Seite war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie nahm Bothos Arm und J schlenderte mit ihm am User entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schils und Binsen stand. Er sah sie zärtlich an. „Lene, du siehst ja aus, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe. Ja, wie sag ich nur? Ich sinke kein anderes Wort: du siehst so glücklich aus."
Und so war es. Ja, sie war glücklich, ganz glücklich und sah die Welt in einem rosigen Lichte. Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm und genoß eine kostbare Stunde. War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun, so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag durchleben zu können? Und wenn es-auch nut einmal, ein einzig Mal.
So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge, die sonst wohl, ihr selbst zum Trotz, ihre Seele bedrückten, und alles, was sie fühlte, war Stolz, Freude, Dank. Aber sie sagte nichts; sie war abergläubisch und wollte das Glück nicht bereden, und nur an einem leisen Zittern ihres Arms gewahrte Botho, wie das Wort: „ich glaube, du bist glücklich, Lene" ihr das mnerste Herz getroffen hatte.
Der Wirt kam und erkundigte sich artig, wenn auch mit einem Anfluge von Verlegenheit, nach ihrer Nachtruhe.
„Vorzüglich", sagte Botho. „Der Melissentee, den Ihre liebe Frau verordnet, hat wahre Wunder getan, und die Mondsichel, die uns gerade ins Fenster schien, und die Nachtigallen, die leise schlugen, so leise, daß man sie nur eben noch hören konnte, ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese? Hoffentlich wird sich kein Spreedampfer mit zweihundertundvierzig Gästen für heute nachmittag angemeldet haben. Das wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese. Sie lächeln und denken: ,Wer weiß?' und vielleicht hab ich mit meinen Worten den Teusel schon an die Wand gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch seh ich keinen Schlot und keine Rauchfahne, noch ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs wäre, das Frühstück wenigstens können wir noch in Ruhe nehmen. Nicht wahr? Aber wo?"
„Die Herrschasten haben zu befehlen."
„Nun, dann denk ich unter der Ulme. Die Halle, so schön sie ist, ist doch nur gut, wenn draußen die Sonne brennt. Und sie brennt noch nicht und hat noch drüben am Walde mit dem Nebel zu tun."
Der Wirt ging, das Frühstück anzuordnen; das junge Paar aber setzte seinen Spaziergang fort bis nach einer diesseitigen Landzunge hin, von der aus sie die roten Dächer eines Nachbatdorses und rechts daneben den spitzen Kirchturm von Königswusterhausen erkennen konnten. Am Rande der Landzunge lag ein angetriebener Weidenstamm. Auf diesen fetzten sie sich und sahen von ihm aus zwei Fischersleuten zu, Manu und Frau, die das umstehende Rohr schnitten und die großen Bündel in ihren Prahm warfen. Es war ein hübsches Bild, an dem sie sich erfreuten, und als sie nach einer Weile wieder zurück waten, wurde das Frühstück eben auf- getragen, mehr ein englisches als ein deutsches: Kaffee und Tee, samt Eiern und Fleisch und in einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von geröstetem Weißbrot.
„Ah, schau, Lene. Hier müssen wir öfter unser Frühstück nehmen. Was meinst du? Himmlisch! Und sieh nur drüben auf der Werst, da kalsatern sie schon wieder und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, folch Arbeits- Taktschlag ist doch eigentlich die schönste Musik."
Lene nickte, wat aber nur halb dabei, denn ihr Interesse galt auch heute wieder dem Wassetsteg, freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern ihre Passion geweckt hatten, wohl aber einet hübschen Magd, die mitten auf dem Brettergange neben ihrem Küchen- und Kupsetgefchitt kniete. Mit einer herzlichen Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrückte, scheuerte sie die Kannen, Kessel und Kasserollen, und immer, wenn sie fertig wat, ließ sie das plätschernde Wasser das blankgescheuette Stück umspülen. Dann hob sie's in die Höh, ließ es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen nebenstehenden Korb.
Lene war wie benommen von dem Bild. „Sieh nur", und sie wies auf die hübsche Person, die sich, so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte.
„Weißt du, Botho, das ist kein Zufall, daß sie da kniet; sie kniet da für mich, und ich fühle deutlich, daß es mit ein Zeichen ist und eine Fügung."
„Aber was ist dir nur, Lene? Du veränderst dich ja, du bist ja mit einem Male ganz blaß geworden."
„O nichts."
„Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge, wie wenn dir das Weinen nähet wäre als das Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch eine Köchin, die's blank scheuert. Es ist ja fast, als ob du das Mädchen beneidetest, daß sie da kniet und arbeitet wie für drei."
Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gespräch, und Lene gewann ihre ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder. Dann aber ging sie hinauf, um sich umzukleiden.
Als sie wiederkam, sand sie, daß inzwischen ein vom Wirt aufgestelltes Programm von Botho bedingungslos angenommen war: ein Segelboot sollte das junge Paar nach dem nächsten Dorfe, dem reizend an der wendischen Spree gelegenen Nieber-Löhme, bringen, von welchem Dors aus sie den Weg bis Königswusterhausen zu Fuß machen, daselbst Park und Schloß besuchen und dann auf demselben Wege zutückkommen wollten. Es war eine Halbtagspartie, lieber den Nachmittag ließ sich dann weiter verfügen. ,
Lene war es zufrieden, und schon wurden ein paar Decken in das rasch instand gesetzte Boot getragen, als man vom Garten her Stimmen und herzliches Lachen hörte, was aus Besuch zu deuten und eine Störung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu stellen schien.
„Ah, Segler und Ruderklubleute", sagte Botho. „Gott sei Dank, daß Wir ihnen entgehen, Lene. Laß uns eilen l"
Und beide brachen auf, um so rasch wie möglich ins Boot zu kommen. Aber ehe sie noch den Wassersteg erreichen konnten, sahen sie sich bereits umstellt und cingefangen. Es waren Kameraden und noch dazu die intimsten: Pitt, Serge, Balasrö. Alle drei mit ihren Damen.
„Ah les beaux esprits se rencontrent“, sagte Balasrö voll übermütiger Saune, die jedoch rasch einer gesetzteren Haltung wich, als er wahrnahm, daß er von der Hausschwelle her, auf der Wirt und Wirtin standen, be
obachtet wurde. „Welche glückliche Begegnung an dieser Stelle. Gestatten Sie mir, Gaston, Ihnen unsere Damen vorstellcn zu btitfen: Königin Jsabean, Fräulein Johanna, Fräulein Margot."
Botho sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend, entgegnete er, nunmehr auch seinerseits vorstellend, mit leichter HandbeWegung auf Lene: „Mademoifelle Agnes Corel."
Alle drei Herren verneigten fich artig, ja dem Anscheine nach Wgat respektvoll, während die beiden Töchter Thibaut d'Arcs einen überaus kurzen Kuix machten und der um wenigstens fünfzehn Jahre älteren Königin Jsabeau eine freundlichere Begrüßung der ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes Corel überließen. ,
Das Ganze war eine Störung, vielleicht sogar eine geplante; je mehr dies aber zutressen mochte, desto mehr gebot es sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und dies gelang Botho vollkommen. Er stellte Fragen über Fragen und erfuhr bei der Gelegenheit, daß man, zu früher Stunde schon, mit einem der kleineren Spreedampfer bis Schmöckwitz und von dort ans mit einem Segelboot bis Zeuthen gefahren sei. Von Zeuthen aus habe man den Weg zu Fuß gemacht, keine zwanzig Minuten; es sei reizend gewesen: alte Bäume, Wiesen und rote Dächer.
Während der gesamte neue Zuzug, besonders aber die wohlarroudierte Königin Jsabeau, die sich beinah mehr noch durch Sprechfähigkeit als durch Abrundung auszeichnete, diese Mitteilungen machte, hatte man, zwanglos promenierend, die Veranda erreicht, Wo man an einem der langen Tische Platz nahm. .... ...
„Allerliebst", sagte Serge. „Weit, frei und o,fcn und doch ,o verschwiegen. Und die Wiese drüben Wie geschaffen für eine Mondfchcinpromenade."
„Ja", fetzte Balafrö hinzu, „Mondfcheinpromenade. Hübsch, sehr hübsch. Aber wir haben erst zehn Uhr früh, macht bis zur Mondscheinpromenade runde zwölf Stunden, die doch untergebracht sein wollen. Ich proponiere Wasserkorso." ., c
„Nein", sagte Jsabeau, „Wasserkorso geht nicht; davon haben Wir heute schon über und über gehabt. Erst Dampfschilf, bann Boot und nun wieder Boot, das ist zu viel. Ich bin dagegen. Ueberhaupt, ich begreife nicht, Was dies ewige Pätfcheln foll; dann fehlt bloß noch, daß wir angeln ober bie Meis mit bet Hanb greifen unb uns über bie kleinen Biester freuen. Nein, gehätschelt wird heute nicht mehr. Darum muß ich sehr bitten."
Tie Herren, an bie sich biefe Worte richteten, amüsierten sich ersichtlich über bie Dezibiertheit ber Königinmutter unb machten sofort anbere Vor- fchläge, bereu Schicksal aber basselbe war. Jsabeau verwarf alles und bat, als man schließlich ihr Gebaren halb in Scherz unb halb in Ernst zu mißbilligen anfing, einfach um Ruhe. „Meine Herren", sagte sie, „Gebuld. Ich bitte, mir wenigstens einen Augenblick das Wort zu gönnen." Ironischer Beisall antwortete, denn nur sie hatte bis dahin gesprochen. Aber unbekümmert darum fuhr sie fort: „Meine Herren, ich bitte Sie, lehren Sie mich die Herrens kennen. Was heißt Landpartie? Landpartie heißt frühstücken und ein Jeu machen. Hab ich recht?"
„Jsabeau hat immer recht", lachte Balafre unb gab ihr einen Schlag auf bie Schulter. „Wir machen ein Jeu. Der Platz hier ist kapital; ich glaube beinah, jeher muß hier gewinnen. Unb bie Damen promenieren betweikn ober machen vielleicht ein Vvrmittagsschläfchen. Das fall bas Gefunbeste sein, unb anberthalb Stunben wirb ja wohl ausreichen. Unb um zwölf Uhr Reunion. Menn nach bem Ermessen unserer Königin. Ja, Königin, bas Leben ist doch schön. Zwar aus Don Carlos. Aber muß denn alles aus bet /Jungsrau' sein?"
Das schlug ein, unb bie zwei jüngeren kicherten, obwohl sie bloß das Stichwort verstanden hatten. Jsabeau dagegen, bie bei solcher antippenden unb beftänbig in kleinen Anzüglichkeiten sich ergehenben Sprache groß geworden war, blieb vollkommen würdevoll und sagte, während sie sich zu den drei anderen Damen wandte: „Meine Damen, wenn ich bitten barj: Wir sind jetzt entlassen unb haben zwei Stunben für uns. Uebrigens nicht bas Schlimmste."
Damit erhoben sie sich unb gingen auf bas Haus zu, wo bie Königin in bie Küche trat unb unter freundlichem, aber doch überlegenem Gruße nach bem Wirte fragte. Dieser War nicht zugegen, weshalb bie junge Frau versprach, ihn aus bem Garten abrufen zu wollen; Jsabeau aber litt es nicht, „sie werbe selber gehn", unb ging auch wirklich, immer gefolgt von ihrem Drei-Damen-Kortege (Balafre sprach von Glucke und Küken) nach bem Garten hinaus, wo sie ben Wirt bei bet Anlage neuer Spargelbecte traf. Unmittelbar baneben lag ein altrnobifches Treibhaus, vorne ganz niebrig, mit großen schrägliegenden Fenstern, auf beffeu etwas abgebröckeltes Mauerwerk sich Lene samt ben Töchtern Thibaut d'Arcs setzte, während Jsabeau die Verhandlungen leitete.
„Wir kommen, Herr Wirt, um wegen des Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen. Was können wir haben?"
„Alles, was die Herrschaften befehlen."
„Mies? Das ist viel, beinah zu viel. Nun, bann bin ich für Aal. Aber nicht so, sonbern so," Unb sie wies, währenb sie bas sagte, von ihrem Fingerring auf bas breite, bicht anliegcnbe Armbanb.
„Tut mir leib, meine Damen", erwiberte ber Wirt. „Aal is nicht. Ueberhaupt Fisch; bamit kann ich nicht bienen; der ist Ausnahme. Gestern hatten wir Schlei mit DiU, aber ber war aus Berlin. Wenn ich einen Fisch haben Will, muß ich ihn vom Köllnischen Fischmarkt holen."
„Schabe. Da hätten wir einen mitbringen können. Aber was bann?"
„Einen Rehrücken."
„Hm, bas läßt sich hören. Unb vorher etwas Gemüse. Spargel ist schon eigentlich zu spät, ober hoch beinah. Aber Sie haben da, Wie ich sehe, noch junge Bohnen. Und hier in bem Mistbeet wirb sich ja Wohl auch noch etwas ftnben lassen, ein paar Gurken ober ein paar Rapunzeln. Unb bann eine süße Speise. So was mit Schlagsahne. Mir persönlich liegt nicht baran, aber bie Herren, bie beftänbig fo tun, als machten fie sich nichts baraus, bie sinb immer fürs Süße. Also btei, vier Gänge, benk ich. Unb bann Butterbrot unb Käse."
„Unb bis wann befehlen bie Herrschaften?"
(Fortsetzung folgt.)


