denn du hast keine Kirche und keinen Priester."
Lange ist es still zwischen den beiden Menschen, die bisher eine Welt trennte. Peter Müller fühlt, daß die Frau da vor ihm mit sich ringt, aber er kann nicht erkennen, wohin dieses Ringen will und um was es geht. Nur das weiß er: es gilt nicht dem Schmerz um den Toten.
„Wollen wir beten?" fragt er.
Sie nickt. Sie stützt ihre Arme auf ihre Knie und faltet die Hände. Ihr Kopf finkt nach vorn, sie sicht den Mann nicht mehr.
Er beginnt: ,cherr, ich rufe dich an 'm meiner Not, Herr, höre mein Flehen ..."
Irene versucht die Worte mitzuformen. Sie kennt sie ja. Erinnerungen hängen an ihnen aus Kindertagen, als sie mit Vater und Mutter zur Kirche ging; sie denkt an ihre Einsegnung, da war ein Priester mit grauem Haupt. Die Spannung in ihr beginnt sich zu läsen. Sie hört: „Es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade - wird nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens wird, nicht hinfallen, fpricht der Herr." Und wieder löst sich ein Mng von ihrem Herzen.
Peter Müllers Stirnme wird lauter: „Vater unser, der du bist im Himmel ..." Wider fpricht sie mit, Bitte für Bitte, wie in der Gruft, aber als er sagt: „Und vergib uns unsere Schuld", bricht sie jäh ab. Sie wirst den Kops hoch: „Kann Gott vergeben, Pfarrer?"
„Er vergibt." Peter Müller sagt es ganz fest. Er ist nun sicher, sicher vor feinem Gott und sicher vor dem Menschen dort, der ja nichts anderes ist als eine zerrissene Seele, der nichts anderes fühlt und nicht anders leidet als ein Bauernweib, das eine Schuld in sich trägt.
„Auch das Schwerste, Pfarrer?"
„Auch das Schwerste, wenn der Sünder bereut."
„Ich habe diese Ehe gebrochen, die Gott jetzt trennte für immer. Vergibt Gott das auch?"
„Er hat alle unsere Sünden auf sich genommen. Er sagte: .Dies ist mein Blut, das für euch vergossen ist, zur Vergebung der Sünden'."
„Ich habe es bereut, Pfarrer, aber ..."
Oer Schäfer putzte sich zum Tanz.
Don I. W. von Goethe.
Der Schäfer putzte sich zum Tanz, Mit bunter Jacke, Band und Kranz;
Schmuck war er angezogen.
Schon um die Linde war es voll, Und alles tanzte schon wie toll. Juchhei Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He! - So ging der Fiedelbogen.
Er drückte hastig sich heran, Da stieß er an ein Mädchen an Mit seinem Ellenbogen;
Die frische Dirne kehrt sich um
Und sagte: Nun, das find ich dumm!
Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Seid nicht so ungezogen!
Doch hurtig in dem Kreise ging'-, Die tanzten rechts, sie tanzten links, Ind alle Röcke flogen.
Sie wurden rot, sie wurden warm Und ruhten atmend Arm in Arm. juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Und Hüft an Ellenbogen.
Und tu mir doch nicht so vertraut!
Wie mancher hat nicht seine Braut Belogen und betrogen!
Er schmeichelte sie doch beifeit, Und von der Linde scholl es weit: Juchhe! Juchhe!
Juchheisa! Heisa! He!
Geschrei und Fiedelbogen.
Spanisch und türkisch.
Eine Münchener Faschingsgeschichte von Ell Wendt.
$ur Feier seines ersten Münchener Faschings ging Egon hin und erwarb einen runden schwarzen Hut, ein Paar riesige gulbene Ohrringe und eine rote Seidenschärpe. Mittels dieser Utensilien gedachte er sich in einen feurigen Spanier zu verwandeln und auf der „Nacht der Nächte" im Deutschen Theater die Frauenherzen im Sturm zu erobern.
„Mensch", sagte Rudolf, während er Egon wollige, schwarze Koteletten zur Aushöhung seiner Erscheinung ins rosige Gesicht klebte, „ich sehe schwarz für dich. Spanier sind nicht mehr gefragt. Ich an^ deiner Stelle würde den Frack anziehen und den feinen Herrn spielen. Egon jedoch, sonst "von nachgiebiger Gemütsart, zeigte sich unbelehrbar. Wie die meisten Menschen trug er ein Idealbild im Busen, dem er zu gleichen wünschte, und da er klein, rund und rosig war wie ein Marzipanschwein- chen, ging seine Sehnsucht dahin, düster und dämonisch zu wirken, Eigenschaften, die er am vollkommensten im Spanier verwirklicht sah.
Er stülpte also den runden Hut auf feinen kurzgeschorenen Kopf, hing sich die güldenen Ohrringe um die Ohren und stellte die Der- bindung zwischen seiner Smokinghose und einem weißen Sporthemd mit der roten Schärpe her. Also angetan, rief er feine Wirtin, Frau Natte- rer, herbei und funkelte sie verwegen an. „Oh mei, der Herr Polster", verwunderte sich die Brave, „pfundig schauens aus! Wie ein leibhaftiger Torero! Da wern's fei Glück haben bei die Madln!" „Glauben Sie wirklich?" fragte Egon, von plötzlichen Zweifeln bedrängt. „Aber freili » bekräftigte Frau Natterer, „da dürfens nur die Frau Zornglebl fragen. Gestern noch hob i zu der gfagt, der Herr Polster, hob i gfagi, die wo den kriagn tut, is fei net betrogen." Egon lächelte feinem Spiegelbild ermutigend zu, dann zog er feinen Wintermantel über das Spanische, verhieß der wackeren Frau Natterer, heute gehe er ganz groß los, und entschwand.
Als Egon den Saal betrat, war das Fest in vollem Gange. Verwirrt und geblendet blieb er am Eingang stehen. Der große Raum war in einen Zaubergarten aus Tausendundeiner Nacht verwandelt. Bunte Niesenblumen rankten sich um Ränge und Balustraden, in der Mitte der [ Tanzfläche gab es einen goldenen Märchenbaum, an dem schimmernde
haaen Natürlich gibt «s Herren uni) Knechte, das ist nun einmal so und wEd sich wohl nre ändern lassen, aber es braucht doch nur em rem äußerlicher Abstand zu fein, es darf kein innerlicher werden. ®1'9eir'**lty mühte die Kirche diese Mauern, die nun einmal da sind-, durchbrechen, müßte die Menschen zueinander führen, das war« wohl ihre Aufgabe. Aber er sieht da keinen Weg. In den Städten gehen sie letzt aus einer falschen Lahn: sie verschärfen die Gegensätze, sie reißen keine Mauern em, im Gegenteil: sie bauen immer höhere und stärkere auf und schreien bann: man müsse Sturm laufen gegen sie.
Der Pfarrer Peter Müller ist nicht blmd, er weiß, was Lassale, und Marr geschrieben haben, und liest die Reden von Bebel. Aber er lehnt die Sätze der Sozialdemokratie ab, nicht nur weil sie unkirchlich sind, sondern weil er sie für gefährlich hält. So läßt sich kein Ausgleich schaffen. Früher hatte die eine Seite alles, und das war nicht gutz und nun feil die andere alles haben, und das ist nicht besser. Peter Muller steht wieder die Türen, vor denen die Bauern standen. In jeder Mauer sind Türen, sagt er sich, aber es ist jetzt so, als ob diese Türen von der einen Seite verschlossen und von der anderen verriegelt waren; es mußte einer kommen, der die Menschen bewöge, sowohl aufzuschließen wie auf- zuriegeln, dann würde alles gut werden, dann brauchte man gegen die Mauern nicht anzurennen und sie nicht einjureifjen. Sieb lieben da, wie fie die Natur wohl gewollt hat, aber sie hätten Durchlässe, Schleusen.
Da ist nun feine Predigt.
Es ist nicht leicht, zu sagen: „Ich will euch noch einmal von eurem toten Herrn sprechen, denn ihr standet draußen, als ich seinen Sarg segnete vor lauter Fremden, aber er war euer Herr. Wurden sie dann nicht fragen: „Wenn er unser Herr war, warum mußten mir draußen liehen? Und solche Fragen sind voller Gefahren. Die Sozialdemokratie hebt sie; die Kirche muh sie vermeiden. .
Ich muß einen anderen Anfang finden, denkt Muller, einen von Gott. Er zerreißt die erste Seite feines Entwurfs, knüllt die Fetzen zufammen und wirst sie in den Papierkorb. . ,, ,
In dem Augenblick klopft es an die Scheibe fernes Fensters. Er steht auf, er ist erstaunt: es ist zehn Uhr. Wer will noch etwas von ihm? Er weiß, daß im Dorf niemand krank ist, niemand feines Zufpruches bedarf, er kennt feine Gemeinde.
Er öffnet das Fenster. „Sie, Frau Grästn?
„3d) muß Sie sprechen, Herr Pfarrer."
„Einen Augenblick. Ich öffne." . _...
Während er zum Hausflur geht, denkt er: die Tur, wieder eine Tur.
Dann schiebt er den Riegel zurück, und Irene tritt ein. _
Sie ist zum erstenmal in diesem Pfarrhaus, das die Grafen Czey als Patrone der Kirche von Waldhaufen bauen ließen, groß und mit vielen Stuben, denn Pfarrer müssen Raum haben für eine starke Familie. Aber Peter Müller ist Junggeselle, und in seinem Arbeitszimmer stehen nur wenig Möbel. . ...
Er rückt den Sessel zurecht, der neben fernem Schreibtisch immer für Fragende und Hilfesuchende bereitsteht. Sie nimmt Platz, und auch er setzt sich wieder.
„Was führt Sie zu mir, Frau Gräfin?"
Irene sieht ihn an. Er ist jung, wohl jünger als sie. Ihr Mut schwindet, ihr Entschluß sinkt in sich zusammen. Wie soll dieser Mann ihr Helsen? Es will ihr nicht in den Sinn, daß dieser auch ein Priester ist. Ihm fehlt das graue Haupt. Sie findet keine Worte, denn die, die so klar vor chr standen auf dem Weg vom Schloß hinab zum Dorf, passen nicht mehr vor diesen Mann. „Helfen Sie mir", wollte sie beginnen, denn sie weih jetzt, nachdem ihr die alte Gräfin von den Czehs erzählte, daß sie doch Hilfe braucht. Die Hilfe, die ihr ein William Bruce nicht geben kannte. Sie denkt an den Beichtstuhl, den sie in vielen katholischen Kirchen sah, an den Schleier, der den Beichtenden vom Beichtvater trennt, in den man hineinsprechen kann wie in ein Nichts, und aus diesem Nichts kommt eine Stimme: „Mein Kind, ich vergebe dir." Sie hat wohl recht, die alte Dame dort oben im Czehschen Schloß: „Du hast es schwerer.
Er läßt sie nicht ausreden, er sagt fest und sehr stark. .-Lasteni ©le uns weiter beten". Er wartet, bis ihr Kops sich wieder senkt, bann fpricht er ihr vor: „Und vergib uns unsere Schuld, wie mir vergeben unseren Sdjultngum Raum klingt, rührt sich Irene Czeh nicht,
lie bleibt in ihrer Haltung, den Rücken tief gebeugt, die Augen starr auf den gefalteten Händen. Sie weiß selbst noch nicht, was sie sagte, was sie bekannte, sie begreift ihre eigene Beichte noch nicht; aber ihr ist leichter die Last auf ihrer Seele wiegt nicht mehr so schwer.
Peter Müller ist noch nie so erfüllt gewesen von feinem Amt mie in dieser Stunde. Er tritt zu Irene und legt seine Hand EschrmKopf, wie er es tut, wenn er feine Konfirmanden einsegne. „„Sie gehen letzt in ein neues Leben, Frau Gräfin, gehen Sie mit Gott
Sie lieht auf. Er geleitet sie auf den Flur. An der Tur sagt er: „Kommen Sie Sonntag zu uns. Ich reiche der Gemeinde das Abend-
Sie geht an ihm vorüber in die Nacht hinein. „ .. ,
Als er wieder vor seinem Tisch sitzt, weiß er, wie er seine Predigt um den toten Grasen Czeh beginnen wird: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meme Gnade nichts von^dir


