Nr. 108 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheffeil)Zreitag.ll.Mai 1954
Aus der Provmzialhauptstadt.
Oie gestrengen Herren.
Fast jedes Jahr träufelt der Mai, der als Wonnemonat, als Zeit der Freude und Liebe besungen wird, ein Iröpflein Wermut in allen Sang und Klang: es sind die gefürchteten gestrengen Herren, die, wenn sie auch nach einem bekannten Wort nicht lange regieren, doch so manche Hoffnung vereiteln und gewissermaßen zum Abbild der mannigfachen Enttäuschungen werden, die auch des Lebens Mai der hoffnungsfreudigen Menschheit bereitet. Es lag deshalb nahe, wenn die Alten statt der ursprünglichen Ableitung des Wortes Mai von Maja, der Mutter Merkurs, meinten, der Monat heiße Majus, madius oder madidus, weil er ein „Nasser und feuchter Bruder" sei und das geflügelte Wort prägten: Der Maye ist selten so gut, er setzt dem Zaunpfahl einen Hut ...
Die gestrengen Herren bestehen keineswegs nur in der Einbildung. Der Landmann, der in der Regel ein guter Beobachter ist, fürchtet die erste Hälfte des Mai mehr als den Monat April: „Der Bauer in der alten Art trägt den Pelz bis Himmelfahrt, und tut ihm dann der Bauch noch weh. dann trägt er ihn als Bartelme" (Bartholomäus- tag). Die Schuld an den Maifröften trägt nach bäuerlicher Meinung der Maimond, der ein besonders kaltes Licht ausstrahlen soll. Ganz unrichtig ist diese Meinung nicht. Wenn am wolkenlosen Himmel der Mond sichtbar ist, kann die Wärme des Bodens leichter ausstrahlen; die Wolken aber bilden gewissermaßen einen schützenden Mantel, der es zu einer den jungen Pflanzenwuchs gefährdenden Ausstrahlung nicht kommen läßt.
Exakte wissenschaftliche Erklärungen hat man für die Fröfteerscheinungen bisher noch nicht finden können. Professor Dove, der erste Forscher, der sich mit den Maifrösten befaßte, wies 1836 nach, daß die Maifröste tatsächlich mit Vorliebe auf die den drei Eisheiligen Mamertus, Pankratius und Servatius (11. bis 13. Mai) geweihten Tagen fallen, daß sie sich auf Mitteleuropa beschränken und mit gewissen nördlichen Winden im Zusammenhang stehen dürften. Dove war der Meinung, daß die vom Nördlichen Eismeer hertreibenden Eisberge als die Ursache des Temperaturrückganges zu betrachten find. Spätere Untersuchungen wichen jedoch von dieser Theorie ab, auch davon, daß die die Sonne umkreisenden Meteoritenschwärme mit den Frösten in Verbindung gebracht werden müssen, und P e tz o l d kam zu dem Schluß, daß die Kälterückfälle nur auf Differenzen im Luftdruck zurückzuführen seien. Der ungarische Froscher H e g y s ö k i ist indessen zu Resultaten gelangt, die der Petzoldschen Annahme widersprechen, auch die Theorie des Professors Ney genügt nicht, die die Temperaturstürze auf den größeren Einfluß der sich entwickelnden Temperatur auf die Witte- rungsverhältnifse zurückführen will.
Nachtfröste können übrigens auch noch nach dem Regiment der drei Gestrengen eintreten und verspäten sich bisweilen sogar bis in den Juni hinein, dessen zweite Hälfte in Wirklichkeit meist einen viel gefährlicheren Temperatursturz zu bringen pflegt.
Blumen im Frühling — Blumen zum Muttertag!
Wer ietzt das Glück hat, durch die Lande zu fahren und die blühende Pracht in Feld, Flur und Garten zu schauen, dem wird das Herz weit und der Sinn froh über so viel Schönheit und Farbenfreude, die Gottes Schöpferhand verschwenderisch über die Erde ausgebreitet, und in tiefer Dankbarkeit empfinden wir es, daß wir den deutschen Frühling in Duft und Glanz erleben und schauen dürfen. Wenn in Feld und Wald und auf der Wiese rote, blaue, weiße und gelbe Farben leuchten, dann wissen wir, daß nach ewigen Gesetzen Mutter Natur ihres Amtes waltet, dann wissen wir, daß der große Schöpfer am Werke ist. Auch im Garten sehen wir seine Gewalt, aber hier sehen wir noch andere fleißige Kräfte am Werk, Gottes Schöpferwillen unterstützend, mit Eifer und Beharrlichkeit Dienst am deutschen Mutterboden zu tun. Ob all' die Menschen,
Helft der SS. in Gießen!
Gebt überflüssige Möbel für die neue Dienststelle!
Die Neugruppierung innerhalb der SS. bestimmt die Stabt Gießen zum Standort der neuen 83. SS.- Standarte.
Zur Möbelierung der neuen Stan* darten-Dienststelte reichen unsere eigenen Mittel nicht aus. so daß wir auf die Mithilfe unserer Volksgenossen angewiesen sind. Jeder weiß, daß die Schuhstaffel die materiellen Grundlagen für ihr umfangreiches Aufgabengebiet aus eigener Kraft und mit Hilfe treuer, opferbereiter fördernder Mitglieder schaffen muh.
Wir wenden uns daher an die Bürgerschaft von Gießen und Umgebung mit der Bitte, uns durch Zurverfügungstellung von Möbeln
aller Art bei der Einrichtung unserer neuen Dienststelle zu unterstützen. Jeder, auch der kleinste Gegenstand ist uns willkommen.
helfen Sie. Sie tun es nicht für uns, sondern für die Förderung „der Vertrauensgruppe des Führers für besondere Aufgaben".
Heberprüfen Sie bitte Ihre Einrichtung. Sie finden bestimmt auch noch überflüssige Möbelstücke. Benachrichtigen Sie uns bitte, damit wir die Gegenstände abholen können.
Der Führer der 83. SS.-Standarte:
Schäfer. S S.-Slurmbannführer, Gießen, Polizeiamt. Telephon 2751.
Schafft Erholung für hilfsbedürftige Kinder!
Die Gauamtsleitung der NSV. bittet alle Volks-1 ausgefüllt der zuständigen NSV.-Ortsgruppe zu- genossen, die es ermöglichen können, ein bedürf- stellen zu wollen.
für 4 bis 6 Wochen aufzunehmen, die nach- $c aüc m ’ Tausenden von armen Kindern stehende Pflegestellenkarte auszuschneiden und sie« Freude und Erholung zu schenkend
Landpflegestellenkarte
Ortsgruppe:--------------------- ^„krnde »r.
, COom ffiua auejufüOm)
Kreis: ——-----------
Hamt und Vorname der Pfleyeeltern: , — — ■ , .. —, ■
Beruf:-------------------------------------*--------------------------- ■ ■ - - ■ ■ -
tvohnorl: ——— ----------------------------------- ■■ ..................
Straße und Hausnummer:--------- ■ ... ■ - ----------------------------
Bahnstation: ■ . ■■■ .. ------------------------—
Süc. wleviel Pflegekinder wird Aufenthalt gewährt: ............—— ■
Aufenthaltsdauer: ..... . - - - ■ ■ .......
Zeitpunkt des Aufenthalts:------------------------------- -■■■■-
Familienstand der Pflegeeltern:-------------------------------------------—-- ■ - ----- — -
Belegt mit Rind Rartel Nr.——— I
(Von ötr (Bauamteltitang auejufüHen». | Mi, deutlich »»füllet.
die sich der Blüte und des Duftes der Blumen freuen, wissen, welch' unendliche Mühe, Arbeit, sorgfältige Pflege und Hingabe an den Beruf dazu gehört, diese Blumenkinder so strahlend werden zu lassen? Wohl kaum, denn sonst wären deutsche Blumen mehr bevorzugt und deutsche Gärtner brauchten mit ihrer Familie nicht Not zu leiden. Ja, Not ist noch in unserem Gärtnerstande, mögen es nun die Gemüse- oder die Blumengärtner sein, alle kflmp- fen täglich den bitteren Kampf, ihre Familie zu erhalten und an ihrer Heimatscholle zu bleiben. Wer wollte, wenn er von dieser Not weiß, noch feilschen um Pfennige, die anderwärts viel leichter ausgegeben werden, wer wollte vorübergehen und frohen Sinnes bleiben, wenn er nicht vorher einen leuchtenden, duftenden Strauß oder Blumenstock erstanden hätte, sich selbst und denen, die er liebt und verehrt, zur Freude, denen aber, die in harter, schlecht lohnender Arbeit stehen, zur Hilfe und Ermunterung!
Und nun steht der Tag bevor, an dem der Mutter
gedacht wird, der deutschen Mutter, der Quelle des Lebens in unserem Volkstum. Wer Gelegenheit hat, der nahen ober fernen Mutter zu gedenken, der soll es tun, indem er ihr die lieblichsten Lenzes- und Liebesboten schickt, die wunderbaren deutschen Blumen, gezüchtet, betreut und mit Fleiß und Liebe hervorgebracht vom deutschen Gärtnerstand. Auch der Mutter, die schon von uns gegangen, gedenken wir in Lieb§ Dankbarkeit und Wehmut und schmücken ihre letzte Ruhestätte mit den deutschen Frühlingsblumen, schenken sie uns doch Leben und Glück tausendfältig, und so sei unser Dank. Wir werden, wenn wir so handeln, nicht nur Freude geben denjenigen, welchen unsere Grüße gelten, wir werden auch Hilfe bringen und neue Hoffnungen hineintragen in unsere notleidenden Gärtnerbetriebe, wir werden fleißigen deutschen Menschen zu Arbeit und Brot verhelfen und auch beim Freudebereiten noch mitbeteiligt sein am deutschen Wiederaufbau. Unsere Losung sei: „Laßt Blumen sprechen, laßt Blumen helfen!"
Das Meisterwerk.
Ein neues Arbeitsjahr hat begonnen. Es gilt das Meisterwerk einmütiger deutscher Werktätigkeit zu vollenden und allen Völkern zu beweisen, daß das deutsche Volk wieder Schritt gefaßt hat.
Taufende haben schon unter Adolf Hitlers kraftvoller Führung ihre Arbeit und ihr Brot gesunden, aber viele warten noch mit gläubigem Vertrauen, sie wissen, daß des Führers größte Sorge ist, die mtf^abe, ihnen baldige Verdienstmöglichkeit zu Im nationalsozialistischen Staat soll jeder begreifen, daß nur eine wahrhaft sozialistische Auffassung der Gemeinschaftsaufgabe ihre Lösung ermöglicht. Möge sich jeder über seinen Egoismus erheben und seine Ichsucht überwinden.
Die dritte, große nationalsozialistische Arbeits- deschafsungslotterie will sich nun wieder mit voller Kraft in die Dienste des Gesamtwohles stellen. Sie will wichtige Gelder zur Arbeitsbeschaffung aufbringen. Ihr Gewinnplan ist dem nationalsozialistischen Denken gemäß vollständig umgestaltet worden. Um nicht wie sonst einen einzelnen vom Glück zu begünstigen, wurde von dem üblichen, all zu hohen Hauptgewinn abgesehen und die Gewinnzahl mit vielen mittleren, jedoch auch recht beträchtlichen Gewinnen erweitert.
Darum frisch gewagt, das deutsche Meisterwerk bedarf auch der Treibfraft des neuen braunen Loses der Arbeitsbeschasfungslotterie zu einer Mark.
Nur noch simultane Volksschulen in Hessen.
Das Staatspresseamt teilt mit: Die gemeinsame Schule (Simultanschule) ist die Schule, in der die Kinder der verschiedenen Konfessionen gemeinschaftlich erzogen werden und nur der Religionsunterricht konfessionell getrennt erteilt wird; sie ist in Hessen bereits seit über hundert Jahren eingeführt. Nach der Reichsgründung vom 18. Januar 1871 wurde sie zur Regelschule erhoben. Die Simultanschule hat sich gerade bei der in Hessen fast überall vorhandenen starken Mischung der Konfessionen auf das beste bewährt, ba sie im Gegensatz zu den konfessionell getrennten Schulen sich als besonders geeignet erwies, die zwischen den christlichen Konfessionen bestehenden Gegensätze zu überbrücken und die Kinder im Gedanken der Volksgemeinschaft zu erziehen, andererseits aber auch in ihr eine christliche Erziehung der Kinder durchaus gewährleistet ist.
Nur in wenigen früher vom Zentrum beherrschten Orten hatten sich bis vor kurzem die konfessionell getrennten Schulen halten können. Dem Wunsche der jetzt nationalsozialistischen Bevölkerung entsprechend wurden im Frühjahr 1934 Abstimmungen Dorgenommen. Diese Abstimmungen erfolgten auf Grund der Bestimmungen des Hessischen Volksschulgesetzes, die insoweit mit dem im Sommer 1933 mit der katholischen Kirche abgeschlossenen Reichskonkordat vereinbar sind. In einem paritätischen Abstimmungsverfahren wurde mit geradezu überwältigender Mehrheit an sämtlichen Orten die Umwandlung der evangelischen und katholischen Kon- fessionsschulen in Simultanschulen beschlossen.
Mit Beginn des neuen Schuljahres 1934 gibt es also nur noch S i m u l t a n s ch u l e n in Hessen. Die Beschaffung von Klavieren und
Harmonien für die Schulen.
Die Ministerialabteilung für Bildungswesen, Kultus, Kunst und Volkstum hat an die Direktionen der höheren Schulen, der gewerblichen Unterrichtsanstalten und die Kreis- und Stadtschulämter folgende Verfügung gerichtet:
Durch den Reichsminister des Innern ging den Unterrichtsverwaltungen der Länder ein Finanzie- rungsplan der Industrie- und Handelskammer Berlin zu zwecks Beschaffung von 20 000 Klavieren und Harmonien für die Schulen mit dem Hinweis, die Möglichkeiten zur Behebung der Notlage des Musikinstrumentengewerbes zu prüfen.
Bei der Erteilung eines dahingehenden Regierungsauftrages an die einschlägige Industrie könn-
Begegnung mit wilden Tieren.
Von unserem ständigen v.M.-Berichterstaiter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Kalkutta, im Frühling 1934.
Die Europäer in Indien haben herzlich wenig Gelegenheit, des Landes wilde Tiere — Elefanten, Tiger oder Leoparden — zu sehen. Die große Mehrzahl von ihnen rechnet es schon zu den bemerkenswerten Erlebnissen, einmal eine Schlange — und dann oft noch eine harmlose — zu Gesicht zu bekommen. Wer einmal den Wunsch hat, die indischen Dschungelbewohner anzuschauen, geht eben einfach in den Zoo! Denn den meisten fehlt es an Zeit und Geld, um längere Jagdausflüge, insbesondere auf Großwild, zu unternehmen.
Das ist das Stadtleben in Indien. Aber wenn wir uns über eines nicht zu beklagen brauchen hier draußen, so ist es der Mangel an Gegensätzen. Die haben mir im Uebermaß, und auf allen Gebieten — auch hinsichtlich der Berührung zwischen Mensch und Tierwelt. Wenn wir reisen, insbesondere wenn das auf der Landstraße geschieht, oder wenn wir einmal unsere kurzen ^indischen" (im Gegensatz zum Heimaturlaub) Ferien haben, dann kommen nicht selten Gelegenheiten vor, wo wir unseren lieben Nachbarn im Dschungel näher kommen als erwartet.
Ausflügler erlebten in Burma kürzlich folgendes: Auf der Heimfahrt mit ihrem Auto fanden sie die Straße von einer Elefantenherde vevfperrt, durch die durchzufahren nicht gerade erscheinen konnte — denn wo ein Jumbo hintritt, wächst kein Gras — und manches andere auch nicht mehr, selbst wenn er's nur aus Schrecken und Verlegenheit über merkwürdige Fahrzeuge tut. Unsere Freunde riskierten es, das Horn des Wagens zu benutzen. Mit gutem Erfolg; die Herde verschwand im Dickicht. Man stelle sich aber den Schrecken dieser Sonntagsausflügler vor, als sie kurze Zeit später einen Elefanten auf der Straße sahen. Der Elefant ist em Herdentier. Trifft man einen einzelnen, so ist es fast immer ein „rogue“ — ein Wüstling, mit dem nicht zu spaßen ist, und von dem sich auch die Herde sern- hält. Diesmal hatte die Hupe nicht den erhofften Erfolg. Da die Gefahr bestand, daß der Elefant angriff, beschlossen die Ausflügler — die keine Waffen bei sich führten — die Flucht zu ergreifen. Ehe der Wagen genügend Geschwindigkeit erlangen konnte, war der wüste Bursche heran, und machte sich triumphierend daran, den Wagen zu „bearbeiten . Verzweifeltes Beschleunigen. Jetzt bloß kein Versagen in der Zündung, der Venzinzufuhr, keine vtHitenpcmnet Da, — es ist passiert! Einen Augen-
blick versagt das Steuer — der Wagen scheint halb in der Luft zu hängen. Und keine Waffe! Krach — Ritschschsch, wo eben noch ein Verdeck war, sieht man den Nachthimmel. Was ist los? Erst einmal beschleunigen, beschleunigen, solange der Karren noch läuft. Es scheint geschafft zu sein. Weiter, weiter, nur schnell. Wie ein Irrsinniger chauffiert der Mann am Steuer. Schließlich wirds Gewißheit: man ist noch einmal entkommen. Aber das Verdeck „war einmal". Und die eine Tür ist so eingebeult, daß sie auf den Schrotthaufen muß.
Solange man im Wagen fährt, sind solche Begegnungen mit wilden Elefanten ziemlich die einzige Gefahr. Freilich sind sie nicht auf Burma beschränkt. Auch in Südindien und Orissa muß man auf so etwas gefaßt sein. Das beste Dorbeugungsmittel ist, nicht nachts zu fahren.
Um so mehr aber haben die Dörfler auszustehen mit Tigern und Leoparden. Manchmal greifen diese Tiere an, weil sie zu alt geworden sind, um sich anderes „Wild" noch erjagen zu können. Manchmal aber sind es auch Racheakte, die gar nicht so selten sind, wenn die Dörfler die Jungen weggeholt haben, weil sie von den zoologischen Gärten und Tierhändlern gut bezahlt werden. Erst vor wenigen Tagen wurden zwei Waldarbeiter in dichtem Dschungel plötzlich von einem Leopardenpaar angefallen, dem die Leute einige Tage zuvor drei junge Leoparden lebendig weggefangen hatten. Es kam zu einem verzweifelten Kampf, in dem die beiden Arbeiter zweifellos den kürzeren gezogen haben würden, wenn nicht zufällig ihre Kameraden desselben Wegs gekommen wären und die Bestien verscheucht hätten. Kürzlich beobachteten in Agartala einige Straßenarbeiter zwei Tiger, die sich um ihre Jagdbeute stritten. Und am kommenden Morgen fanden die Leute die noch warme Leiche eines ausgewachsenen kräftigen Tigers im Dschungel neben den Ueber- reften eines Büffelkalbs, das offenbar das Streitobjekt gewesen war.
In Manikpur, nur drei Kilometer von der Bahnstation entfernt, hörten die Bewohner eines Morgens großen Lärm. Ein Tiger und ein Bär waren sich in die Wolle geraten. Der Kampf dauerte einen ganzen Tag und endete mit dem Tode des Bären. Aber der Tiger war dann auch so erschöpft, daß er sich kaum fortzuschleppen vermochte. Ein kleiner Dorfpolizist konnte sich das „Vergnügen" nicht verkneifen, seinerseits den Tiger zu „erlegen".
Schießlich noch eine Elefantengeschichte, die sich auf Ceylon zutrug. Der Nachtzug von Colombo nach Trincomalee kam mit einstündiger Verspätung an. Als der Zugführer nach dem Grund gefragt wird, weist «r auf den demolierten Zustand des
„Kuhfängers" und der Jfolierpackung um einen der Zylinder hin. Eine Elefantenkuh hatte sich mit ihrem Kalb neben der Bahnlinie zur Ruhe gelegt. Aufgeschreckt durch das Geräusch des heranrollenden Nachtzuges, und völlig verwirrt durch den Loko- motivscheinwerfer, glaubt die Elefantenkuh ihr Junges in unmittelbarer Gefahr. Das Unglaubliche geschieht — sie nimmt die Lokomotive an! Dem Zugführer, her die Gefahr der Lage — eine mögliche Entgleisung — erkennt, bleibt nichts anderes übrig, als den Zug zum Hdlten zu bringen. Aber die Maschine hat noch Geschwindigkeit genug gehabt, um dem Elefanten einen tüchtigen Stoß zu versetzen. Doch das reizt die Elefantenmutter nur zu neuem Angriff. Wie irrsinnig rennt sie gegen die Lokomotive, bis sie das Unmögliche ihrer Lage begreift und mit ihrem Kalb im Dschungel verschwindet.
Alle diese Schilderungen mögen nicht so haarsträubend klingen, wie die, an denen eine gewisse Sorte Indien-Literatur so reich ist. Dafür aber kann gesagt werden, daß sie nur eine Auslese dessen sind, was sich in dieser Hinsicht in Indien in den letzten Tagen zugetragen hat, und tagtäglich zuträgt. Und daß sie den Vorzug haben, wahr zu sein!
Die Gerichtsverhandlung.
Eine merkwürdige Geschichte von Peter Peppermint.
In Amerika ist es möglich, daß ein Richter sich selbst verurteilen kann. Das ist eine, zwar erstaun- liche, aber unleugbare Tatsache, die ihr mir einfach glauben müßt. Und wenn ich jetzt die Geschichte vom Richter Penny W. Dickson erzähle, flunkere ich nicht, sondern berichte die reine Wahrheit.
Die Sache war die. Als der ehrbare Richter Penny W. Dickson feine Post durchsah, stieß er auf eine gegen ihn gerichtete Strafanzeige. Er wußte zwar, daß der Briefträger sie heute früh auf den Tisch legen würde, aber dennoch runzelte er die Stirn. Also das stimmte — die Anzeige war schon richtig.
Gestern abend, als er bei feinem Freunde Bob Migglewicks zu einem heimlichen Gläschen prohibierten Grogs — ich darf einschalten, daß die Geschichte zu der Zeit spielt, da Alkohol und Methyl- alkohol im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein und dasselbe waren — eingeladen war, hatte er vergessen, die Parklichter seines Autos einzuschalten. Der Wagen blieb unbeleuchtet stehen bis drei Uhr morgens. Hm..,
Gut. Der gewissenhafte Richter mußte also sich selbst vor Gericht laden und aburteilen. Deshalb veranlaßte er persönlich den Sekretär seines Gerichts, ihm, dem Richter Penny W. Dickson, eine Vorladung zu einem Termin zuzustellen, die der Richter Penny W. Dickson unterschrieb.
Das Gesetz verlangt einen Zeugen — gut, auch der Zeuge Penny W. Dickson wurde durch den Richter Penny W. Dickson geladen.
Der Termin war also festgesetzt. Alle drei — Angeklagter, Zeuge und Richter — waren erschienen, obwohl nur Herr Penny W. Dickson zu sehen war. Der hielt eine Art Selbstgespräch, denn er verhörte sich, und mußte schließlich in feiner Eigenschaft als Richter zugeben, daß der Angeklagte unweigerlich zu bestrafen wäre. Der Angeklagte Penny W. Dickson sagte zum Erstaunen des Richters Penny W. Dickson: „Ich zahle gleich bar!" Und richtig, drei Dollar flirrten auf den Tisch.
Das ist — ich darf diese Bemerkung wiederum einschalten — natürlich nicht amerikanisch. Wenn der gute Penny W. Dickson bargeldlos zahlen würde, wäre für diese Geschichte eine größere Glaubwürdigkeit verbürgt. Aber das ist meine Sorge, nicht eure!
Also: drei Dollars flirrten auf den Tisch. Der Zeuge Penny W. Dickson war eigentlich, wie es zunächst den Anschein hatte, umsonst erschienen, denn er brauchte gar nicht erst gefragt zu werden, weil der Angeklagte Penny W. Dickson sozusagen geständig war. Aber Zeugen haben immerhin Anspruch auf ihre Gebühren.
„Wieviel verlangen Sie Zeugengebühr?" fragte der Richter Penny W. Dickson. In einer Art Bauch. rebnertonfaU folgte die Antwort: „Drei Dollar, denfe ich!"
„Schön. Sollen Sie haben!"
Worauf Richter Penny W. Dickson und die vom Angeflagten Penny W. Dickson erlegten drei Dollar dem Zeugen Penny W. Dickson in die Hosen- tasche gleiten ließ, von wannen sie gefommen waren...
Hochschulnachnchten.
— Dr. Rudolf Sieverts in der rechts- und staatswiffenschaftlichen Fafultät der Hamburgischen Universität wurde zum 1. August zum planmäßigen ordentlichen Professor für Strafrecht und Kriminalpolitif, einschließlich ausländischem Straf- recht und ausländischer Kriminalpolitif, in Ham- bürg ernannt. Dr. Sieverts hat erst vor einigen Tagen einen Ruf als Ordinarius nach Hall- abgelehnt.


