Vorfrühling.
Von Ina Seidel.
Durch die frühe Dämmerung Geh ich ganz in Träumen hin, Und ich weih es nicht, warum Ich so still und selig bin, Daß mein Herz ganz hold und leicht Wie ein Veilchenstrauh sich trägt — Plötzlich überkommt es mich: Horch, die erste Amsel schlägt...
Begegnungen am Abend.
Von Anton Schnack.
Als die Männer zur Dämmerstunde in den Gasthof einer alten I;tai>t am Main eintraten, erinnerte sich Bronsard, hier vor Jahren hon einmal gewesen zu sein und einheimischen Wein getrunken zu aben. Damals waren die Gastzimmer noch klein, behagliche Stuben mit inngerät aus den Bordbrettern und Stichen an den getäfelten Wänden, us den gemütlichen Zimmern von einst waren nun große Gastsäle nvorden, die Stiche und die warme Holzvertäfelung waren verschwur!- en, von der Decke herunter und an den Wänden entlang waren Gir- inden aus farbigen Papierblumen gespannt, wie es an Winzerfesten . nt> Faschingsveranstaltungen üblich geworden ist. Außer einem am kusschank stehenden Kellner war kein anderer Mensch anwesend. Den Intretenden Männern behagte nicht die Leere und sie wollten wieder nkehren, jedoch sie bemerkten dann an einem Tisch ein junges Müden, das in einer Zeitung las. Eine Porzellankanne und eine Tasse mden vor ihr. Das Mädchen ließ die hocherhobene Zeitung sinken und trachtete mit einem abwesenden und schläsrigen Blick die Gäste.
„Als ich vor Jahren hier war", flüsterte Bronsard, „war die junge ame am Tisch ein Backfisch mit einer Schleife im Haar, der mit keckem ilick jeden musterte, der das Gasthaus ihres Vaters besuchte. Jetzt ... haut ihre Augen an, jetzt hat sie einen Blick, als ob sie eine traurige nD süßliche Liebesgeschichte erlebt hätte."
Die Männer setzten sich gegenüber und das Mädchen nahm wieder die Zeitung vor ihr Gesicht. Von Zeit zu Zeit aber spähte es mit jähem uub verstecktem Blick über den Zeitungsrand. Als das Mädchen einmal iilfstand, um sich etwas aus einem Schrank zu holen, konnten die Danner ihre Gestalt näher betrachten. Das Mädchen war groß, sehr g oß sogar, dabei ausfallend geschmeidig und locker in den Bewegungen. Wit ihrer schmalen und ebenmäßigen Figur hätte sie überall Aussehen erregt. Ihr Gesicht war klug und anmutig, mit einem Anflug von Schel- Herei, aber die dunklen und schwermütigen Augen, deren Blickrichtung ncht zu erraten war, hatten diesen ursprünglichen Ausdruck zurückge- b ängt und beherrschten nun mit Trauer und Ferne das ganze Gesicht. $:n stummes Mitleidheischen ging von ihrem Wesen aus, aber niemand sellte das merken. Sie war zu stolz, um diese seelische Gebrechlichkeit Werken zu lassen, sie wollte abweisend erscheinen, kühl und unnahbar, mb so war auch die allgemeine Wirkung auf die Männer am andern Dich.
[ „Hochmütig!", — auf der Stirne von Dunlop erschienen veracht- lihe Falten.
„Immerhin hübsch", besänftigte Carlander.
„Maske" — das war die Meinung von Bronsard.
Inzwischen erschien das Mädchen wieder und setzte sich an den eichen Platz, ins Halbdunkle hinein, wo sie sich wohlzufühlen und ge- -rgen schien. Infolge des Weingenusses wurde das Benehmen der drei ;(inner ungezwungener und ihire Stimmen lauter, und die Unterhaltung ergab, daß sie dabei auf Musik, besonder? auf Klaviermusik, zu sprechen tunen und mit gegensätzlichen Meinungen sich auseinandersetzten. Bron- j(tb bemerkte, daß von diesem Augenblick an das Mädchen unverhohlen dir Unterhaltung zuhörte. Es war ihm sogar, als ob das Mädchen mit euem Vorhaben oder mit einer Absicht ringe und noch nicht den Mut g-sunden hatte, sie auszusühren. Sein Blick glühte und schoß in heißer Unruhe aus der Ecke. Wollte es sich an der Unterhaltung beteiligen? Hatte e- Interesse für Bronsard oder Carlander, und wollte es, daß man dieses sriteresse bemerke? Aber wem galt der Blick? Er war wie ein von rasender Kraft geschleuderter Pfeil und ging durch jeden Gegenblick hindurch, in die $i*rne zu etwas Unbekanntem. War einmal einer hier eingetreten und i)itte mit einem trügerischen Aussehen und verlogenen und glänzenden Sorten bas Herz dieses Mädchens an sich gezogen, mit Freude ynd Liebe erfüllt, und bann wieder losgelassen und müde gemacht.
Wiederum erhob sich das Mädchen, aber diesmal ging sie auf ben D ich der Weintrinker zu, ihr Blick war nun wieder schläfrig, die Lider tr.aren tief über die Augäpfel gelegt, feiner konnte sich rühmen, von ihrem Auge betrachtet zu werden, und doch war allen bewußt, daß das Wädchen. nur ihretwegen aufgeftanöen war. Neben dem Tisch war die liire zu einem Nebenzimmer, die Übliche Einrichtung bei vielen ländlichen und kleinstädtischen Gastwirtschaften. Gleich nach dem Verschwinden bcs Mädchens erklangen aus dem dunklen Zimmer die weichen Tone eines Nocturnos von Chopin. Bronsard und die anderen hörten zu. Sie vißten, ohne sich gegenseitig daraus aufmerksam zu machen, was das Kiooierspiel zu bedeuten hatte. Das Herz und die Sehnsucht des Mad- h:ns fangen heraus. Das Spiel paßte zu der herbstlichen Dämmerung, bi? mit früher Dunkelheit über die Mainlandschaft gesunken war. Das eaiel war keine große Kunstleistung, aber es ergriff, erregte und war d deutsam, weil es das Spiel einer Einsamen und an der Liebe üiibenben war. . ..
Nachdem die Männer eine zeitlang dem Spiel zugehort hat.en, tii fen sie den Kellner, zahlten und zogen ihre Mäntel an, well sie nicht länger verweilen konnten. Die Türe zum Nebenzimmer, wo das Mad- h'n am Klavier sah und spielte, stand offen. Dunlop ging baran vorbei, bann folgte Carlanber, Bronsard zögerte einen Augenblick und
schaute in bas Zimmer, aber er sah weder das Klavier noch das Mädchen, nur das gelbe Licht einer Straßenlaterne schimmerte durch ein großes Fenster bis zu ihm. Die Töne schwebten leise durch den Raum. Ein leises Weinen im Dunkel, so dünkten sie ihm. Dann ging auch er seinen Begleitern durch den Haupteingang nach, aber draußen auf der Terrasse zögerte er zum zweiten Male und trat an das große Fenster, das eigentlich eine Türe war und anscheinend an warmen Sommer- abenden geöffnet wurde und den Durchgang zur Terrasfe bildete. Bronsard trat an das Fenster, preßte an die von keinem Vorhang bedeckte Scheibe sein Gesicht und spähte ins Zimmer. Nun konnte er bas Mädchen erkennen, es sah mit dem Rücken gegen bas Fenster am Klavier. Aber auch bas Mädchen mußte gemerkt haben, daß einer der Gäste an das Fenster getreten war und in das Zimmer schaute; denn das Klavierspiel wurde heftig, fast leidenschaftlich, lauter heiße und wilde Schreie klangen aus ben Tasten, die bleichen Finger flimmerten im hereinfallenden Lichterstrahl der Straßenlaterne wie unruhige Schmetterlinge über einem Abgrund voll Dunkel und Tiefe. Durch die Gestalt des sitzenden Mädchens zuckte eine seltsame Erregung.
Bronsard drückte, ohne lange zu überlegen, aus die Klinke der Fenstertüre. Sie ging auf und er trat ins Zimmer und ging auf ben Zehenspitzen auf das Mädchen zu, das ihm den Rücken zukehrte und ganz feinem Spiel hingegeben war und anscheinend die schleichenden Schritte hinter sich nicht bemerkte. Als Bronsard unmittelbar hinter dem Mädchen stand, legte er, von einer unwiderstehlichen Rührung ergriffen, -feine Hand auf bas Mädchenhaar. Die Spielende drehte sich nicht um und hörte auch nicht mit ihrem Spiele auf, sondern ließ, allerdings etwas leiser und säst Zögernd, die Melodie fort erklingen. Bronsard beugte sich, da das Mädchen nicht die geringste Bewegung machte, um die Hand abzuschütteln, zum Kopf herunter, um bas Haar zu kiisfen. Aber er tat es nicht, sondern bog den widerstandslosen Kopf mit zarter Gewalt nach rückwärts und küßte den feuchtfchimmemden Mund. Das Mädchen hielt die Augen geschloffen, und die Finger hörten plötzlich zu spielen auf, als wären die Hände zu schwer und müde. Sein Mund gab sich dem anderen Munde, dem unbekannten, in glühender Verzückung hin, und Bronsard spürte mit Lust das selige Entrücktsein der schönen und warmen Lippen. Immer tiefer sank der Nacken des Mädchens nach hinten und immer wilder wurde der Kuh der Beiden
„Ach — nein — nein", stammelte bas Mädchen plötzlich und stemmte ihre Finger auf die Tasten und ein lauter, mißtönender Klang entstand. Bronsard ließ bas Mädchen los und erwartete, daß es austpringen und davonlaufen würde. Ader es spielte wieder weiter, zwar griffen feine Hände vor Erregung zunächst einige falsche Töne, bann aber hatte es die Erregung überwunden und der gleiche traurige Schimmer, wenn auch etwas süßer und milder, lag über dem Spiel. Das Mädchen hatte sich nicht nach Bronsard umgedreht, der mit kühnem Entschluß heran- getreten war und (einen Mund geküßt hatte. Er wagte nicht zum zweiten Male das Spiel zu stören und sich über den Mädchenkopf niederzubeugen. Er schlich sich auf den Zehenspitzen wieder zur Zerraffen« türe zurück und machte sie lautlos hinter sich zu.
Es war ein anderer Gasthof in jener Landschaft, man mußte zu ihm durch eine enge Gasse gehen, die auf ben Fluh führte und an jenem Sommerabend nach Feuchtigkeit, Minzenkraut und Fifckernetzen roch. Im Gastzimmer saßen Mutter und Tochter, beschäftigt mit Strickarbeiten. Als Bronsard sich gesetzt hatte, trat die Wirtstochter an seinen Tisch und fragte nach seinen Wünschen. Sie war braunäugig und glitzerte recht unternehmungslustig und freundlich mit ihren Augensternen umher. Zu dem selbstsicheren Auftreten gesellte sich noch ein feiner Reiz von Verlegenheit und Scheu. Sie glich ben schönen Wirtstöchtern, wie sie von den Malern der Romantik gezeichnet wurden, und von deren anmutigen und lieblichen Mädchengesichtern angelockt die Studenten zum Weintrinken tarnen und mit Gesang und Musik viele Abende und Nächte verbrachten. .„
Während des Gespräches, bas Bronsarb und die Wirtstochter über vielerlei unwichtige und allläglicbe Dinge führten, erzählte das Mädchen von dein abendlichen Kinobesuch, ben es vorhabe.
Welcher Film vorgeführt würde?
Ein Rühmann-Film!
Ob Rühmann ihr Lieblingsfchaufpieler ober Typ Jet?
Das Mädchen verneinte. Es wollte sich aber trotzdem den Film an« sehen, weil nur zweimal in der Woche Filmvorführungen stattfanden; da hätte es keine Wahl. Ihr Lieblingsschauspieler und Typ sei Karl Ludwig Diehl. r, . ,, , ...
Also dem Mädchen gefiel der elegante, ernste und ^arf umri(fene Mann kein Spaßmacher und unbeholfen listiger Junge, ein Mann also, vertrauenerweckend, gut angezogen, in allen Sätteln gerecht, selbstbewußt und selbstsicher — das war der insgeheime Sehnsuchtstraum dieses neunzehnjährigen Mädchens vom Main. .
Kurze Zeit nach dieser Unterhaltung trat in das Wirtszimmer em Stammgast, um fein Abendessen zu verzehren. Er setzte sich zu Mutter und Tochter an den Tisch, und aus seinem Benehmen ging hervor, daß er dies jeden Abend tat. Es war ein Mann im Alter von vielleicht fünfunddreißig Jahren, von kurzem Körperbau, dabei dick, viel zu dick für seine Jahre. Er machte einen fast luftigen Eindruck, zumal auch sein Gesicht rund geformt und kräftig gerötet war. Blaue Kugelaugen rollten fröhlich und vergüngt darin umher. Er wirkte in keiner Weise elegant, ein Anzug hatte Mängel im Sitz und im Aussehen; er war auch nicht rasiert, wahrscheinlich hatte er am Morgen und untertags keine Zeit dazu. Er lachte in abgerissenen, kurzen Stößen, was fast wunderlich wirkte weil er jedesmal dabei eine Kleinigkeit vom Sitze in die Hohe hüpfte' Man brachte fein Essen und ein Glas Bier, und während des hastigen Ellens schäkerte er mit dem Mädchen, das bei ihm am Tische saß. Am meisten schien die Mutter am Getändel und Geliebäugel Gefallen zu finden, wahrscheinlich war der gutgenährte Mann durch Stand und Einkommen wertvoll und begehrenswert als Schwiegersohn. Manchmal näherte er ben fauenben und bierfeuchten Mund den Hub-


