Liedes fordert.
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Aber bevor sich die Ewigkeit zwischen den Liebenden festsehke, meldete sich bei Kelling das Gewissen und trennte die Lippen der Liebenden.
„Teufel, was tu ich! Bevor du nicht reingewaschen bist wie ein Säugling, bist du eine Gesungene oder Ausgewiesene, jedenfalls — kreuzdonnerwetter, ich darf dich nicht lieben!"
Der Premierleutnant Kelling fluchte. Es war Del, das er auf die Wogen feiner Liebe goh.
Man soll das Fluchen nicht schlechtweg verdammen, sondern es in Arten austeilen. Es ist ein Unterschied, ob man aus Bosheit slucht oder aus Verlegenheit, ob man das wenig empfehlenswerte „Gottverdammich" an sich selbst richtet oder ob man die Fluchpfeile gegen eine bestimmte Person abschießt.
Auch die Wirkung wäre bei philosophischer Betrachtung der Fluche zu bedenken: es hat schon Leute gegeben, die ein auf sie bezogenes „Du verfluchter Hund" als eine Anerkennung aufgefaßt haben.
„Wenn ich", grübelte Kelling. laut, „statt dich zu Baernburg zuvück- zuschicken, selbst nach Mereville 'reite und versuche, die Sache in Ordnung zu bringen, so muh ich dich doch von Krätke einschliehen lassen!"
Sie lächelte und legte die Hand auf sein Herz: „Mehr einschliehen, als du mich jetzt eingeschlossen hast, kannst du mich gar nicht."
„Schlimmstenfalls habe ich beim Oberkommando einen entfernten Verwandten, den General von Marbitz, dem trage ich die Geschichte vor", tröstete er.
Ann wurde auf einmal ernst und nachdenklich. Sie hatte Kelling immer noch etwas sagen wollen, das ihr sehr wichtig schien.
Doch ihr Herz sträubte sich, die Stunde dadurch zu vergrämen, daß sie noch einmal von Mereville anfing.
Er spürte ihre Gedanken und fragte sie: „Was hast du?"
,Zch sag s, bevor du nach Mereville reitest, morgen!"
Morgen. Er war es zufrieden.
Noch einmal kam Gesang vom Brunnen her, dann entfernte er sich, denn die Ulanen hatten beschlossen, dem Mond noch ein Ständchen zu bringen.
So zogen sie durchs Dorf, heiter und mit der Stunde auf du und du, Männer, die auch dem Tode so tief ins Gesicht schauen können wie der Freude, wenn das Leben gewaltsam und ernst die Tat statt des
Der Hauptmann Baernburg überantwortet sich nach der Verhaftung der Griselle und der beiden Männer einer verbissenen Tätigkeit.
Er schickt eine Ordonnanz nach Beauvillers, um dort zu erfahren, ob und wo die Feldpost die Ausgewiesene abgesetzt hat.
Noch bevor die Ordonnanz aber mit der erwarteten Nachricht zurück ist, erhält Baernburg durch Meldereiter zwei Besetzte.
Der erste lautet, daß die Kompanie Mereville mit Blisseron als Standquartier zu vertauschen habe, um dort das Detachement Ulanen abzulösen, das zum Regiment zurückbesohlen ist.
Der andere Befehl aber, der vom Armeeoberkommando kommt und offenbar allen Dienststellen des Besatzungsbereichs in gleichem Wortlaut zugegangen ist, besagt, daß eine gewisse Ann Moreland, falls sie irgendwo auftaucht, festzuyalten und unter Beobachtung aller Aufmerksamkeit auf dem kürzesten Wege dem Oberkommando zuzuführen sei.
Der Befehl, das erkennt Baernburg sogleich, ist herausgegangen, bevor sein Bericht über Ann Moreland, der den Dienstweg über Bataillon, Regiment und Division macht, dem Oberkommando vorgelegen hat.
Was also sagen die schön gemalten Buchstaben? Daß die vermeintliche Ann Moreland eine Spionin ist!
Und er, Hauptmann Baernburg, hat diese Person entfliehen lafsen!
Ob Labatut, die Griselle, der Poiporence mit ihr unter einer Decke stecken, läßt sich zwar noch nicht beweisen, aber es ist durchaus nicht allzu kühn, es anzunehmen.
Inzwischen kommt die Ordonnanz aus Beauvillers mit der Meldung zurück, daß die Ausgewiesene in Blisseron abgesetzt und dort dem Premierleutnant Kelling übergeben sei.
Baernburg läßt Alarm blasen. Blisseron ist das Ziel der Kompanie, in Blisseron ist aber auch die letzte Spur der Entwichenen, hier setzt also das Glück ein leichtes Lächeln auf: es ist zu hoffen, daß solches Zufammentrefsen die Jagd nach der Spionin leichter macht.
Eine halbe Stunde später marschiert die Kompanie. Baernburg wünscht jedem seiner Leute Flügel an die Füße, doch wagt er nicht, allein voraufzueilen.
Denn wer weiß? Will's der Teufel, sind die drei Sünder, Griselle, Poiporence und Labatut auf dem rasch requirierten Leiterwagen am Ende noch gefährlicher als Ann Moreland.
Baernburg hofft, daß er bald aus dem Trio ein Quartett machen kann. — Dann wird er Ann Moreland zum Oberkommando schicken und die drei Gestalten auf dem Leiterwagen als Dreingabe mit.
Der Maire ist in einer fürchterlichen Stimmung. Er darf sich völlig schuldlos fühlen, denn er ist es. Nicht der Krieg hat ihn in Gefangenschaft gebracht, sondern die Liebe, di« sich in einen Spott verwandelt hat
Poiporence scheint sehr gleichmütig, es gefällt ihm, gefahren zu werden. Nur manchmal, wenn der Wagen sehr holpert, greift er nach seinem Schädel, der bei ftdem Stoß schmerzt. Denn er hat einen Kater, so faul und stark, wie er selbst ist.
Der Griselle ist alles gleich. Sie döst stumpf vor sich hin. Sie hat eine Wut aus Poiporence, aber da sie ihn liebt, unterdrückt sie ihren Zorn und beginnt, Labatut zu hassen.
Das geschieht aber nur so zur Ablenkung, denn der Maire ist an ihrem Unglück unschuldig. Doch ihr gefällt es, sein wehleidiges Gesicht zu verachten.
Baernburg läßt ein paarmal den Weg abschneiden und gewinnt so eine Stunde Zeit.
Kurz vor Blisseron kommt ihm Kelling in Begleitung von zwei Ulanen entgegen. Sie begrüßen einander.
„Ich wußte, daß Sie anrücken, um uns abzulösen, wir müssen zur Schwadron, das Regiment geht vom Hauptquartier an die Front, wir
haben schon Desehst', beginn! KeMng lebhaft, aber das letzte Wort erstirbt. Denn jetzt sieht er, daß in dem Leiterwagen, den die Kompanie in die Mitte genommen hat, Menschen sitzen. Herr Labatut blickt den Premierleutnant an wie eine Ruine, die bedauert, kein Schloß mehr zu sein.
„Das ist doch der Maire von Mereville?" fragt Kelling verwundert.
„Und das Weib ist die Griselle, von ihrem Geliebten, einem franzö- ischen Trainsoldaten, gar nicht zu reden! Ein Wespenschwarm, wie er leihender nicht gedacht werden kann! Und wo ist die Frau, die mit der Feldpost kam?" fragt Baernburg.
Kelling sieht, daß die gewollte Verwechslung bereits entdeckt ist: „Bei mir in Blisseron!"
„Dann haben wir alle!" lacht Baernburg befreit. Der Hauptmann, onst voll Strenge und Haltung, strömt eine ausgelassene Freude aus.
Kelling gibt in Baemburgs Dankbarkeit hinein zu verstehen, daß er ihm eigentlich wegen dieser Moreland entgegengeritten sei. „Im Grunde ist es ein kindischer Streich, Herr Hauptmann! Bedenken Sie: eine neutrale Ausländerin, die unsere harten Kriegsgesetze bei ihrer Jugend und ihrer englischen Erziehungsart nicht begreift. Wir sollten versuchen, diesen Tausch nicht allzu ernst zu nehmen!"
Aber Kelling muß immer stockender sprechen. Irgend etwas legt sich auf seinen Eifer und würgt ihn ab. Der Blick Baemburgs ist von so abgrundtiefer Verwunderung erfüllt, daß er den Premierleutnant ganz verwirrt. ~
„Herr Premierleutnant! Ist diese Ann Moreland bei Ihnen? Sie haben Sie ganz fest?"
- „Ganz fest werde ich sie halten, wenn die dumme Geschichte beigelegt ist!"
Der andere scheint eine Statue, marmorkalt, er fragt aber nur: „Wie darf ich das verstehen?"
„Ich liebe Ann Moreland", sagt Kelling versonnen. „Es wird vielleicht noch einen Kampf mit dem Vater in England geben", er schnippt eine Gebärde in die Lust, die Verachtung vor allen Schwierigkeiten ausdrückt, „aber eine richtige Liebe muh immer erst kämpfen!"
Endlich findet Baernburg Worte: „Herr Premierleutnant! Dienstlich^ Die Person ist eine vom Oberkommando verzweifelt gesuchte Spionin!" Baernburg schreit laut, so groß ist sein Schreck. „Sie können von Glück sagen, daß ich gekommen bin!"
„Spionin?" Kelling möchte lachen: „Das ist ein Irrtum, Herr Hauptmann!" Seine Sicherheit schwimmt obenauf, ein Korkschiffchen auf künstlich aufgeblähten Wellen.
„Ihr Irrtum!" sagt Baernburg kalt. Es ist eine Wand zwischen beiden.
Vor der Posthalterei läßt Baernburg rühren. Die beiden gehen ins Haus.
Der Kerzenkranz steht als trüber Rest auf dem Tisch, er erinnert mit seinen halb umtropften Stümpfen an den leuchtenden Abend.
„Wie sind Sie darauf gekommen, daß die Person mit dem Ausweis nicht übereinstimmt?"
„Ich hatte sie auf der Landstraße getroffen und nach Mereville zurückgebracht. Sie gab sich als Engländerin aus. Und der Maire und der Stationsvorsteher bezeugten es. Das war ein Widerspruch zu dem Ausweis s"
„Da muhte sie ihre alte Rolle weiterspielen, natürlich", sinnt Baernburg.
Der Premierleutnant befiehlt Krätke, Ann Moreland zu holen.
„Hier ist der Befehl des OberkommandosI" sagt Baernburg. Kelling hat ihn nicht bekommen, wahrscheinlich, weil der Etappendienst der Ulanen beendet ist.
Er wagt einzuwerfen, daß dieser Befehl keineswegs den einzigen Schluß zulaffe, die Moreland fei eine Spionin. Baernburg fragt verwundert, welcher andere Schluß möglich fei? Gewiß, der Befehl scheine etwas verhalten gegeben, das habe vielleicht seinen Grund, aber wie man an dem Beisatz „unter Beobachtung aller Aufmerksamkeit dem Oberkommando zuzusllhren" zweifeln könne, verstehe er nicht.
Kelling fühlt, daß dieser Befehl ein Strick ist, der ihn fesselt, so daß er sich nicht rühren kann. Ja, ein Strick liegt um seine Tatkraft, sein Denken, die Freude, der er sich gestern hingab, hängt heute schon am Galgen. Als Krätke Ann bringt, wagt er kaum, sie anzusehen.
„Sie sind mit dem Ausweis der Griselle geflohen?" fragt Baernburg barsch.
„Ja", sagt sie und sucht Kellings Augen. Die versuchen wegzublicken, aber sie können es nicht.
„Warum?" hämmert Baernburg.
„Ich wollte nach Calais, das wissen Sie ja!"
„Weil dort Ihr Spionagebüro ist?"
Ann schweigt. Sie hört zwar die Worte, aber ersaßt ihre Bedeutung nicht sogleich. Sie wendet sich zu Kelling und will antworten. Aber Baernburg bedeutet ihr streng, daß er und nicht der Premierleutnant es fei, der sie vernehme.
„Mein Gott, für was halten Sie mich?"
„So haben Sie ja schon einmal gefragt. Sie entgingen damals einer Verhaftung nur durch die Bürgschaft des Maire!" Er wendet sich an Kelling: „Sie sehen, wie artig ich die Dame behandelt habe. Ich gab ihr trotz meines Verdachtes nur Hausarrest!"
„Das wußte ich nicht", sagt Kelling.
„Es war das, was ich gestern abend sagen wollte", druckst Ann.
„Und warum hat es die Dame nicht gesagt? Warum nicht heute, Herr Premierleutnant?" forscht Baernburg, der fühlt, daß er dem Kameraden einen Wahn zertrümmern muß.
Ann aber läßt die heiterste Erklärung hören: „Heute habe ich verschlafen." Und mit stiller Ueberlegenheit fragt Sie: „Sie wissen doch ganz genau, daß ich keine Spionin bin! Wie wollen Sie das beweisen?'
„Wie wollen Sie uns beweisen, daß Sie keine sind?"
(Fortsetzung folgt.)


