Geheim Kunilienbliitier

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1939 Montag, den 16. Oktober Nummer 80

Herz, wo liegst du Lm Quartier?

edanken: Wenn er alle

nennt, in

Der Tag, welcher kühl begann, hatte wolkenlos der Sonne geho , mit dem Abend war ein leichter Südwind glommen und zauberte einen hauch Frühling zwischen das Laub und ließ die glühenden Astern, die sich am

Liebe scheint eines jener verbreiteten Geduldspiele zu sein ve, vem man dazu verdammt ist, zwei verbogene Drahtstuckchen, die miteinander ver­bunden sind, möglichst geheimnisvoll voneinander zu trennen und wieder

Ein heiterer Roman von Kurt Heynlcke

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15. Fortsetzung.

Man wird dem Hauptmann Baernburg jedenfalls Meldung machen müssen", gab er mürrisch zu. Und hängte zwei Worte wie widerwillige Nachzügler an:Morgen früh..

Kelling wiegte sich in feiner heiteren Melodie, das spürte der Wacht­

als Kelling zurückkehrte. ,

Er schenkte sich ein Glas Wein ein und reichte ihr em Zweites, denn Trost hatte sie nötig. r r , ,

Morgen müssen Sie zurück nach Möreville', sagte Kelling so hart als möglich und wartete ihre Antwort, die auch ganz überflüssig war, nicht erst ab sondern schalt:Glauben Sie nur nicht, daß ich aus Sym­pathie ober Mitleid mit Ihnen anders verfahre! Die Suppe, die man sich eingebrockt hat, muß man auch essen! Wie man sich bettet, so liegt man! Ich bin wohl zu milde und zu freundlich gewesen, als ich Sie auf der Landstraße traf, und später beim Maire von Mereville? Nun, wenn dem Esel, verzeihen Sie, zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen. Uebrigens hätte ich mir nie vorstellen können, daß Sie und dieser Laba tut nein! Aber ich mußte es sagen, um Ihren vertrackten Schwindel aufzu­decken! Ich freue mich, daß Sie auf meine Worte hereingefallen sind. es ist der einzige Beweis, daß Sie so gerissen sind, wie man nach Ihrem Verhalten eigentlich annehmen müßte. Das ist aber nicht etwa ein Ver­dienst, sondern Zufall", schloß er.

Ann war gar nicht traurig. Sie dachte: Ach, soll er nur weiter schel­ten! Er war nicht sehr geschickt darin, ich hätte es merken müssen Mer wenn er noch viel schlimmere Dinge sagte, jetzt müßte ich lächeln^ Inner­lich natürlich nur, denn wenn er die Freude von meinem Gesicht ablase, könnte er das Lachen wieder für Frechheit halten. Es ist schwer, mit

meister.

Wenn der Teufel den Verliebten den Weg bereitet, knotet er mit Vorliebe das schwarze Garn der Melancholie in die Netze, di« er spinnt. Aus solchem Netz ist ein schweres Entweichen.

Es ist viel besser, der Himmel führt zwei Verliebte gleich ohne viel Fährlichkeiten unter dem vergnügten Jauchzen von Schäferschalmeien und dem lockenden Klange der unsichtbaren Pansflöten auf eine Som­merwiese, wo alles bunt und voller Blumen ist.

Das waren des Wachtmeisters wägsame Gedanken: Wenn er alle Weiber wie Schuljungen in einer Klasse hätte, die Engländerin, dieses eHge Früchtchen, wäre bestimmt bei der Einteilung auf einen der n Plätze gekommen, und es war gar nicht abzumessen, welches Äohlverhalten nötig war, um aufzurücken.

Es tut mir leid, daß ich Ihnen solche Unruhe schaffe , sagte Ann,

zrühling zwischen das tiauo unv lieg ine

Saun bogen, erbeben.,,

' Am Brunnen wuschen keine bunten Weiber mehr die sichtbare und unsichtbare schmutzige Wäsche des Dorfes.

Der Mond tarn hinter den Häusern herauf und verwandelte das rinnende Wasser in Silbertropfen. Aber das war natürlich ein poetischer ^uf d°n 'verlassenen Waschbrettern rings um den Brunnen saßen Ulanen, sie hatten mit ihrer Abendratwn auch Wein empfangen.

Sie drückten die Empfindungen, die der Stundenfruhlmg ihnen gab.

einem Mann umzugehen.

Es war fürchterlich, dachte Kelling wiederurn, ichf hatte mich vielleicht besser und weniger verlogen benehmen sollen. Allein ich habe keine Uebung, Geständnisse zu erzwingen, ich war em sanfterInquisitor unv ich fürchte, ich bin verliebt. Wenn das aber bte Liebe ist, l° Sacht ste offenbar jener Kirchweih- und Schützenfestbude, die man Irrgarten

' dem hundert Spiegel Wege vortauschen, die nicht da sind. Die nt eines jener verbreiteten Geduldspiele zu sein, bet dem man

durch ein Lied aus, das allerdings mit ihren Gefühlen, die dem Wein galten, nichts zu tun hatte.

Das ist nichts Absonderliches. Die Menschen sagen in ihren seligsten Stunden meist etwas ganz anderes als sie meinen.

Sie fangen:

,Lebwohl, mein Schatz, Schließ zu die Türe, Heut reiten wir, Verlassen die Quartiere, Noch einen Kuß, Den schenkst du mir, Den letzten Kuß in dem Quartier!

Ich denk an dich, Du schönes Mädchen, War keine so Im alten Giebelstädtchen, Und reit ich fort, Träum ich von dir: Qh, Herz wo liegst du. im Quartier?

Ann blickte nachdenklich auf den Lichtkranz. Genau so allmählich wie die Kerzen war ihr Wagemut heruntergebrannt.

Die Liebe gleicht Krankheiten, von denen man sagt, daß sieim Anzuge" seien. Verwandte und Freunde versuchen vorbeugende Mittel und erreichen, daß die Krankheit und die Liebe um so gewisser aus- brechen..

Stumpfe, schwebende und unsichtbare Gefühle wisperten wie Kobolde um Kelling und zeigten ihr Gesicht nicht. Verliebtheit kann sehr unbe­haglich sein.

'Kann ich jetzt wieder in mein Zimmer eingeschlossen werden?" fragte Ann Moreland demütig.

Aber Kelling fühlte, daß ein fünftes Gewitter im Raume schwebte, und er machte einen Versuch, es zur Entladung zu bringen.

,Lch sagte vorhin, daß ich mich in Sie verliebt hatte damals in Mereville", bemerkte er.

Qh, ich habe es nicht gehört", log sie freundlich.

,Lch wollte damit nur sagen", betonte er unwillig,daß es jetzt wiederum kein Unrecht mehr fein kann."

Sie erwiderte nichts, aber ihre Augenlider zitterten. Und ihr Mund war sehr weich und lächelte zaghaft.

Sie hatte sich während ihres allerdings nicht allzu langen Lebens den Augenblick des ersten Kusses vorgestellt, und zwar so oft und ver­schieden, daß dieser Augenblick ein vollkommen verschwommenes Bild in ihrer Phantasie ergab. Doch schien, wenn nicht alles täuschte, die Wirklichkeit gekommen.

Nein", sagte Ann. Sie wußte zwar nicht, weshalb sieNein" sagte, wahrscheinlich ging alles viel zu schnell. Aber ihre Stimme war wie ein kleiner Vogel, der.in ein Zimmer geraten ist und vergeblich gegen die Scheiben fliegt.

Sie hatte später an diesen ersten Kuß keine rechte Erinnerung mehr. Ganz im Gegensatz zll der Vorstellung, die sie sich davon gemacht hatte, stürzte weder der Himmel ein noch schwanden ihr die Sinne, nur ihr Herz klopfte etwas schneller, das war alles.

So laß mich dir

Zum Angedenken Mit diesem Kuß Ein letztes Wunder schenken! Du nimmst mein Herz In dein Quartier:

Dann bin ich immerdar bei dir!"

Aber das Lied, das die Ulanen fangen, war plötzlich aller Worte bar, es kam wie aus weiter Ferne und glich dem Summen von Mil­lionen Flügeln unsichtbarer Infekten: Libellen, Käfer und nächtlicher

Schmetterlinge. .

Nun aber unternahm Ann Moreland das Wagnis, den Kuß zuruck­zugeben. Und bann traten Kuß und Lied in einen Wettbewerb. Es war ungewiß, wer aus solchem Streit als Sieger hervorging: war das Lied vor dem Kuß zu Ende oder umgekehrt.

Wo mag er sein?

Brauchst nicht zu fragen!

Hörst ja mein Herz

In deinem Herzen schlagen,

Und jeder Schlag

Erklingt von mir:

Dein Herz ist ewig mein Quartier!"