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Sicherheit.

Don Hermann Stehr.

Ich wollte dieses Leben ganz erfassen und hab' gerungen über lange Jahre. Nun ich's erworben habe und bewahre, merk ich, daß ich es lange schon verlassen.

Fern bin ich allem Flammen, allem Hassen, dem Mummenschanze pfässischer Talare, dem hirngespitzten Streite um das Wahre und all dem Schreierpompe voller Gassen.

Einsam geh' ich die lieben Wälderwege, die Kindheit ist kn Weisheit mir geborgen, und lächelnd trag' ich Ruhm und Schickfalsschläge.

Mich quält nie mehr, was werden wird am Morgen: denn nehmt mir alles: das raubt ihr mir nicht, daß ich im Tod erlösch ins ewige Licht.

Dichtung und Weisheit Hermann Stehrs.

Zu seinem 75. Geburtslage.

Von vr. Johannes Günther.

Wir stehen im Gefühl dankbarster Achtung vor diesem Mann, vor N«sem Dichter, vor diesem Weisen, vor diesem Seher,

Das Schicksal hat ihn geschunden von frühen Kindesjahren an. Zu Im, was in feinem RomanDrei Nächte" berichtet und mit vor- tÜblicher Beherrschung überwunden wird, sei gesagt, daß Hermann s t e h r von einem Tyrannen des inneren und äußeren Lebens geknebelt rurbe, daß ihm sein Schulamt, sein Beruf, den er von Natur aus liebte inb innig zu erfüllen fähig war, zur bittersten Strafzeit entstellt ward, liß man ihn mit Ansehuldigungen und Maßregelungen schier zu Boden lkückte. Aber doch hält er sich am Leben; Verbannung und Verfolgung r« er für sich und für diejenigen, welche ihm lesend und lernend lAchfolgen auszunutzen, zu gestalten, umzuwerten, mit der Kraft des fotzen Schaffenden, die fast stärker ist als das Schicksal. Seine Bücher auf Leben und Tod",Drei Nächte", eigentlich auchD er vchlndelrnacher" und .Leonore Griebel" sind noch Lcidens- nerte, sehnsüchtige Verdrängungen, Befreiungen manchmal, ungestümer, g waltsamer Art. Dann aber, als seine Lebensumstände zum Leichteren, künftigeren sich gewandt haben, als man ihm nicht mehr das Wort ver- jjSt, als Deutschland auf ihn hören darf, als es ihm vergönnt ist, feiner l«nk-Arbeit und feiner Dicht-Kunst zu leben, als er nach nochmaliger isrüfungszeit, nach fchriftftellerifch ergebnislosen Jahren, machtvoll geirie- b n den Roman vomH e i l i g e n h o f" schreibt, da gehen Worte des sill und groß gewordenen Wissenden von ihm aus, da dichtet er ein lasein aus der Kraft der Landschaft, da gattet sich Geistiges und Irdisches, bt tut sich eine Heimat auf für Getroffene und Suchende, eine Heimat, bie aber nicht die Schwachheit unterstützt, sondern die an den Quellen Mrtiger Menschlichkeit Gesundung darreicht. Aus demH e i l i g e n h o s" KberPeter Brinbeisener" auf, ein motivisch sehr ähnlicher, »egen aber nicht, mit keinem einzigen Satze, überflüssig sich wieder- hilender Roman: nein, eine neue wichtige Erscheinung alten Gesühls- mites nach brünstigerem Glühen, nach härterem Grübeln wird die Er- rifjung der Klarheit nur noch wohltuender. Mit diesen beiden Werken, nvchte ich sagen, hat Hermann Siehr seine göttliche Komödie geschrieben. Cr wagte die Abgründe im Höllischen, er sand Läuterung und Segen, lüm das Dasein aller Menschen", heißt es imBrindeisener",wölbt sich eis Träumen, Sehnsüchten, Ahnungen, aus lichten oder dunklen Hoss- imngen eine außerirdische Welt, etwas wie eine magische Hohlkugel, die bim Tummelplatz unserer Erden schick sale den eigentlichen tieferen Sinn gibt. Und alle Menschen brauchen diese außerirdische Unterkunft für ihr Leben. Ihr Wesen braucht eine Leidenschaft, einen Irrtum, eine Ver- zickung oder heiliges Außerfichgeraten. Erst wenn sie irren, wissen sie, aoran und wo und wer sie sind."

Knut Hamsun hat einmal die Frage aufgeworfen: ,Lch weih gar nicht, was die Deutschen an uns Skandinaviern so lieben sie haben doch ihren Hermann Stehr!" Das ist eine Ehrung vor aller Welt, aus bim Munde eines wiederum in aller Welt anerkannten Dichters ... und um ein solches Lob zu erreichen, lohnt es sich wohl schon, in Mühen zu binkxn und in Leiden zu schaffen.Wer den Besten seiner Zeit genug gt tan, der hat gelebt für alle Zeiten", das heißt: der hat geleistet und ettungen, was nur ein Mensch erringen kann; wer aus dem Munde eines Wertvollsten seine Leistungen bestätigt sand, der hat, nach mensch­lichen Begriffen, vollendet, dem gelang genug, der hat nichts mehr zu firbern! Wir Deutschen aber haben noch lange zu tun, bevor wir behaup- t«n können, wir hätten dies Hamsun-Wort erfüllt und wirhätten" nun nahrhaftunfern Hermann Stehr"!

Als schlesischer Dichter, treu von feiner Heimat angetan, als gestalten- b r Mensch also, der dankbar bewußt auf mütterlichem Boden steht, hat 0' teil am größeren, umfassenden Vaterlande. Vielleicht ist es so: nur ner sich im bestimmten Gebiet eines Ganzen zu Hause weiß, nur der ft nn sich erheben und ausbreiten und einem großen Lande, ja der Welt, Pm Segen werden. Ich denke an die Stelle in Stehrs RomanN a t h a - nia e l Mächte r", wo der Mann, mit dem sich diese Geschichte beschas- tigt, am einsamen Schneegrubenrand sitzt und tief unter sich sieht das k sonnte Land mit heiteren Dörfern und Städten, inmitten wohlgebauter Felder, ein unendlich buntes Tuch, das der Herrgott aus dem nimmer- niiben Fleiß der Menschen gewoben hatte und nun in Freude unter |<i ner Sonne bis in verdämmernde Fernen hinausschwenkte. Das war es, rnonad) er verlangte, gesammeltes rüstiges Schaffen, selber die Seligkeit bi reiten, nach der .es einen verlangt, im Dienst an sich selber und lernen Mitmenschen!

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Wer bie Freude hat, einmal bei Hermann Stehr einzukehren in seiner gastfreien Häuslichkeit, wer ihn vortragen hört (etwa seine oft und an vielen Orten von ihm gesprochene NovelleDie Großmutter") ober wer ihn in persönlichsten Gestaltungen sindet ich meine hier seine lyrischen Gedichte, die gesammelt sind im ,Lebensbuch" und imM i11et- garten" der begegnet dem fördernden weisen Freunde; er soll auch erfahren, daß Hermann Stehr ein getreuer Eckart seiner Deutschen war schon in Jahren, wo Besinnung auf echte Deutschheit noch Schmähung eintrug und wo der Prophet noch sehr einsam zeugte. Da hat Stehr bie Worte gesprochen:Jeder einzelne Deutsche ruhe nicht ehr, bis er ein Held der sittlichen Ideen geworden ist. Dann erst besitzt er bie einzige wahre Menschengesinnung. Dort nur, in der Brust jedes einzelnen, wird das neue Deutschland geboren: durch eine sittliche Wiedergeburt. Wir haben nur ein Recht zu leben, wenn mir unaufhörlich bemüht sind, der zu werden, der wir fein könnten, nicht den äußeren Sebensumftänbert nach, sondern in der Höhe und Reinheit unserer Wesenheit. Nur ganz persönliches Leben kann uns aus dem Schlamm retten. Nur wenn der Mensch an dem einzigen Satz festhält, dah er jeden Abend besser zu Bett gehen muß, als er morgens ausgestanden ist. Solange wird die Wurs- schaufel des Schicksals uns in den Wind schütten, bis die ärgste Not auch der dumpfen, verknöcherten Brust den Weg zeigt, von woher in ihrer eigenen Tiefe die Rettung allein möglich ist. Und wenn es den Menschen an allem äußeren, unsicheren Glück, aller Ueberheblichkeit seiner Ein­bildung, der Enge und Hitze seiner Eigensucht vorbei bis in bie Tiefe seines Wesens geführt hat, bann erhält die unzerstörbare Sehnsucht nach einem höheren, reineren Leden einen Sinn, den kein Pessimismus zu ver­nichten imstande ist."'

Sine Nacht bei Hermann Src^r.

Von Hans Christoph Kaergei.

Hermann Stehr gehört zu den Dichtern, die Werk und Leben mcyt z trennen vermögen. Das Bild, bas man sich im Innersten vorn Schöpfer desHeiligenhofes" macht, ist in Wahrheit echt und lebendig. Immer ist es der ganze Mensch, der das Leben dichtet und dichtend das Leben lebt Er offenbart eine alte Vorstellung vom dichterischen Menschen in uns wieder aufs neue und bleibt darum zunächst in unserer atemberaubenden Zeit eine zeitlose Erscheinung. Er hat sich nie zeitgebunden gefühlt. Ich denke daran, wie er bei den Wanderungen in Warmbrunn im Anblick des Riefengebirges, wenn wir zusammen nach Giersdorf hinaufstiegen, oft sagte:Gleicht nicht unser Schrift immer dem Fluge? Fliegen wir nicht immer Beim Anblick dieser Berge jenseits der Zeit?" Er braucht das Gleichnis der Berge. Sie find ihm mehr als ein Symbol. Sie wurden ihm Ausdruck eines neuen Lebenspulses. Deswegen flieg er von Warm­brunn aus nach Ober-Schreiberhau hinauf, um auf. den Höhen und im Licht zu leben. Hier in dem Haufe, das y dasFaberhaus" nannte, nach der Predigergestalt imHeiligenhose" geht der nun 75jährige Dichter aus der Höhe der Berge und des Ledens, verschwistert dem Walde, der dicht an sein fiaus herantritt, immer in das Licht. In Mariental, unweit der Gaststätte der Lukasmühle, liegt es in der Mitte dreier Hauser, die am Bache stehen Ein Haus, das ein anderer baute, ein anderer erlebte. Und doch sobald die Tür aufgeht, ist man bei Stehr. Die lichten, falten Farben erinnern an die Buntheit seiner grasfchaster Well. Und die alten, ehrsamen Heiligen in der Diele sind Schutzheilige aus der Jugendzeit.

Im ersten Stockwerk liegt Hermann Stehrs Werkstatt. Ein weiter Raum der fast das ganze Obergeschoß einnimmt, mit lichtvollen Blicken in die Berge, die mit ihrer himmlischen Bläue durch Fenster grüßen. Die Wände entlang laufen die Reihen der Bücher, mit denen Stehr redet. Er erzählte mir, daß er mit seinen Büchern in einem besonderen Verhältnis stünde. Wenn es ihn heimlich rufe, brauche er nur wie ein Blinder an der Bücherreihe entlangzufahren und irgendwo hielte dann seine Hand. Griffe er dann zu diesem Buche und schlage es auf, finde er eine Be­stätigung seiner heimlichen Unruhe. Da sind wir schon im Grenzgebiet alles Menschlichen. Wir sitzen beieinander und hören, wie draußen die Nacht kommt. Die Bäume sinken in den Schlaf. Die Erde hält den Atem an Nur die Räder des Himmelswagens rollen in der unheimlichen Stille über uns, die Stehr denSonorlaut des Schweigens" nennnt. In dieser Versunkenheit lieft mir Stehr feine Jugendgedichte vor. Ganz leise, mit einer Stimme, die behutsam sich hütet, mit einem unverhofften Laut die Unberührtheit der Erinnerungen zu stören. Und wie er blättert und immer wieder neue findet, wird ihm die Nachtstunde selber zu einem ungeheuren Erlebnis. Er lieft das GedichtDie Ziege" Ünd erlebt mit aller Inbrunst noch einmal die Qual der Tage, da er mit den Stürmen raste und Gott in sich nicht ertragen konnte. Er hört feinen inbrünstigen Schrei.Wo bist du?" noch greller. Und als er endet, stehen ihm Tränen in den Augen. Er hat es wohl selbst nicht gewußt, daß dieses Ringen um den Unendlichen bis in die frühesten Tage seines Denkens zurückgeht und dort Wunden riß, die immer noch bluten können.

Ich aber erlebte in dieser Nacht den vollendeten Hermann Stehr. In seinen Jugendgedichten lag alles,' was er jetzt besitzt. Es ist heiligste Scheu vor dem Berührtwerden im Innersten, die Stehr noch abhalt, seme Iugendgedichte den Menschen zu schenken. Und doch sind sie der Schlusfel zu den letzten Erkenntnissen des Werkes Hermann Stehrs. Es ergab sich von selber, daß er nun, da er sein letztes Blatt beiseite legte, weiter sprach:Ist dieses Ringen nicht nur im deutschen Menschen zu finden? Und Hermann Stehr antwortet:Was man liebt und als Heiligstes in sich trägt, davon sollte man nicht sprechen." So wenig, wie ich das hohe Lied meiner Frau täglich finge, die um mich ist und ein Teil meines Herzens ist, so wenig sollte man das Wortdeutsch" in den Mund neh­men, da ich es doch leben muß. Und zwar mit solcher Inbrunst und Hingabe wie die Jugend, die da hinauszog. Oder glaubst du, daß einer deutsch ist, wenn er den Blick vor meinem Sohn senken müßte dem deutschen Jungen, der 1914 als Kriegsfreiwilliger in Frankreich verblutete'' Unser tiefstes Wesen, genau so wie das tiefste Wesen eines Baumes oder einer anderen Kreatur Gottes, muh zugleich immer das tiefste Wesen des