Eichener KumIienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1958 Freitag, den 3. Juni Nummer 43
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Wie die Wege durcheinander schießen —
Weiße Straßen, krumme Pfade, Wiesenwege schmal!
Taubenschwärme, wie von einem Riesen
Von dem Vogelbaum gezupft, flattern, eine Handvoll Blätter, weitgeworfen übers grüne Tal.
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Dichter feiern Pfingsten.
Eine Erinnerung von Börries Freiherrn v. Münchhausen Nein, das Schönste waren die Vorbereitungen!
war tn den glücklichen Zeiten vor dem Kriege, also vor etwa
Von Georg Brittlng.
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rt mag, um nicht im Trubel der Gestalten einen wir hatten damals wie heute ein gastfreies icheinander wirbelte das ganze Jahr über ein ischen durchs Schloß.
„Pfingft-Kreis" an, der sich alljährlich bei uns vir in die sonnige Vorkriegszeit zurückblicken, ten unserer Vergangenheit in einem doppelten
iruh'ge Ankommen — die ruhigen Tage, hie P künstlerischen Genuß gewidmet waren, die gsten!
irch den Park, versunken in bisweilen so tief- 10 Hardenberg einmal in plötzlicher Aufwallung «nd sie umarmte — „Ich muß wieder was Wirk
liches tn Armen halten nach diesem Philosophieren!" — Wie genossen wir doppelt die Frühlingsblütenpracht Rhododendren und Azaleen, die Glycinen am Haus und die Narzissen auf den Teppichbeeten, den Zauber der feierlich geschnittenen Hecken um die Salons de verdure, die Teestunde am Springbrunnen, wenn unserer Kinder Lachen um die sandsteinernen Götter klingelte, und dann auf Autofahrten den Reiz des Muldentals, die Schönheiten der umliegenden Güter mit ihrer breiten Gastfreundschaft!
Und abends erglühten die Lichter im Saal, zu festlicherem Leben erhöht fand sich alles beim Diner zusammen. Meist waren für die Abende ®äfte aus der Nachbarschaft geladen, und die köstlichen, dreimal gepriesenen Formen der echten Geselligkeit gaben dem Durcheinander von Schrifttum und Kunst, von fröhlichen Fürstlichkeiten und lebhaften Demo-
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nen in ihr Streitgespräch entkletterten beide dem Wagen, wobei Graf Kuno Hardenberg mit der hofmarschallhaften Sicherheit, die ihn lckon davial« a»«reiri>n»to, gleichzeitig uns begrüßte, der Lulu aus dem Chauffeur Emil in Parenthese eine Notiz über dazwischen unbeirrt über den Unterschied des weitersprach. Ja, und dann kamen die andern
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gabt, und so hatten meine Worte nichts'an sich, was an Rumtopf oder gar an Anatomie erinnerte, sondern waren nichts als eine Regiebemerkung für das bevorstehende Fest. Denn dieses mußte doch bis in die Einzelheiten der täglichen Speisenfolgen, der Zimmerverteilung, der Nach- barschaftseinlaidungen, der Autofahrten, ded Abholens und Fortbringens von Menschen und Gepäck vorbereitet werden, wenn es dann als selbstverständlich freundlich von der Spule der Tage rollen sollte. Ja, diese Vorbereitungen, die alle ganz vollgesogen waren von Vorfreude auf die lieben Freunde, das war dos Schönste an unserem alljährlichen Dichterpfingsten!
Aber nein, das Schönste war doch das Ankommen der Gäste!
Wir hatten damals so ein Riefentier von Limousine, wie die Mode des Komforts — die merkwürdigste aller Moden, da die menschlichen Meder doch allezeit gleich sind! — es als Gipfelpunkt für die Berliner Auto-Ausstellung von 1907 vorgeschrieben hatte. Das Möbel war wie nn Wohnwagen mit betroddelten Sesseln und Tischen und Heizung und Beleuchtung ausgestattet, hatte ober — für spottlustige Jungens sei das gesagt — vor dem derzeitigen Mode-Ideal des Komforts den unleugbaren Vorzug, daß man auf etwas Stuhlähnlichem faß, wogegen wir heute bekanntlich als Sklaven der Karosseriefabrikanten auf dem Fußboden Mseres Autos liegen, nicht anders als in Sitzbadewannen. Also aus diesem Gebäude kam ein Bein heraus, das wie eine Zweimeterschmiege in zwölf Scharniere zufammengefaltet darin verborgen war, dem Bein solgte ein Regenschirm in einer langen knochigen Hand, dann kam in ruckweiser Entfaltung ein zweites episch unendliches Bein, und dann fiel ein riesiger Schlapphut von einem strahlend-fröhlichen Gesicht, und unser lieber Ludwig Schücking stand vor uns und dienerte vor der Hausfrau so köstlich wie nur ein ungewöhnlich langer und ungewöhnlich dürrer Privatdozent für englische Sprache und Literatur dienern kann.
Inzwischen dröhnte im Wagen unentwegt eine klirrende Baßstimme weiter, wie eine Ankerkette durch die Klüse rasselt. Der glückliche Inhaber dieser Stimme unterbrach seinen Vortrag nicht, in dem er der 'leinen Lulu von Strauß und Torney die Vorzüge der asiati- IHen Kulturen vor den europäischen auseinandersetzte — völlig verspon-
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Kaminen und Konsolen, Vulu von Strauß' Balladen, Gerd von Basse- w i tz' Dramen und meine eigenen Arbeiten— alles, was uns ein freundliches Schicksal im letzten Jahre geschenkt hatte, legten wir zu Pfingsten den Freunden in den Schoß. Und in den Gläsern perlte der Wein, und der Mond hing im blauen Nachthimmel, und die Hecken träumten zwischen den Lichtbalken aus den hohen Fenstern. Ach, liebe Freunde, wißt ihr noch, wie schön unsere Pfingsten vor dem Kriege waren?!
Freilich die Gehobenheit des Mahles und das Festliche der Abende verwehte, und am Vormittage ging es oft recht derb im Meinungsaustausch und recht nüchtern im literarischen Fachgespräch zu. Wir waren schonungslose Richter und hielten es für Spießbürgerlichkeit, uns unnötige Liebenswürdigkeiten zu sagen. Auch Dilettanten waren oft unter unseren Gästen, und da Dilettantismus an sich nichts Verächtliches, ja, vielleicht sogar die Vorbedingung besonders feinen Kunstverständnisses ist, so hat ganz gewiß niemand von uns anderen als ästhetischen Anstoß an ihren Darbietungen genommen. Nur wenn ausdrücklich ein Urteil verlangt wurde, nur im kleinen Kreise, am anderen Tage wurde dies Urteil gegeben, und ich kann erzählen, daß fast durchweg die Verurteilten so gesellschaftlich wohlerzogen und so kluge Menschen waren, daß nie eine Mißstimmung um sich griff. Und wie doppelt wohltuend war dann die gemeinsame Schwärmerei für die Köstlichkeiten anderer Dichtungen —, denn wir lasen ja nicht nur eigene, sondern auch fremde Verse vor. Die elendste aller Todsünden, der Neid, hatte keine Stätte in irgendeinem der Herzen, die damals klapsten, das weiß ich heute, wie ich es damals wußte!
Verklungen die Klänge der Lieder, verweht die Worte, verwelkt die Rosen, und verschäumt der Wein jener Zeiten. In den Gästebüchern viele glänzende Zeichnungen, viele llingende Gedichte, viele genial hingeworfene Notenzeilen. Ja, soll denn das alles sein?
Gewiß nicht! Wir alle haben uns ja damals wie heute gewehrt gegen die Auffassung der Kunst als eines Dinges für sich, wohl gar außerhalb des Lebens, wir alle haben dies liebe leuchtende Leben für das Wesentliche gehalten und seine Farben auch da, wo sie Blutrot und Todesschwarz hießen, in ernster Freude bejaht und heilig gesprochen. Kunst
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