Hr. 107 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch, 9. Mi 1954
Aus der Provinzialhauptstadt,
tleberm Sternenzelt.
Von Pfarrer £)r. Bergsr-Oarmstadi.
„Brüder, überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen!" So singt Schiller in seinem Lied an die Freude. In seinem idealistisch begeisterten Herzen möchte er die ganze Welt umarmen und sich gleichzeitig zum Himmel emporschwingen. Es liegt darin jene Zweipoligkeit alles Menschenlebens beschlossen, das mit seinem ganzen Sein dem Diesseits verhaftet, doch zugleich sich immer wieder in Sehnsucht und Hoffnung dem Jenseits zuwendet, in dem es Erhöhung, Vollendung und Ewigkeit sucht.
Gerade so geht es uns am Himmelfahrtstag. Ganz besonders gern halten die Christen an diesem Tage ihre Gottesdienste im Freien. Die in diesem Jahre besonders herrliche Frühlingsnatur lockt mit ihren tausend Wundern und Schönheiten, gibt uns eil) neues physisches Lebensgefühl, zeigt uns wieder, wie sehr wir dies Stück Erde lieben, das unsere Heimat ist. Und doch verleiht das gleiche Lebensgefühl der Seele Schwingen, daß sie sich über dies Irdische erheben muß. Der Blick geht nach oben, als ob er das Sternenzelt durchdringen und bis zum Himmel selbst gelangen wollte. Die Erde wird ihm zu eng. Das ganz Große, das er erleben möchte, muß höher und größer sein als das Diesseitige.
So kommt der Gottesdienst im Freien dem am besten entgegen, was die Christenheit am Himmel- sayrtstage bewegt. Don allen christlichen Festen ist leins — sowohl in seinem geschichtlichen, als auch dogmatischen Inhalt — so umstritten und schwierig. Und doch ist zugleich keines so volksnah, wei(, es symbolhaft das ausdrückt, was alle empfinden.
Denn auch Christus steht unter diesem doppelten Destimmtsein. Er ist uns dort ganz nah, wo er sein Angesicht dem Menschen zugekehrt, sich hinunterbückt zu den Niedrigsten und Elendesten, mit ihnen leidet, in ihre Winkel, Ecken, Gassen geht,' ihnen hilft und sie heilt. Zugleich aber wendet er sein Angesicht dem Himmel zu, von dem er ist, zu dem er geht, für den er eigentlich lebt, wenn nicht, wäre er ja nicht mehr als irgend ein menschlicher Wohltäter, deren es viele gab und gibt. Aber sein Leben ist mehr? Als seine irdische Aufgabe erfüllt, ist es selbstverständlich, daß er für das Bewußtsein derer, die seine messianische Kraft geprüft und an ihn geglaubt, nicht ein menschliches irdisches Ende haben konnte. Sie erlebten und bekannten: „Er ist aufgefahren gen Himmel". Die Linie seines Lebens endet nicht in dieser Welt, sie führt geradeaus dorthin, wo Gott ist, übers Sternenzelt.
Auch wir tun gut, unfern Blick zu heben zu dem, der sich lebendig erweist in einer Kraft, die Himmel und Erde verbindet. Wenn uns Himmelfahrtstag nichts ist, als eine Gelegenheit, eine — wenn auch noch so schöne — menschliche Naturfreude zu genießen, dann bleibt diese Freude schal und leer. Auch wir wollen etwas erfassen von dem Glauben an den, der überm Sternenzelt lebt und regiert in Ewigkeit.
Heiliges Hüteramt.
-13on Elli Heese.
„Im Hause muß beginnen, was leuchten soll im Vaterland." In einer Zeit deutschen Aufbruchs, in der Zeit der Freiheitskriege, wies der Turnvater Jahn mit diesen Worten auf die innere Gemeinschaft zwischen Volk und Familie hin. Das Leuchten, das vom Haus der deutschen Familie ausstrahlt in das Vaterland, in das Haus des deutschen Volkes, erinnert uns an das Urbild germanischer häuslicher Gemeinschaft, an das Herdfeuer und seine Hüterin, die Hausfrau und Mutter. Nicht nur den Bedürfnissen des Tages soll der häusliche Herd dienen,
Wiedereröffnung des Kameradschaftshauses der Gießener Studentenschaft.
Gestern morgen wurde für das Sommersemester 1934 das Kameradschaftshaus der Gießener Studentenschaft eröffnet. lieber 70 junge Studenten haben in diesem Semester das Kameradschaftshaus der Studentenschaft bezogen, das sich durch einige Erneuerungen, die während der Semesterferien ausgeführt wurden, noch zweck- mäßiger gestaltete. Die großen Schlasräume wurden in einzelne Stuben aufgeteilt, so daß je eine Kameradschaft von 12 Mann ein Zimmer bewohnt. Sämtliche Stuben sind in sinnvoller Weise mit bestimmten Namen bedacht worden (Lettow-Dorbeck-, Jmmelmann-, Elsa-Brandström-, Weddigen-, Eupen- Malmeüy-, Memelland- und Nordschleswigstube), die Ausschmückung dieser Zimmer durch die einzelnen Kameradschaften hat diesen Namen Rechnung zu tragen, lieber dem Eingang zum Kameradschaftshaus stehen, gleichsam als Mahnung, die Worte „Manneszucht — Kameradschaft — Dienst- bereitschast". lieber dem Ganzen steht die Losung der Gießener Studentenschaft „Erst in der Tat erweist sich die Gesinnung".
8.15 Uhr trat die ganze Belegschaft vor dem Kameradschaftshaus zur ersten Flaggenhissung in diesem Semester an.
Oer Führer des Kameradschaftshauses cand. theol. Paul Seipp
sprach in Gegenwart des Führers der Studentenschaft zu seinen Kameraden. U. a. führte er aus: „Nach zweimonatiger Unterbrechung wollen wir heute wieder unsere schwarze Fahne mit Schwert und Schaufel aufziehen und damit symbolisch ein neues Semester beginnen. Damit stellen wir uns auch äußerlich wieder unter die Forderung, die diese Fahne an uns stellt. Diese Forderung heißt: Arbeit und Kampf. Wir wollen uns dabei von neuem bewußt werden, daß immer und zu allen Zeiten Kampf und Arbeit zusammengehörten und recht eigentlich verschiedener Ausdruck für ein und dieselbe Sache waren. Schon im Niibelunaen- lied haben wir einmal den heldischen Kampf und daneben im gleichen Sinne die „große Arbeit", das hohe Lied der Arbeit als des Kampfes um Volk
und Zukunft. Und so wollen auch wir in dieses neue Semester gehen mit dem festen Willen, fleißig zu arbeiten und ehrlich zu kämpfen, um die Pflicht unserem Volke gegenüber erfüllen zu können.
War das letzte Semester das Semester der Unruhe, die mit allem neuen Werden verbunden ist, so wollen wir im kommenden Semester gemeinsam die ersten festen Grundlagen finden, auf denen die studentische Kameradschaftserziehung aufgebaut werden kann. Und besonders die neuen Kameraden, die später von uns aus als Führer in ihre Wohnkameradschaft zurückkehren, bitte ich, sich bei uns nicht nur als Publikum zu fühlen, sondern als Mitarbeiter.
Auch das neue Semester wird nicht ohne Spannungen und Konflikte vorübergehen. Und das muß so sein. Denn das Kameradschaftshaus mit seinen Konflikten, Reibungen und Spannungen ist für den jungen Studenten die Front, wo er sich zu bewähren hat, oder wo er versagt. Ein Kameradschaftshaus ohne Konflikte ist eine Etappe mit allen ihren üblen Erscheinungen.
Wir aber im Gießener Kameradschaftshaus wollen nicht Etappe sein mit Ruhe und Behaglich- jfeit und Vergnügen und Selbstsucht, sondern wir wollen Front sein, Front mit Kampf und Arbeit und Leben, mit Manneszucht, Kameradschaft und Dienstbereitschaft.
Diese Fronthaltung werde ich stets rücksichtslos von euch verlangen, ebenso wie ihr sie stets rücksichtslos von mir verlangen sollt. Mit dieser gegenseitigen Verpflichtung wollen wir die Fahne hissen und das neue Semester beginnen."
Mit dem Lied „Volk, ans Gewehr" war die Eröffnungsfeierlichkeit geschlossen.
Das Gießener Kameradschaftshaus, das sich durch seine Veranstaltungen und Kameradschaftsabende schon im letzten Semester einen Namen gemacht hat, wird auch im kommenden Semester wieder in der alten Weise tätig sein. Wir werden unsere Leser über die Praxis der Kameradschaftsergiehung, -wie sie im Gießener Kameradschaftshaus durchgeführt wird, auf dem laufenden halten.
auch die Kerzen der Liebe zum Vaterland soll er entzünden, hell wolle sie in den Herzen brennen und sie zu Taten der Gemeinschaft entflammen.
Aus der Frühzeit unseres Volkes wissen wir, daß das Amt der Frau als Hüterin des Herdes fast als ein priesterliches Amt aufgefaßt wurde, — die Verantwortung dafür, daß die Jugend in der Liebe und Treue zur Sippe und zur Heimat aufwuchs, lag in der Hand der Mutter. So ist es auch heute. Die Frau und Mutter ist verantwortlich für den Geist des Hauses. Die unlösliche Familiengemeinschaft gibt dem jungen Menschen die Erkenntnis ins Leben mit, daß er genau so seinem Volk wie der Familie gehört. Diese Erkenntnis aber kann nicht allein die Mutter lehren, sondern das Bild gemeinsamen Wirkens für andere gibt ihm die sich ergänzende Werk- und Lebensgemeinschaft von Vater und Mutter, die Familie.
Schon aus den überlieferten Zeugnissen germanischer Frühzeit wissen wir, daß Mann und Frau gleichgeachtet und gleichberechtigt ihren Platz in der Familie einnahmen, — vielleicht liegt hierin das Geheimnis, daß die Familie immer wieder der Erneuerungsquell unseres Volkes gewesen ist. Daher liegt ein tiefer Sinn darin, daß der Nationalsozialismus den Tag, der in früheren Jahren den Namen Muttertag führte, den Tag der Familie nennt.
In feinen Bildern der deutschen Vergangenheit hat uns Gustav Freytag gezeigt, wie nach der beispiellosen Verwüstung Deutschlands durch den Dreißigjährigen Krieg Zucht und Ordnung allein wieder erwuchsen aus der fleißigen Arbeit der Familie. Freilich ging die Entwicklung damals den umgekehrten Weg wie heute: im Bauern- und Bürgerhaus schloß man sich in den engen vier Pfählen des eigenen Hauses gegen das Leben der Oeffentlichkeit ab, — man hatte den Kampf als brutalen Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens zu bitter spüren müssen und war gegen die Werte der Volksgemeinschaft blind und taub geworden. Daher konnte die Selbstverwaltung der stolzen mittelalterlichen Städte, die Gemeinschaftsarbeit an der Dorfflur aus diesem zwar fleißigen, aber engherzig denkenden Geschlecht nicht wieder erblühen.
Der Nationalsozialismus hat in brüderlicher Gemeinschaft den Boden erkämpft, auf dem die deutsche Saat wieder wachsen kann, den Baugrund uns gegeben, auf dem wir das deutsche Haus errichten sollen. Auch der nationalsozialistische Staat will die Familie Grundstock dieses deutschen Hauses sein lassen, doch nicht so, daß sie sich abschließe vom Leben der Gemeinschaft, sondern daß sie Hüter sei des Geistes einer wahren Volksgemeinschaft. Nicht in den eigenen vier Wänden, nicht in enger Selbst-
Der Neichömütterdienlt im Deutlchen Frauenwerk
veröffentlicht zum Muttertag als Symbol seiner Mütterschulungsarbeit diese Radierung Albrecht Dürers.
genügfamteit sollen wir einen spießbürgerlichen Tag leben: Familiengeist, das bedeutet heute zugleich das lebendige Bewußtsein, daß dieser Geist gemeinsamer Arbeit und blutsbedingter Gemeinschaft das ganze Volk bindet, daß Deutschland die Kraft jeden Mannes, jeder Frau braucht.
Familientag, der aus dem Muttertag erwuchs, erinnert die Mutter an ihr heiliges Hüteramt am Geiste der Volksgemeinschaft.
„Kraft durch Freude."
Vurgenrundfahrl am himmelfahrlslag.
Alle gemeldeten Teilnehmer treffen sich morgens 8 Uhr am Oswaldgarten vor der Unterführung am Omnibus. Das Fahrgeld (pro Person 2.—) ist mitzubringen. Jeder gemeldete Teilnehmer ist zur Zahlung verpflichtet, auch dann, wenn er aus irgend einem Grunde die Fahrt nicht mitmachen sollte. Ersatzleute können in einem solchen Falle natürlich teilnehmen.
gez. Christ
Kreiswart „Kraft durch Freude" Abteilung höhere Schule. Fachschaft für neuere Sprachen.
Die erste Sitzung findet am Freitag, 11. Mai, um 16 Uhr in der Oberrealschule (Seminarzimmer) statt. Krauß, Fachschaftsleiter.
Der Verkauf von Hackfleisch.
Von der Polizeidirektion Gießen wird uns mitgeteilt:
Nach § 5 der Polizeiverordnung über den Verkehr mit Fleisch und allen übrigen voN Tieren herstammenden Fleischwaren vom 18. Oktober 1924 darf
Ltnd nun, Ellen?
Zfiomon von Käthe Metzner.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
2 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sprachlos starrte Frau Ehlers dem Mieter nach. Seine wohldurchdachten Worte hatten ihre Wirkung auf ihr ängstliches Herz nicht verfehlt. Nun mußte sie sich Ellen gegenüber Luft machen.
„Unsinn, Muttchen! Ich kann es nicht glauben. So spricht nur ein gehässiger Mensch."
Sie waren nebenan in der kleinen, schmalen Kammer, die Ellen jetzt als Schlafraum diente. Drüben auf der Chaiselongue hatte man den Verletzten zur Nacht gebettet.
„Du beleidigst geradezu Herrn Holm!"
„Beleidigen, Muttchen? Wer in den Augen der Menschen ein wenig zu lesen versteht, kennt bald ihre Seele. Herr Rakenius ist wahrhaftig kein leichtsinniger Mensch."
„Aber er reift doch viel, wie er selber zum Arzt sagte?"
„Und daraus zieht Herr Holm den Schluß, daß er leichtsinnig ist?"
„Du ergreifst Partei für einen Fremden, den du zum ersten Male in deinem Leben siehst?"
Frau Ehlers Stimme verriet ein leichtes Zittern. Ellen ahnte wohl, die Mutter würde die ganze Nacht keine Ruhe finden. Nun erst recht hatte sie die Pflicht, ihre wahre Meinung über den Fremden zu äußern. Doch Frau Ehlers wurde mit der mahnenden Vorsicht ihres Mieters nicht fertig.
„Kommt hier ein fremder Mensch in unser Haus, trägt Unruhe und vielleicht auch noch Unfrieden herein und du... verteidigst ihn. Wir hatten ihn nicht halten sollen, nachdem der Arzt keine ernsten Verletzungen festgestellt hatte."
„Muttchen! Das wäre ja Sunde gewesen. Bedenke Ellens Auaen waren schreckgeweitet. Sie erkannte den unheilvollen Einfluß, den Ernst Holm m den wenigen Wochen auf ihre Mutter ausubte.
Mit seltsamen Gefühlen legte sie sich schlafen. Doch ruhelos verging die Nacht. Sie schreckte auf aus dem Halbschlaf, hörte immer wieder das ohrenbetäubende Krachen des splitternden Holzes, und sah wieder das feine, gütige Gesicht des Fremden, das sie fo dankbar anschaute. Wer mochte er nur fein, dieser Rakenius?
Ach, wäre er doch ein einfacher Mensch! >jrgeno ein kleiner Angestellter!"
Ellen fühlte, wie ihr Herz feit der Minute, als ha5 Gesicht des Fremden im Schein der Lampe zum ersten Male erblickt hatte, in hastigen Schlägen hämmerte -
War das Liebe? Jene große Liebe auf den ersten Blick, die dem Menfchen zum Schicksal wird, wenn sie ihm begegnet?
Zweites Kapitel.
Am nächsten Morgen, als Holm schon lange im Dienst war, saß sie dem Fremden auf der Veranda gegenüber.
„Sie fühlen sich also wieder ganz wohl, Herr Rakenius?"
„Durch Ihre gütige Hilfe, mein Fräulein — ja!" Wunderbar weich war die Stimme des Fremden. Man hätte sekundenlang die Augen schließen und dem Klang dieser Stimme lauschen können. Seine Art, sich auszudrücken, ließ Ellen sofort erkennen, daß sie einen feingebildeten Menschen vor sich hatte.
„Ich tat meine Pflicht. Nichts anderes."
„Nein, nein — Sie taten viel mehr! Ich weiß, daß ich tief in Ihrer Schuld stehe, gnädiges Fräulein! Wie kann ich diese Schuld abtragen?"
„Herr Rakenius!" Ellen begehrte auf. „Wie können Sie so sprechen. Selbstverständliches bedarf doch keines solchen Ausgleichs."
Der Fremde stützte den Kopf in die hohle Hand und schien nachzudenken.
Frau Ehlers, die eben das Frühstück hereinbrachte, schien nicht sehr erbaut, daß Ellen sich mit dem Unbekannten in eine Unterhaltung eingelassen hatte.
Doch was sollte sie dagegen tun? So siegte auch ihre Neugier, und mütterliche Sorge zwang sie, von dem Fremden während des Frühstücks mehr zu erfahren.
„Sie reisen viel, Herr Rakenius?"
„Ja, sehr viel, gnädige Frau!"
Also ist er doch Reisender. Ellen und ihre Mutter dachten es gleichzeitig. Bei Frau Ehlers löste die Bestätigung von Holms Vermutung einen Schauder aus. Ellen aber durchrieselte ein unbekanntes frohes Gefühl der Erleichterung. Er war also wirklich nur ein kleiner Angestellter.
„Ihren Wagen hat Herr Holm abschleppen lassen!" Frau Ehlers versuchte, dem Gespräch eine gleichgültige Wendung zu geben.
„Es wäre nicht nötig gewesen. Er hätte dort .liegen bleiben können. Es war nicht mein eigener. 2ch hatte ihn nur gemietet", erwiderte der Fremde sorglos, liebenswürdig.
„Und da wollten Sie ihn einfach stehen lassen? Wenn er doch nicht Ihr Eigentum war?" So entsetzt war Frau Ehlers über den Leichtsinn des Fremden, daß sie sich diese Frage nicht verkneifen konnte.
Auch Ellen konnte diesmal ihre Verwunderung kaum verbergen, und ihre Blicke ruhten fragend auf dem noch immer bleichen, durchgeistigten Gesicht des Mannes.
Rakenius aber lächelte ahnungslos:
„Warum nicht, er hätte ihn sich doch holen fönnen/
„Aber Herr Rakenius!" Frau Ehlers war froh, als das Frühstück zu Ende war. Sie begriff nicht, sondern fühlte nur, daß sie Ellen irgendwie mahnen mußte. Holm hatte natürlich wieder einmal nur zu recht.
Beim Abservieren benutzte sie draußen in der Küche sofort die Gelegenheit, um Ellen zu sagen:
„Er sieht dich obendrein mit einer Kühnheit an, die ich geradezu herausfordernd fände, wenn ich nicht schon lange bemerkt hätte, daß dieser leichtsinnige Mensch auch dir nicht gleichgültig ist. Nun hast du ihn unverständlicherweise auch noch zum Mittagessen eingeladen, was er in feiner Unverfrorenheit natürlich auch angenommen hat. Unbegreiflich überhaupt, daß er nicht einmal sagt, wer er eigentlich ist und woher er stammt. Du siehst wieder einmal, wie recht Herr Holm hatte!"
„Was hat das alles nur immer mit Herrn Holm zu tun?" Ellens Gesicht hatte eine purpurne Röte übergossen.
„Was?" Frau Ehlers zweifelte in diesem Augenblick an dem klaren Verstand ihres Kindes, das sie sonst über alles liebte.
„Ich versteh dich nicht! Ausgerechnet diesem Fremden begegnest du mit einer ausgesuchten Liebenswürdigkeit, während du Ernst Holm gegenüber geradezu unhöflich bist. Holm muß dir mehr wert sein!"
„Muß? Muttchen!" Zum ersten Male in diesem Augenblick erkannte Ellen, daß die Mutter mit Ernst Holm eine Absicht verband, die wähl nur aus der völligen Ungesichertheit ihrer gegenwärtigen Lage kommen konnte.
Auf ihren Wangen erlosch alle Glut. Mit aller Kraft beherrschte sie sich. Nie, das wußte sie schon jetzt, würde sie für Holm auch nur die geringste Neigung aufbringen können. Alles in ihr war Abwehr gegen den Meschen, der ihr feines, mädchenhaftes Empfinden schon am ersten Abend so schwer verletzt hatte. Doch davon ahnte ja die Mutter nichts.
Mit schweren Schritten ging sie hinaus in den Garten. Die Erregung in ihr mußte langsam verebben.
Plötzlich aber fühlte sie einen leisen, ziehenden Schmerz in der Herzgegend.
'Dort stand Rakenius. Er mußte ihre Schritte auf dem knirschenden Kies gehört haben. Denn augenblicklich drehte er sich um. Mit langsamen Schritten kam er auf sie zu.
Seite an Seite gingen sie über die schmalen Wege. Unbewußt lenkte Ellen die Schritte zu ihrem Lieblingsplatz und ließ sich in Gedanken versunken auf die kleine Bank nieder.
Der-Fremde sah sie lange an. In feinem regelmäßigen Gesicht war eine glückliche Zufriedenheit.
„Sie sind stellungslos, Fräulein Ehlers?"
„Ja! Bis gestern noch war ich Laborantin in den Levnawerken."
„Laborantin?" Rakenius' Augen zeigten sekundenlang hellste Ueberraschung.
„Wenn Sie es wünschen, können Sie es morgen wieder sein ..."
„Sie scherzen!" Ellen grub ihre weißen Zähne in die Unterlippe. Ein leiser Schatten huschte über ihr schönes Gesicht.
Sollte der widerliche Holm doch recht haben?
„Sie scherzen ' geheimnisvoll wie mit Ihrem Namen, Herr Rakenius!" lächelte sie mühsam.
Da grub sich eine tiefe Falte zwischen Rakenius' Brauen, und während seine Augen die des Mädchens festhielten, sagte er fast schmerzlich:
„Es ist seltsam, Gnädigste. Manchmal geht es einem wohl so im Leben, daß man aus einer bestimmten Empfindung des Herzens heraus fremd fein und bleiben muß."
„Müssen Sie?"
„Ja! Ich denke — ja!"
Sie schwiegen.
Rakenius kämpfte die aufkeimende Liebe zu dem Mädchen gewaltsam nieder, obgleich alles in ihm ihn zu ihr zwang, deren Herz sich ihm in zitternder Seligkeit zuneigte.
„Sehen Sie, warum ich es muß — wie alle es müssen. Wir Menschen unterstehen gewissen geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen der Konvention. Empfindungen haben nur bann zu sprechen, wenn der andere es wünscht."
Kaum verstand Ellen die Worte. Sie hörte nur die warme dunkle Stimme, die so viel Zärtlichkeit und Geborgenheit ausströmte, und wußte nur, daß dieser Mann noch an dem Tage von hier fortgehen würde — für immer.
Rakenius ließ sich infolge feiner Verletzungen noch etwas vorsichtig auf der Bank neben Ellen nieder.
Um die beiden flammte der junge Maitag mit all feinem Licht und der Glut feiner Düfte.
„Ich könnte Ihnen viel erzählen von mir. Doch wozu? Bitte verstehen Sie mich recht. Ich gehe noch heute fort. Lasse Sie in einem Glück und Frieden zurück, um den ich Sie beneide. Von allen Stunden meines Lebens gaben mir diese eine Ahnung von wahrhaftem Glück."
Da schlug Ellen die Augen voll zu ihm auf. Ihre ganze junge, reine Liebe lag in dem hilflos fragenden Blick. Wieder durchströmte sie eine Glut der Empfindung für diesen fremden Menschen, die sie sich nicht erklären konnte.
Verräterische Röte brannte auf ihrem bleichen Gesicht. Sie schämte sich, so unbeherrscht zu fein. Doch warum und immer wieder warnte der Fremde?
Warum sprach er von den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen der Konvention?
Hatte er Rücksicht zu nehmen auf irgend etwas? Auf eine Frau etwa? Auf seine Frau? Vielleicht war er bereits verheiratet und trug nur keinen Ring.
(Fortsetzung folgt.) 4


