!ih, daß es am reinsten In der Jugend auf- Volk nicht bange! Ja, ja, wir Schlesier und
inbrünstig verschenkte, deutschen Tradition.
Baltische Städte.
Bon R. A. Dietrich.
16. Jahrhunderts gehörte das Baltenland dem
trotzen vermochte, weil sie im Boden verwurzelt war.
Riga ist heute eine elegante moderne Stadt mit breiten Boulevards westeuropäischen Gepräges. Dies neue Riga zeigt mit besonderer Betonung die Ausbautätigkeit des lettischen Kulturregimes nach den Verödungen der russischen Aera, den Verwüstungen des Weltkrieges und der Nachkriegskämpfe — so in dem Freiheitsdenkmal und dem Gefallenenfriedhof (Meisterwerken des bedeutendsten lebenden nattonallettischen Künstlers, Karl Zalits, der auch in Berlin studierte). Doch liegt dieses alles umschlossen von Werken der alten deutschen Baukultur. Der Dom, die Peters- kirche, das Sei,marzhäupterhaus, das Schloß (unter Walter von Plettenberg als Ordensschloß erbaut), und die alten Straßen mit ihren gotischen und Renaissancefasfaden rund um das moderne Zentrum, sie stehen als die ewigen steinernen Zeugen jener Jahrhunderte des Schwertritter- Ordens und der deutschen Hanse. — Wenn man unten an der Düna entlang
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrtvt. - Druck und Verlag: Vrühlsche UniversitLtsdruckerei A. Lange, Gießen.
oder über eine der Brücken geht, so dehnt sich die horizontalbetonte Sil- houette dieses alten deutschen Riga aus: man empfindet auf den ersten Blick die unmittelbare Verwandtschaft mit Hamburg, mit Danzig, mit Stralsund. • . . .
Reval wirkt noch altertümlicher als Riga. Die Stadt erinnert an eine Festungsanlage, und vom Domberg — hier liegt heute das Regierungs- vtertel — ragt gewaltig der Turm der alten deutschen Kirche. Diese Stadt am Meer ist ein unvergeßliches Erlebnis — sie ist nordisch in ihrer Wucht, germanisch in ihrem ganzen Gefüge, eine gotische Stadt von überraschender Einheitlichkeit (wie nur Nürnberg oder — im Norden — Lübeck). Alles in dieser Stadt steht im rechten Verhältnis zueinander. Treppen und Turme, Torbogen (wie der der Strandpsorte) und die Häuser sind — wie in allen mittelalterlichen Städten — den Strahenwindungen entlang gebaut: drehen und wenden sich, öffnen sich zu einem Platz, um dahinter wieder in labyrinttschen Kurven weiterzuschweifen. Eine Weltrarität ist der „Platz der Türme". Sieben fünfzehn Meter hohe wuchtige Burgtürme wachsen hier über die westliche Wehrmauer. Man hat jetzt davor einen schonen Rasenteppich gebreitet, der die Eigenart der Anlage noch zu besonderer Wirkung kommen läßt (wie überhaupt das heutige Estland mit viel Ver. ständnis und Ehrfurcht die Stätten germanischer Vergangenheit pflegt). Hinter diesem „Platz der Türme" steigt dann noch — das Bild großartig zusammenschließend — der spitze Turmhelm der alten Olaikirche empor. Gekrönt aber wird das gewaltige Panorama Revals durch die Ordensburg mit dem Burgturm, dem „langen Hermann", um die heute eine schöne Promenade führt; von hier hat man nun den umfassendsten Rundblick über die Giebel, den Hafen und das Meer. Niels v o n H o l st hat Reval einmal als „das einzige deutsche Gegenstück zu Sankt Malo", der berühmten Burg- stadt der Bretagne, bezeichnet, und wahrhaft vermittelt einem mehr noch als die Stadt selbst ihre Lage den Eindruck eines Stücks nordischer Bretagne. Nur daß man dann freilich überall den Geist der von deutschen, lübischen Kauffahrern im 13. Jahrhundert gegründeten Stadt ausgeprägt findet. Allenthalben ist dieser Geist der Entstehungszeit noch sichtbar geblieben. — Reist man von Reval ostwärts weiter durch Wälder und weites, leiiMügeliges Land, kommt man an der Ruine des Ordensschlosses Wesenberg vorüber, einer der zahlreichen Ordensburgen, die überall in der baltischen Landschaft als Zeugen des Kampfes der westlichen Kolonisation gegen den Osten sich erheben, jenes ewigen Schicksals- kampses, der in unseren Tagen wieder die Weltgeschichte bestimmt.
Ueb-r Taps führt die Bahnstrecke nach Narwa, in die Gegend, die einst als die Grenze des Römischen Reiches deutscher Nation, als das „Ende der Christenheit" bezeichnet wurde. Narwa ist zugleich auch der östlichste Punkt, den die deutsche Armee im Weltkrieg erreichte. Wie zwei Symbole der abendländischen und der „tatarischen" oder moskowitischen Welt ragen über dem Städtchen von den beiden Ufern des breiten Narwa- flusses die Hermannsfeste und die russische Feste Iwangorod. — Heute liegt die russische Grenze zehn Kilometer dahinter. Vom Turm der deutschen Ordensburg erblickt man den Wald, der von hier im Norden bis zum Schwarzen Meer hinab heute das Abendland von Rußland trennt. Narwa wurde 1346 unter der Herrschaft des livländischen Ordens zuerst mit Ringmauern und Türmen versehen. Auch hier sind die wesentlichen Grundlagen westlichen — deutschen — Ursprungs. Seine zweite Blütezeit erlebte Narwa in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, und diese Epoche hat die innere Stadt am stärksten geformt. Zwar das schöne Rathaus wurde 1668/74 auch von einem Lübecker Baumeister Georg T a u f f e l d erbaut, aber sonst ist vor allem Peters des Großen Einfluß bestimmend gewesen für ein Barock typisch russischer Prägung, das man allenthalben findet. Das Petershäuschen — heute historisches Museum — zeigt die innere Seite dieser damaligen Welt. Der berühmte Erbauer von Petersburg hatte ja zunächst von hier sein „Fenster nach dem Westen". Narwa ist vielleicht die in ihren kulturellen Schichtungen merkwürdigste Stadt der baltischen Länder. Wenn man von Riva über Reval hierher reist, folgt man gleichsam der Woge der abendländischen Kultur, die sich hier an der russischen Unendlichkeit bricht. Mit dem Niemandsland drüben, der „evakuierten Zone" des Waldgürtels hört dann unser Zivilisationsbegriff auf. Auch der gleichnamiae Fluß der unter der Stadt hinrauscht, die Narwa (mit ihren Wasserfällen einer der interessantesten Ströme Europa«t macht eine fieine Wendung nach Westen, ehe sie sich in das Baltische Meer eraießt. Und zwölf Kilometer von der Stadt entfernt liegt das östlichste europäische Strandbad, Joesuu. Mit einem eleganten Kurhaus, seinem malerischen Ufer, seinen Kiefernwäldern, repräsentiert es vortrefflich den schönen KUstenabschnitt von Jngermannland, wie dieses Gebiet ursprünglich heißt. Wenn man im Baltikum den stärksten Gegensaß zu Narwa finden will, so bedarf es nur einer Reise südwestwärts nach Dorvat.
Dorpat zeigt die Epoche des Klassizismus im Osten. Als Kultur-lmd Wirtschaftszentrum des alten livländischen Adels. als Universitätsstadt von Rang und Tradition durch viele berühmte Namen mit d»m Reiche verbunden, liegt es ftill-bebaglich wie in einem Garten in der Landschaft. Es heißt jetzt Tartu, wie Reval Tallin heißt. Der alte Sangesgott Wane- muine spukt zwar in den Hainen, aber die Philosophen (die über die alten Sagen des Landes schrieben) haben meist deutsche Namen, das 18. und beginnende 19. Jabrbundert klingt hier deutlich von Süden und Wellen herauf. Unter den Schätzen der alten UniuerfitätsbibliotM zeiat man hem Fremden gern ein ..Werther"°Bändchen, das einst der Feldbibliothek Na- poleons zuaehorte. Domat bietet an Bauwerken nicht so Außerordentliche- roie Riga, Reval ober Narwa. Der Hauptbau der Universität das schöne Palais des Nationalmuseums draußen in Raadi, das sich hell im Parkteich spiegelt, aus frühester Zeit die Ruinen der alten Domkirche — das ist das wichtigste. Aber in feinem freundlich Hellen Gewand, den leicht hüneligen Straßen mit vielen Gärten zwischen und hinter den Häusern läßt Dorpat den Besucher zu stiller Sammlung in sich selbst kommen und noch einmal alles rückblickend überschauen — diese reiche baltische Welt, Kolonie deutschen Geistes und deutscher Kultur, mit der uns stets ein innere« Band verknüpfen wird.
Bis zur Mitte des _ , , Deutschen Reiche an. Nach schwedischen und polnischen Zwischenzeiten kam es >m 18. Jarhundert in die Hand des Zaren, als ein Gouvernement des kulturell von Asien bestimmten russischen Reiches, bis mit dem Weltkrieg die Abspaltung und die Selbständigwerdung der Randstaaten erfolgte. — Reist man heute durch diese Landschaft, so sind es noch immer die alten Ordensburgen im Land, die alten Herrenhöfe deutsch-baltischer Vergangenheit und in den Städten die deutschen Bauwerke der Gotik, der Renaissance, die das Bild des Baltenlandes bestimmen; von der ganzen russischen Zeit sind wenig mehr als einige Kirchen geblieben. Die Städte des einstigen Kur- und Livland haben estnische und lettische Namen. Die jungen Staaten haben ihre eigenen Lebensgesetze in den Vordergrund gestellt, kulturell aber leben sie großenteils vom deutschen Erbe. Eine organische Selbstverständlichkeit war nach der Befreiung von der russischen Herrschaft die Wiederhinwendung zum abendländischen Kulturkreis. Estland ist heute der Rücken gegen den Osten. In Lettland spricht nur die ältere Generation noch russisch, während in den Schulen Deutsch obligates Lehrfach ist. Man hat in Reval und Riga die alten deutschen Baumeisterwerke wiederher- aestellt, das Mitauer Schloß (im Kriege zerstört) wurde wieder ausgebaut. Auch die geistige Kultur der Länder baut großenteils auf der deutschen auf, die den Russifizierungsversuchen während der Zarenherrschaft zu
Deutschen sein. Und da ich weiß, daß es am reinsten In der Jugend aufbricht, ist mir auch um unser Volk nicht bange! Ja, ja, wir Schlesier und die Deutschen! Man hat dem Schlesier oft oorgeworfen, daß er als oit- licher Deutscher wohl doch zuviel slawisches Blut in sich trüge, das ihn zum Grübler und Sinnierer veranlage. Kein Mensch weiß, day die Vorfahren der heutigen Schlesier vor acht- und neunhundert Jahren In eine fast menschenleere Waldgegend in Schlesien vorstießen und sich gar nicht mit den östlichen Volksstämmen vermischten. Wie sollte es auch anders sein. Ist nicht gerade Eichendorfs, der deutscheste Liedersanger, der beste Beweis dafür, wie sich in dem Jahrhunderte alten schlesischen Geschlecht das Deutsche rein erhielt? . v ,..
--Und ich wollte sagen: „Ist nicht letzt Hermann Stehr dafür em Beweis, daß in ihm das faustische Ringen um die letzten Dinge des Lebens, ebenso stark braust wie das Ringen um die letzten Dinge, das wir Im Werk und Leben Goethes empfinden? Nur im Grad ist alles unter- chieben. Der ostdeutsche Mensch, der Schlesier, ist leidenschaftlicher im Suchen, ist vielleicht noch unbeschwerter deutsch als die Großen, die doch die Brücken zur Welt der Klassiker betraten. Hier bei den schlesischen deutschen Gottsuchern tritt das Unmittelbare an uns heran. Deswegen ist es nicht zu verwundern, daß die tiefsten deutschen Gottsucher Schlesier waren — wie Angelus Silesius, Jakob Böhme und nunmehr Hermann Stehr. Wir sind den lebenden deutschen Dichtern vielleicht noch zu nahe gestellt, um diesen Aufbruch des tiefsten deutschen Wesens, des ostdeutschen Menschen, ganz zu erfassen.
Es ist aber [ein köstlichstes Geschenk, daß er erst letzt im neuen Deutschland in seinen ganzen Tiefen verstanden wird. Das kommt aus dem Volksgefühl für alles Echte. Stehr kommt wie alle aus der Welt des vergangenen Deutschland und hat selbstverständlich auch in sich erst die Welt des neuen deutschen Menschen suchen müssen. Aber immer war fein Leben eine Wanderung zum Goetheschen Ideal, daß das höchste Ziel der Erdenkinder die Persönlichkeit sei! Freilich nur die Persönlichkeit, die zur Gemeinschaft wurde, die anonym blieb. Hier offenbart sich die Welt der neuen deutschen 9bee, und deswegen ist Stehr, ohne es zu wissen, in seiner Dichtung der Prophet dieser neuen deutschen Welt geworden; abgesehen davon, daß er nicht den Umweg über die Größe der Klassik suchte, sondern diese letzten Dinge äussprechen ließ von Arbeitern, Bauern, von den kleinen Leuten, vom Volke selbst, das ewig ist.
Hermann Stehr hat dieses Volk nicht gesucht und entdeckt, er ist als schlesischer Mensch in dieses Schicksal hineingeboren worden. In einer langen Kette der Ahnen, die gleich seinen Eltern einfache Bauern und Handwerker waren, trug er das Angesicht dieser ostdeutschen Erde schon bei der Geburt in sich. Es mag fein, daß die Gedanken in mir neue Gestalt und Gewandung annahmen; denn immer schaffen wir das Leben des Andern in uns ins Leben. Aber was zwischen diesen Zeilen lebt, bleibt das Lebendige, was von ihm ausging und diese Nacht segnete. Die Sterne verblaßten, und über den Himmel der Berge fiel das Licht des kommenden Morgens wie ein u^aßbares Segnen einer Nacht, die auch Licht war, das nur von innen her glühte.
Das „Faberhaus" wachte eine Nacht und darin stand der Mensch, der sein Dichtertum als Prophetie trägt, dem Dichten, Leben und Gotterken- nen eins ist, das sich nicht trennen läßt. Als wir schieden, hatte er wieder- eins der lebendigsten Dichterworte geschaffen, das Leben selber, das er
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