DER HEILIGE

Novelle von Conrad Ferdinand Hieyec

8. Fortsetzung.

Der Primas verneinte mit bem Haupte.

Ein überirdisches Licht umglänzte plötzlich seine Stirn. Er erhob den Hagern Arm, daß der Aermel der Kutte weit zurückfiel und zeigte nach oben. Da erstaunte mein Herr und König und erschrak in den Tiefen seiner Seele. Das Staatssiegel entglitt seiner Hand und fiel klirrend aus den Marmorboden. Ich trat hinzu und bückte mich nach dem kost­baren Geräte, dessen Griff von purem Golde war. Als ich es prüfend besichtigte, siehe, war es zersprungen, und eine seine Spalte lief mitten durch den edeln Stein und das Wappen von Engellandl Schweigend stellte ich es auf den Tisch mit den vier Drachenfüßen, der neben dem Sessel meines Königs stand.

Als ich mich wieder nach den beiden wandte, hatte sich mein Herr gefaßt und sagte in gewaltsam scherzhafter Laune: .Sankt Jörg steh' mir bei! Du hast mir einen frommen Schreck eingejagt, Thomas! Jetzt aber genug der Ueberraschungen und Kunststücklein! ... Setze dich zu mir, wie immer, und laß uns die trockenen Geschäfte vornehmen/

Er warf sich in seinen Stuhl, und ich rückte einen anderen, etwas niedrigeren, aber ebenso reich verzierten für den Kanzler herbei, denselben, auf welchem er immer neben dem König gesessen.

Aber Herr Thomas blieb in ehrsurchtooller Entfernung vor dem Könige stehen.

.Erhabener Herr, gib mir Zeit und gedulde dich', sagte er. .Ein halbes Leben habe ich gebraucht, um die Verhältnisse und Rechte deines Reiches zu erforschen, wie könnte ich diejenigen der heiligen Kirche, in deren Dienst du mich gestellt hast, und der ich lange fremd blieb, ja feindselig entgegenstand, von heute auf morgen erkannt haben? Darum trage mich mit Geduld.'

.Zur Sache, Thomas, zur Sache!' drängte der König. .Dir ist wohl bewußt, warum ich dich zu meinem Primas gemacht habe! Laß uns nun gemeinsam die geistliche Gerichtsbarkeit aufheben und vernichten.'

,Du sollst mich geneigt finden', antwortete der Bischof nachdenkend. .Sind doch in meinen Augen diese Rechte, über die hin und her gestritten wird, veränderliche Gestaltungen, wechselnde Formen, irdene Gefäße, tauglich oder untauglich, je nachdem sie den Wein der ewigen Gerechtigkeit rein bewahren oder vergiften. Ich will mich an den Meister selbst wenden mit der Frage, wie er es meine.'

.Bei wem willst du dich erkundigen, Thomas?', lachte der König, .bei der heiligen Dreifaltigkeit?'

,Jn den Evangelien', flüsterte Herr Thomas, .bei ihm, an dem keine Ungerechtigkeit erfunden wurde.'

,So spricht kein Bischof!' rief Herr Heinrich in ehrlicher Entrüstung, ,so redet nur ein böser Ketzer! Das hochheilige Evangelienbuch gehört auf eine perlengestickte Altardecke und hat nichts zu tun mit dem Weltwesen und der Wirklichkeit der Dinge. Blicke mir ins Auge, Thomas! Entweder willst du mein Feind werden, oder du hast mit unsinnigem Fasten die herrliche Klarheit deines Geistes getrübt. In Kürze: bringe mit die geist­liche Gerichtsbarkeit um, Thomas! Dafür, nur dafür habe ich dich auf meinen schönen Stuhl von Canterbury gesetzt. Ich will nicht, indem ich die Frevel meiner Pfafsheit ungerochen lasse, die Blitze des göttlichen Gerichtes auf mich und mein Haus herablenken. Jüngst noch hat ein sächsischer Kleriker das Werk und den Ruhm meines Ahns, des Eroberers, auf der Kanzel rebellisch gelästert und ein normännischer sich an der Un­schuld eines Kindes vergriffen.'

.Herr', versetzte der Primas, und seine eingefallene Wange flammte, .sei gewiß, daß ich die Sünden meiner Kleriker härter ahnde als kein weltliches Gericht tun würde! ... Abscheuliche Dinge! ... und das Ab­scheulichste ...', hier hielt er inne und schloß dann mit sinkender, ver­änderter Stimme ... .Aufruhr und Empörung gegen deine Ahnen und dich christliche Könige. Hier erkenne ich den Willen Gottes. Ob er mir aber die in meine Klöster geflüchteten Sachsen ihren Peinigern, deinen Baronen, auszuliefern gebietet, das frag' ich mich und zweifle.'

Jetzt erkannte Herr Heinrich deutlich, daß der Primas ihm die geistliche Gerichtsbarkeit nicht zurückgeben wollte und seinen heiligen Spott mit ihm trieb.

.Ich bin ein Betrogener!' schrie er und sprang von seinem Sitze empor.

In diesem Augenblicke begannen die im Burghofe harrenden Sachsen, vielleicht um ihre Besorgnis für den Primas zu beschwichtigen, eine neue Litanei. Sie sangen das siegesgewisse .Vexilla Dei prodeunt'.

Da stürzte der schon gereizte Herr Heinrich ans Fenster und blickte hinunter. .Thomas', gebot er, .heiße die Schächer schweigen, die du hinter deinen Fersen nachziehst. Das Geheul deiner verhungerten Meute ist mir widerlich.'

Herr Thomas regte sich nicht. .Mag auch ein Bischof den Armen und Mühseligen verbieten, dem Kreuze zu folgen?' fragte er demütig.

Da geriet der König in bleiche Wut. ,Du wiegelst mir die Sachsen auf, Rebell! Verräter!' schrie er und tat einen Schritt gegen den Primas. Seine blauen Augen quollen aus den Höhlen, und er griff mit den nervigen Händen in die Luft, als wolle er den ruhig vor ihm Stehenden erwürgen.

Da öffnete sich die Türe.

Frau Ellenor stürzte herein und warf sich, in Tränen aufgelöst, dem Primas zu Füßen

.Ich bin die grüßte der Sünderinnen!' schluchzte sie, .und nicht wert, den Staub von deinen Sandalen wegzuküssen, du heiliger Mann!'

, Herr Thomas neigte sich zu ihr und beschwichtigte sie mit milden Worten.

Dieses Schauspiel gab meinem Herrn die verlorene Fassung wieder. Er betrachtete fein zu den Füßen des Bischofs liegendes Weib eine ge- raume Weile. Dann zuckte er die Achseln, schlug eine Lache auf, wandte den Rücken und verließ die Halle.

Zehntes Kapitel.

An jenem Tage verwundete ein Giftpfeil das Herz König Heinrichs. Erst war der Stich nur klein, und mitunter schien es, als wolle er heilen. Aber in der Tiefe eiterte er fort und fraß immer schmerzhafter ins Fleisch, bis zuletzt von diesem einzigen Punkte aus Herrn Heinrichs ganzes Wesen untergraben und fein Königsleben zerstört wurde.

Schnell zwar kam das Verderben nicht über ihn, denn meines König, starke, freudige Natur leistete ihm Widerstand. Im Drange der Geschäfte, im Wetten und Wagen des Lebens verbiß und vergaß er wohl auch seinen Groll. Zu Nacht aber fuhr er, kaum eingeschlummert, aus unruhigen Träumen empor, sprang von seinem Lager und stellte, rastlos in der Kammer auf und niederschreitend, den undankbaren Liebling, der ihn als nächtliche Scheingestalt heimgesucht und erschreckt hatte, zur Rede, bald beleidigt und drohend, bald aber auch liebreich mit kosenden Worten. Er hielt ihm alle Beispiele des Undankes vor, deren er sich aus biblischer und weltlicher Historie entsann, und überwies ihn, der seinige sei der größeste. Keines Menschen Mund schildert, was mein König litt. Anwesend und abwesend verfolgte ihn Herr Thomas gleicherweise.

Stand der Primas leiblich als ein stiller Dulder vor dem Könige, so ergrimmte dieser über den erbarmungswürdigen Anblick: hielt sich Herr Thoma? abseits vom königlichen Angesichte im Frieden seiner bischöflichen Wohnung, so zürnte und klagte Herr Heinrich um so herzzerreißender, daß sein Vertrautester, früher die Seele feiner Ratschläge, der ihn kenne, wie keiner, sein Herz verrate, sich von ihm entferne und sondere, die Schärfe einer übermenschlichen Klugheit gegen ihn wendend.

Und doch ließ es der Primas nicht fehlen az, versöhnlichen Worten und unterwürfigem Entgegenkommen. Dann fuhr der König zu und faßte hastig die bedingungsweise gebotene Hand, welche der über dies triumphierende Zugreifen Erschrockene schon wieder erkältet zurückzog. Ebensogut hätte mein König eine Wolke umarmt, als seinen ehemaligen Kanzler, diesen schlanken, schmeidigen Aal, festgehalten.

Aber auch wenn der Primas über einen streitigen Punkt ein wahres und wirkliches Zugeständnis machen wollte, durfte es nicht gelingen. Entweder stieß er auf der Fahrt nach Windsor mit einem weltentfremdeten Einsiedler zusammen, der gerade jenes Tages aus seiner Höhle kriechen mußte, um den übertreuen Bischof zu bejchwören, die Rechte Gottes und der Armen, seiner Kinder, nicht dem Fürsten der Welt preiszugeben. Oder es vertrat ihm, wenige Schritte vor der königlichen Schwelle, ein verzückter Mönch, das Kreuz in der Faust, den Weg und trieb mit schwärmerischen Worten den Demütigen nach Canterbury zurück.

Wollt Ihr die Wahrheit erfahren?

Eine vermittelnde Formel, welche die englische Königsmacht und die Rechte der barmherzigen Kirche zu gleichen Teilen geschont und gesichert hätte, wäre schon vorhanden und der Klugheit des Kanzlers erfindlich gewesen, wie ich meine. War doch der König nicht unmenschlich, und Thomas kein erhitzter Eiferer! Aber die Herzen der beiden Herren kannten sich nicht mehr, und wann sie den letzten Schritt zueinander tun wollten, trat das Gespenst ihrer gestorbenen Liebe als blasse Feindschaft zwischen sie.

Dann sei nicht vergessen, daß Frau Ellenor jetzt als züchtiges Eheweib nicht mehr von meinem Herrn wich und ihm seit ihrer Bekehrung Tag und Nacht in den Ohren lag, den Heiligen Gottes nicht zu beleidigen, womit sie den König erboste und verhärtete.

Gehetzt und gezischelt, Glut gelegt und ins Feuer geblasen wurde gleichfalls nach Hofgebrauch. Der normännische Adel insgesamt hatte seinen Haß und Abscheu geworfen auf den gottseligen Rebellen, der den entlaufe­nen Hörigen der eroberten Güter die unerstürmbare Zuflucht seiner Klöster öffnete. Täglich und stündlich wurde dem Herrn hinterbracht, wie der Bischof zunehme und groß werde im Volke der Sachsen und seine gleis­nerischen Hände überall und allezeit hilfreich und segnend ausstrecke. Er unterwühle das Reich mit einem heimlich brütenden frommen Aufruhr der Seelen, gefährlicher als ein offener und körperlicher, weil er sich nicht mit Waffen niederwerfen lasse.

Wurde dem König solcher Argwohn eingeraunt, so gab der Gereizte seinem liebsten Rüden einen Tritt und behandelte auch mich unwirsch, besonders wenn ich ihm eines jener subtilen Schreiben überreicht hatte, in welchen der Primas mit der ängstlichen Linken zurücknahm, was feine großmütige Rechte gegeben.

Dann geschah es wohl, daß der Herr das trüglidje Schriftstück fluchend in der Faust zerdrückte und zur Jagd blasen ließ, ob er seinem Unmut auf freier Heide verwinde. Aber es gelang ihm nicht. Wurde ihm der Edelhirsch zugetrieben, und reichte ich ihm die Armbrust, so erblickte er statt des geängstigten Wildes seinen Verfolger, stöhnte qualvoll: ,Häte dich, Thomas Schlankhals!' und durchbohrte dem Tiere das Herz.

Endlich entschloß sich Herr Heinrich, forderte den Primas vor ein Gericht feiner Barone, ließ ihn als Reichsverräter verurteilen und ver­trieb ihn auf ewig aus seinen Landen. Am selben Tage aber, da Herr Thomas wie ein Verbrecher über Meer entfliehen mußte, wich Fran Ellinor von ihrem Gemahl und verließ Schloß Windsor mit einem weit vernehmbaren Wehegeschrei.

Jetzt begann das Ohr meines Herrn und Königs Tag und Nacht über Meer zu lauschen, was Herr Thomas drüben beginne.

. Zuerst verlautete, der Kapetinger habe ihn an der jenseitigen Küste mit Ehrfurcht empfangen, und um seinen Segen gebeten, ihn versichernd, er, als ein christlicher Fürst, habe wahrlich" sein Leben lang nie einen Mönch beleidigt, geschweige einen Bischof.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. - Druck und Verlag: Brühlsche Universttätsdruckerei R. Lange, Gießen.