meinerseits Ke Leitung eines der wichtigsten preußischen Ressorts, die Sie mir, Herr Reichskanzler, seinerzeit übertragen haben, aus der Hand zu geben, so glaube ich, das im Hinblick auf das von mir damit angestrebte Ziel verantworten zu können. Hinzu tritt die Erwägung, daß die in der preußischen Verwaltung des Innern gelegenen b e - sonderen Aufgaben, deren Lösung Sie bei Beginnn der nationalsozialistischen Revolution mir übertragen hatten, inzwischen erfüllt sind. Schließlich fühle ich die Notwendigkeit, mich von den umfangreichen Arbeiten, die mit der Leitung der inneren Verwaltung Preußens fortlaufend verbunden sind, zu entlasten, um den großen Anforderungen gerecht werden zu können, die Sie, Herr Reichskanzler, auf anderen Gebieten, besonders b e i der Durchführung der Reichsreform in Preußen, an mich stellen.
Nachdem sich Herr Reichsminister Dr. Frick damit einverstanden erklärt hat, neben der Leitung des Reichsministeriums des Innern auch diejenige des preußischen Innenministeriums zu übernehmen und da ich mich auch Ihrer Zustimmung, Herr Reichskanzler, zu meinem Vorschläge versichert halten darf, wäre ich für eine baldige zustimmende Entscheidung besonders dankbar.
In unwandelbarer Treue
Ihr „ .
gez. Hermann Goring, hierauf hak der Reichskanzler Adolf Hiller auf Vorschlag des preußischen Ministerpräsidenten den Reichsmini st er des Innern, Dr. Frick, mit der W ahrnehmung der Geschäfte des preußischenINini st ers des Innern beauftragt
und den preußischen Ministerpräsidenten folgendes Schreiben gerichtet:
Mein lieber Göring!
Bereits am 17. März d. I. haben Sie mir den Vorschlag unterbreitet, den Reichsminister des Innern, Herrn Dr. Frick, mit der Wahrnehmung der Geschäfte des preußischen Ministers des Innern zu beauftragen. Sie selbst haben dabei, im Interesse des großes Werkes der Reichsreform Ihre eigene Person zurückstellend, den Wunsch geäußert, von Ihrem Amt als preußischer Staatsminister und Minister des Innern entbunden zu werden. Diesen Ihren Wünschen b i n ich nunmehr nachgekommen. Ich übersende Ihnen anbei die Urkunde über die Entlassung aus Ihrem Amt als preußischer Staatsminist er und Minister des Innern. Dabei drängt es mich, Ihnen meinen aufrichtigen und herzlichen Dank für alles auszusprechen, was Sie in diesem Amte geleistet haben. Mit Recht haben Sie selbst darauf hingewivsen, daß die in der preußischen Verwaltung des Innern gelegenen besonderen Aufgaben, deren Lösung ich Ihnen bei Beginn der nationalsozialistischen Revolution übertragen hatte, von Ihnen inzwischen erfüllt worden sind. Sie haben diese Ausgaben mit ganz besonderer Umsicht und Tatkraft g e l ö st. Wenn Sie nunmehr unter Verbleibung in Ihrem Amte als preußischer Ministerpräsident entsprechend Ihrem eigenen Wunsche, als preußischer Minister des Innern ausscheiden und Ihren Platz dem Reichsminister des Innern, Herrn Dr. Frick, überlasten, so weiß ich, daß hierdurch, entsprechend Ihren eigenen Wünschen, die großen Ziele der Reichsreform in besonders geeigneter Weise gefördert werden.
In herzlicher Freundschaft und dankbarer Würdigung Ihr gez. A d o l s H i t l e r.
Oer neue Reichserziehungsminister.
Der am Montag zum Reichsminister für Wissen- schäft, Erziehung und Volksbildung ernannte preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volks-
bildung Bernhard Rust ist einer der ältesten natto- nalsozialsttischen Kämpfer. Er hat in seinem Amt als preußischer Kultusminister dem Kulturleben Preußen und damit aber auch dem Kulturleben Deutschlands seinen Stempel ausgeprägt und sich als eine eigenwillige und neue Wege gehende Persönlichkeit erwiesen.
Bernhard Rust wurde 1883 in Hannover geboren, besuchte dort das Gymnasium, studierte in Göttin- qen Halle, München und Berlin Germanistik, Philosophie und klassische Philologie. 1908 machte er in Halle die Staatsprüfung für das höhere Lehramt. Dann diente er jein Jahr beim Inf. Reg. 74 ab. Dorn 1. April 1909 an war er am Ratsgymnasium in Hannover tätig. Bei Kriegsbeginn ging er als Leutnant der Reserve an die Front. Bis zum letzten Kriegslage blieb er vorbildlicher Frontsoldat. Er wurde schwer verwundet, verschüttet; aber kaum war er notdürftig wieder zusammengeflickt, da war er schon wieder bei der Truppe. Das Eiserne Kreuz zweiter und erster Klasse und das Ritterkreuz des Hohenzollern-Hausordens waren der Lohn seiner
Die Industrie- und Handelskammer Gießen veranstaltete am Sonntagnachmittag im Auftrage des Hauptausschusses für Berufserziehung beim Rhem- Mainifchen Jndustrie-und Handelstag im Saale des Cafü Leib eine öffentliche Feier zur Ueb er - reichung der Kaufannsgehilfenb rief e. Zu dieser Feier waren die Behörden, Dienststellen der Partei, die Kaufmannslehrlinge mit ihren Angehörigen, die Lehrherren, Vertreter des Lehrkörpers, sowie zahleiche Angehörige von Handel und Industrie erschienen. .
Nach einem Musikoortrag von MltaUebern der SA.-Kapelle fand der feierliche Einmarsch der Fahnen unter den Klängen des Badenweiler Marsches statt.Es folgte-dann ein Vorspruch, wirkungsvoll gesprochen von einem Kameraden der Hitler-Jugend. Nach einem weiteren Marsch „Alte Kameraden" begrüßte der Präsident der Industrie- und Handelskammer Gießen
pg. Dr. E. Pauly
die Besucher. Es sei das erste Mal, daß kaufmännische Lehrlinge sich einer Prüfung unterzogen hatten, in welcher sie beweisen mußten, was sie :n den hinter ihnen liegenden Jahren ihrer praktischen Lehrzeit gelernt hatten. Man habe bei der Prüfung der Lehrlinge weniger Gewicht darauf gelegt, die besonders Befähigten feftzustellen, vielmehr werde von den Prüflingen ein Mindestwiffen verlangt. Die Prüfung soll auch den Zweck haben, die für den Kaufmannsberuf ungenügend Befähigten zu erkennen und sie rechtzeitig einem anderen Beruf zuzuführen. Besonderes Augenmerk werde auf eine gründliche praktische Ausbildung in allen Zweigen des kaufmännischen Berufs gerichtet. Durch die Eigenart der Betriebe und teilweise auch durch die Nachlässigkeit einzelner Lehrherren sei die praktische Ausbildung oft sehr einseitig. Auch die theoretische Ausbildung sei noch verbesserungsbedürftig. Die Durchführung der ersten Prüfung sei nicht leicht gewesen, man habe aber hierbei weitgehende praktische Erfahrungen gesammelt, die dem Hauptausschuß für Berufserziehung für künftige Prüfungen wertvolles Material bieten würden. Die Lehrlinge mußten bei ihrer Ausbildung immer daran denken, daß Lehrzeit Lernzeit sei. Sie müßten mit eisernem Fleiß an ihrer Fortbildung arbeiten, damit sie später den Existenzkampf, der außerordentlich schwer sei, führen könnten. Zum Schluß dankte der Redner noch den an der Durchführung der Prüfung beteiligten Herren, insbesondere Diplomhandelslehrer Müller, sowie dem Lehrkörper.
Nach einem weiteren Musikstück sprach der stellv. Kreisbetriebszellenleiter und Beauftragte der Kreisleitung der NSDAP.__
Tapferkeit. Seine Soldaten verehrten ihn, weil er nicht nur Vorgesetzter, sondern auch Führer und Kamerad war. ,
Nach dem Kriege nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf und war bald einer der beliebtesten Lehrer in Hannover. Er fand schon bald nach dem Kriege in die völkische Bewegung, wurde Nationalsozialist und bei Wiedergründung der NSDAP. 1925 zum Gauleiter von Südhannover-Braunschweig ernannt. Als er im Provinziallandtag gegen den marxistischen Oberpräsidenten Noske wegen des Verbotes der Hitlerjugend einen Mißtrauensantrag einbrachte, wurde er von feinem Lehramt entfernt. Am 30. Januar 1933 wurde Rust zum Reichskommistar für das preußische Kultusministerium ernannt und nach der Einsetzung des neuen preußischen Ministeriums preußischer Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. In dieser Eigenjchaft hat er sein Ministerium zu einem schlagkräftigen Instrument im Sinne des Nationalsozialismus umgestaltet.
pg. Hahn.
Er wies zunächst darauf hin, daß Deutschland nicht aufgebaut werden könne ohne die Seelenverbun- denheit des Volkes. Man warte nicht, bis fremde Hilfe von außen komme, sondern baue das Haus in der Heimat mit eigner Kraft. Nationalsozialismus wirke sich nicht an Äußerlichkeiten aus, sondern müsse empfunden und erlebt werden. Es feien noch große Aufgaben zu erfüllen, deren Lösung in gemeinsamer Arbeit möglich sei. Dann sagte er: Ihr, die ihr heute den Kaufmannsgehilfenbrief erhaltet und damit als kaufmännische Gehilfen und Gehilfinnen ins Leben tretet, feiö euch eurer Aufgabe voll und ganz bewußst. Deutschland war nur deshalb so geachtet und beneidet, weil es das Volk der Dichter und Denker ist. Es erwächst daher auch die Aufgabe, neben der Erziehung und Schulung in weltanschaulicherund politischer Beziehung die Erziehung und Schulung auf beruflichem und fachlichem Gebiet vorzunehmen. Es kommt nun nicht so sehr auf ein enormes Wissen an, als vielmehr daraus, daß ich das, was ich besitze an Fähigkeiten und Fertigkeiten, in den Dienst der Gemeinschaft stelle, denn wir alle müssen beseelt sein von dem Gedanken: für m i ch nichts, für mein Volk aber alles! Wir wollen keine großen Spitzenkönner großziehen, denn was hilft es einem Künstler, wenn er noch soviel Kunst verkörpert, und auf der anderen Seite besitzt er keinen Charakter. Daher gilt es in erster Linie, neben all diesen noch so wichtigen Gebieten der beruflichen Erziehung Charaktere zu züchten. Ein Menjch aber, der heute noch glaubt, auf Grund der materiellen Stellung seiner Eltern einen Beruf zu erlernen, hat den Sinn der Zeit noch nicht verstanden. Denn wir wären ein degeneriertes Volk, wenn wir nach diesen Gesichtspunkten die Berufsberatung vornehmen wollten. Im Kaufmannsberuf muß wieder der Grundsatz gelten vom ehrbaren zum königlichen Kaufmann. Der Berufsmensch soll Standesehre besitzen, aber nicht Standesdünkel. Was nun durch die Prüfung festgestellt werden soll, sind also weniger die Fähigkeiten als die Unfähigkeiten für den kaufmännischen Beruf hinsichtlich der praktischen und allgemeinen Vorbildung. Du Wirtschaftsführer aber, der du dieses jung Heranwachsende Geschlecht in die Urzelle der Wirtschaft, in den Betrieb aufnimmst, sei du ihnen ein Vorbild in Pflichterfüllung. Verantwortungsbewußtsein und Acht ungs Würdigkeit. Wir aber, die wir das Schicksal kommender Geschlechter auf unseren Schultern tragen, wir stehen noch vor großen Aufgaben, die wir nur lösen fön»
Die tteberreichung der Kaufmannsgehilfenbriefe.
nen, wenn wir uns zu den ewigen Wurzeln unseres Volkes bekennen, und diese sind: Gott, Ehre, Freiheit, Vaterland! Mit diesem Bekenntnis und mit diesem Wollen gehen wir neu gestärkt mit neuem Glauben an die Arbeit, und die kann nur sein: Kampf um Ehre, Freiheitund Brot für unser Volk, weil wir Nationalsozialisten ^Hierauf erfreute die Unterstufe der Oessentlichen Handelslehranstalt mit dem Vortrag des Liedes „Deutschland blühe neu auf".
Anschließend fand die feierliche Ueb er- reichung der Kaufmannsgehilsen- b r i e f e statt.
Handelskammerpräsident Dr. panly
führte dabei u. a. aus: Wenn die Überreichung der Kaufmannsgehilfenbriefe auch nicht in der traditionellen Form erfolge wie beim Handwerk, fo werde mancher Prüfling doch noch manchmal an diese Stunde zurückdenken. Die Prüfung fei wohl abgeschlossen, nicht aber die Ausbildung. Deshalb sei es notwendig, daß jetzt eine Verbesserung und Verfang der Ausbildung einfetze. Dabei müsse der lick auf den Mann gerichtet sein, der aus dem Volke heraus zum Führer des Volkes geworden sei. Der Redner nahm den Prüflingen, unter lieber« reichung der Kaufmannsgehilfenbriefe, mit Handschlag das Gelöbnis ab, daß sie sich ernstlich be» mühen wollen, ein brauchbares Glied in der großen deutschen Volksgemeinschaft zu werden.
pg. Kaufmann Heydt
sprach dann noch als Führer der Berufsgruppe Handel. Das Ergebnis der Prüfung habe gezeigt, daß die Jugend bestrebt fei, vorwärts zu kommen. Die Zeit der Nachsicht fei vorbei, es müsse gearbeitet und gehandelt werden. Dabei dürfe man nicht die großen Gedanken unseres Führers außer Acht lassen. Es sei notwendig, daß sich.auch die jungen Kaufmannsgehilfen in die große Arbeitsfront ein« gliedern und einleben, daß sie aber darüber hinaus von der nationalsozialistischen Idee durchdrungen würden. Wir stünden jetzt erst am Anfang des Sieges. Die Jugend müsse an der Gestaltung der Gesetzgebung mitarbeiten, dabei aber Geduld haben, wenn nicht alle Wünsche sofort erfüllt würden. Viele Arbeitgeber mühten einen schweren Existenkampf führen, deshalb müsse auch bei den Arbeitnehmern Vernunft obwalten. Der Nationalsozialismus wolle Gerechtigkeit, deshalb werde kein Berufsstand vernachlässigt. Der Gedanke an das Vaterland dürfe nicht hintan gesetzt werden. Die Jugend werde die Früchte ernten, die jetzt gesät würden, deshalb müsse sie tatkräftig Mitarbeiten.
Mit dreifachem Sieg-Heil auf den Führer und Volkskanzler Adolf Hitler und mit dem Gesang des Horst-Wessel-Liedes und des Deutschlandliedes fand die eindrucksvolle Feier unter dem Ausmarsch der Fahnen ihr Ende.
Wettervoraussage.
Durch den Einbruch kühler Luft kam es in den gestrigen Abendstunden zu verbreiteten Gewitterstörungen, wonach über dem Festland wieder Barometeranstieg einsetzte. An der Südseite des im Norden vorüberziehenden kräftigen Tiefs fließt ozeanische Luft nach Deutschland. Diese dürfte zeitweise wechselhafte Bewölkung verursachen und stellenweise auch noch Anlaß zu Gewitterbildungen geben, doch heitert es sich zwischendurch wieder auf. Im wesentlichen bleibt der Witterungscharakter frühjahrsmäßig warm.
Aussichten für Donnerstag: Wechselnd wolkig und aufheiternd, warm und meist trocken.
Lufttemperaturen am 1. Mai: mittags 29 Grad Celsius, abends 17,5 Grad; am 2. Mai: morgens 14,8 Grad. Maximum 29,2 Grad, Minimum 13,5 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 1. Mai: abends 21,7 Grad; am 2. Mai: morgens 16,8 Grad. — Niederschläge 3,1 mm. — Sannen- scheindauer 12 Stunden.
Sfie echte und die falsche doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Derlag, Halle (S.)
30 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Ihr fiel ein, sie hatte Doralies noch keine Mitteilung van der jähen, großen Wendung in ihren Verhältnissen gemacht. Sie war noch nicht dazu gekommen, zuviel war seit dem Tage vor Heiligabend auf sie eingedrungen.
Sie blickte flüchtig an ihrem schwarzen Kleid nieder und aing bann langsam auf den Flur hinaus. Einen Augenblick später lagen sich die beiden Freundinnen schon in den Armen und küßten sich.
Ein bißchen befangen begrüßte Regina den Schriftsteller.
Der reichte ihr die Hand, lächelte:
„Sie haben ja schöne Sachen gemacht!"
Das klang lustig, und das nahm mit einem Schlag die Angst von Regina, stimmte sie froh.
Doralies fragte:
„Erlaubt uns der Landgerichtsdirektor wohl einen kurzen Besuch bei dir, Gina?"
Regina nickte, und in ihren Augen schimmerte es feucht, als sie zurückgab:
„Er erlaubt einen kurzen ober langen Besuch, ihm ist das alles gleich. Er ist tot, am Christabend ist er gestorben."
Ah! Ein Ausruf des Bedauerns entschlüpfte Doralies.
„Armes Mädel", sagte sie warm, „da war es ja auch nur eine kurze Herrlichkeit hier, und du bist schnell wieder stellungslos geworden." Sie lächelte ihren Vater an. „Gina darf zu uns nach Mooshausen kommen — nicht wahr?" Ihr Blick ging zu Regina. „Du hast das um mich verdient. Hast dir fo was Böses sagen lassen müssen von Frau von Stübnitz."
Regina öffnete stumm die Tür zum Arbeitszimmer und jchob Doralies fanft über die Schwelle.
Nachdem man sich gefetzt hatte, fuhr Doralies fort: „Frau von Stöbnitz, die wir heute besuchten, klärte uns nämlich darüber auf, wie sie sich im Warenhaufe gegen dich benommen habe. Reichlich schofel fand ich es und ließ das auch merken." Sie wurde lebhaft. „Muht zu uns kommen. Dati läßt alles in Mooshaufen abschreiben von jemand, mit dem er schon längst nicht mehr zuftieden ist. Er soll dich als Sekretärin einstellen. Das machst du doch, Fritzchen?" schmeichelte sie.
Er lächelte: Wenn mich das wilde Mädel so an- guckt, gebe ich meist nach, deshalb Regina, mache ich Ihnen den Vorschlag, nach unserer Rückkehr aus Garmisch-Partenkirchen, wohin wir jetzt reifen, zu uns nach Mooshausen zu kommen."
Doralies sprang auf und klatschte in die Hände.
„Fein! Regina, nimm bas Angebot an! Ich reue mich ja fo sehr, bir bein Opfer ein bißchen belohnen zu können."
Regina neigte ben schönen Kopf.
„Ich bin sehr froh über ben Vorschlag, er beweist mir, baß bu es gut mit mir meinst, Doralies! Unb ich banke Ihnen sehr, Herr Wolftam! Aber ich kann hier nicht fort, ich habe hier noch allerlei zu tun."
Doralies blickte ein bißchen neugierig.
„Du meinst, bu hast bamit zu tun, alles zu orbnen für bie neuen Hausbewohner, für bie Erben — nicht wahr?"
Regina antwortete:
„Nein, so meine ich es nicht, Doralies, benn bie Erbin bin ich!"
Es würgte sie etwas im Halse, als sie an ben Christabend bachte unb an bas van keiner Krankheit vorbereitete Sterben Jobst Freeses.
„Du bist bie Erbin bes Lanbaerichtsbirektors?" Doralies machte ganz große Augen, unb auch ihr Vater sah Regina gespannt an.
Da erzählte Regina ben beiben aufmerksam Zu- hörenben genau, auf welche Art sie ben alten Herrn kennengelernt unb wie er sie zu seiner Erbin eingesetzt habe. Sie kam dabei nicht vorbei an Peter Konstantin und an Holm Meerhold; sie mußte von beiden sprechen unb tat es in allervorsichtigster Weise, benn niemanb sollte merken, baß sie Peter Konstantin liebte.
Als sie geenbet hatte, rief Doralies begeistert:
„Das ist ja fast unglaublich, bas große Glück, bas bu gemacht hast. Also bist bu mir noch Dank schulbig, weil ich dich nach Berlin schickte, bu reiche Erbin!"
Fritz Wolfram reichte ihr bie Hand.
„Meine besten Glückwünsche!"
Regina sagte ein wenig hastig:
„Ich bitte recht herzlich, zu Tisch zu bleiben, ich bin so viel allein unb würbe mich sehr, sehr freuen.
Doralies nickte.
„Natürlich futtern wir gern hier — nicht wahr, Vati?"
Er lächelte:
„Futtere bu allein hier, Doralies, ich muß nämlich noch einen geschäftlichen Gang machen, eine Redaktion besuchen, unb allein unterhaltet ihr euch vielleicht sogar besser. Komme bann später ins Hotel."
Damit erklärte sich Doralies einoerftanben. Unb Regina war Fritz Wolfram bantbar für fein Fortgehen unb froh, mit ber Freunbin allein bleiben Zu bürfen. Sie konnte boch freimütiger sprechen und hielt sich nun auch nicht mehr zurück, klagte offen ihres Herzens Not, erzählte auch von dem Irrtum, den ein Ring zustande gebracht, erzählte, wie die kurze Verlobung geendet hatte.
Doralies saß Regina gegenüber unb nahm ihre beiden Hände.
„Liebst bu den Mann sehr, der es litt, daß dir
Frau von Stübnitz sagen durfte, sie würde dich vom erstbesten Schupo verhaften lassen, wenn sie dich noch einmal dabei ertappte, daß bu unter falscher Flagge weiter segelst? Liebst bu ihn sehr? So einen könnte ich nicht liebhaben!"
Regina erroiberte mit bebender Stimme:
„Ich quäle mich boch immer roieber bamit herum, unb wenn er mir auch weh getan hat — ja, ich liebe ihn noch."
Doralies nickte:
„Na ja, bu liebst ihn trotz allem; das ist zwar töricht, aber dagegen ist nichts zu machen." Sie lächelte. „Es läßt sich auch wohl schließlich noch alles einrenken." Sie betonte: „Er liebt dich nämlich auch. Das heißt", verbesserte sie sich, „er liebte dich, als er dich noch für Doralies Wolfram hielt, unb hat bas Vati bekannt, als er mit deinem Vater zu sprechen glaubte. Seine Liebe muh aber dadurch, daß er hörte, bu wärest nicht bie echte Doralies, einen berben Stoß bekommen haben, sonst hätte er bich bei ber peinlichen Szene im Warenhause ein wenig geschützt. Scheint ein empfinbfamer Herr zu sein. Im allgemeinen hat er ja vielleicht sogar recht; aber wenn man liebt, sucht man boch nach Entschulbi- gungen für ben Menschen, den man liebt, falls er ein bißchen was auf dem Kerbholz hat. Liebste Gina, dem Peter Konstantin dürftest du eigentlich keine Träne nachweinen; aber um ben anberen ist's jammerfchabe, ber hätte gut zu bir gepaßt. Unb ber liebt bich, glaube mir, ber liebt bich richtig, wenn ber Verlobungsring auch ein Freunbfchafts- ring war."
Regina sah sie groß und fragend an:
„Du glaubst wirklich, er liebt mich?"
„Das ist so klar wie zweimal zwei vier ist!" gab Doralies in einem Ton zurück, als verfüge sie über reiche Erfahrung auf dem Gebiet ber Liebe. „Unb ba ihr bemnächst zusammen arbeiten wollt, hast bu selbst Gelegenheit, bir barüber Gewißheit zu verschaffen."
Regina wwersprach leise:
„Ich kann es nicht glauben. Wenn es sich so verhielte, konnte er doch sehr zufrieden sein, daß ber Irrtum mit bem Ring geschah, bann wäre bamit für ihn doch alles in schönster Ordnung gewesen."
„Das war es eben nicht!" belehrte sie Doralies. „Der Mann wollte dein ganzes Herz, mochte sich nicht mit einem schäbigen Restchen zufrieden geben. Aber jetzt noch eins, ehe ich es vergesse: Schicke doch Frau von Stübnitz etwas Geld. Du kannst es ja jetzt. Sie machte die Aeußerung, daß es dir als Stellungslosen natürlich gepaßt hätte, bei ihr gut und bequem zu leben. Schreibe ihr, daß du bie verursachten Unkosten ersetzen möchtest unb sie das Geld nach Belieben zu wohltätigen Zwecken verwenden könne."
Reginas Gedanken waren noch bei Holm Meer- halb. Liebte er sie wirklich? Hatte Doralies recht?
Erst nach einem Weilchen antwortete sie:
„Dein Rat ist gut, ich werde Justizrat Stein um Geld bitten. Weißt bu, er finanziert mich nämlich so lange, bis ich vom Gericht offiziell zur Erbin eingesetzt bin, was noch kurze Zeit dauern kann wegen einiger Formsachen."
Die Freundinnen saßen bann zusammen beim Mittagsmahl, unb Doralies erzählte begeistert von ihrem Lutz. Sie hob bas Weinglas, in bem das helle Gold eines leichten Mosels leuchtete.
„Auf dein Wohl, liebe, liebe Gina, und auf unsere Freundschaft! Unb innigsten Dank für den Freundschaftsdienst, ben ich bir nie vergessen werde, benn ohne deine Hilfe wäre ich jetzt wohl kaum Lutz Gärtners Braut. Also dein Wohl!"
Regina nippte an ihrem Glase, und ihr war es, als sähe sie über ben Ranb bes Glases, da drüben an der Tür, zwei Männer stehen — zwei Männer, die einander ähnelten wie Zwillingsbrüder, und wiederum auch nicht, weil der Ausdruck ihres Gesichts und ihrer Augen fo verschieden war wie ihr Charakter.
Später führte Regina die Freundin im ganzen Hause herum, unb Doralies meinte, als einmal Der Name Holm Meerholbs fiel, herzlich:
„Vergiß, wenn bu irgend kannst, den wahrheitseifrigen Peter Konstantin, halte dafür aber die Freundschaft mit dem anderen doppelt warm, und freue dich deines Schicksals, das es wirklich gut mit vir gemeint hat."
Erst am späten Nachmittag trennte man sich, nachdem Regina versprochen hatte, Ostern nach Mooshausen zu kommen.
Als Doralies die Freundin zum letzten Male umarmte, flüsterte sie ihr ins Ohr:
„Verlieb bich in ben anberen, dann ist das mit ber Erbschaft gleich in Drbnung, in bem Sinne, wie es ber alte Herr gewollt hat." Sie lachte vergnügt unb lief davon.
Regina aber war es noch tagelang, als flüstere ihr Doralies ins Ohr: Verliebe bich in den anderen!
Ob das wohl ginge? Sie glaubte es nicht. Und ob Holm sie wirklich liebte, wie Doralies gemeint hatte?
*
Regina sah vom Fenster ihres Schlafzimmers aus, wie die Wirtschafterin Holm Meerhold die Gartentür aufschloß. Sie freute sich, daß er doch von selbst kam; feit vierzehn Tagen hatte sie nun nichts mehr von ihm gehört.
Sie zog schnell das kurze Jäckchen aus stumpfer Seide über; sie wußte, es kleidete sie besonders gut. Warum sollte sie sich nicht auch ein bißchen hübsch machen?
Sie trat vor den Spiegel, schob die dicken Wellen ihres leuchtenden Haares etwas tiefer in die Stirn, und ging bann zur Tür. Plötzlich machte sie eine unwillkürliche Bewegung unb blieb stehen. Flüsterte es nicht roieber in ihr Ohr: Verliebe bich in ben anberen!
(Fortsetzung folgt.)


