GiehenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1958
Zreltag, den 28. Januar
Nummer 8
Oer Lanövogt von Greifensee
Novelle von Gottfried Keller
3. Fortsetzung.
Dadurch aber wurde Bodmer, der Cicero, aus seinem Gleichgewicht geworfen, daß die menschliche Narrheit, die auch dem Weisesten innewohnt, die Oberhand bekam und frei wurde, indem er nun unaufhaltsam und rücksichtslos sein« dichterische Seite hervorkehrte. Er erinnerte wehmütig daran, wie er einst mit dem jungen Wieland zusammen in begeisterter Freundschaft, er, der ältere bewährte, mit dem ausgehenden Jugendgestirn, im Entwerfen vieler heiliger Dichtungen gewetteifert: und wo seien nun jene edelsten Freuden geblieben?
Die hageren Beine übereinandergelegt, im Stuhle zurückgelehnt und wegen der kühleren Waldluft einen leichten grauen Sommerüberwurf malerisch umgeschlagen, gab er sich in lauter Melancholie dem Andenken an jene trüben Erfahrungen hin, da kurz nacheinander die seraphischen Jünglinge Klopstock und Wieland, die er nach Zürich gerufen, seine heilige Batersreundscswft und poetische Bruderschaft so schnöde getäuscht und hintergangen hatten, der eine, indem er sich zu einer Schar zechender Jugendgenossen schlug und einen erschreckenden Weltsinn bekundete, statt am Messias zu arbeiten; der andere, indem er immer mehr mit allen möglichen Weibern zu verkehren begann und damit endete, der frivolste und liederlichste Berseschmied, nach seiner Ansicht, zu werden, der jemals gelebt, dergestalt, daß Bodmer alle Hände voll zu tun hatte, die Schande und den Kummer mit einer unerschöpflichen Flut von furchtbaren Hexametern in ehrwürdigen Patriarchiden zu bekämpfen.
So kam er dann auf den geprüften Abraham, auf Jakobs Wiederkunft aus Haran, auf die Noachide, die Sündflut und alle jene Monumente seiner ruhelosen Tätigkeit zu sprechen und rezitierte zahlreiche Glanzstellen aus denselben. Dazwischen flocht er tadelhafte Neuigkeiten ein, die seine allyerbreiteten Korrespondenzen ergaben, wie zum Beispiel der Rat von Danzig den jungen poesiebeflissenen Bürgern der Stadt den Gebrauch des Hexameters als eines für die bürgerlichen Gelegenheiten unanständigen und aufrührerischen Vehikels verboten habe.
Auch beschrieb er mit maliziösem Lächeln als Charakteristikum' moderner Freundschaft, wie er einem Freund und Pfarrer vom Erscheinen eines feindlichschlechten Spottgedichtes auf ihn, betitelt „Bodmerias", vertraute Mitteilung gemacht; wie der Freund sich darüber entrüstet gezeigt, daß man das Vergnügen an den unsterblichen Bodmerischen Werken aus so boshafte und widrige Art zu stören wage; hoffentlich werde solche Bübereien kein ehrbarer Mensch lesen, alles mit mehrerem; wie aber der lüsterne Geistliche mit der Anfrage geschlossen, ob er ihm diese Bodmerias nicht auf einen Tag verschaffen könne, da nach überwundenem Verdrusse das Divertissement an denen so werten Poesien sich unzweifelhaft verdoppeln werde!
Die Anwesenden lächelten ergötzt über den neugierigen Psarrxr, den sie errieten. Bodmer aber ließ in höherer Erregung seinen Ueoerwurf auf die Hüften sinken, sich vorbeugend, daß er einem römischen Senator gleich sah, und rief:
„Dafür geht er auch der Lrwähnungsftelle verloren, die ich ihm in der neuen Auflage der Noachide bestimmt hatte; denn er hat sich nicht geläutert genug erwiesen, an meiner Hand in die Zukunft hinüber zu schreiten!"
Er führte nun aus, welchen Bewährten unter seinen Freunden er solche Erwähnungsstellen in seinen verschiedenen Epopöen schon gewidmet habe und welchen er diese Vergünstigung noch zuzuwenden gedenke, je nach der Bedeutung des Mannes in größeren oder geringeren Werken, in einer größeren ober kleineren Anzahl von Versen.
Mit scharf prüfendem Auge blickte er um sich und alle fchauten vor sich nieder, die einen errötend, die andern erbleichend, alle aber schweigend, da er eine ernste Musterung zu halten schien.
Allmählich ward seine Stimmung milder; er lehnte sich wieder zurück, der vergangenen Tage gedenkend, und sagte mit weichem Tone, in die grüne Bsrghalde hinaufblickend:
„Ach, wo ist jene goldene Zeit hin, da mein junger Wieland den Borbericht zu unfern gemeinsamen Gesängen schrieb und die Worte hinzusetzte: Man hat es vornehmlich unserer göttlichen Religion zuzuschreiben, wenn wir in der moralischen Güte unserer Gedichte etwas mehr als Homere find?"
In dem Augenblicke, als er wieder abwärts sah, gewahrte er eine seltsame Szene, so daß er plötzlich aufsprang und streng ausrief: „Was macht die Närrin?"
Schon die ganze Zeit über war nämlich Salomon Landolt etwas seitwärts unter den Bäumen für sich auf und ab gegangen, über feine
Herzensangelegenheit nachvenkend und erwägend, ob nicht am heutigen Tage etwas Entscheidendes geschehen könnte?
Er trug damals einen ansehnlichen Haarbeutel mit großen Baud- fchleifen. Figura Leu aber hatte sich im Hause ein kleines Taschen- piegelchen und einen runden Handspiegel verschafft. Das erstere wußte sie ihm, als ob sie an demselben etwas zu ordnen hätte, unbemerkt an dem Haarbeutel zu befestigen, worauf er feinen Spaziergang ruhig fortsetzte. Sogleich aber schritt sie, auf dem Moosboden unhörbar für ihn, mit pantomimischen Tanzschritten hinter ihm her, auf und nieder, so leicht und zierlich wie eine Grazie, und führte ein allerliebstes Spiel auf, indem sie sich fortwährend in dem Spiegel auf Landolts Rücken und in dem Handspiegel abwechselnd beschaute und zuweilen den Handspiegel und ihren Oberkörper, immer tanzend, so wendete, daß man sah, sie bespiegele sich von allen Seiten zugleich.
Wie ein Blitz war in dem geistig beweglichen und klugen Greisen der Verdacht aufgefahren, es werde hier von mutwilliger Jugend das Bild einer eiteln Selbstbespiegelung dargestellt, und zwar der f einig en, in Uebersetzung der von ihm gehaltenen Reden. Alle wendeten sich nach der Richtung, in welcher sein langer knochiger Zeigefinger wies, und belachten das artige Schauspiel, bis endlich auch Landolt aufmerksam wurde, sich verwundert umschaute und noch die Figura ertappte, wie sie schnell das Spiegelchen ihm vom Rücken nahm.
„Was soll das bedeuten?" fragte der alte Professor, der sich schon gefaßt hatte, mit ruhiger und sanfter Stimme; „will die Jugend das geschwätzige Alter verspotten?"
Was Figura eigentlich gewollt, wurde nie ermittelt; nur fe viel ist sicher, daß sie in großer Verlegenheit dastand und von Reue befallen war; in der Angst zeigte sie auf Landolt und sagte: „Sehen Sie denn nicht, daß ich nur mit diesem Herrn scherze?"
Nun wurde Salomon Landolt rot und blaß, da er sich für den Gefoppten halten mußte, und weil bk Gesellschaft endlich auch die zweifelhafte Natur des Schauspiels wahrnahm. verbreitete sich eine stille, etwas peinliche Spannung.
Da sprang Salomon Geßner ein, ergriff den Handspiegel und rief: . „Mit nichten handelte es sich um irgend eine Verspottung! Das Fräulein hat die Wahrheit darstellen wollen, wie sie im Gefolge der Tugend geht, die hoffentlich niemand unfeem Landolt abstreiten wird! Aber dennoch hat die Darstellerin gefehlt, denn die Wahrheit soll einzig um ihrer selbst willen bestehen und weder von der Tugend noch vom Laster in dieser ober jener Weise abhängig sein! Laßt sehen, ob ich's besser kann?"
Hiemit nahm er ein Schleiertuch ber nächsten Dame, drapierte sich damit die Hüften, als ob er antikisch unbekleidet wäre, und bestieg, den Spiegel in der Hand, einen Steinblock als Piedestal, auf welchem er mit verrenkter Körperhaltung und süßlichem Mienenspiel die Bildsäule einer zopfigen Veritas so drollig zur Erscheinung brachte, daß Gelächter und Fröhlichkeit zurückkehrten.
Nur Salomon Lanholt blieb in zerstörter Laune und schlich sich weg, einen entlegenem Waldpfad aufsuchend, um seine Gedanken zu sammeln und nachher als ein tapferer Mann aus der Affäre abzureiten. Er war aber noch nicht lange gegangen, so hing unversehens Figura Leu an seinem Arm.
„Ist es erlaubt, mit dem Herrn zu promenieren?" flüsterte sie ihm zu und schritt dann mit leichtem Fuß eine Weile neben dem Schweigenden hin, der sie trotz seines Schweigens keineswegs vom Arme ließ. Als sie aber auf einer gewissen Höhe angekommen waren, wo kein Auge sie mehr erreichen konnte, stand sie still und sagte:
„Ich muß einmal mit Ihnen sprechen, da ich sonst elendiglich umkomme. Zuerst aber dieses!"
Damit schlang sie beide Arme um seinen Hals und küßte ihn. Als er dergleichen fortfeijen wollte, stieß sie ihn aber kräftig zurück.
„Das will sagen", fuhr sie fort, „daß ich Ihnen gut bin und weiß, daß Sie mir es auch sind! Aber hier heißt's nun Amen! Aus und Amen! Denn wissen Sie, daß ich meiner Mutter auf ihrem Sterbebette versprochen habe, eine Minute ehe sie den Geist aufgab, daß ich nie heiraten werde! Und ich will und muß das Versprechen halten! Sie war geisteskrank, erst schwermütig, bann schlimmer, und nur in der letzten Stunde wurde sie noch einmal licht und sprach mit mir. Es ist in der Familie, taucht bald da, bald dort auf; früher übersprang es regelmäßig eine Generation, doch die Großmutter hat's gehabt, dann die Mutter, und nun fürchtet man, ich werde es auch bekommen!"
Sie ließ sich auf die Erde nieder, bedeckte bas Gesicht mit den Hänben und fing bitterlich an zu meinen.
Landolt kniete erschüttert bei chr, suchte ihre Hände zu fassen und sie zu beruhigen. Er suchte nach Worten, ihr seinen Dank, seine Gefühle auszubrücken, konnte aber nichts jagen, als: „Nur Mut, das wollen wir schon machen! Das wäre etwas Schönes; da wird nichts braus" und [o weiter.


