Friedrich schellte. Der Adjutant erschien. Der König nickte ihm zu. Hat Er gehört? Zieten ist Lurch." Er trat an ein Stehpult neben dem Fenster, öffnete den Flötenkasten. „Geh Er jetzt schlafen! Ich will noch ein wenig spielen und mir einbilden, daß ich in Sanssouci bin ... Friedrich hob die Hand: „Bonsoir!"
Er nahm die Flöte aus dem Kasten, suhr mit einem Tuche darüber und trat ans Fenster. Die Nacht war warm und still. Nur das leise Plätschern des Brunnens war zu hören, lieber dem Schulmeisterhause hmg zwischen zwei Wipfeln die klare Scheibe des Mondes. Silberne Wölkchen schwammen über den goldgrünen Himmel. Mit der Flöte unterm Arm stand der König. Jetzt muhte Olmütz fallen. Laudon war der beste General der Kaiserin. Nun hatte die dicke Exzellenz keinen Stich mehr im Spiel. Friedrich nickte. Jetzt würde Daun wohl keine Bataille mehr wagen. Vom Sager her trug der Nachtwind das Schmettern des Zapfenstreichs. Dazwischen grollte es vom Tafelberg her. Wie lange würde er diese Musik noch Horen? Oder war sie zu Ende?
Er lächelte und legte die Flöte behutsam aufs Fensterbrett. Es war ihm eingefallen, daß sein Konzertmeister Quantz sich tadelnd zu räuspern pflegte, wenn er, der König, das Instrument unterm Arm hielt. Weil die erwärmte Flöte dann nicht rein Hang, bei den Konzerten in Sanssouci. Der König sah in die Nacht hinaus. Wußte er denn überhaupt noch, wo dieses Sanssouci lag? Er hob die Flöte, begann zu phantasieren. Ein leises, wehmütiges Adagio stieg zu den Sternen auf. Als klage die Seele des Königs, (o war es.
Mitten im Spiel fetzte er ab. Die Einsamkeit quälte ihn. Wann würde er wieder das Akkompagnieren des Cembalos, des Violoncells und der Geigen hören? Friedrich dachte nach. Was war es doch nur, was er zuletzt mit dem Kammerquartett gespielt? Er wandte sich dem Pulte zu, um in den Noten zu suchen. Doch es fiel ihm auch so ein. Er trat wieder ans Fenster, begann eine Sonate zu blasen. Freilich das war es.
Nach einer Weile neigte der König horchend den Kopf. War das nicht ein Cembalo, das akkompagnierte, die Geigen, die einfielen, und jetzt das Violoncell? Ganz ferne und leife. Ferne und unwirklich, wie dieses Sanssouci war. Friedrich lächelte. Wie die Phantasie doch täuschen kann.
Der erste Satz war zu Ende. Der König laqschte. Die Nacht war still. Was war das gewesen? Der König setzte die Flöte an. Wieder begann der Zauber ju wirken. Wieder akkompagnierten Geigen, Cello und Cembalo. Doch jetzt klang es deutlicher, lauter, als wenn das Wehen des Windes die Töne verstärkte. Friedrich legte die Flöte hin, horchte. Die Musik ging weiter, spielte das Scherzo, klang bald leiser, bald lauter; wie von den Wellen des Nachtwinds getragen. Auch eine Flöte war jetzt zu hören.
Der König beugte sich aus dem Fenster. Die Musik schien von drüben, vom Schulmeisterhause zu kommen. In zwei Fenstern zu ebener Erde brannte noch Licht. Ob wohl Quantz und Bender heimlich gekommen waren, um ihm eine Freude zu machen? Aber die waren es wohl nicht. Die erste Geige hatte eben den Einsatz verfehlt.
Ein letztes Adagio der Flöte verklang. Der König nahm Dreispitz und Stock, ging auf den Gang hinaus, stieg die Treppe hinunter. Die kleine Pforte im Schloßtor war noch offen. Der Mond war verfchwunden. Die Nacht war dunkel. Erst als der König in den aus den Fenstern schimmernden Lichtschein trat, klirrte hinter ihm das Präsentieren der Posten. Er ging über die steinerne Brücke, überquerte den Dorfplatz und trat in den Schulmeistergarten. Zwei Fenster standen offen. Kerzenschimmer rieselte in das Laubwerk des Gartens. Im Schatten eines Baumes blieb der König stehen. Das Musizieren hatte wieder begonnen. Nein, das Karnmer- quartett war es nicht. Das spielte bester. Nur das Cembalo klang meisterlich.
Friedrich ging in den Hausgang, öffnete leise die erste Türe. Der Luftzug duckte die Flammen der Kerzen. Das Gesicht des Cellisten wandte sich ihm zu. Aber der König stand im Dunkeln, und den Cellisten blendete wohl die Kerze auf feinem Pult. Auch Friedrich sah durch Geflimmer und Wachsrauch nicht deutlich. Die beiden Geiger waren von den Pulten und den flackernden Lichtern verdeckt. Vom Cembalospieler war hinter seinem Instrument nur der kahle, kerzenschimmernde Schädel zu sehen. Hinter ihm der Flötist stand schon halb im Schatten. Nur den Cellisten meinte der König zu kennen; das war wohl der Schulmeister von Schmirschitz.
Der König wartete, bis die Musik verklang, bann trat er an den Flötenspieler heran, sagte lächelnd: „Brav! Aber das Adagio blase ich besser..."
Neben dem Cembalo war ein stampfender Schlag zu hören. Friedrich wandte den Kopf. Ein Offizier mit der Geige In der Linken, dem Bogen in der Rechten stand stramm. Neben ihm' sank ein junges Frauenzimmer in tiefem Hofknicks zusammen. Der König hob die Brauen. Eine amouröse Affäre also! Er ging auf den Leutnant zu
Der kleine Leskow war blaß. Der Schweiß stand ihm auf der Stirne. Wie der König den Scherz wohl aufnehmen würde? Daß die Majestät selber kommen konnte, hatte er nicht bedacht, als er vergnügt auf den Einfall des Kerzelmachers einging und das Konzert arrangierte. Er hatte nur erwartet, daß der König am nächsten Tage seinen Adjutanten nach dieser Nachtmusik fragen werde und sich damit die Gelegenheit ergäbe, für die schöne Demoiselle oder deren Vater die Audienz zu erbitten.
Regungslos stand der Leutnant und wartete. Aber Friedrich schien bei Laune $u sein Um seine» Mund zuckte es. Er warf einen Blick nach der Geige, sah wieder auf: „Bleib Er lieber bei Seinem Handwerk, Leskow! General kann er einmal werden, Karnmermusiküs nicht. Dazu spielt Er zu schlecht." Der König betrachtete lächelnd das junge Frauenzimmer neben dem Offizier: „Da war die zweite Geige schon besser. Seh Er zu, Leskow, daß sie nicht einmal die erste spielt. Hab mir sagen lassen, daß das bei Mariagen manchmal so ist... Vor allem, wenn eine so schön ist." Der König wandte sich um, hob die Spitze des Stocks gegen Wimmer: „Das Cembalo war superbe ... Wer ist der Monsieur?"
Der kleine Regenschori wurde noch kleiner als sonst. Er knickte in den Knien zusammen und stotterte Vom Schädel rann ihm der Schweiß
noch strömender als in der Sonnenglut der Olmüher «otraße. Sci^ Kehle verjagte den Dienst. Brand kam ihm zu Hilfe. Er verneigte fi>- ehrerbietig und sagte: „Es ist der Regenschori von Sankt Stephan z, Wien, Ihrs Majestät."
Sie Augen des Königs blickten erstaunt: „Dann kann er freiluf spielen. Will mich denn die Theresia durch Musik verzaubern?" d- dachte nach. Der Regenschori von Sankt Stephan? Von diesen Leut» hatte ihm doch gestern schon der Adjutant erzählt? Die wollten doch waz' Wie die Menschen immer und überall etwas von ihm wollten. Er fragti qaUig: „Aber um mir was vorzuspielen, wird ja der Herr Regenschor nicht gekommen fein... Was verschafft mir das Pläsier?
Jetzt schwieg auch Brand. Hundertmal hatte er sich vorgesprochrg was er dem König sagen wollte, um der Lisi zu helfen. Aber nun war t- wie ausgelöscht. .,. . .. ,
Friedrich wurde ungeduldig. Angst konnte er nicht leiten. Er drchi sich um, stieß döse den Krückstock gegen den Äoden: ,,2st Äym auch uc< Maul verriegelt, Leskow?"
Elisabeth Brand begannen die Knie zu gittern. Aufs Beißen schm: sich der König noch besser zu verstehen als die Kaiserin. Leutnant von Le! kow straffte sich, berichtete kurz, wie Friedrich das liebte, und schloß: Demoiselle will Eure Majestät untertänigft bitten, zum Herzog von Bram, schweig reisen zu dürfen."
Der König sah das Mädel an: „Was will Sie denn dort?
Elifadeth Brand sank wieder zu tiefer Verneigung zusammen: „Den Herrn Herzog bitten, Jhro Majestät, daß ich einen blessierten kaiserlichen Offizier besuchen darf." Sie wurde rot und senkte den Blick.
Ein lächelnder Blick des Königs streifte den Leutnant. Da hatte ei dem Leskow also unrecht getan. Eine Mariage war wohl im Spiel, ade, sie ging ihn nichts an. Er fragte: „Weiß Er, Leskow, wie der Dffyiei heißt und wo er jetzt ist?"
„Auf der Festung Schweidnitz, Jhro Ma,estat! Es ist der kaiserlich Leutnant von Rabenau..-"
Rabenau? Der König erinnerte sich. Das war doch der schlanke, ho«- gewachsene Offizier, den er vor kurzem am Lagerfeuer der Puttkamci- Husaren gesprochen? Der hatte ihm gefallen. Er wandte sich wieder «« das Mädel, sagte freundlich: „Da braucht Sie doch nicht erst zum Herz« zu fahren. Sie wird einen Paffeport für Schweidnitz bekommen... 311 d>r Demoiselle jetzt zufrieden?" Der König lächelte.
Elisabeth Brand knickste ehrfurchtsvoll und sagte leise: „Untertänigste Dank, Jhro Majestät!" Aber ihre Stimme schwankte. Sie senkte den Kops.
Friedrich sah sie ausmerksam an. Sehr erfreut hatte dieser Dank niM geklungen. Was wollte sie denn noch?" Die Musik und vorhin die Ml- dung des Majors hatten ihn gnäbigft gestimmt. Er fragte: „Oder hat Ein noch einen Wunsch?"
Die Lisi sah auf, sagte bittend: „Wenn ich halt doch zum Herzog M Braunschweig fahren dürft..
„Glaubt Sie, daß der mehr vermag als ich? Ich hab Ihr doch sch«, gesagt, daß Sie den Passeport bekommt... Was will Sie da noch von: Herzog?"
„Ihn bitten, daß der Leutnant von Rabenau freikommt." Tränet, stehen in ihren Augen.
Der König schüttelt ärgerlich den Kopf: „Da mutz Sie fckM märten, meine Liebe, bis der Krieg zu Ende ist... Sie ist nicht die einzige... Wie kommt Sie denn überhaupt darauf?"
Ein Schluchzen würgt sie in der Kehle. Aber sie bezwingt es, lächck: und sagt tapfer: „Ich hab mir halt dacht, daß die Frau Kaiserin vielleich: eher ja sagen tät, wenn ich den Leutnant gleich mitbringen könnt."
Der König lacht belustigt: „Hat also die Kaiserin bis jetzt nein gesagt Das scheint so eine Marotte der Souveräne zu [ein... Das ist ab« schlimm... Weiß Sie warum?"
„Die Kaiserin wird sich halt schon eine andere Mariage ausgedach haben ..."
In den Augen des Königs blitzt es. Er macht einige Schritte, tomw wieder zurück und schmunzelt: „Weiß Sie was? Da geb ich Ihr de« Leutnant doch lieber frei... Es ist ja meine Aufgabe, alle Pläne mein« Feindin zu durchkreuzen."
Maria Theresia stand am Fenster ihres Arbeitszimmers, sah über bii Kieswege und Alleen des Schönbrunner Parkes zur Gloriette hinaus deren steingewordener Traum in der Mittagsglorie strahlte vor den Som merwolken und dem Blau des Himmels. Den Vormittag hatte sie i> ihrer Ritterakademie im Schlöße Favorita auf der Wieden verbracht. 6» hatte wieder einmal nachsehen wollen, was Lehrer und Schüler trieb» Der Besuch hatte ihr Freude gemacht. Aber jetzt war sie müde. Sie hält« gern geruht. Doch es ging nicht an. Audienztag war zwar heute nicht Aber Audienzwerber gab es doch. Solche, die sie vor langer Zeit für heu» bestellt hatte, und andere, mit dringenden Bitten. Maria Theresia träum» in das leise Rauschen der Bäume, in das Plätschern der springenbe« Brunnen hinaus. Alle Tage feit bald zwanzig Jahren war es das gleich« Bitten, Tranen, Danksagungen, und alles in allem immer nur das eim Wort: Gnade! Wo sollte sie so viel Gnade nur hernohmen? Und wie osi hatte sie sie selber gebraucht? Jetzt wieder, da der König vor Olmütz I«! und Daun sich nicht von der Stelle rührte.
Eine Weile stand die Kaiserin noch am Fenster, dann trat sie an be« Schreibtisch und griff nach der Liste der Audienzwerber. Es waren wen! ger als sie gefürchtet hatte. Ein alter invalider Obrist, dem die Krieg« kaffe zu Unrecht das Ruhegehalt gekürzt hatte. Ein Rat der böhmische« Hoskanzlei, der sich beschwerte, daß er von seinem Salär mit einer Fru« "Ud zwei Kindern nicht leben könne. Sie las weiter: „Auf Befehl Jh«> Maiestat: Aloisius Brand samt Tochter." Was wollten die? Die Kaiser!« besann sich. Jetzt siel es ihr ein. Freilich! Das war ja der Kerzekmach" von Sankt Stephan mit feiner unternehmenden Tochter, der sie den Kop! wapchen wollte. War sie also wieder zurück?
(Schluß folgt.)


