbinarius einer Obertertia gewesen, in ber ich selber mit Hängen unb Würgen den Pythagoras vergeblich zu beweisen versuchte. Indessen: Floß war kein Mathematiker, er hatte sich vielmehr auf den dankbaren Gebieten der Geographie und der deutschen Sprache zu betätigen. Was nun die deutsche Sprache anging, so war das bei uns rheinischen und weiß Gott nicht dialektfreien Buben schon eine Aufgabe, die heroisch genannt werden muß. Professor Floß aber, ein Mann des väterlichen Verstehens, pflegte des öfteren lächelnd zu verkünden: „Jungens, wenn ihr auch aus Köln seid, sprecht mir gefälligst das „t" am Ende immer deutlich aus, sonst hat ja unsere schöne deutsche Sprache kein Saff und kein Äraff!" _ .
Nach dieser Einleitung, die den Orbinarius mit all seiner Güte unb Köstlichkeit hinreichend gekennzeichnet haben bürste, sei die Geschichte vom Schirm und den Sternen preisgegeben.
Auf die Frage, was ein Himmelskörper fei, hatte ich prompt geantwortet: „Die Venus!"
Das war nicht falsch, und dennoch fragte mich Professor Floß mit erhobenem Finger: ,Aunge, bist du gestern im ,Tannhäuser' Q^fen? Alsdann wandte er sich der Tafel zu, nahm die Kreide, zeichnete ein ganzes Parlament von Pu^en und Kreuzchen an die Wand unb würbe nicht müde jeden einzelnen dieser Sterne mit einem Namen zu versehen. ..
Plötzlich hielt er inne, das alles wäre Unsinn, fuhr dann mit dem Schwamm rigoros über bie Punkte unb Striche unb Kreuze: „Jungens, bas machen wir anbers. Jawohl, bas machen wir ganz anders!"
Am nächsten Morgen kam er wieder, lachte zutiefst beglückt unb spannte seinen Regenschirm auf, ben er sorgfältig unb behutsam eine halbe Stunde meit zur Schule getragen hatte. Wir Obertertianer frnfhen unter diesen «schirm, reckten neugierig die fiätfe unb erkannten bann erst bas kl-in- Wunder, bas uns ber Professor schmunzelnd über die Kopfe hielt: 3m Innern des gewölbten Instrumentes kipbten mindestens hundert kleine Sterne aus Stanniolpapier' Und Lehrer fuhr unentwegt mit dem Finger darüber hm. „Die ,ßeier! Der .Große Bär'! Der »Fuhrmann!
richtiges, logisches Himmels- len herzustellen. Hatte min-
dich mal verirrst!" — , &...
Professor Dr. Anton Floß, geboren zu Köln ist längst gestorben. Unb auch der Hauptmann fiel einige Monate später in Flandern.
Ich weiß: Man soll nicht mit den Sternen rech- nen, solange bie Erde Wichtigeres von uns fordert. Unb doch Sehe ich die Sterne, so denke ich an meinen alten Professor, denke aud, an me.nen brauen Hauptmann. Beide waren Menschen der Pflicht der Liebe und des Opfers. Waren Manner der freiw lligen Hingabe für die Kommenden und ^ukünlUaen Das zu erkennen, bem auch nachzu- A n - ist es nicht Kampf und Gnade zugleich
(L te in fein, daß du dich mal oenrrft!
-Solange ^ich Sterne über Deutschland sehe, kann ich mich nicht oerirrenl___
Sommerspielzeit des Stadttheaters in Bad-7iauhe,m.
Yllis dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: flas Ensemble des Stadttheaters Gießen unter ber Lcstimg von Intendant Hanns König bestreitet auch in diesem Sommer wieder, wie bereits
Ich lachte spitzbübisch und erhielt eine wohlverdiente Ohrfeige.
Schaut, der Professor hat die ganze Nacht daheim gesessen, um ein gewolbe für uns Jungen herzuste bestens sieben Stunben geopfert, um uns eine Stunbe zu dienen. Hatte... ach, roas wußten unb ahnten wir kichernben Dreizehnjährigen von ber freiwilligen Hingabe dieses Lehrers!
Mittags begleitete ich den Ordinarius nach Hause. Zum erstenmal. Plötzlich begann es zu regnen, und Anton Floß spannte den «Schirm auf. Doch hielt er das fromme Himmelsgewölbe immer so, daß e r reichlich naß wurde, während i ch einigermaßen trocken und behütet blieb. Aber der Regen weichte den Klebstoff auf, der „Große Bär", die .^Jungfrau", die „Kassiopeia" und alle anderen Sternbilder fielen auf die Straße. Mir blutete das Herz, aber der Professor meinte, das wäre nicht schlimm, es gäbe halt nichts auf der Welt, was ewigen Bestand habe! r ri .
Im Herbst 1916 stand ich auf Posten an der Westfront. Nacht war es, rechter Hand leuchtete der „Große Bär", hinter mir standen der »Fuhr» mann" und bie „Zwillinge"; plötzlich aber schlug mich eine kräftige Hanb auf die Schulter: der Herr Hauptmann! _ . c
Er sagte: „Du, merk' dir die Sterne, das kann man immer brauchen. Es konnte ja sein, daß du
seit Jahren, den Spielplan des Kurtheaters Bad Nauheim. Nachdem in den beiden letzten Sommerspielzeiten die Bespielung von Bad Nauheim mit dem Ensemble des Landestheaters Darmstadt geteilt wurde — wegen der gleichzeitigen «Sommerspielzeit des Stadttheaters Gießen im Landestheater Darmstadt —, wurde in dieser Sommerspielzeit das Stadttheater mit der alleinigen Bespielung von Bad Nauheim beauftragt. Eröffnet wurde die Sommerspielzeit als Kurtheater Bad Nauheim mit August Hinrichs Volksstück „Wenn der Hahn kräht"; auf der Linie des Volksstücks bewegte sich der Spielplan dann mit den Aufführungen von Müller-Schlössers rheinischem Lustspiel „Schneider Wibbel", das als geschlossene Vorstellung ber NS.-Gemeinschaft „Kraft burch Freube" vor 1600 Besuchern mit stürmischem Beifall wieder- holt werben mußte, unb mit einer sehr erfolgreichen Aufführung von Lippis „Pfingstorgel . Ein ausverkauftes Haus fanb auch bie Aufführung bes bekannten Schwankes „Im weißen Rößl". Viel Anklang fanb bas reizenbe Shakefpeare- Lustspiel: „Was Ihr wollt". Von ben Konversationslustspielen kamen zur Aufführung: Axel I v e r s „Bob macht sich gefunb", ein Lustspiel, bas mit den stärksten Erfolg hatte, ferner Hermann Bahr, „Das Konzert", Curt Goetz, „Hokuspokus" und als Jubiläumsvorstellung für Herrn Volck, der in diesem Sommer auch seine 25jährige Zugehörigkeit zum Kurtheater Bad Nauheim feiern konnte, das Lustspiel „Der Herr Senator" von S ch ö n t h a n und Kadelburg. An musikalischen Werken sah ber Spielplan folgenbe Aufführungen, bie durchweg ebenfalls lebhaftesten Anklang fanben: „Försterchristi" von Jarno, Robert S t o l z' Meisteroperette „Der verlorene Walzer", Kollos musikalisches Lustspiel „Die Frau ohne Kuß", E y ß l e r s Walzeropperette „Die golb’ne Meisterin" unb Lehärs klassischer Welterfolg „Die luftige Witwe". Derselbe Erfolg, ben Paul Wredes Varietö-Revue „Der grüne Wagen" in Gießen zu verzeichnen hatte, war diesem Abend auch in Bad Nauheim beschieden. Ein ganz großer Erfolg war das Gastspiel der „Vier N a ch r i ch t e r" mit ihrem neuesten Werk „Die Nervensäge", mit bem sie im Winter auch bei uns in Gießen zu Gast sein werben. Nach Abschluß etwa ber halben Sommerspielzeit in Bad Nauheim kann man sagen, baß ein voller künstlerischer Erfolg bes Gießener Stabttheaters zu verzeichnen ist unb bie bisher absolvierte Spielzeit bem Theater herzlichste Anerkennung hinsichtlich ber künstlerischen Leistungen eingebracht hat.
Rekordleistungen in der Pflanzenwelt.
Nicht nur im Tierreich, fonbern auch im Pflanzenreich gibt es merkwürdige Erscheinungen, die wir, mit unseren menschlichen Maßstäben messend, Rekorde im pflanzlichen Wachstum nennen können. So werden wir mit Verwunderung Horen, daß bei einem Zuchtoersuch einmal aus dreißig Gramm Zwiebelsamen 460 Pfund Zwiebeln gewachsen sind. Ein Ackerbauer erntete von einer gewöhnlichen Winter-Saubohne 660 Bohnen. Außerordentlich groß ist auch die Kraft mancher Pflanzen in ihren verschiedenen Wachstumsperioden. So bemerkte man in einer Gartenmauer des Kelsey Parks in Beckenham Risse und allmählich wurde ein Steinblock von einer Schwere von IV2 Zentner aus feiner Lage verschoben. Als man die Mauer abtrug, um die Ursache dieser Zerstörung zu suchen, fanden die Arbeiter Pilze im Gewicht von drei Pfund, die in der Mitte der Mauer wuchsen. Auch die außergewöhnliche Kraft der Melone ist durch Versuche fest- gestellt worden. Man schloß eine achtzehn Tage alte Melone, die einen Umfang von siebzig Zentimeter hatte, in eine Art Harnisch ein, an dem ein langer Hebel befestigt war. Am Ende des Hebelarms war ein Gewicht angebracht, mit dem man die Kraftleistung der Melone während ihres Wachstums feststellen konnte. Nach einigen Tagen betrug die Hebekraft der Melone schon 60 Pfund, nach siebzehn Tagen aber hob die Melone gar 50 Zentner. Der Samen der runden Rübe hat einen Durchmesser von etwa einem Millimeter, im Verlauf von ein bis zwei Monaten kann er sich 27 Millionen mal vergrößern, wobei die vielen Blätter, die aus ihm hervorgehen, noch nicht einmal berücksichtigt sind. Genaue Versuche haben gezeigt, daß der Rübensamen unter günstigen Bedingungen in einer Minute sein Eigengewicht versünfzehnfacht. Rüben, die im Torfgrund wachsen, vermehren das Gewicht ihres Samens in einem einzigen Tage um das 15 OOOfache, und durch besondere Mittel kann man das Wachstum noch mehr beschleunigen. Werden Pflanzen z. B. in luftdichte Gruben gebracht und 24 bis 26 Stunden lang mit Aether genährt, bis sie von den Dämpfen durchdrungen werden, so reifen sie in etwa der halben Zeit, die sie sonst ihrer natürlichen Entwicklung nach brauchen. Die Wachstumsrekorde der Pflanzen lassen sich also noch steigern; aber auch ohne diese Hilfsmittel sind sie merkwürdig genug, um uns aufs neue zu beweisen, daß wir trotz aller Erforschung der Natur, immer wieder vor neuen Geheimnissen und Wundern stehen.


