schen Wangen des Mädchens, das mit einem verlegenen Seitenblick auf Bronjard vor hem plumpen 2Ijigriff zurückwich, aber infolge des Zuspruchs her Mutter sich schließlich hoch hie Harmlosen Liebkosungen und Tätfcheleien gefallen ließ. .
Der bevorzugte Stammgast.war mit hem Essen zu Ende, das Mädchen nahm hie Teller und has Besteck und verließ das Gastzimmer. Als es nach einiger Zeit wiederkam, Hatte es sich zum Besuche hes Kinos umgekleidet. Der Stammgast stand auf, has Mädchen nickte noch einmal zu Bronsard Hinüber, und dann verließen sie, die junge schlanke Königin und her dicke, runde Clown, das Gastzimmer,
Bronsard dachte: oh welche Tragödien ereignen sich in solchen Mädchenherzen — noch ein paar Jahre später und der Liebhaber, dann ihr Mann geworden, war sicher eine wandelnde und selbstzufriedene Kugel, er war dann in jeder Hinsicht das ausgeprägte Gegenstück zu ihrem Typ, zum Manne ihrer Vorstellung und ihrer Sehnsucht.
Ich hab die Nacht geträumet...
Volksweise.
- Ich hab die Nacht geträumet Wohl einen schweren Traum; Es wuchs in meinem Garten Ein Rosmarienbaum.
Ein Kirchhof war der Garten, Ein Blumenbeet das Grab, Und von dem grünen Baume Fiel Kron' und Blüte ab.
Die Blüten tät ich sammeln In einen goldnen Krug; Der siel aus meinen Händen, Daß er in Stücken schlug.
Draus sah ich Perlen rinnen Und Tröpslein rosenrot.
Was mag der Traum bedeuten?
Ach Liebster, bist du tot?
Das Ochsenmenuett.
renne Novelle von Alfons von Czibulka.
Der Herr Kapellmeister des Fürsten Esterhazy war in übelster Laune. In so zornigem Eilschritt war der sonst so Gelassene von seinem Hause in der Klostergasse zum Schlosse hinausgestürmt, daß an der fliederumwehten Parkmauer der kleine rundliche Sekretarius Seiner Fürstlichen Gnaden sich ihm entgegengestellt und verwundert gefragt hatte: „Ja, was is denn Ihnen über d' Leber g'laufen, Herr von Haydn?" Der Herr Kapellmeister war doch dafür bekannt, daß er die glückliche Gabe besitze, sich und seinen Mitmenschen nicht nur durch die ruhevolle Heiterkeit seiner Musik, sondern auch seines eigenen Wesens die Grillen zu vertreiben.
Doch heute versagte die Gabe. Er antwortete gereizt: „Soll es sich einem vielleicht nit auf die Leber schlagen, wenn die höllische Bestia sich aus den Noten von meinem Menuett Papilloten dreht für ihr Haar?" Wobei er selber hell laut auflachen mußte bei der Vorstellung, daß sich eine Haarwickel dreht aus einem Menuett von Joseph Haydn.
Das gallige Lachen über das zu Haarpapilloten erniedrigte Menuett hatte die Laune des Herrn Kapellmeisters nicht gebessert. Das spürten die Musikanten und Sänger droben im Schlosse, mit denen er jetzt das morgige Kirchenkonzert probierte, bis schon die sternenglitzernde Nacht niederstrahlte auf das burgenländische Meer. Selbst die dunkelhäutige Signora Luigi, die — was alle Welt wußte und ihm in Anbetracht der Umstände auch niemand verübelte — dem Haydn sein Hauskreuz tragen half, bekam heute eine wenig schmeichelhafte Bemerkung über ihre Stimme zu hören. Wiewohl ihr damit unrecht geschah, nahm es Signora Luigi nicht krumm. Daß es bei Haydns wieder etwas gegeben, hatte sie schon beim Eintritt gemerkt. So warf sie ihrem Kapellmeister nur einen tröstenden. Blick zu aus nachtdunklen Augen voll zarter Verheißung.
' Aus dieser Verheißung konnte aber für diesmal schon darum nichts werden, weil der Herr Kapellmeister nach der Probe bis in den grauenden Morgen hinein damit zu tun hatte, die Haarwickel wieder aufzudrehen und das Menuett von neuem abzuschreiben oder gar dort, wo Teile durch sachgemäße Kühlung der Brennschere gänzlich zerstört waren, aus dem Gedächtnis zu ergänzen Denn Joseph Haydn hatte doch dem Engelwirt versprochen, ihm für den Polterabend seiner Tochter, der schon am morgigen Sonntag vor sich gehen sollte, ein Menuettl zu schreiben. Was er auch glücklich bis Samstag mittag zu Ende gebracht; als Madame Haydn es als geeignet für ihren Haarscknnuck befunden. In den Gärten krähten schon die ersten Hähne, als her Kapellmeister des Fürsten Esterhazy mit der Feststellung einschlief, daß er zwar in dreißig Jahren mit seiner Frau schon allerlei erlebt hatte, aber eine Partitur von Joseph Haydn in ihren Haaren noch nicht.
Daß aber selbst solcher Unverstand noch einer Steigerung fähig war, mertte er am Vormittage, als er, nachdem er noch das Menuett zum Engelwirt getragen, aus der Schloßkirche heimkam Als er an der Küche vorüberging, versetzte ihn ein lieblicher Pastetengeruch in eine sanftere Stimmung. Für den Augenblick, seines Sonntagshungers wegen mit seinem Eheschicksal ausgesöhnt, stieß er die Tür auf, um zu sehen, welcher Genuß ihn erwarte Indes er, seinem Eheweib gnädig zunickend, fach- kundig die aut dem Backblech ruhende Pastete betrachtete, fiel sein Blick auf eine verdächtige Lineatur, die unter dem kulinarischen Kunstwerk hervorsah. Sich niederbeugend erkannte er Notenkäpfe von seiner eigenen Hand, und mit kräftigem Rucke das Papier unter der Pastete hervor
ziehend, sah er, daß es die Partitur einer Sonate war, um derentwillen sein Verleger, Herr Artaria in Wien, schon seit Wochen die Hai(erliü)e Post zwischen Wien und Eisenstadt in Atem hielt mit mahnenden Eilbriefen. Weshalb es zu verstehen war, daß jetzt Backblech und Pastete, von männlichem Zorne bewegt, durch das geöffnete Fenster in den Garten hinausflogen, wo die Hühner sie gackernd umringten. Dann stürzte er, fein keifendes Hauskreuz unsanft zur Seite schiebend, die Treppe hinunter. Dem eben heimkehrenden Diener und Vertrauten Johannes Elßler, der sich ihm begütigend entgegenstellte, rief er nur wutentbrannt zu, daß er keine Lust habe, sich mit einem solchen Drachen an den Tisch zu setzen. „Und ohne Pasteten schon gar nicht!"
Am Nachmittage saß er dann übelgelaunt in seinem kleinen hölzernen, in Efeu, Flieder und Obstblüten begrabenen Gartenhäuschen in der Vor- stadt, um, wie in der Nacht die Haarwickel, nun in Gottesnamen auch diese fettgesprenkelten Notenblätter n»ch einmal zu schreiben. Eben als er zum erstenmal die Feder ins Tintenfaß tauchte, wehte der Wind über die Stadtmauer her eine ferne Musik durch bas geöffnete Fenster. Haydn erhob sich und lauschte. Seit gestern ging, weiß Gott, alles schief! Das war doch oben beim Engelwirt und sollte wohl das Menuett vorstellen, bas man heute zum Polterabenb aufführen wollte. Klang wahrhaftig so, als ob bie Musikanten bas Menuett nach den Haarpapilloten der Mabame Haybn probten unb nicht nach ben roieber säuberlich kopierten Noten, weil sie gar so saumäßig spielten. Er beschloß, vor Abenb noch selber hinüber- zugehen. Porerst aber setzte er sich, auf daß Herr Artaria in Wien sich nicht länger in Erwartung verzehre.
Nach einer Stunde knarrten Schritte auf der schmalen, hölzernen Stiege, die, den Wipfel eines Apfelbaumes streifend, an der Außenseite des Häuschens aus Gartenwiese und Blumengrund in sein Tuskulum führte. Machte wohl der Elßler fein, der endlich bie Nachmittagsschokolade brachte, auf die Haydn schon mit Sehnsucht wartete, weil ihm nun doch der Magen zu knurren begann. Gerade wollte er bas zweite, kleinere, auf bie Stiege schauende Fenster öffnen, als es schon klopfte, bie Tür kreischte und die breite Gestalt des Engelwirts fast bas Zlmmerchen ausfüllte. Ehrerbietig grüßend, lachte der Wirt: „I hab' Ihnen schon daheim in der Klostergassey g'sucht, Herr von Haydn."
Schon wollte der Kapellmeister antworten: „Werb mich hüten, mir ben Nachmittag auch noch versauen zu lassen von ber höllischen Bestia", als er sich gerabe noch besann, baß er bem Engelwirt gegenüber schließlich Respektsperson war. So fragte er nur, wegen ber ausgebliebenen Schokolade noch brummiger: „Ja, warum bann? — G'fallt Ihnen am Enb' 's Menuettl nit?"
Der anbere wiegte entrüstet ben Kopf: „Aber, Herr von Habn! Net g'fallen? — Was Schönres tjaben’s ja no gar nie net g'fchrieben."
Jebes Lob machte Haybn verlegen. Er begann in feinen Noten zu kramen. „Unb was verschafft mir sonst bie Ehr'?"
„Meine Schulbigkeit komm' i halt zahlen."
„Schulblgkeit? Jetzt hör Er aber auf, Engelwirt! Er braucht mir doch nichts zu zahlen. War mir doch selber die größte Freud', fürs bildsaubere Engelwirtstöchterl 's Hochzelts-Menuettl zu komponieren."
Der Wirt schmunzelte: „Steht aber schon brunt, bie Bezahlung."
Haybn sah auf: „Was stehl brunt?"
„Das Salär fürs Menuettl ... Wenn's halt einmal ans Fenster gehen wollten, Herr Kapellmeister."
Haybn stieß bas kleine Fenster auf über ber Stiege, schob ben Kopf burch bas grüne Geranke des Efeus und bas violette Blühen bes Flieders. Dann rief er belustigt: „Ieffas, ein lebendiger Ochs!" und starrte vergnügt unb verwunbert auf das mächtige Rinbvleh, bas, bie Tulpenknospen ver- suchenb, aus bem Gartenweg stanb hinter zwei Geigern, flankiert von Brummbaß unb Bratsche. „Unb der gehört mir?"
„Frelli, unb recht gut schmecken soll er -Ihnen, Herr von Haydn!"
„Unb wie is mit ben Musikanten, Engelwirt? Soll ich die auch auffressen? Verdient hätten's es, weil's vorhin gar so saumäßig g'spielt haben."
Diese Bemerkung freute den Wirt. Sie erleichterte ihm die Bitte, bie er nun vorzubringen gebuchte. Er nickte zustimmenb: „Haben'? es a g'hört? Drum hab ich's ja glel mitbracht, bie Musikanten, weil's allein mit bem Menuettl net zurechtkommen." Aber bann stockte er boch. War vielleicht boch eine zu starke Zumutung an den berühmten Kapellmeister! Erst nach einer Welle setzte er zögernb hinzu: „Wenn's es vielleicht einmal selber btrlgteren täten, Herr von Haybn."
„Hab' so schon vorg'habt, zur Generalprob' zu kommen."
Der Engelwirt kratzte sich verlegen hinter bem Ohr: „Könnten's es net gleich ba dirigieren? Um Acht kommen nämlich schon die Gäst', unb jetzt is schon Sechse vorbei ..."
Der erste Abendschein fiel schon auf Antlitz und Perücke Joseph Haydns, als er, den Zeigefinger als Taktstock benutzend, die Generalprobe abhielt, im Fensterrahmen stehend zwischen Apfelblüten, Efeu und Flieder. Und es ging vortrefflich. Nur als gegen Schluß ein paar falsche Takte erklangen, dachte er zuerst, daß er vielleicht einen Haarwickel, müde, wie er gegen Morgen gewesen, nicht richtig entziffert. Aber dann war es doch nur ber Tulpen fressende Ochs, der mit dem Schweif bald nach dem Cello, bald nach der Bratsche schlug, weil ihn auf bie Dauer bas Gebrumm unb Gesumm irritierte.
So vergnügt war plötzlich Joseph Haybn, trotz ber Partituren In Pastete unb Haar, baß er am Abend Im Engelwirtsaal selbst sein Menuett dirigierte. Als dann die letzten Töne erklangen, er noch droben bei ben Musikanten stanb unb auf bie Tanzenben niebersah, bie, von ber Musik verzaubert, sich noch an ben Hänben hielten, streckte ihm ber Wirt bie Tatze entgegen: „Schön roar’s, Herr von Haybn — der Ochs hat sich g'lobnt ... Nur an Namen fürs Menuettl haben's vergessen."
Da rief Joseph Haybn, roäfjrenb er schon lachend bie drei Stufen hinunter zum Saale schritt: „Dann nennen wir's halt bas Ochsenmenuett, dem Rindvieh zu Ehren!"
Derantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche UnlversitätSdruckerei Lange, Gießen.


