mit dem Anbieten derselben über die Fortsetzung des Waffenganges

Landolt^ dachte auch nicht mehr daran, dem Kapitän Gimmel weh ,u tun- denn der war in seinen Augen mit einem Schlage in einen Sauberer verwandelt, der goldene Schätze besaß und Gluck oder Un­glück aus den Händen schütten konnte. Er machte ohne Besinnen eine Wassertahrt mit, die Gimmel nach einem guten Weinorte vorschlug, und o ungewohnt ihm das unharmonische Gebaren des ältlichen Renomislen erschien, war er jetzt gegen ihn die Duldung und Nachsicht selber.

Wessen das Herz voll ist, davon läuft der Mund über, und zu einer Neuigkeit kommt die andere. Um von der schönen Wendelgard etwas sprechen zu hören, brachte er von der Zeit an ihren Namen mit behender List, aber so beiläufig und trocken als möglich, überall aufs Tapet, und zu gleicher Zeit machte sie, die sonst noch jo wenig bekannt gewesen, selbst von sich reden durch den Leichtsinn, mit welchem sie eine ziemliche Menge Schulden kontrahiert haben sollte, so daß der unerhörte Fall eintrat, daß ein junges Mädchen, eine Bürgerstochter, am Rande eines schimpflichen Bankerottes schwebte; denn der Vater, I)ie6 es, verweigere jegliche Bezahlung der ohne sein Wissen gemachten Schul­den und bedrohe die mahnenden Gläubiger mit Gewalttaten, die Tochter aber mit Verstoßung.

Die Sache schien sich so zu verhalten, daß letztere, um für die Be­dürfnisse des Haushaltes zu sorgen, und vorn Vater ohne die notigen Mittel gelassen, -zum Borgen ihre Zuflucht genommen und dann für sich selbst diesen tröstlichen Ausweg zu oft und immer öfter einge- schlagen hatte. Ihre Unerfahrenheit, mütterliche Verwaistheit und eine gewisse Naivität, wie sie solchen Ausnahmegestalten zuweilen eigen ist, waren hiebei nicht ohne Einfluß gewesen, abgesehen davon, daß sie den prahlerischen Vater für sehr wohlhabend hielt.

Wie dem auch sei so war sie jetzt in aller Mund; ine Frauen schlugen die Hände zusammen und erklärten, das Jüngste Gericht nahe, wenn solche Phänomene sich zeigen^ bie Männer ließen es beim Unter» gang des Staates bewenden; die jungen Mädchen steckten heimlich die Köpfe zusammen und ergingen sich in den unheimlichsten Vorstellungen von der Unglücklichen; die jungen Herren gerieten aus ungeordnete und schlechte Spähe, hielten sich aber mit erschreckter Vorsicht fern »om Hause des Kapitäns, ja von der Gaffe, wo es lag; die angeführten Kaufleute und Krämer liefen hin und her zu den Gerichten, ihre Klagen 3U Nur Salomon Landolt gedachte mit verdoppelter Leidenschaft der in ihken Schulden trauernden Schönheit. Ein heißes Mitleib beseelte und erfüllte ihn mit unüberwindlicher Sehnsucht, wie wenn die Sünderin statt im Fegefeuer ihrer Not in einem blühenden Rosengarten säße, der mit goldenem Gitter verschlossen wäre. Er vermochte dem Drange, sie zu sehen und ihr zu helfen, nicht länger zu widerstehen, und als er eines Abends den Kapitän in einem Wirtshause fest vor Anker sah, ging er rasch entschlossen hin und zog am Hause der Wendelgard kräftig die Glocke an. Der Magd, welche aus dem Fenster guckte und nach seinem Begehr fragte erwiderte er barsch, es sei jemand vom Stadtgerichte da, der mit dem Fräulein zu sprechen habe, und er wählte diese Ein­führung, um damit jedes unnütze Gerede und anderweitiges Aufsehen abzuschneiden. Freilich erschreckte er die Aermste nicht wenig damit; denn sie trat ihm ganz blaß entgegen unnd errötete dann ebenso stark, als sie ihn erkannte.

In größter Verlegenheit und mit einer zitternden Stimme, der man Furcht und Schrecken wohl anmertte, bat sie ihn, Platz zu nehmen; denn sie war so unberaten und verlassen, daß sie keine Einsicht in den Gang der Geschäfte besaß und vermutete, sie würde jetzt in ein Ge­fängnis abgeführt werden.

Kaum hatte Landolt aber Platz genommen, so wechselten die Rollen, und er war es nun, der für seine Eröffnungen nur schwer das Wort sand, da ihn das schöne Unglück vornehmer und hochstehender dünkte als ein König von Frankreich, der immerhin die Eidgenossen grands amis nennen muhte, wenn er ihnen das Blut abkaufte. Endlich tat er ihr mit der Haltung eines Schutzsuchenden kund, was ihn hergeführt; das wachsende Wohlgefallen, das er an ihrem Anschauen fand, stärkte seine Lebensgeister bann so weit, daß er ihr ruhig auseinandersetzen konnte, wie er qls Beisitzer des Gerichts von chrer verdrießlichen Angelegenheit Kenntnis genommen habe und nun gekommen fei, die Dinge mit ihr zu beraten und ausfindig zu machen, auf welche Weise der Handel ge­schlichtet werden könne. So möge sie ihm denn vertrauensvoll den Um­fang und die Natur ihrer eingegangenen Verpflichtungen mitteilen.

Mit einem großen Seufzer der Erleichterung und nachdem sie, wie jenes erste Mal, einen forschenden Blick auf ihn geworfen, eilte Wendel­gard eine Schachtel herbeizuholen, in welcher sie alle Rechnungen, Mahn­briefe und Gerichtsakte, die bisher eingelaufen, zusammengesperrt hatte, ohne sie je wieder anzusehen. Mit einem zweiten Seufzer, indem sie schamrot die Augen niederschlug, schüttete sie den ganzen Kram auf den Tisch, lehnte sich auf ihrem Sessel zurück und bedeckte das Gesicht mit der umgekehrten leeren Schachtel, hinter welcher sie sachte zu schluchzen begann, das Haupt abwendend.

Gerührt und beglückt, daß er so tröstlich einschreiten könne, nahm Salomon ihr die Schachtel weg, saßte sanft ihre Hände und bat sie, guten Mutes zu sein. Dann machte er sich mit den Papieren zu schaffen, und wo er einer Auskunft bedurfte, fragte er mit fo guter und ver­trauenerweckender Laune, daß die Antwort ihr leicht wurde. Er zog nun das Skizzenbüchlein hervor, das er immer bei sich führte und das mit flüchtigen Studien von Pferden, Hunden, Bäumen und Wolkengebilden angefüllt war. Dazwischen hinein verzeichnete er aus ein weißes Blatt den Schuldenstand der guten Wendelgard. Es handelte sich meistens um schone Kleider und Putzsachen, sowie um zierliche Möbelstücke; auch einige Näschereien waren darunter, obgleich in bescheidenem Maße, und im ganzen erreichte die Summe bei weitem nicht die ungeheuerliche Große, die im Publikum spukte. Doch betrug alles in allem immerhin gegen tausend Gulden Züricher Währung und war von der Schuldnerin in keiner Weise zu beschaffen. (Fortsetzung folgt.)

Allein sie rief mit erschreckender Ueberjeugung:Nein, nein! Ich bin jetzt schon nur so lustig und töricht, um die Schwermut zu Der» scheuchen, die wie ein Nachtgespenst hinter mir steht, ich ahne es wohl!

Es gab damals bei uns zu Lande noch keine besonderen Anstalten für solche Kranke; die Irren wurden, wenn sie nicht tobten^ in den Familien behalten und lebten langehin als unselige dämonische Wesen in der Erinnerung. v . . m... . ,.

Schneller, als er hoffte, erhob sich aber das weinende Mädchen, sie trocknete das Gesicht sorgfältig und entfloh der Trauer mit mftink- t'Oe,^®enug für jetzt!" rief sie.Sie wissen es nun! Sie müssen ein gutes, schönes Wesen heiraten, das klüger ist, als ich! Still, schweigen Sie! Das ist das Punktum!" ....

Landolt wußte für einmal nichts weiter zu sagen; er blieb gerührt und erschüttert von dem ernst drohenden Schicksal; aber er suhlte auch ein sicheres Glück in sich, das er nicht zu verlieren gedachte. Sie gingen noch so lange miteinander herum, bis die Spuren der Aufregung in Figuras schönem Gesicht verschwunden waren, und kehrten dann zu der Gesellschaft zurück. o ,

Dort war bereits ein kleiner Ball unter den jüngeren Leuten im Gange, da Herr Getzner für ein paar ländliche Musikanten gesorgt hatte.

Als aber Figura erschien, forderte der versöhnte Bodmer selbst sie auf eine Tour mit ihm zu probieren, damit er feine Jugendlichkeit noch bar tun könne. Nachher tanzte sie, fo oft es ohne auffällig zu werden geschehen konnte, mit Landolt, dem sie zuflüsterte, es müsse das der letzte Tag ihrer Vertraulichkeit sein, da sie nie wisse, wann sie in bas unbekannte Land abberufen werde, wo die Geister auf Reisen gehen.

Aus der Fahrt nach der Stadt ritt er an der Seite des Wagens, auf welchem sie faß. Ihr Zünglein stand nicht einen Augenblick still; von einem fruchtbeladenen Kirschbaum, unter dem er wegritt, brach er rasch einen Zweig voll korallenroter Kirschen und warf ihr denselben auf den Schoß.

Danke schon!" sagte sie und bewahrte den Zweig mit den ver­trockneten Früchten noch dreißig Jahre lang sorgfältig auf; denn fie blieb bei guter Gesundheit, und bas düstere Schicksal erschien nicht. Dennoch verharrte sie unabänderlich auf ihrem Entschlüße; auch ihr Bruder Martin, welchen Salomon am nächsten Tage in aller Frühe auf suchte, um mit ihm zu sprechen, bestätigte ihre Aussage, und baß es für eine ausgemachte Sache im Haufe gelte, in welchem von jeher vorzüglich bie Frauen biefem Unglück ausgesetzt gewesen seien. Keinen liebem Schwager, beteuerte Martin, möchte er sich wünschen als ßanbolten; allein er müsse ihn selbst bitten, um ber Ruhe unb des Friebens ihres Gemütes willen, bie sich bis jetzt jo leidlich erhalten, von allem weiteren abzustehen.

Landolt ergab sich nicht sogleich; vielmehr harrte er im stillen jahre­lang, ohne daß jedoch eine Aenderung in der Sache eintrat. Sein guter Mut erhielt sich nur dadurch, daß nach den abgemessenen Zwischen­räumen, nach welchen er die Figura Leu wiedersah, ihre Augen ihm jedesmal zu verstehen gaben, daß er ihr liebster und bester Freund fei.

Sa pitiin.

Salomon lebte sieben volle Jahre dahin, ohne sich weiter um die Frauenzimmer zu kümmern, und nur der Hanswurstei, wie er Figura Leu nannte, wohnte noch in seinem Herzen. Endlich aber gab es doch wieder eine Geschichte.

Aus holländischen Kriegsdiensten zurückgekehrt, hauste damals in Zürich ein gewisser Kapitän Gimmel, der von seiner verstorbenen Frau, bie eine Holländerin gewesen, eine Töchter mit sich führte und von einem kleinen Vermögen, sowie von seiner Pension in ber Art lebte, daß er fast alles für sich allein brauchte.

Dieser Mann war ein arger Trunkenbold und Raufer, ber sich be­sonders auf feine Fechtkunst etwas einbildete unb, obgleich keineswegs mehr jung, doch immer mit den jungen Leuten verkehrte, lärmte unb Skandal machte. Als Landolt einst in feine Nähe geriet unb ihm bie Prahlereien des Kapitäns zuwider wurden, nahm er dessen Heraus­forderung auf und begab sich mit ber Gesellschaft in das Haus Gim­mels, wo ein förmlicher Fechtfaal gehalten wurde. Dort gedachte Landolt dem alten Raufer trotz seines Lederpanzers ein paar tüchtige Rippenstöße beizubringen; denn er war selbst ein guter Fechter unb hatte sich schon als kleiner Junge im Schlosse zu Wüstlingen unb später auf der Metzer Kriegsschule, sowie in Paris fleißig geübt.

Der Saal erdröhnte denn auch bald von den Tritten unb Sprüngen der Fechtenden und von dem Schalle der Waffen, unb Landolt fetzte dem Kapitän allmählich so heftig zu, daß er zu schnauben begann; aber jener ließ plötzlich seinen Degen finken und starrte wie verzaubert nach der ausgehenden Tür, durch welche die Tochter des Kapitäns, die schone Wendelgard, mit einem Präsentierteller voll Likörgläschen hereintrat.

Das war nun freilich eine herrliche Erscheinung zu nennen, lieber Vermögen reich gekleidet, wie es schien, die hohe Gestalt von Seide rauschend, trat doch alle Pracht zurück vor ber seltenen Schönheit ber Person. Gesicht, Hals, Hänbe, Arme, alles von genau berfelben weißen Haustarbe, wie wenn ein parijcher Marmor bekleidet worden wäre; dazu ein rötlich schimmerndes, üppiges Haar, von dessen Seide jeder einzelne Faden hundertfach gewellt war; große, dunkelblaue Augen, sowie der Mund schienen wie von einem fragenden Ernste, ja fast von leiser Sorge zu reden, wenn auch nicht gerade von geistigen Dingen herrührend.

Als diese glänzende Person sich umsah, wo sie bas Gläserbrett ab­stellen könne, wies der Kapitän, über die willkommene Unterbrechung erfreut, das Fenstergesimse dazu an. Die jungen Männer aber be­grüßten sie mit derjenigen Höflichkeit, welche man einer solchen Schön­heit unter allen Umständen schuldig ist. Sie entfernte sich, indem sie sich verneigte, mit einem anmutsvollen Lächeln, welches den Emst ihrer Züge durchbrach; dabei warf sie rasch einen schüchternen Blick auf den erstaunten Salomon, welchen fie zum erstenmal im Hause sah. Der Papa jedoch holte verschiedene holländische seine Schnäpse herbei und wußte