Nr. 181 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheffen)
Montag, b. August 1934
Aufrüstung statt Abrüstung.
Wenn im September in Genf die alljährlich zu- fammentretende Bölkerbundsverfammlung tagt, will die Abrüstungskonferenz einen erneuten schwächlichen Versuch einer Weiterarbeit machen, oder wenigstens einer Vorbereitung dieser Weiterarbeit. Wenn nicht noch ganz besondere Umstände eintreten, so wird sich die Abrüstungskonferenz, sofern sie tatsächlich zusammentreten sollte, der gleichen ungeklärten Lage gegenübersehen, wie bei ihrem Auseinandergehen im Mai, als nur durch die Annahme der lahmen Kompromißent- schliehung der endgültige Zusammenbruch der Konferenz und des ganzen Abrüstungsgedankens überhaupt mühselig hinausgeschoben wurde.
In den seitdem vergangenen Monaten sind in der Abrüstungsfrage nicht die geringsten Fortschritte erzielt worden. Von „Abrüstung" zu reden ist überhaupt völlig längst abwegig. Von einer Abrüstung der hochgerüsteten Staaten kann nicht mehr die Rede sein. Das Ziel ist ein wesentlich beschränkteres und begrenzteres geworden. Es kann sich höchstens nur noch — und die Verwirklichung die- es Gedankens ist auch schon sehr wenig wahr- cheinlich — um eine Begrenzung der 'Hütungen auf den gegenwärtigen Stand handeln. Selbst die Erreichung dieses kleineren Zieles ist von der Erfüllung des weitgehenden französischen Sicherheitswunsches abhängig. Die französischen Sicherheitsforderungen gipfeln in dem Abschluß der verschiedenen, von B a r t h o u angestrebten regionalen Sicherheits- und Nichtangriffspakte, die den alten Militärbündnissen der Vorkriegszeit wie ein Ei dem anderen gleichend, die Aufrechterhaltung der französischen Vorherrschaft in Europa, die Einkreisung und M achtlos - Haltung des Deutschen Reiches unter weiterer Vorenthaltung der ihm durch die Fünfmächteerklärung vom Dezember 1932 theoretisch zuerkannten Gleichberechtigung anstreben. In dem undurchdringlichen und engmaschigen Netz der von Frankreich propagierten Regionalpakte, Ostpakt, Nordostpakt, Mittelmeerpakt, verstärktes Locarno durch sowjetrussische Garantie — um nur die wesentlichsten zu nennen — finden sich kaum die zünftigen Diplomaten zurecht, geschweige denn ein gewöhnlicher Sterblicher. Italien und England haben sich für die französischen Ostpaktpläne unter der Voraussetzung eingesetzt, daß ihr Abschluß den Weg zur Rüstungsbegrenzung ebne. Frankreich aber bestreitet diese Bedingungen und will von solchen Abreden in London nichts wissen. Bei der unbedingten Ablehnung des französischen Ostpakt' planes in der vom Quai d'Orsay erstrebten Gestalt durch Deutschland und bei der zum mindesten nicht allzu großen Bereitwilligkeit Polens zum Abschluß eines solchen Ostpaktes scheint sein Zustandekommen wenig wahrscheinlich.
Unter diesen Umständen entfällt auch der letzte Hoffnungsschimmer selbst auf eine Begrenzung der Rüstungen, und als notwendige Folge muß ein zügelloses und ungeregeltes Wett- und Auf- rusten einsetzen. In Wirklichkeit hat diese Aufrüstung bei den anderen Mächten aber schon längst begonnen. Die Landmächte rüsten auf, und die Seemächte rüsten auf. Beide Gruppen sind fieberhaft bestrebt, ihre Luftstreitkräfte auszubauen. Frankreich, das im Begriff steht, seine gesamte Armee mit Rücksicht auf die Fertigstellung der großen Grenzbefestigungen und die Einteilung der dort eingesetzten Verteidigungstruppen im Rahmen einer Dreiteilung — in eine Grenzarmee, bestehend aus aktiven imd Reservetruppen, eine motorisierte Truppe und die große Masse der verbleibenden Kräfte, auch mit dem Namen „mobilisierte Nation" bezeichnet — neu zu organisieren, plant eine völlige Verjüngung seiner gesamten Luftstreitkräfte. Lehrreiche Einblicke in die Luftrüstungen der europäischen Staaten gewährt Baldwins jüngste Unterhausrede, in der er die
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Die Totenmaske des Heimgegangenen Reichspräsidenten, die von dem Bildhauer Professor T h o r a k (Berlin) geschaffen wurde.
Verstärkung der englischen Luftflotte durch den Bau von 41 Flugzeuggeschwadern — bei einer Verteilung des Bauprogramms bis zum Jahre 1938 — forderte, mit der vielsagenden Begründung, „daß seit den Tagen der Bezwingung der Luft die alten Grenzen geschwunden seien, so daß, wenn man an die Verteidigung Englands denke, man nicht mehr an die Kreidefelsen von Dover denke, sondern an den Rhein, wo heute Englands Grenze liege." Damit wird unumwunden dem englischen Volke Deutschland als der mögliche Haupt- feind der Zukunft hingestellt. Nach Baldwins Feststellungen hat Frankreich in den letzten vier Jahren seine Flugzeuge um zwei- bis dreihundert verstärkt, während es jetzt neue Rüstungen und Umorganisationen plant mit einem Kostenaufwand von 15 Millionen Pfund über die jährlichen Voranschläge hinaus. Italien hat — nach Baldwin — seine Luftflotte nur um 65 Flugzeuge vermehrt, doch seien bei einem Flugzeugbestand von 1100 Flugzeugen neue Umorganisationen vorgesehen, für die 2'//Millionen Pfund veranschlagt sind. Belgien hat seine Flugstärke um dreißig Prozent erhöht. Die Gesamtkosten für die von England vorgesehene Luftrüstung belaufen sich auf 20 Millionen Pfund Sterling. Die geplante Erhöhung der Luftrüstung wird die Hälfte der gegenwärtigen Stärke betragen. Die geplante Verstärkung der englischen Luftflotte löst in Japan das gleiche Bestreben aus. Das japanische Kriegsministerium soll einen neuen Plan zum Ausbau der japanischen Luftflotte aufgestellt haben, nach dem das Heer 800, die Flotte 288 neue Flugzeuge erhält. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika wollen naturgemäß nicht Zurückbleiben. Nach dem
Bericht des Luftfahrtausschusses des Kriegsministeriums braucht allein das amerikanische Heer 2320 Flugzeuge. Das Heer soll von 130 000 auf 179 000 Mann gebracht werden.
Das einzige Gebiet, auf dem es nach dem Kriege zu einer praktischen Beschränkung der Rüstungen kam, war die Seerüstung. Das Washingtoner Flottenabkommen vom Jahre 1922, später ergänzt durch die Londoner Beschlüsse von 1930, sah gewisse Beschränkungen der Flottenrüstungen vor. Das Abkommen ist bis zum Jahre 1935 befristet. Zu diesem Zeitpunkt soll eine neue Flotten- konferenz ftattfinben. Die bisherigen Vorverhandlungen * haben zu einem positiven Ergebnis noch nicht geführt, so daß die Konferenz ernstlich in Frage gestellt zu fein scheint. Jedenfalls aber nutzen alle' Mächte des Washingtoner Abkommens vor Toresschluß noch die Möglichkeiten aus, die ihnen das Abkommen bietet. In den Vereinig- t e n Staaten von Nordamerika ist zur Zeit ein Flottenbauprogramm, die sogenannte Swanson-Bill, im Gange, nach dem die amerikanische Flotte die volle Stärke erreicht hat, die nach den Flottenverträgen zulässig ist. Italien hat den Bau von zwei Schlachtschiffen von je 35 000 Tonnen befchlofsen. Frankreich fühlt sich durch die italienischen Baupläne beunruhigt, so daß es ebenfalls den Bau eines 35 000 Tonnen-Schlacht- fchiffes erwägt unter dem Vorwand einer Bedrohung durch die Panzerschiffe der „Deutschland"- Klasse von 10 000 Tonnen. Japan ist mit dem Verteilungsschlüssel von Washington 5:5:3 im Verhältnis der beiden angelsächsischen Mächte zu Japan nicht mehr einverstanden', es verlangt Gleich- stelluna mit den angelsächischen Mächten und droht
mit Kündigung des Washingtoner Abkommens.
Gegenüber der in allen Ländern betriebenen Aufrüstung steht das Deutsche Reich fast wehrlos da. Trotzdem wird ihm auch weiterhin die Gleichberechtigung verweigert. Man will nicht einmal seinen Anspruch auf Verteidigungswaffen anerkennen. Scheitert eine Vereinbarung in der „Abrüftungsfrage", dann ist der Augenblick gekommen, da das Deutsche Reich sich gezwungen sehen wird, auch seinerseits die Folgerungen aus der Aufrüstung der anderen zu ziehen.
Deutsche hungern in Rußland.
Das deutsche Hilfswerk „Brüder in Not" hat bisher in Uebereinftimmung mit der fowjetruffifchen Regierung und der Organisation der staatlichen Läden in Rußland, „Torgsin", fortlaufend dir etwa 600 000 bis 800 000 deutsch stämmigen russischen Staatsangehörigen mit Geld und Lebensrnitteln aller Art unterstützt. Berge von Briefen liegen vor, die beweisen, wie ungeheuer groß die Not dieser verzweifelten Menschen immer noch ist. Unendlicher Segen ist durch die Ueberweisungen gestiftet worden, die bisher mit Hilfe der Reichsbank über die Torgfin-Läden geleitet wurden und die bis vor kurzem regelmäßig und zuverlässig dort eintrafen.
Seit einiger Zeit hat sich nun bet den offiziellen Regierungsstellen in Rußland die fixe Idee verbreitet, daß dieses Hilfswerk geeignet fei, für die Regierung Hitler in Rußland Stimmung zu machen, und daß bei den russischen Staatsangehörigen deutschen Blutes der Eindruck erweckt werden könnte, als hätten sie außerhalb Rußlands noch ein deutsches Mutterland, auf dessen Hilfsbereitschaft immer zu rechnen wäre. Infolgedessen ist man dazu übergegangen, das Hilfswerk „Brüder in Not" zu boykottieren und mit den erschreckendsten Maßnahmen dagegen vorzugehen. Nicht nur, daß die bisherige gute Qualität der Waren, die auf Torgfin-Gutfcheine verteilt wurden, nachgelassen hat; nicht nur, daß in steigendem Maße Unterschriften auf den Quittungen gefälscht worden sind; nein, diejenigen, denen die Hilfsaktion zugute kommt, werden durch die GPU. verfolgt, verhaftet, verbannt und sonstwie auf sowjetrussische Manier gemaßregelt. Außerdem mehren sich die offenbar unter Zwang durchgeführten Mitteilungen der mit der Hilfsaktion Bedachten, nach denen diese weiterhin auf jede Hilfe verzichten. Sie hätten es nicht nötig, schrieben die nachweislich in schwerster Not lebenden Deutschen, sich vom Hitler-Regime unterstützen zu lassen. Sie verbäten sich jede weitere Hilfe. Andere Deutsche in Rußland, die nach einwandfreien Mitteilungen ihrer Angehörigen dem Verhungern nahe sind, schrieben an das Hilfswert „Brüder in Not" in zynischer Weise, daß sie sich für das Geld Branntwein, Gummiartikel und Toilettegegenstände gekauft hätten. Ein anderer wieder forderte höhnisch 1000 Mark an, um seiner Mutter (!) ein Motorrad zu kaufen.
Aus diesen Ueberfteigerungen geht hervor, daß die Boykottaktion offenbar mit Gewalt und einheitlich durchgeführt wird, um das Hilfswerk unmöglich zu machen und damit die angebliche Aktion des Hitler-Deutschlands zu unterbinden. Es sind zwar Verhandlungen im Gange, um das Schlimmste zu verhüten. Anderseits wird man auch in England und Amerika darauf aufmerksam, was in Rußland zu Lasten der am Rande des Hungertodes stehenden deutfchstämmigen Einwohner Rußlands geschieht. Aber es fei jetzt schon auf das himmelschreiende Unrecht hingewiesen, das den bedauernswerten Menschen zugefügt wird, nur um jede Möglichkeit einer angeblichen Werbemaßnahme zu verhindern, die aus dem uneigennützigen Hilfswerk von bolschewistischer Seite konstruiert wird.
Nichts warmen Ecke des
Das bittere Ende.
Eine Münchener Geschichte. 13on Michael Koh Haas.
„Was tuat net glei am ersten Tag beim Spar- gel-Einputzen de unser", sagt der Herr Haslberger, ,de wo sich doch bei ihrem Einstand für a ferme Köchin ausgeben hat! Alle Spargel schneidt de Per- son radikal de Köpf ab und schmeißt s in Abfall- fübi! Ja Babett, schreit da mei Frau, wia s' dazukommt. Babett, was machen S' denn! D' Spargel- köpf in Abfallkübi! Ham denn Sie, eine ferme Köchin, no nia Spargel einputzt?" Der Trampel aber, net verlegen, sagt ganz einfach: „Ja no, sagt Vf Sie müssen bedenken: man kocht eben überall wieder anders."
Brav!" sagt der Freund, der Herr Betzinger; „Respekt!" sagt er. „Da is doch unser Zenzi um ein paar Kerzenstärken heller. Sie hat einen Bräutigam ghabt", erzählt der Herr Betzinger, „und der is ihr kürzlich untreu morn, und ich muh sagen: aufrichtig hat das Madl dem Luftikus nachtrauert. Aber vorgestern hat's auf einmal d' Wut anpackt und in ihrer Wut zerreißt f die Photographie von dem Kavalier und wirft f ins Herdfeuer — vor meiner Frau. Aber Zenzi, sagt da, roia der saubere Kampel in den Flammen sich biagt und aufblaht, mein Frau, tut er Ihnen denn gar fein bißl ne leid, Zenzi, der fesche Kerl? Und was sagt de Zenzl drauf ganz kalt? A na, sagt s'; i hab ’n ja dvppit. Kannst da no reden? Ein solches Theater! Aber, wie gfagt, hochgradig intelligent. Ueberhaupts", sagt der Herr Betzinger, „könnt meine Emilie mit einer solchenen Schneegans, de wo d' Spargel- köpf wegschmeißt, net drei Tag lang Hausen. Aber bei Alte versteht si', scheint's, ganz guat damit."
Die unvorteilhafte Parallele mit feiner Gattin unö die despektierliche Bezeichnung „bei Alte", wahrend Herr Betzinger von seiner eigenen Krampf- Henne als von seiner Emilie spricht, das erbittert ben Herrn Haslberger begreiflicherweise ganz außerorbentlich, unb er weiß in feiner Erbitterung bei ber britten Maß bas Gespräch recht unvermit- telt wie leiber feftgefteüt werben muß, auf em von ihm schon vor längerer Zeit bem HerrnsBetzin- ger gewährtes Darlehen zu bringen. Darob nun seinerseits aufs äußerte erbittert, stoßt plötzlich der lebenserprobte Freund die ungeheuerlichsten Jöe-
Schöneres auf der Welt als an einem Frühsommer-Nachmittag in einer kühlen Münchener Hofbräuhauses zu sitzen, vor sich eine schäumende Maß unb neben sich einen lebenserprobten, unterhaltsamen Freunb. Beibes aber hat ber Herr Haslberger in biefem Augenblick. Unb beibe Freunbe behanbeln soeben an ber Hanb ihrer häuslichen Verhältnisse bie Dienstbotenfrage.
schimpfungen gegen ben Herrn Haslberger aus unb entfernt sich bann rasch.
Ein übergossener Pubel, triefend von allen nur benfbaren, mit Recht ober Unrecht ihm nachgesagten Charaktermängeln, bleibt Herr Haslberger zurück An bem Tisch fitzt inbes noch einer, em Frem- ber, ber ben Zusammenprall ber zwei Freunbe mit großer Aufmerksamkeit verfolgt hat.
Das wirb bem narrischen Deifi a schäns Stück Gelb kosten", meint jetzt ber Herr Haslberger an ben Fremben hin. Der schweigt. „Denn baß man auf eine berartige Unverschämtheit hm sofort flogt bas ist boch selbftverstänblich." Der Frembe hüllt sich weiter in unnachgiebiges Schweigen. Aha, benft ber Herr Haslberger, bas ist einer lener Tapferen, bie lieber ben Nebenmenschen m ber größten Patsche sitzen lassen, als daß sie vor Gericht für ihn zeugen. Wart Bruberl dm will ich von beiner Schweigsamkeit schon helfen! Unb lau sagt er: „Ja, Herr Nachbar, so geht s m der Stabt her in zua. Da haben's Sie m Ihrem Starnberg schon ruhiger."
„3?" sagt ber Schweiger. „I bin boch net von 6t“äberrnatürli<f)-', behauptet der Herr fi^erger „Glauben S' beim, i kenn Ihnen mmmer? Wo mir uns boch beim letzten Oktoberfest einmal so guat mitananba bei a paar Maß unterhalten hab n! Sie fan ber Herr Huber von Starnberg.
..Jetzt will i AneNgw°b-!U-verstehnan -"hab Mm Krankenhaus zuabracht mit mei'm schweren «rheumaiismus un
Stund außer Bett! Und , bin a net her gerr S)u iS
ma. und > dank Eahna^ wallen. Well
larnat y notwendig als Zeugen für mei
^°S°^°"^darau7wi°d°r der Herr Hörgeist non
wissen S le^v S' zeitweis fag i! — auf alle . «eis Estehnan S,^z ( jnfoIqe=
1 iro(?a „nn ffahnerna Unterhaltung vorhin nix, aber : be!fcnnn° ireoernanben hab? Net wahr, bös wissen rem garnix I . j’5 Eahna, bamit Sie in
I Aa?eldknapp-n Zeit ® Zeugengetd net etwa um- ' f°Hf ^h^fierr Hörgeist geht. Unb auch bem Herrn ° r u"b b(-rr % unter ben obroaltenben Umftänben ! » ü'nd^terlust oergangen.
Rheinflößer.
Von Heinz Gteguweit
Die vielen Flöße, beren propere, frisch geschälten Baumportionen nach gutem Essig buften, treiben feit Jahrhunberten schon ben Rhein als Pfanbstücke der Wirtschaft hinab bis nach Hollanb. Unterwegs lösen sich nur bie Sägewerke von Mannheim, Mainz, Köln unb Düsselborf ihre mehr ober minber großen Anteile ab, bie einstmals rauschenben Fichten müssen sich bann in Dachstühle, Nachtkommöbchen, Margarinekisten unb ähnliche Gegenstänbe verwanbeln, wer möchte unb könnte bas bebauern? Ja, man spricht vom sterbenben Wölb, doch ist ein Paradies wie ber Schwarzwald unsterblich; was in seinen Schonungen aufgeforstet wird, ist die „neue Generation", bie hier wie überall im rounberbaren Gefüge ber Natur auf bemfelben Platz heranwächst, ber von ben Alten geräumt würbe. Alles ßebenbige will werben unb vergehen, bas Fallende schafft Raum für dos Kommende, und auch die hölzernen Inseln der Flöße gehorchen nur diesen ewig gültigen Gesetzen. Binsenwahrheit. Im Stromgebiet des Rheins gehört aber das Floß zu ben Pointen ber Lanb- schaft, unb auch bie Menschen, bie jebes Floß begleiten, finb keineswegs nur Lohnempfänger im üblichen Sinne. Nein, ber Flößer ist ein Unikum, er gehört aus Familienüberlieferung auf bie treibenden Balken. Tradition spielt bei ihm eine dicke Rolle, wer das ändern will, ist ein Stümper vor dem Geheimnis einer Ordnung, bie sich nur mit bem Herzen unb dem Blut begreifen läßt. Hier erleben mir den Fall, ^aß unzeitgemäße Romantik durchaus zeitlos in ben Menschen rumoren barf, benn bie Flößer sind roeber Bürger noch Proletarier, finb nicht mal Schiffsleute herkömmlicher Prägung, nein, Flößer finb Flößer, bie ihre eigenen Lebensformen beobachten unb einen eignen Sprachschatz be- herrschen.
Macht ber Rhein eine Biegung, unb kann ber Schleppbampfer ben treibenben Holzkoloß nicht selb- ftänbig bugsieren, bann springt bie Ruberwache an ihre riesenhaften Holme; bie Kommanbos kennen nicht Backdorb unb nicht Steuerborb, ber Flößer brüllt „Hesfelanb" unb „Frankelanb", wenn bas Ruder nach rechts unb links geworfen werden soll. Aus diesen Kommandos, die jeden Sprachschnüffler beglücken, läßt sich auch die Urheimat der Flößerzunft erkennen, die seit Generationen schon vom Oberrhein kommt.
Das Leben „an Bord" hat wiederum seine eignen Formen: Floßführer, Koch, Vorarbeiter und War- schauer (kommt von Wahr-Schauer: so heißt der Mann, der dem Floß gleichsam als Schrittmacher und Meldereiter eine gute Ruberstunde vorausfahrt!) |mo die Meister, die sich beim Speisen unb Schlafen von den Mannschaften grundsätzlich absondern Das hat mit konventioneller Ueberheblichkeit nichts zu tun.
man will nur den Ehrgeiz jener Jungen wecken, die vor dem Führen das Dienen lernen sollen, die also berufen und noch nicht auserwählt sind. Dennoch halten alle mit soldatischer Kameradschaft zusammen, wenn es um bie „Nation" bes Floßes geht. Welches Sinnbilb, welch gefunbes Exempel für bie Hanb- habung eines Staates! Gibt es Zwistigkeiten, bann tritt ber Koch als Schiedsrichter auf, unb alle fügen sich feinem Urteil. Man barf biefe Art gastronomischer Justiz freilich nicht allein mit bem Magen begreifen!
Zur Seele bes Flößers noch bies: Jeden Morgen sammelt ber Floßführer feine Gefolgschaft um sich, spricht bas Frühgebet vor, und alle murmeln es entblößten Hauptes nach. So preisen sie ben Herrn unb fragen nicht, wie der einzelne unter ihnen von Rechts wegen getauft fei.
Will es Abend und Nacht werden, dann ankern Floß und Schleppdampfer nur an solchen Stellen, bie von ber Strompolizei genau vorgeschrieben finb. Man setzt Warnungslichter in die kleinen Maste, spielt Ziehharmonika unb kocht Malzkaffee. So geht der Feierabenb bahin, fromm und friedlich, die Flößer haben ja ihre hölzernen Hütten, in denen sie wohnen, pennen ober kochen. Jawohl, man „pennt", denn diese Art bes Ruhens hat etwas be- fonberes an sich: Ein Reebereibesitzer schlummert, ein Kapitän schläft, aber pennen kann nur ber romantische Flößer! Vor ber Nachtruhe hockt man noch zusammen: bie Alten belehren die Jungen, man kaut Priem, strickt Strümpfe, raucht Krüllschnitt, ober ber Floßälteste darf Räuberpistolen erzählen, die in der Sprache andrer Zünfte dem Jägerlatein ober Seemannsgarn gleichzusetzen wären. Ja. vielleicht sind diese ' reitbrüftigen, stämmigen Flößer noch am rheinischsten unter den Rheinvölkern geblieben, bas Gewachsene des Holzes haftet auch ihrer Massivität an, bas Rauhe unb boch Gemütvolle bes Stromwetters feiert auch in ihrer Männlichkeit be- glückenbe Wieberkehr.
Nie ist man tagsüber müßig: Die Ruberwachen haben ber Vielfalt eines Flusses zu begegnen, ber ebenso romantisch wie tückisch sein kann. Man löst sich ab wie bei richtigen Kameraben, unterwegs werden auch die einzelnen Stämme markiert und gemessen, so daß am Ziel der langen Wanderfahrt das genaue Kubikmaß des Holzes in den Listen steht. Und zwischendurch wird gehackt, gestemmt unb geschleppt, um der treibenden Fläche jene Form zu geben, die eine sichere Bergung bes der Mannschaft anvertrauten Gutes gewährleistet.
Seit Jahrhunderten schon gondeln Flöße unb Flößer durch die Westmark des Reiches, unb immer wieder bleiben bie Menschen am Ufer mit Bewun- berung stehen: benn bie reifenbe Hol.zinsel ber schwimmenbe Walb ist mehr als ein wirtschaftlicher unb warenmäßiger Prozeß, hier geschieht ein Naturschauspiel, bem bie brutale Maschinisierung alles Wesenhaften noch nichts anhaben tonnte


