, Erzähle, Sians", rief der Chorherr mit zitternder Lebendigkeit und richtete sich, die alten Hände aus die Armlehnen stützend, begierig in seinem ^^Der'Armbruster schürt« schweigend das Feuer und faßte seine Gedanken zusammen. Seine festen, eckigen Züge waren finster geworden, und sein« funkelnden Augen sannen. Offenbar schien ihm billig, den, Wunsch seiner Gastsreundes zu erfüllen; aber ungerne tat er es. Denn jene Ereigrnsst staunenswert und unbegreiflich nicht nur für die Fernstehenden, sondern auch für die Michandelnden, waren der wichtigste Teil seiner eigenen Geschichte, die es dem verschlossenen Manne zu erzählen schwer wurde, und arissen in Tiefen seiner Seele hinunter, wo fein Empfinden zwiespältig wurde und seine Gedanken wie vor einem Abgrunde stehenblleben.

Er äußerte sich mit behutsamen Worten:Ihr mögt leichtlich oessti Bescheid wissen, Herr Burkhard, in dem, was meines Herrn Stomp Fürstenhändel und Taten im Weltlauf betrifft; was aber i^n WandÄ und die Natur seiner Person angeht und des Thomas Decket Menschem antlitz auch", fügte er scheu und leise hinzuso habe ich rmchrliq vor einem Jahre in jener trunkenen Nacht nicht geprahlt, als ich mid; berühmte, sie zu kennen, obwohl ich, heilsamer für mich, davon geschwiegen hätte. Noch jetzt, Herr, brauch' ich nur die Augen zu schlleßen, um der König wie den Priester leibhaft vor mir zu sehen. Lieblich ist der Anbh«! nicht, wie der dieser langen, ruhigen Gesichter, welche Eure Stadtheiligen hier in den S-änden tragen!" und er wies auf das Mittelbild eines farbig gewirkten Teppichs, der die Mauer bekleidete.Biele Jahre lang, nach dem ich aus Engelland heimgekchrt war, hatte ich während des Tag!, in Gedanken und des Nachts im Traume mit jenen zwei unglücklichen Herren zu schaffen. Am Tage mußte ich mir die sanften, spitzfindigen Reden des einen, die leichtfertigen Scherze, harten Drohungen und »ei' zweiflungsvollen Zornworte des andern ohne Unterlaß wiederholen um war gezwungen, darüber nachzufinnen, wie unabwendbar beider Bep derben sich daraus entwickelte. Des Nachts sah ich sie aufeinanderstohe« mit Rauch und Feuer, wie der Apostel Hans in seiner Dfsenbaruirz schreibt, und keines meiner Weiber ich habe deren etliche geehelicht und begraben konnte es dann unterlassen, mich mit Angst und Graue, aus dem Schlafe zu rütteln. Denn, Herr, es ist etwas anderes, wen., Könige und Heilige gegeneinander fahren, als wenn in unseren schwa, bischen Trinkstuben geschrien und gestochen wird. Wohlan, ich will Eich von diesen Geschichten erzählen, obwohl es ein schlimmes Ding ist un» schwierig zu bewältigen; aber ich darf den Wunsch meines Gastsreunde, nicht unerfüllt lassen", schloß der Armbruster mit einem grimmigen Lächeln. _ , # ..

So tue, wie du verheißest", sagte der Stiftsherr und legte sich mit erwartungsvoll angeregten Mienen in seinen Sessel zurück.

Drittes Kapitel.

,Jch rede nicht gerne von meiner Jugend", begann Hans dek Cngelländer feine Erzählungund meine Gedanken weichen ihr aus, wenn ich nicht vor den heiligen Festen, um mich vor Gott und seine! heiligen Mutter zu demütigen, sie aus dem Dunkel emporsteigen lass«, oder wenn nicht ein Neider und Widerfacher mir dieselbe böswillig n meinen alten Tagen gegen die Zähne wirst.

Lieber Herr", und der Armbruster tat einen tiefen Seufzer ,M ist eine unehrliche und befleckte. Dennoch muß ich damit Euch und mit zur Last fallen, denn mein armer Lebenslauf läßt sich von dem bei ^eiligen und des Königs nicht trennen, wenigstens in meinem alle« Kopfe nicht. Ihr müht wissen, ich bin aus einem edeln Geschlechte, unö wenn Ihr Hohenklingen oder Hohenkrähen sagt, so nennet Ihr zwak nicht mein Stammhaus, das in Schutt versunken ist, aber sein NcuM lautete ähnlich, und es lag, wie jene festen Häuser, unweit vom Bodo» und vom Rhein. Schon mein Vater war schwer verschuldet und warum, das weiß Gott von seiner Sippe gescheut und gemieden, er, um seinen Gläubigern zu entgehen und um seine Seele zu retten sich das Kreuz anheftete und nach dem Gelobten Land zog, aus welch«»« er nicht zurückkehrte. Mein Mütterlein schleppt« feit meiner Geburt ein« siechen Leib und weinte fich die Augen blind, als mein älterer Drude! nicht in ritterlicher Fehde, sondern in bösem Raufhandel um Dein un» Mein erschlagen wurde; denn wir halsen uns, wie wir konnten, uro lauerten an den Wegen, wo etwas vorüberkam. Bei meiner Sippe such" ich weder Rat noch Hilfe, ich hätte dort keine gesundem Di« einzig« Freunde waren mir meine Armbrust und meine Hunde, mit denen «4 zu Walde zog; aber ich selbst ward wie ein Wild gehetzt von einem bös« Feinde, den ich den Teufel haßt«. Das war der Jude Manasse, der i» Schaffhausen saß und auf Zinsen lieh. Ihm hatte mein Vater seine« Burgstall und seine wenigen Aecker verpfändet. Nun begab es sich, b®! mich meine Mutter zu dem Juden schickte, um Aufschub zu verlangen aber keine Barmherzigkeit war bei dem Wucherer zu finden. Da ersah" mich plötzlich eine große Kümmernis und ein Erbarmen mit meinet» siechen Mütterlein und auch mit dem blutigen Leiden unseres Heilande-, den die Juden grausam gemartert haben, und ich schlug den Manch hart mit Fäusten, daß er starb. Gott rechne mir diesen Mord nicht F Als ich ihn beging, war ich, wenn auch schon von Mannesgestalt un» Stärke, noch «in Kind und dazu von weicher und heftiger Gemütsott Der Jude indessen hatte in der Stadt und unter dem umliegenden Äs' viel« Freunde, und ich wäre verloren gewesen ohne die geöffnete Kloste" Pforte von Allerheiligen. Und da ich froh fein mußte, daß sie sich,** hinter mir schloß, wurde ich unverhofft geistlich und nach Jahreslmi ein Mönch. In alledem hatte ich aufrichtig gehandelt und war k«® Falsch an mir gewesen; aber ich taugte schlecht zum Mönche und h«»" den Wuchs meiner Natur und das Erdreich ihres Gedeihens nicht vos ausgekannt. Mißversteht mich nicht, Herr! Nicht das sündige Blut U-t serer Stammeltern allein meine ich, sondern mehr noch den 3Üni)enH Funken, der aus der Schöpferhand Gottvaters in den Ton, aus welche® ich geformt -bin, herübergesprungen ist, das ist: Kraft, Verstand, Unter nehmung, Baukunst und Wanderlust. Aber von menschlicher Kunst u® Wissenschaft war zu Allerheiligen nichts zu lernen als der Poet tJw gilius, den ich auch heute noch größtenteils auswendig weiß.

(Fortsetzung folgt.)

das Licht der Welt erblickt. Schon das spricht gegen ihn. Es gilt von den Heiligen wie vom Weine: je älter, desto besser und wundertätiger. Wie dieser hier" er tolürfe aus seinem Becherdas Blut unMkS Bo­dens mit unserem Blute verwandt ist und es seit undenllicher Zett wurzt und stärkt, ähnlich wirken unsere Heiligen St. Felix und Regula über deren Leibern dieses Stift und diese Stadt erbaut sind. Geschlecht um Geschlecht haben sie als streitbar« Nothelstr behütet. Wir sind ihnen und sie uns vertraut und verpflichtet. Mit ihrem Bild und Siegel machen wer, nach dem Vorgänge unserer Väter, unser Tun und Lassen gültig. Ich will keine Hossart damit treiben, daß sie nach ihrer blutigen Marter die ab­geschlagenen Häupter urkundlich in den eigenen Händen von der Richt- stätte am ßimmatufer bis hierher getragen haben, vierzig Schritte bergan, obgleich ihnen das sicherlich keiner der abgeschwächten neuen Heiligen nach­tut. Für mich kommt in Betracht, daß St. Felix und Regula ihren Glauben gegen einen heidnischen Kaiser mit ihrem Blute bezeugt und nicht gegen einen christlichen König und Lehensherrn sich überhoben und aufgelehnt haben, wie dieser neue Heilige von meinem Jahrgang.

Solcher gerechten Erwägungen aber sind die Köpfe unserer Frauen vom fürstlichen Stifte nicht fähig! Da muhte ihnen unter andern kost­baren Schriftstücken ein Pergament zukommen, woraus das Leben und die Marter meines Altersgenossen beschrieben und verherrlicht ist. Die heiligen Akten wurden zur Erbauung während der Mahlzeit vorgelesen, und von Stund' an konnten die Gedanken der edeln Frauen nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie trieben offen und heimlich daran, daß der Tag dieses Märtyrers auch bei uns feierlich begangen werde.

Den Weibern gefällt das Neue und Fremdländische.

Der Rat unserer Stadt war aus genannten Gründen der Sach« abhold und hätte sie auch wohl verhalten, wäre den Frauen nicht eine Güte des Himmels zu Hilst gekommen.

Verwichenen Herbstmonat bei der langen Dürre geriet der Abtei eine Scheune voll Heu neben ihrem großen Gehöfte zu Wiedikon in Brand. Der Föhn jagte die Flamme gerade auf das Meierhaus zu, das zu rauchen begann und verloren schien. Da lieh die mächtig fromme Küsterin, Frau Berta, die eben zugegen war, durch den Meier und feine Söhne den schwe­ren Schiefertisch vor das Haus schleppen, zog eine Kreide aus der Tasche und schrieb mit armlangen Buchstaben auf die Platte:

Sande Thoma, steh uns bei!

Was geschah? Blickte der Heilige vom Himmel herunter und las? Dem sei, wie ihm wolle, der Wind wandte sich augenblicklich, das Scheuer- lein fiel in erlöschenden Schutt zusammen, und die Meierei war gerettet. Jetzt langte die Hilfe aus der Stadt an. Hier stand der Tisch, dort ver­kohlte der Trümmerhaufen das Wunder und der Heilige waren nicht weiter anzustchten. , ~ ~ . .

So ist es gekommen, daß wir heute fern Fest feiern, den Tag,, daß ich's zu sagen nicht vergesse, des heiligen Thomas von Canterbury.

Nach dieser ausgiebigen Rede ergriff der Chorherr feinen Pokal, tat ein paar kleine Züge, und, die Kanne ergreifend, sah er sich nach seinem Zuhörer um, dessen Becher er auffüllen wollte. Hans, der auf einem Hcllz- fchemel am Feuer sah, gab keinen Laut von sich. Etwas Seltsames war mit ihm vorgegangen. Im Anfang war er, die Ellenbogen auf die Knie stützend und das gesenkte Haupt in die Hände gelegt, der Erzählung des Chorherrn mit Aufmerksamkeit gefolgt. Herr Burkhard hatte den Namen des Heiligen absichtlich bis zuletzt verschwiegen, doch der Armbruster mochte ihn schon früher erraten haben. Er blieb jetzt unbeweglich, wie in sich selbst zufammengebrochen, und es war, als schüttle ein Schauder seine Glieder. Der Chorherr schenkte ihm den Becher voll und betrachtete ihn mit Blicken der Teilnahme und etwas durchschimmernder Schadenfreude.

Halt' ich dich endlich, schlauer Mann!" begann er wieder.Bei den blutigen Zöpfen der heiligen Regula, heute, Armbruster, trittst du mir nicht über die Schwelle zurück, ohne mir von St. Thomas von Canterbury erzählt zu haben, was du weißt, und ganz andere Dinge, als der Luzer­ner Pfaffe unserer gnädigen Frau drüben im Stift aufbinbet oder als in dem Pergamente stehen, das mir die edle Herrin zur Gesundung meiner Seele geliehen hat. Du bist dem Heiligen zu seinen Lebzeiten begegnet, das wirst du mir nicht leugnen! Ich habe es selbst gehört, wie du meinen Brüdern, den Chorherren, es mag sich jetzt gerade verjähren, in unserer Trinkstube mit lauter Stimme denn sie hatten dir mit dem Becher stark zugefetzt und gewaltigen Gebärden dartatest, daß du an König Heinrich gehaftet habest wie der Knops am Wamse, ja wie die Haut am Leibe. Du gerietest in lodernden Eifer; denn die Herren hatten in Zweifel gezogen, daß König Heinrich bei jener unseligen Krönung seines ältesten Sohnes Tränen der Freude vergossen habe. Du riefest: ,Jch habe sie rie­seln sehen!' und verschwurest dich bei deiner Seelen Seligkeit. Ich, der gerade eintreten wollte, um einen geselligen Becher zu hinten, denn ich war noch um das jünger, und dich deine Geschichte beteuern hörte, ich glaubte dir, denn du bist kein Prahler. Bist du aber immerbar um König Heinrich gewesen, hast ihm Gewand und Becher gereicht, sein Lachen und Weinen gekannt, wie du versichertest, so muht du auch den Mann gekannt haben, der ihm Leib und Seele zerstört hat, fei es, während er als Kanz­ler ihm zu Diensten war, sei es später, da er als heiliger Bischof, sein Feind und sein Opfer, ihn zur Derzweiflung und ins Verderben trieb. Am Ende, Unglücklicher, wärest auch du unter jenen, die dem Heiligen zu feinem Martertode geholfen haben. Doch nein! In dem Pergamente der Aebtissin steht geschrieben, wie die Mörder des Heiligen durch ihre Sünde dergestalt entmenscht wurden, daß es der ganzen Schöpfung vor ihnen graute und selbst ihre Leibhunde den Bissen aus ihrer Hand verabscheuten. Tapp aber" er wies auf den zwischen den Knien des Armbrusters sich aufmerksam hervordrängenden Pudelkopsnimmt, wie ich gesehen habe, alles, was du ihm reichst."

Der gnädig« Gott hat mich davor behütet", murmelte Hans;aber den Heiligen ja ich habe ihn gekannt, so gut als ich Euch kenne, Herr Burkhard. Und dabei bin ich auch gewesen, wenn Ihr es doch wissen wollt, als ihm der Wilhelm Tracy vor dem Hochaltäre den Schädel ein= schlug. Und sein Lächeln sehe ich noch, das Gott genabe mir heilige Hohnlächeln, mit dem er verschied, als erwiesen ihm leine Henker gerade einen Liebesdienst. O Herr, das find fchwere, unerforschliche Geschichtenl"