Trübes Wetter.

Von Gottfried Keller.

Cs ist ein stiller Regentag, So weich, so ernst, und doch so klar, Wo durch den Dämmer brechen mag Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt Beschaulich über Berg und Tal; Natur, halb warm und halb verkühlt, Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein Sind gleicher Stärke in mir wach;

Die Lebenslust, die Todespein, Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewußtes Ich, Beschau das Spiel in stiller Ruh, Und meine Seele rüstet sich Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Wenn es Abend wird.

Von Hermann Hesse.

[ h ist dunkel geworden und die Gasse vor meinen Fenstern ist schon til einer Stunde totenstill, nur der hohe Brunnen träumt und redet" bmmibet weiter. Die verhängte Messinglampe beleuchtet die alte Wohn- W! mit ihren matten Holzwänden, Me schmale Wandbank, den starken Modisch, die bleichen Holzschnitte an der Wand. Und hinträumend ge° ich die Ruhe meines Hauses und meiner Stube, die Stille und Welt-

fcnt, die mir niemand stört. Unnötiges Reden lieben wir am Abend litii; es ist so schön und wunderlich, der Stille zuzuhören und zu lauschen.

«t die Erde einschläft, wie der letzte späte Eimer am Brunnen klirrt O jenseits über dem See der letzte ferne Eisenbahnzug leise pfeift und iterl und verschwindet.

' Gin Buch liegt auf dem Tisch, vielleicht werde ich später darin lesen. !r it ein großer Ouartband aus dem vorigen Jahrhundert, eine lieber« itu g des Offian. Daneben stehen mein Glas und ein Krug Meersburger, Ri der besten oberrheinischen Weine. Von den zwei Krügen, die ich ilate, faßt der kleine knapp ein halbes Literchen, aber ich nahm heute

-e; geschieht selten den größeren, weil mir sonderbar wohl zumute lot, und weil mir heute, nach einem arbeitsreichen und zufriedenen «oz ein friedvoll schöner Abend zu blühen schien. Während ich nach- lei.llid) den Becher leere, beginnt in der kleinen Nebenstube meine Frau m Klavier zu spielen. Sie hat den großen Krug gesehen und meine (fcitmung erraten. Sie spielt kleine verwehende Stücke von Schumann.

Üf leinen leisbegleitenden Töne kommen zusammen mit dem schwachen Riten Kerzenlicht durch die weit offene Tür herein, lieber der Tür ui lern altmodischen schmalen Gesims stehen, einander zugewandt, zwei it.i ie Kuckucke, Männchen und Weibchen, Schwarzwälder Bauernkunst.

roerfen zwei wahnsinnig verlängerte, fidel-groteske Schatten an die Ir. Und wie immer, wenn ich abends müde bin und Musik höre, ich alle diese kleinen Dinge verwandelt und ferner gerückt, und zu- Ik«i> geht mein Sinn ungeheißen rückwärts und sucht Pfade der Der- ! IpPnheit, Erinnerungen steigen aus den Tönen, aus dem Campen« ' Ipir, aus dem Becher, aus der sacht wölkenden Pfeife, Erinnerungen in IpSKn, sanften Reigen; es kommt eine der närrischen Stunden, in denen 11 W tasten und nichts tun, während doch die Phantasie, das Gedächtnis, Sehnsucht und hundert feine, tätige Nerven arbeiten und schaffen und 1 Ipern. Selbstverständliches wird rätselhaft und unerklärlich. Gelesenes 1 R Erlebtes, Erlebtes wird Geträumtes, Vergessenes wird gegenwärtig, 4 preidjtes wird wieder zum Wunsch. Ferne vor Jahren gelebte, seit fcn vergessene Tage und Stunden sind so gegenwärtig und tatsächlich 6 p Tisch und Zimmer, wie meine eigene Hand, während das eben n !Hidte Bild, der eben gehörte Ton, die eben gemachte Gebärde träum« 1 pi und zu alten, alten Erinnerungen werden.

Wt, das ist nicht Schumann mehr! Was ist es doch? Ja, Cyopinl ) Ißtpin! Diese Musik voll Heimweh, Sehnsucht und Erinnerung.

II Es ist schön, es ist schmeichelnd und wohlig, an seinem sicheren Tisch t ifiiljen, ein sicheres Dach über sich, einen zuverlässigen Wein in der eine wohlgefüllte große Lampe brennend, und nebenan bei ofse- 'nSür eine Frau am Klavier, Chopin-Stücke und Kerzenlicht... Plötz- W steigt mir wie eine Seifenblase die Frage auf: Bist du eigentlich Mich?

ij IlK natürlich. Aber warte noch nein, so eigentlich glücklich - nein, v IN ich muß mich erst besinnen. Und wie ich mich besinne, fällt mir ein, i, nan nicht vom Glück reden soll. Glück ist ja nichts, ein Wort, ein Jpjn; es kommt auf anderes an. Indem ich nachdenke, verwandelt sich Ipcoze. Ich möchte nun auf einmal wissen, wann mein srohester Tag, 1 seligste Stunde war. .

« Bl Dein srohester Tag! Ich muß lachen. In meiner Erinnerung, da wo d [jrWten, reinen köstlichen Augenblicke ausgeschrieben sind, steht einer dem andern, zehn und hundert und viel mehr als hundert, und Hrt ist fehlerlos, mit ungetrübter Luft erfüllt, und einer ist so schon l'r Nr andere und keiner gleicht dem andern. Da ist em Tag, vor (, yrp im Hochgebirge verbracht, auf einer hohen Alp, zwischen Enzianen r E vetternden Ziegen und Geißbubenjodel, ein feuchter blanker Himmel

^er und in der Nähe das Rufen eines weißen Wasserfalles Dann , ijr®lorgenftunbe noch vor (Sonnenaufgang auf einer

Dliespräch mit einem verirrten Landstreicher, voll von Morgenkuhle, Erichs, Erwartung und Humor. Und eine andere Morgenstunde auf 'U^wabischen Alb, da saß ich im schüttelnden Postwagen und vorn uns goß der Regen herunter, und mir gegenüber eine kleine Sechzehn­

jährige, halb froh, halb ängstlich mit dem Unbekannken plaudernd, dann zuversichtlicher und schließlich fröhlich und ausgelassen wie ein Bub.

Aber wie kann ich den Abend vergessen, den warmen Juniabend am See, auf der dunklen Bank! Und unser langsames Gespräch, alle paar Minuten ein Wort, und unfern ersten Kuß! Oder die wunderbare Mär­chennacht, als ich zum ersten Male, das Herz selig bedrückt von der Erfüllung jahrelanger Jugendsehnsucht, durch die Gassen von Florenz lief, und über den Ponte und wieder durch die alten Winkel auf die Piazza vor den schweigenden, kühnen, himmelhohen Turm! Oh, und der erste Anblick des Meeres der Vormittag, da ich über Genua auf den Hügeln schweifte und unten schrie im Sturm das blaue und weiße Meer an den steilen Felsen empor! Auch jene Mittagsstunde darf ich nicht ver­gessen, die ich im Hofe eines südlichen Klosters auf dem herrlich glühenden Pflaster verschlief, und wie der Pförtner mich tadelnd weckte, und wie wir Freunde wurden und einen ergiebigen Gang in die kalten, massiv gewölbten, mächtigen Keller unternahmen. Auch nicht den schwülen Hoch­sommer-Mittag, da ich bei Rheinfelden mich seufzend entkleidete und an still brütenden Wäldern vorbei unter einem stählernen Gewitterhimmel aufatmend rücklings den Rhein hinabschwamm.

Ich finde kein Ende. Wie viel Sonnen haben mich verbrannt. Wie viele Flüsse und Ströme mich gekühlt, wie viel Wege mich getragen und Bäche mich begleitet! Wie viel Blicke in blaue Himmel und in unermeß­lich lebendige, liebe Menschenaugen habe ich getan, wie viel*Tiere lieb gehabt und an mich gelockt! Von diesen Augenblicken ist keiner schöner als der andere. Auch dieser gegenwärtige, da ich den Becher langsam leere, der Musik lausche, und liebe Erinnerungen hege, auch dieser gegen­wärtige Augenblick ist keiner von den schlechten.

O nein, und ich träume weiter. Und steh, andere Bilder steigen aus dem Meer des Erlebten Stunden des Leides, Tage der Trauer, der Scham, der Reue, Augenblicke des Erliegens, der Todesnähe, des Grauens. Ich sehe den Tag wieder, da meine erste, unvergessene Liebe betrogen ward und unter Qualen starb. Den Tag, da ein Bott kam und grüßte und Geld heischte und die Botschaft da ließ, daß fern in der Heimat meine Mutter gestorben war. Die Nacht, da mich mein Jugend­freund im Rausch beschimpfte. Die Tage, da ich nicht wußte, woher die Pfennige zu einem Brot nehmen, während meine Mappe von Gedichten und leidenschaftlichen Artikeln Überquoll. Die vielen, vielen Stunden, da ich liebe Freunde leiden und verzweifeln sah und daneben stand und litt, und nicht helfen, nicht trösten, nicht lindern konnte.

Und die Augenblicke, in denen ich vor Leuten stand, die reich waren und Macht über mich hatten und ihre geringschätzigen Worte hörte und meine im Krampf geballte Faust verberg -n mußte. Die Gesellschaft, in der ich die Hand beständig auf die schmählich geflickte Stelle meines letzten Rockes legte. Alle die Nächte, in denen ich schlaflos lag und nicht wußte, wozu ich dies Leben weiterführe. Und alle die Nächte, die ich am Wirts- haustisch mitlachie und Possen riß, und lustig tat, während mir innen elend und traurig zumute war. Auch die Zeiten hoffnungsloser Liebe, die Zeiten der Glaubenslosigkeit und Selbstoerhöhnung, wenn wieder ein begonnenes Werk mißglückt, ein Ideal verloren, ein Versuch fehl- geschlagen war.

Auch hier kein Ende! Aber welche von diesen Stunden möchte ich hergeben, welche ausftreidjen und vergessen? Keine, keine einzige; auch die bitterste nicht. Lieber noch einen von den frohen Tagen; es sind ohne­hin, wenn ich nachrechnen will, viel mehr als böse.

Die Musik hat aufgehört, die Kerzen im Nebenzimmer sind verlöscht. Meine Frau kommt heraus, schaut in meinen Weinkrug und lacht: Du bleibst noch auf?

Ja, ich will noch lesen: Ossian.

Sie geht, aber ich lese keinen Ossian. Ich sitze still und fühle die Minu­ten entgleiten. Ich überschaue träumend die hundert Erinnerungen, die in dieser Stunde mich besucht haben. So viele Tage, so viel Abende, so viel Stunden, so viel Nächte und alles zusammen ist noch lange fein Viertel meines Lebens. Wo sind die andern? Wo sind die tausend Tage, die tausend Abende, die Millionen Augenblicke, an die mich nichts mehr mahnt, die nimmer auswachen und mich ansehen können? Vorbei, dahin, unwiderbringlich vorüber!

Und dieser Abend? Wo wird er bleiben? Wird er irgend einmal wieder erwachen und mir gegenwärtig fein und mich laut und sehnlich an ein vergangenes Damals mahnen? Ich glaube nicht, ich glaube, er wird morgen oder übermorgen vergangen und tot fein und nie wieder­kommen. Und wenn ich heute nicht gearbeitet und mich gemüht hätte und ein kleines, kleines Stuck vorwärts gekommen wäre, so sänke morgen oder übermorgen dieser ganze Tag, dies gegenwärtige Heute, unrettbar ins Bodenlose, zu den vielen begrabenen Tagen, von denen ich nichts mehr weiß. Freilich wäre es ungerecht, in einem Menschenleben nur die unvergessenen Tage zu zählen. Das stille Wachsen, das unbewußte Reisen, ebenso wie die unansehnlichen Stunden bescheidener, langsam fortschrei­tender Arbeit sinken unvermerkt und unbeklagt hinunter, und wo später unser Gedächtnis nur eine Reihe blasser, irgendwie vergangener, wertlos gewordener Wochen und Monate sieht, da war vielleicht die Zeit der (Empfängnis und Vorbereitung für unverlierbare Lebensgüter. Aber ohne Höhepunkt und ohne unauslöschlich sich eingrabende Momente wäre doch das Leben mir undenkbar. Schon jetzt weiß ich für ruhige Feierabend« nichts Edleres und Wohltuenderes, als ein ftummes Gespräch mit den Schatten aller jener Augenblicke, die, in Wohlsein oder Schmerz das alltägliche Maß überschreitend, sich als reife Früchte lösten und nun zeit­los und immer gegenwärtig meine Schätze und meine Freunde sind. Wie erst, wenn ich alt sein werde? Woher anders kann jenes milde, leis wärmende Glück eines schönen Alfers kommen, als von einem randvoll gefüllten Gedächtnis solcher Momente?

Wem es nicht gegeben ist, mit der großen einseitigen Leidenschaft eines vom Dämon berührten Schicksals blind und glühend durch ein nie rastendes Leben zu stürmen, der tut wohl daran, sich zeitig in der Kunst der Erinnerung, vielleicht der ersten aller Künste, zu üben. Die Kraft bes Genießens und die des Erinnerns find eine von der andern abhängig. Genießen heißt, einer Frucht ohne Rest eine Süßigkeit entpreffen. Und