SietzenerZamilienblMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1959
Montag, den 50. Oktober
Nummer 81
so
ils hatte Ann
In diesem
Herz, wo liegst du im Quartier?
Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 19. Fortsetzung.
Sie zog ihren Karren, er war mäßig beladen, ein Ulan saß auf dem Bock, sie hatte gut gefressen, aber vielleicht hat ein Pferd auch eine Seele, die seufzen oder sich freuen will. Es blieb unerforfcht, ob das
ugenblick wieherte ein Pferd. Es war Louisom Die Stute, die in Mereville samt Wagen von dem Ulanenkommando requiriert worden war und die still und beschaulich und ohne zu wissen, daß ihr einstiger Pfleger in der Nähe war, am Ende des Zuges dahin- tolperte, glaubte sich vergessen.
........ rwurf nichts.
„ ute die Böswilligkeit der ®rifette. Auch Poiporence fühlte es. Eine ritterliche Art erwachte in ihm, außerdem gefiel ihm der neue Fahrgast. Das war einmal etwas anderes als Germaine. Eigentlich war er immer für das Zarte gewesen. Poiporence hatte sich in Blisse- ron in den eiskalten Brunnen tauchen lafsen. Nun war er klar wie das Wasser, dem er seine Nüchternheit verdankte. Das Bad tilgte die letzten Spuren feiner Trunkenheit.
Er richtete sich auf und grunzte jäh Die Griselle, die diesen Laut, ter stets irgendeine Rede ankündigte, kannte, griff ein: „Halte ja dein Maul!" zischte sie, „mit dir rechne ich noch ab!"
Der Wachtmeister Krätke hatte sich längst mit einem wachsamen Ohr der Entwicklung des Redestreites gewidmet. „Wollt chr wohl!" brüllte er. Setting sah, daß Poiporence die Finger der Grifette aus Anns Haar, in das sie sich verkrallt hatten, löste.
Die Ulanen lachten.
„Die Dicke ist ein Teufel!" sagte Krätke und meldete sein« Beobachtungen. „Aber was soll man mit ihr machen! Man kann chr doch nicht eins überziehen?"
, er ließ wie 6et feinen Gäulen sozusagen -r verneigte sich, fo gut dies im Wagen möglich war, vor Ann: „Verzeihen St«, aber so muß man mit ihr reden, sonst wird sie frech. Vielleicht werde ich dieses Weib eines Tages het- raten sie ist ein herzensgutes Wesen, sie hat außerdem Vorzüge, über « ‘^“2 M.eJer ®teUe nicht sprechen möchte. Aber ich glaube, sie braucht Woche ihre Tracht Prügel, sonst ist ihr nickt wohl! Und was Sie betrisft, Mademoiselle, ich habe oft von Spionen sprechen hören, ich habe nie geglaubt, daß ich einem begegnen würde, noch dazu einem weib- '.djen! Meine Hochachtung, Mademoiselle! Verfügen Sie über mich! Ich betrachte Sie als meinen Vorgesetzten!"
• die Dienste des Trainsoldaten Poiporence zu verfügen, war im Augenblick keine Gelegenheit. Doch dankte Ann mit einem Blick Sie suhlte aber, daß sie eigentlich auf einem Scheiterhaufen stand um den d:e Flammen des Verdachtes hochschlugen
Wahrhaftig! Nicht ein Mensch, nicht einmal das Herz des Mannes, der Ann zu lieben vorgegeben hatte, glaubte an ihre Schuldlosigkeit
Wenn nun jene Frau, die ihr in Paris den Brief nach Calais überreichte, wirklich die Helferin einer Spionagegruppe gewesen war? Zwar war Anns Hilfe erheuchelt worden, aber war Ann trotzdem dann nicht verdächtig, ja schuldig?
Auch der Griselle gingen Gedanken durch den Kopf. Und nachdem einer von ihnen alle Windungen des Hirns durchlaufen hatte, befreite er sich durch einen Schrei.
Denn Germaine hatte erkannt: „Und ich — ich habe mit ihr getauscht! Ich bin eine Mitschuldige! Ich werde erschossen!"
Die Griselle schlug die Hände vors Gesicht und weinte.
Aber sogleich trocknete die Wut in wetterwendischem Wechsel ihre Tranen. Die Griselle vergaß, wo sie war, sie dachte auch nicht an di« rächende Hand Theophils, der ihr doch eben gedroht hatte. Sie stürzte ich auf Ann nick schüttelte sie: „Warum hast du nicht gleich gesagt, daß du eine Spionin bist?"
£nmJtU0enbLiff °uMrte, in dem sie freiwillig oder unfreiwillig ver- Itutnmen mutzte.
Trotzdem hatte die Griselle nicht schlecht beobachtet. Kelling streifte Ann mit zergrübelten nachdenklichen Mienen. Es waren immer nur Sekunden, daß der Premierleutnant sein Herz auf einem Abweg er- l u p p r(?.
«Sntu t rr Asm die Griselle zurechtwies, wehmütig Beifall.
Halt« sich die Griselle nicht unflätig benommen, wäre sie nicht ausge- wiesen worden, und dann hätte Ann Moreland keine Gelegenheit ge- tauschen. Und man säße in Mereville. Ach, und vielleicht säße das Gluck dabei und wärmte die Herzen ' 10
„Verzeihen Sie, Herr Maire! Ich habe Ihre Bürgschaft mißbraucht!" & inr t,e,LmL ®ei$er Stimme, sie trug wirklich Reue in der Stele, ätber schließlich hatte sie ja ßabatuts Bürgschaft nicht verlangt.
Er meinte, daß er jetzt vieles verstehe, was ihm vorher unklar ge- wesen s« sie haoe die Rolle als hilflose Reisende unnachahmlich gespielt, aber auf jeden Fall habe man eine Patriotin in Ann Moreland zu £ Sie moge, wenn sie auch ihr eigenes Schicksal nicht abwenden tonne, wenigstens die Unschuld der anderen Verhafteten beteuern und Nachweisen.
An dieser traurigen aber festen Rede des Mair« von Mereville er- 5?nnte Ann, daß der Maire sie für eine Spionin hielt und von ihrer • "E' D"? ““o begreiflich, denn der Hauptmann '""ernburg hatte ja ganz andere Leute überzeugt als den Maire h», Worte belebten auch Poiporence. Er sagte verweisend zu
der Griselle: „Da horst du es! Diese Dame ist eine Patriotin!Und wenn bu ihr noch em böses Wort sagst, klebe ich dir eine hinter die Ohren!" Zu gleicher Zeit geschah von feiner Seite eine so deutliche Geste daß Germaine in Abwehr die Hände vor das Gesicht hielt. „Du Lump wage es!" zischte sie. "
Aber er schlug nicht zu, nur die Peitsche tanzen. Er
.... Losgefahren, festgefahren! Täppisch, blindwütig, eigensinnig. Mit kahler Rücksichtslosigkeit andere mit ins Unglück gerissen!
„Eigentlich bist du schuld, daß wir auf dem Leiterwagen sitzen! vieh ßabatut an, er ist zerschmettert!" grollte die Griselle.
Der Maire verzichtete auf diese Fürsprecherin, er versuchte eine Geste der Abwehr, sie gelang nur halb, weil der Wagen über einen stein stolperte und die ßeiber der Insassen aneinanderstieß. Germaine benutzte den Augenblick, ihren Ellenbogen in Poiporences Rippen zu Üoßen. Er rächte sich eine Sekunde später, indem er sie vergüngt in die Wade zwickte.
Aber an der Gefangenschaft Germaines und Theophil ivahrhaftig keine Schuld. Sie erwiderte auch auf den Vo Sie fpürte die Böswilligkeit der Griselle. Auch ~
Theophil gedachte der Ohrfeige und meinte, daß es darüber hinaus feiner Abrechnung mehr bedürfe. Er dehnte sich und spie gemächlich über den Wagenrand: „Du bist so dumm wie dick! Abrechnung! Glaubst da, man wird uns beide in ein und dieselbe Zelle sperren?"
„Warum nicht? Damit ich dich dort gegen die Wand schmeiße, denn mehr bist du nicht wert!" sagte die Erstelle gehässig.
Darnach spürte Germaine, daß Theophil nicht beleidigt war, son- dc-a sich an ihrer Wut vergnügte, darum wandte sie sich ihrem ersten opfer wieder zu.
„Du, ob du weißt, was mit uns geschieht?" Sie schalt derb und ‘tut: „Erst mißbraucht einen die Person, dann ist sie zu stolz, mit mfereinem zu reden!"
„Schweigen Sie, Griselle!" sagte ßabatut plötzlich.
„Ach der verliebte Gockel!" kicherte die Magd. Als sie sah, daß es «n Ulanen offenbar gleichgültig war, ob im Wagen gesprochen wurde "der nicht, hatte sie keine Hemmungen mehr.
,T)u mußt doch etwas wissen!" bohrte sie. Ann Moreland war ein Achtes Wild, es wehrte sich nicht. Es konnte weder fliehen noch sich Wteden. Die ehemalige Wirtschafterin des Herrn Beauvstage hetzte,
sie selbst von ihrer eigenen Unruhe gehetzt wurde, weiter: „Man hht doch, daß der Offizier Augen macht. Ich wette, wenn du ihm einen Hnk gibst, holt er dich nicht nur vom ßeiterwagen, sondern auch aus der Me! Nun, und dann tu etwas für uns!"
Cs riß Ann Moreland aus ihrem Dahindämmern, als die Griselle »en Geliebten erwähnte. Es war ein Blitz, der niederfiel. Nicht aus fterem Himmel, aber doch unerwartet. Germaines Frechheit war wie >! belebende Spritze eines Arztes. Ann war auf einmal voller An- ibffsluft.
„Schweigen Sie, Griselle!" sagte Ann, „Sie haben ja nur Angst!" y« das stimmte. Germaine redete, weil sie das Bedürfnis hatte, sich "brr die ßage hinwegzu täuschen. Sie ahnte, daß die Täuschung in
Es war überhaupt eine nützliche Fahrt für Ann Moreland. In emem harten und mitleidslosen Gefährk*hatte sie noch nie gesessen. Sie wurde geschüttelt wie ein Würfel im Würfelbecher, ihre in der Verwirrung verfilzten Gedanken ordneten sich, aber seltsam: diese Ordnung war eine Abrechnung.
Du hast geglaubt, sagte ein Gedanke, du könntest alles erzwingen und ertrotzen! Nein, meinte ein anderer Gedanke, wenn man etwas Außergewöhnliches will, muß man auch selber etwas Außergewöhnliches sein.


