GiehenerKmilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1939 ßreitag, den 3. März Nummer 18
Otamgen Wrerrmgen
Roman Son Theoöor Montane
2. Fortsetzung.
„ü)eivi6, liebe Frau Dörr; alles, was Sie wollen. Ich kann einen Tee machen oder einen Punsch, oder noch besser, ich habe ja noch das Kirschwasser, das Sie Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der großen Mandelstolle geschenkt haben...“
Und ehe sich Frau Dörr zwischen Punsch und Tee entscheiden konnte, war auch die Kirschwasserflasche schon da, mit Gläsern, großen und kleinen, in die sich nun jeder nach Gutdünken hineintat. Und nun ging Lene, den rußigen Herdkessel in der Hand, reihum und goß das kochsprudelnde Wasser ein. „Nicht zuviel, Leneken, nicht zuviel. Immer aufs ganze. Wasser nimmt die Kraft." Und im Nu füllte sich der Raum mit dem aufsteigenden Kirfch- mandelarom.
„Ah, das hast du gut gemacht", sagte Botho, während er aus dem Glase -nippte. „Weiß es Gott, ich habe gestern nichts gehabt und heute im Klub «erst recht nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, ,weil's ihr Ho geschuddert hat', und so bring ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit -aus: Frau Dörr, sie lebe hoch!"
„Sie lebe hoch!" riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug «Wieder mit seinem Knöchel ans Brett.
Alle fanden, daß es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt, ler im Sommer immer nach bitterer Zitrone schmecke, weil es meistens alte Flaschen seien, die schon von Fastnacht an im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten. Kirfchwaffer aber, das sei was Gesundes und nie verderbens und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte iman doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche.
Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf imkommen lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion feiner Frau kannte, drang auf Ausbruch: „Morgen sei auch noch ein Tag."
Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Dörr, die wohl wußte, „daß man zuzeiten nachgeben müsse, wenn man die Herrschaft behalten wolle", sagte nur: „Laß, Leneken, ich kenn ihn; er geht iiu mal mit die Hühner zu Bett." „Run", sagte Botho, „wenn es beschlossen äst, ist es beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus.«
Und damit brachen alle auf und ließen nur die alte Fran Rimptsch zurück, die den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachfah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte.
Fünftes Kapitel.
Bor dem „Schloß" mit dem grün- und rotgestrichenen Turme machten Botho und Lene halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis, noch in den Garten gehen und eine halbe Stunde darin promenieren zu dürfen. Der Abend sei so schön. Vater Dörr brummelte, daß er sein Eigentum in keinem bessren Schutz lassen könne, worauf das junge Paar unter ' artigen Verbeugungen Abfchied nahm und auf den Garten zuschritt. Alles war schon zur Ruh, und nur Sultan, an dem sie vorbei mußten, richtete ich hoch auf und winselte so lange, bis ihn Lene gestreichelt hatte. Dann erst kroch er wieder in seine Hütte zurück.
Drinnen im Garten war alles Duft und Frische; denn den ganzen j; Hauptweg hinauf, zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern, Landen Levkoien und Reseda, deren feiner Duft sich mit dem kräftigeren »er Thymianbeete mischte. Nichts regte sich in den Bäumen, und nur Leuchtkäfer schwirrten durch die Luft.
Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende I i des Gartens zu, wo zwischen zwei Silberpappeln eine Bank stand.
„Wollen wir uns setzen?"
„Nein", sagte Lene, „nicht jetzt", und bog in einen Seitenweg em, »essen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen. »Ich gehe so gern an deinem Arm. Erzähle mir etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage."
„Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Dörrs anfange?" „Meinetwegen."
„Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub ich, glücklich. Er muß tun, was Sie will, und ist doch um vieles klüger."
„Ja", sagte Lene, „klüger ist er, aber auch geizig und hartherzig, und das ; nacht ihn gefügig, weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm scharf auf die Finger und leidet es nicht, wenn er jemand Übervorteilen :ui(I. Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht."
„Und weiter nichts?" ,
„Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heißt Liebe von inner Seite. Denn trotz seiner SechsundsÜnszig oder mehr ist er noch wie
vernarrt in seine Fran, und bloß weil sie groß ist. Beide haben mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein Geschmack wäre sie nicht."
„Da hast du aber unrecht, Lene; sie macht eine Figur."
„Ja", lachte Lene, „sie macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du denn gar nicht, daß ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so> was seht ihr nicht, und ,Figur' und .stattlich' ist immer euer drittes Wort, ohne daß sich wer drum kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich herkommt."
So plaudernd und neckend blieb sie stehen und bückte sich, um auf einem langen und schmalen Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke hinzog, nach einer Früherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, nahm das Stengelchen eines wahren Prachtexemplars zwischen die Lippen und trat vor ihn hin und sah ihn an.
Er war auch nicht säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und umarmte und küßte sie.
„Meine süße Lene, das hast du recht gemacht. Aber höre nur, wie Sultan blafft; et will bei dir sein; soll ich ihn losmachen?"
„Nein, wenn er hier ist, hab ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann gar noch von der stattlichen Frau Dörr, so hab ich dich so gut wie gar nicht mehr."
„Gut", lachte Botho, „Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden. Aber von Frau Dörr muß ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?"
„Ja, bas ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mögen. Aber sie weiß nichts davon, und in ihrem Tun und Wandel ist nicht das geringste, was an ihre Vergangenheit erinnern könnte."
„Hat sie denn eine?"
„Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhältnis und ,ging mit ihm', wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel, daß über dies Verhältnis und natürlich auch über die gute Frau Dörr selbst viel, sehr viel geredet worden ist. Und sie wird auch Anstoß Über Anstoß gegeben haben. Rur sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch weniger Vorwürfe. Sie spricht davon Ivie von einem unbequemen Dienst, den sie getreulich und ehrlich erfüllt hat, bloß aus Pflichtgefühl. Du lachst, und es klingt auch sonderbar genug. Aber es läßt sich nicht anders sagen. Und nun lassen wir die Frau Dörr und setzen uns lieber und sehen in die Mondsichel."
Wirklich, der Mond stand drüben über dem Elefantenhause, das in dem niederströmenden Silberlichte noch phantastischer aussah als gewöhnlich. Lene Ivies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg sich an seine Brust.
So vergingen ihr Minuten, schweigend und glücklich, und erst als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, wieder aufrichtete, sagte sie: „Woran hast du gedacht? Aber du mußt mir die Wahrheit sagen."
„Woran ich dachte, Lene? Ja, fast fchäm ich mich, es zu sagen. Ich hatte sentimentale Gedanken und dachte nach Haus hin an unseren Küchen- garten in Schloß Zehden, der genau so daliegt wie dieser Dörrsche, dieselben Salatbeete mit Kirschbäumen dazwischen, und ich möchte wetten, auch ebenso viele Meisenkästen. Und auch die Spargelbeete liefen so hin. Und dazwischen ging ich mit meiner Mutter, und wenn sie guter Laune war, gab sie mir das Messer und erlaubte, daß ich ihr half. Aber weh mir, wenn ich ungeschickt war und die Spargelstange zu lang oder zu kurz abstach. Meine Mutter hatte eine rasche Hand."
„Glaub's. Und mir ist immer, als ob ich Furcht vor ihr haben müßte." „Furcht? Wie das? Warum, Lene?"
Lene lachte herzlich, und doch war eine Spur von Gezwungenheit darin. „Du mußt nicht gleich denken, daß ich vorhabe, mich bei der Gnädigen melden zu lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gefügt hätte, ich fürchte mich vor der Kaiserin. Würdest du deshalb denken, daß ich zu Hose wollte? Nein, ängstige dich nicht; ich verklage dich nicht."
„Nein, das tust bu nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur fo von der Seele. Hab ich recht? Aber wie's auch sei, mache dir auf gut Glück hin ein Bild von meiner 9Jtutter. Wie sieht sie aus?"
„Genau so wie du; groß und schlank und blauäugig und blond.«
„Arme Lene (und das Lachen war diesmal auf seiner Seite), da hast du fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen und einer großen Nase."
„Glaub es nicht. Das ist nicht möglich." .
„Und ist doch so. Du mußt nämlich bedenken, daß ich auch einen Vater habe. Aber das fällt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun sage mir noch etwas über den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser.«
„Ich denke mir fie sehr besorgt um das Glück ihrer Kinder.
„Getroffen.


