m. 178 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 2. August (934
Spiel deuchte, Wirklichkeit
sie mit großer Sachlichkeit entgegen und verstaute
nachzuhelfen, sie sehr sorgfältig in ihrer Schublade, .hast du Ro- Mein Bruder und ich sprachen mit
trägt
als
©er Regengott persönlich.
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n Garten stießen. Ein Leutnant mit einem wir auf d ihr Traum gewesen, aber in
Schnurrbä'.tchen und sehr sanften Augen Fahrt seit langem )
braunen
wartete. Sie schreckte davon überzeugt, daß Aber wir fühlten auch die damit auf unsere
des und die
Kindheit am Master
Von Werner Bergengruen.
Copyright by I. L. A. Wien.
wir ihr gewachsen waren, die schwere Verantwortung, Schultern gelegt war. Wir die Stunde schlug, in der
Wir anderen Eskadronen standen zu Fuß, in Pelzmütze und umgeschnallt-, im offenen Viereck. Vorn stand, von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet, die mit dem Eisernen Kreuz geschmückte Standarte, deren silbergesticktes Tuch durch den lauen Abendwind langsam und schwer bewegt wurde. Nachdem das Trompeterkorps den Choral: „Ich bete an die Macht der Liebe" gespielt hatte, ergriff der Pfarrer das Wort. Kernige, ergreifende, echte deutsche Worte fanden den Weg zu unserem Herzen. Auf allen den blühenden Jungmännergesichtern lag neben der hehren Entschlossenheit der heilige Ernst dieser halben Stunde, die manchem unter uns -feinem vielleicht schon längst vergessenen Gott nähergebracht hatte. Der Bann löste sich erst, als der Regimentskommandeur ein Hoch auf Kaiser und Vaterland ausbrachte. Brausend klang es über den Reitplatz der sterbenden Sonne entgegen. Still rückte dann die 4. Eskadron ab, während wir anderen unsere Stuben aufsuchten, um die paar letzten Stunden, die uns vom Ausrücken trennten, in verdienter Ruhe zu genießen. Ich trat nochmals an das offene Fenster. Eine kühle Nacht war dem heißen Tag -gefolgt. Der Wind fächelte um meine Schläfen. In finsterer, unheimlicher Ruhe lag der große Kasernenhof, während von weit her „Die Wacht am Rhein" in verhallenden Tönen an mein
Rom: „Fürst Lichnowskys Meldung beruhte auf einem Mißverständnis". Das englische Kabinett entscheidet sich für den Krieg gegen Deutschland. England übernimmt förmlich den Schuh der französischen Küste.
Rachm.: Bündnis zwischen Deutschland und der Türkei, dem Oesterreich-Ungarn beitritt.
8 Uhr abends: Ultimatum Deutschlands an Belgien: Verlangen der Genehmigung des Durchzugs deutscher Truppen; Zusicherung der belgischen Integrität; es ist für Deutschland Gebot der Selbsterhaltung, einem französischen Angriff zuvorzukommen; Frist 12 Stunden.
Ohr scholl."
Jener heilige Ernst übertrug sich auch auf die Bevölkerung. „Als das 2. Batallon gegen 10 Uhr ausrückte", fo heißt es in der Regimentsgeschichte des Neuruppiner Infanterie - Regiments Nr. 24, „bildete die Friedrich-Wilhelm-Straße in ihrer ganzen Breite eine einzige wogende Menschenmasse, in deren Mitte das breite Band der Gewehrläufe mit den blinkenden Mündungsschonern im Marsch- chritt schwankend dahinzog. Wie das Brausen des ernen Bergstromes erklang gewaltig das alte Volkslied von 1870: Es braust ein Ruf wie Donnerhall ... zwischen den Häuserreihen zum regnerischen Himmel empor. Wenn auch auf dem Bahnhof manche Träne floß, so kam es doch nirgends zu weichlichen Szenen. Im Gegenteil, als das 3. Bataiston verladen wurde, sah man die Gattinnen der ausrückenden Hauptleute beisammenstehen, tapfer die Tränen bekämpfend. Da glaubte ein kleiner Kerl von der 12. Kompanie ihnen Trost spen
den zu müssen. Im Dorbeimarschieren, das Gewehr am Lauf hochhebend, den Kolben wie zum Hiebe geschwungen, rief er: „Gnädige Frau! Auf ihm werden wir schon uffpassen! Ick hau fe in de Schnauze, bet fe Lumpen kotzen duhn!"
Der Humor hatte sich Bahn gebrochen und blieb Trumpf während der langen Bahnfahrt, vor allem wenn erkannt wurde, daß es nach Westen gegen den alten Erbfeind ging. Inschriften an den Wagentüren, wie: „Hier können noch Kriegserklärungen abgegeben werden!", „Jeder Stoß ein Fran» zoß, jeder Schuß ein Ruß!" zeugten von der unbedingten Siegesgewißheit, die der Kommandierende General des 3. Armeekorps, General d. I. von Lochow, ein Führer, der wirklich die Hand am Pulse der Truppe hatte, trefflich zum Ausdruck brachte, wenn er beim Überschreiten der Grenze seinen Regimentern zurief: „Die Zahl unserer Feinde ist groß. Ihr Streben ist, mit äußerster Rücksichtslosigkeit auf die völlige Vernichtung Deutschlands gerichtet. Da gibt es für uns, vom Kommandierenden General bis herab zum einzelnen Manne nur eins, das ist: Kämpfen wie die Löwen mit dem festen Willen, wir müssen siegen oder wir wollen sterben für unser geliebtes Vaterland, für unfern Kaiser und König und für unsere Lieben in der Heimat." Helden waren die Kämpfer von 1813/14, 1864, 1866, 1870/71. Kameraden, wir müssen es ihnen gleichtum, wir müssen sie übertreffen! Vorwäts, ihnen nach! Bald sollen die Feinde „Brandenburgische Fäuste" zu spüren bekommen, die ihre Waffen zu gebrauchen gelernt haben. Ein dreifaches Hurra unserem Allerhöchsten Kriegsherrn. Er soll Freude an seinen Brandenburgern haben."
Solch eine vom heiligen Ernst getragene Begeisterung konnte kein Strohfeuer sein. Sie hat alle Leiden, alle Enttäuschungen der 4V2 Jahre überdauert. Sie hat ausgehalten bis zu jenem nebligen Novembermorgen, da mir unbesiegt, von dem undeutschen Geist in der Heimat verraten und im Stich gelassen, unsere Waffen senkten. Sie hat Iuns getragen durch die Jahre der Erniedrigung und der Schmach. Sie schwingt heute noch durch unsere Reihen, wenn wir wieder marschieren, wie vor zwanzig Jahren Schulter an Schulter, Offizier und Mann für das neue Reich.
wie die der anderen Versuchspersonen vorführte. Es zeigte sich nun, daß die Stimmen von guten Bekannten stets sofort erkannt wurden, die eigene Stimme aber erkannte unter allen Sprechern nur einer, und der war von Beruf Rezitator. Zunächst hatten die Versuchspersonen nicht gewußt, daß sich unter den oorgeführten Stimmen ihre eigene befand; dann aber wurde ihnen mitgeteilt, daß die eigene Stimme unter den übrigen „herausgesucht" werden sollte. Trotz dieses Hinweises gelang es mit Ausnahme des Rezitators keiner einzigen Versuchsperson, ihre Stimme ohne weitere Hinweise zu erkennen!
Hierauf wurde ein zweites Experiment vorgenommen: man ließ die Versuchspersonen eine Anzahl der vorgeführten Stimmen charakterologisch beurteilen — jeder sollte sagen, welches Bild von der Persönlichkeit des betreffenden Sprechers ihm die Stimme vermittelte. Die auf diese Weise gewonnenen Charaktergutachten stimmten in den meisten Fällen untereinander und in Bezug auf den Charakter der analysierten Personen recht gut überein. Das Interessanteste dabei aber war die Art und Weise, in der die Versuchspersonen ihren eigenen Charakter nach ihrer — von ihnen nicht erkannten — Stimme beurteilen. Es zeigte sich, daß die auf diese Weise zustandegekommenen unbewußten Selbstbeurteilungen besonders gründlich waren — allerdings waren sie keineswegs immer richtig, sondern im Gegenteil meistens falsch. In
Oer elfte Tag: 2. August.
Nachts: Neutralitätsbeschluß Italiens.
2.25 Uhr vorm.: Mobilmachung der englischen Flotte.
7 Uhr morgens: Deutsche Truppen besehen Luxemburg.
10 Uhr: Beratung im Berliner Schloß. Eingang eines Telegramms König Georgs an Kaiser Wilhelm: „Ich glaube, daß ein Mißverständnis zwischen Grey und Lichnowsky vorliegt".
12.50 Uhr nachm.: Reichskanzler v. Bethmann- hollweg an die deutschen Botschafter in Wien und
lende Sonnenlicht zeigt dem staunenden Auge eine unermeßliche Fülle von Ausrüstungsstücken. An ' der Decke hängen in langen Reihen die Stiefel für die Fahrer und Bedienungsleute. Links und rechts sind feldgraue Uniformen, wollene Hemden und Unterhosen aufgestapelt. In den großen Schränken sieht man Helme, Koppel, Revolver, Brotbeutel, Salz- und Kaffeebüchsen und alle die anderen kleinen und großen Ausrüstungsstücke in Mengen. Ein merkwürdiges Gefühl der Sicherheit geht von allen diesen Dingen aus. Wie gut ist für alles gesorgt. Nichts fehlt. Vom Helmüberzug bis zur Stiefelzwecke ist alles in schier unermeßlicher Fülle vorhanden. Unter den mehr oder weniger zarten Händen der beiden „Kammerbullen" vergehen einem jedoch bald staunende oder in die Zukunft sinnende Gedanken. Im Handumdrehen hält jeder Mann seine Feldgarnitur in Händen. Kommandos zum Abholen der Reservisten, zum Empfang von Revolvermunition, zum Schleifen der Seitengewehre und Säbel, zum Requirieren von Fahrzeugen folgten und lösten einander scheinbar willkürlich, dennoch nach einem auf das genaueste ausgearbeiteten Plan auf. Wo etwas fehlte, wußte man sich zu helfen. Schon eine Stunde früher, als im Mobilmachungskalender vorgesehen war, konnte unser Batteriechef dem Regimentskommandeur melden: „3. Batterie abmarschbereit." Ein Beweis, daß jeder in der Batterie den persönlichen Ehrgeiz gehabt gatte, unseren geliebten und verehrten Batteriechef nicht im Stich zu lassen. Dann trat der Hauptmann vor die Batterie, und es machte nicht nur auf mich, sondern, wie mir noch heute immer wieder versichert wird, auf jeden in der Batterie einen tiefen Eindruck, mit welch strahlender Freude er es tat. Freude und vor allen Dingen Stolz, das war es, was sein Herz erfüllte, daß er, der alte Frontkämpfer aus den Kolonien, endlich Gelegenheit bekam, mit seinen Jungens zeigen zu können, was sie unter ihm gelernt hatten, und insonderheit, daß seine Batterie die Ehre hatte, als erste ausmarschieren zu dürfen."
Still, aber doch weihevoll der Abschied von der Kaserne. Ein einfacher Soldat, der Husar Glück, berichtet von ihm in der Geschichte des Magde- burgischen Husarenregiments Nr. 10: „Der Abend des 6. August hat sich unauslöschlich in mein Inneres eingegraben und steht mir, als ob ich ihn gestern.erlebt hätte, vor Augen. Um 7.30 Uhr war Antreten zum Feldgottesdienst befohlen. Die vierte Eskadron, welche abends noch verladen wurde, sollte gleichzeitig eingesegnet werben Auf dem Reitplatz hielt aufgesessen die 4. Eskadron m unserer einfachen und doch so schonen Felduniform.
Kennen Sie sich selbst?
Dichtung und Wahrheit bei der Eharakterbeurteilung.
Von Dr. W. Sievert.
jubelten nicht laut da das, was uns bisher -------- -------,
werden sollte. Wohl waren wir stolz, daß wir nun zeigen durften, was in uns steckte. Wohl waren wir bereit, jedes Opfer zu bringen. Aber wir gingen still den Weg der Pflicht, heiligen Ernst im
Aus Mexiko wird der Fund einer Figur toltekischen Regengottes gemeldet. Bei Blitz Donner, bei rauschendem Regenguß erschien Gottheit plötzlich an einem Berghang, nachdem die Fluten des Wolkenbruchs die oberen Erdschichten fortgerissen hatten. Es handelt sich dabei um eine Figur von 4,50 Meter Höhe und 5 Meter Breite, die einen sitzenden Jüngling darstellt. Das Gewand ist überaus reich geschmückt; Blumen und Regentropfen bilden das' Muster. Eine dreifach gewölbte Himmelsgrotte, die symbolisch dargestellte Regenhöhle, umgibt den Regengott. Große Spiralbander, die gewöhnlich laute Stimmen anbeuten sollen, stellen hier anscheinenb ben Donner bar. lieber bem Kopf bes Gottes finb brei Wolkenbänke in ben Stein gehauen, aus benen bichter Regen strömt. Ein Fries, ber unten um bas Bilbwerk herumlauft, wirb von stilisierten Regentropfen unb ben Hiero- qlyphen für „Türkis" unb „kostbare Substanz ge- bilbet. Nach ber Aussage ber Archäologin des mexikanischen Nationalmuseums hat man es mit einem bemerkenswerten Kunstwerk zu tun, bas Die gewöhnlichen Steinarbeiten ber Tolteken weit überragt. Noch wertvoller ist bie Feststellung, baß bas Kunstwerk fein Einzelfunb ist, fonbern sich rings um bie Darstellung bes Regengottes Spuren ge- funben haben, bie auf bas Vorhanbensein einer versunkenen, bisher unbekannten Stabt schließen lassen, die die Archäologen nunmehr erforschen wollen.
ich sprachen miteinander nie von diesem Ereignis, aber noch lange danach habe ich einen anklagenden Schauer in mir aufsteigen gefühlt, wenn mir in unserem Lesebuch der Ausdruck „die stumme und leidende Kreatur" begegnete.
Jetzt sind die beiden Boote und die alte Weide wohl schon lange vermorscht. Der große Krieg ist über Dlai hingegangen und hat von den hölzernen Gebäuden, um die unsere Spiele und Leidenschaften, unsere Begierden und Ahnungen flatterten, kein einziges stehen lassen. Tali ist Wäscherin in Riga, der Leutnant mit den schönen, sanften Augen und der luftige Unteroffizier mögen bei Gorlice ober Tannenberg verscharrt sein, unb mein Bruber liegt in Polen begraben. Aber bas große Wasser, bas uns unenblich bünfte, rauscht noch heute in mancher Nacht burch meine Träume, unb vielleicht kommt noch einmal ein Frühjahr, ba es steigt unb schwillt wie bamals unb nur bie Hügelkuppen cis einsame Inseln aufragen läßt.
„Erkenne bich selbst": Dieser Satz ftanb bekanntlich über bem Eingang bes Tempels zu Delphi. Er hat feitbem nichts an Aktualität verloren, benn ber moberne Mensch interessiert sich nicht weniger lebhaft als bie alten Griechen für bie Erkenntnis feines eigenen Selbst. Neuerbings hat sich auch bie Wissenschaft sehr eingehenb mit ben Problemen ber Selbsterkenntnis beschäftigt; beson- bers beutsche Forscher haben auf bie- sem Gebiete in letzter Zeit eine ganze Reihe wichtige neue Aufschlüsse erreichen können.
Niemand erkennt feine eigene Stimme!
Der Berliner Gelehrte Dr. W. Wolff berichtete kürzlich über sehr interessante Versuche, bie er am Psychologischen Institut ber Universität Berlin zur Frage ber ©elbftbeurteilung bes Charakters ange- stellt hat. Einige Ergebnisse bieser Experimente finb ganz befonbers überraschenb: ber Mensch scheint sich selbst so wenig zu kennen, baß er in ben meisten Fällen nicht einmal seine eigene Stimme zu erkennen vermag! Die Versuche würben so vorgenommen, baß man eine größere Zahl von Personen in einen Paragraphen (Apparat zur Aufnahme unb Wiebergabe ber Sprache) sprechen ließ unb bann jebem Einzelnen seine Stimme, so-
Wir reben nicht viel bavon, wir schreiben noch weniger barüber. Das Erlebnis war uns zu groß, zu tief. Das Alter hat zur Feber gegriffen, bie Generale, bie Führer, bie bas Wie unb Warum ihrer Erfolge unb Mißerfolge ber Welt ausein- anbersetzen wollten. Die Jugenb hat es ihnen gleich getan, bie Kriegsfreiwilligen, bereu Seele noch frisch unb unverbraucht war, bie bem Kriege noch unbefangen gegenüberftanben. Wir Berufssoldaten, wir Männer in ber Vollkraft ber Jahre schwiegen unb werben es auch in ber Zukunft tun. Wir fyat- ten uns ein Leben lang auf ben Krieg vorbereitet. Wir hatten feine Möglichkeiten, seine Aussichten bis auf bas letzte burchbacht. Jetzt ftanb er vor uns, unb wir wußten wie um feine Schönheit um sein Schrecken. Wir wußten, um was es ging. Wir wußten um bie Größe ber Aufgabe, bie unser uns nicht. Wir waren fest
ihrer maßlosen Schüchternheit hatte sie nie gewagt, ber Verwirklichung bes Traumes ,Tali", sagte mein Bruber ernsthaft, „hast bu binfon gelesen?" Tali schüttelte bemütig ben Kopf. „Schabe," meinte ich ungerührt, „bann mußt bu es eben lernen." Wir ruberten aus Leibeskräften unb nach einer Viertelstunbe waren wir an ber Insel. Die Insel mar eine Hügelkuppe von vier Schritten im Durchmesser. Es gab bort Gras unb einen Wachholberbusch, sonst nichts. Wir stiegen aus. Tali sah uns mit bemütiger Frage an. Wir nickten zuversichtlich, unb nun hüpfte sie mit langgestreckten storchartigen Bewegungen an Laub. Im gleichen Augenblick sprangen wir ins Boot, stießen ab unb schrien triumphieren!): „Tali, bu bist ausgesetzt!" Wir hörten hinter uns ein paar dumpfe, flagenbe Kehllaute, sahen uns aber nicht um. Das kam in allen Seeräubergeschichten vor, baß ab unb zu jemanb auf einer wüsten Insel ausgesetzt würbe. Da hieß es hart sein.
Wir hatten Tali gern, wenn wir sie auch manchmal neckten, unb hielten es, obwohl wir bas gegen- einanber nicht aussprechen mochten, für selbstoer- stänblich, baß mir sie nach einer halben Stunbe erlösen mürben. Allein zu Hause fanben mir Besuch aus ber Stabt vor, es gab bieses stnb jenes, unb Tali mar vergessen. Erst als es schon aus ben Abenb ging, hörten mir zufällig, roie unsere Mutter bie Köchin nach Tali fragte. Wir sahen uns erschreckt an, rannten stumm ans Ufer unb ruberten hastig bavon. Es begann zu hämmern, grauen- volle Schreckbiiber malten uns Saits Schicksal: Haifische, Seeräuber, Springfluten, Meerungeheuer. Wir mir maren ihre Mörber, nie mieber mürben wir eine frohe Stunbe haben. „Sie ist noch da, sie ist noch ba!" schrie plötzlich mein Bruber. „Taii; Tali!" Jetzt erkannte ich sie auch. Das arme Geschöpf, bem jeber Hilferuf versagt war, hatte sich m feiner Verlassenheit unb Angst bie bieten grauwoh lenen Strümpfe ausgezogen unb sie unermublid) als Notwimpel flattern lassen. Ihr Gesicht war
He/zen.
Unb wie wir Offiziere, bachten bie Unteroffiziere, bie Mannschaften in unseren Regimentern, in unseren Kasernen. Wenn mir bie lange Folge ber Regimentsgeschichten burchblättern, finb es immer bie' gleichen Bilber: braufeen vor ben Kasernentoren brängt sich begeistert bie Menge, brausen die alten Kampf- und Trutzlieder auf, drinnen auf dem Hofe und den Fluren aber fcfemingt ber Rhythmus ber Arbeit, ber Atem ber Sachlichkeit, herrscht nur ein Gebaute: Jebe Muskel gespannt, jede Minute genutzt, damit mir zu der befohlenen Stunde erzbereit sind. .. .
Ginen Augenblick stockte auch dem Soldaten der Herzschlag, als die Würfel fielen, als es hiefe: Krieg! Mobil!" „Nun hätte es aber keinen preußischen Wachtmeister geben dürfen", so schreibt die Geschichte des I.Posenschen Feldartillerie-Regiments Nr. 20, „laut schallt sein Ruf durch die Gange: „Vor der Kammer antreten zum Sachenempfang! Alles eilt in das oberste Stockmerk, in dem sich die Batteriekammern befinden, die feldgrauen Uniformen, überhaupt die Kriegsausrüstung zu empfangen. Knarrend öffnet sich die schmere Eisentur. Geheimnisvolles Dunkel. Dumpfer Kampfergeruch schlägt uns entgegen. Der Quartiermeister öffnet die eisenbeschlagenen Luken. Das voll hereinstrah-
Vor 20 Fahren.
Oie Tragödie der 13 Tage. - Ein Zeitkalender der Tage des Kriegsausbruchs vom 23. 7. - 4. 8.1914.
Dlai liegt zmischen Riga und Mitau und feinen Namen zu Ehren des heiligen Königs, der rm heidnischen Skandinavien den Glauben der Kirche bekannte. Dlai mag manchem von der Knegszeit her im Gedächtnis haften. In meinem Gedächtnis hostet es feit einem glücklichen Sommer, der nun schon ein Vierteljahrhundert zurückliegt.
Es hatte einen schneereichen Winter und einen regnerischen Frühling gegeben, und so maren bie Misse unb bie Eckau, zmei von zu Hause aus gutmütige unb gebulbige Flüsse, zu Strömen geschmol- len unb hatten bas meite Wiesenlanb, bas gleich i hinter bem Garten begann, für Monate über- | fdiroemmt. In ber Tat mögen einige Quabrab werft unter Wasser gestanben haben, uns jeboch schienen es Meilen unb Abermeilen zu sein, unb so sehe ich in meiner Erinnerung noch heute eine unermeßliche Seefläche, von ber wir glaubten, sie müsse bis Riga reichen, ja, mit dem Weltmeer in ' eine geheimnisvolle Verbindung geraten sein Es war nicht gerade wahrscheinlich, aber doch durchaus möglich, daß eines Morgens zwei riesige Krokodils- eier am Ufer lagen oder daß man einen lun9^n Haifisch mit Ruderschlägen zur Strecke brachte Hart am Wasser stand eine uralte Weide und es hat sicherlich nie eine schönere gegeben. Die mar hohl unb war unsere Schatzkammer und unser Arsenal, darin gab es Waffen und Indian erblicher unb Schießbaumwolle unb eine Sammlung zerbrochener Hufeisen unb ein ©las mit eingemachten Schellbeeren, unb wenn mein Bruber unb ich uns böse waren, bann beschulbigte einer ben anberen, heimlich genascht zu haben, unb mir hatten uns boch zuge'schmoren, sie bis zum Johannisfest unangetastet zu lassen. Neben ber Weibe lagen zwei alte Boote, unb sie maren so befett, baß Frau Montessori unb bie ganze Reformpäbagogik in Ohnmacht gefallen mären, wenn sie uns bamit hätten in See stechen sehen. Aber mir machten meite Entdeckungsfahrten und lieferten uns Seeschlachten, mein Bruder und ich maren die Admirale, und bie Bauernjungen mußten bie Rubersklaven machen.
Noch ber Ernte begannen bie Manöver, bas Ge- sckützfeuer grollte ben ganzen Tag, unb am Abend schwammen brei Kosakenschmabranen burch bas Wasser unb biwakierten auf ben Stoppelfeldern, bie an ben Garten stießen. Ein Leutnant mit einem
Heiliger Ernst.
Gedanken eines Berufssoldaten zum 2. August.
Von Oberstleutnant a. O. Benary.
nahm uns zu sich in sein Zelt, unb mir bürsten bei ihm glühenbheißen Tee mit Rum ober ^atwein trinken unb so viel Zucker hineintun wie nur mochten. Ich nahm sieben Stuck auf bas Glas, mein Bruber als ber Aeltere aber acht. Als wir am nächsten Morgen wieberfamen, durften wir auf ben Kosakenpferben reiten, unb em hübscher kleiner Unteroffizier fragte mich lachend, nach welcher Sette bas Kammerfenster unserer Köchin <W^dlotzhch stieß mein Bruber mich an: am Felbram hockte ein Kosak unb löffelte unser Schellbeerglas aus Wir würben beibe rot vor Schrecken, aber wie auf Derabrebung verzogen mir keine HJliene unb g ngen kalt vorüber. Wir hatten Kriegsleute zuF^unben unb Kosakenpferbe zu Reittieren, was gingen uns noch aewrferte Schellbeeren an? „Gehört das Ihnen Bunner Herr?" fragte der Wachtmeister und mies lächelnd auf einen Flitzbogen und auf em I grellbuntes Jndianerbuch am Boden. ,,Nem , a n - 1 wertete ich streng, und mein Bruder bememe mit weltmännischer Sicherheit: „Da. S^or!:
: iich irgendwelchen Kindern . Und ot)ne ffiimj ! wefen Awci Siouxkrieger am Marterpfahl, sahen ;roir w wVe der fernhintreffende Bogen und die Geschichte vom Goldschatz der Irokesen zum Feueranmachen verwandt wurden.
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UNS am ^en le^n und Unrechttun schaffen Mtk dessen unstre gekränkten -erzen zu bedürfen
meinten. ~ un^ erklärten, sie spa-
. Wir g'ugeu ollen Tali errötete vor Freude, zierenrudern z Zippen und kam mit. Tali, bewegte zuckend dm Lipp ^b-
jie elgeickl ch .. prächtiges Stadtmädchen, und stummes u die ch ch ben Sommer kommen meine Mutter Mtte n i berau53ufüttern Meine MutterE>te immer eine Anzahl derartiger Schütz- iinae deren Meriten meist darin bestanden, daß p9meitläufia mit irgendwelchen früheren Dienst- boten von uns verwandt warem Tali strahlte als
• f bem Wasser waren. Sicher war eine solche ... - <.ihr Trmim npmpfpn. aber in
nafe von Tränen.
„Na, komm nur mit, Tali," sagten wir mit erzwungener Flottheit. „So eine Geschichte, um ein Haar hätten wir bich vergessen."
Tali sah uns lange an, es war ein Buck zornloser Klage unb leibenben Unverstehens. Wir fuhren schweigenb zurück. Zu Hause beschenkten wir sie: sie bekam einen Ball, brei Zigaretten, em rot unb grün gemustertes Lineal, eine Handvoll Rosinen, die wir mit Herzklopfen aus der Speisekammer holten, und eine bunte Ansichtspostkarte, au ber Präsibent Krüger von Transvaal bem General lernet eine Zigarre anbot. Diese Gegenstanbe nahm


