Oer atte Tisch.

Von Martin Weis«.

Wurmstichig bist du und vernarbt. Verblichen ist dein dunkler Glanz. Die hier gefeiert, hier gedarbt, Sie schmückte längst der Totenkranz.

An dir hat einst der Ahn gesessen. Wenn müde er vom Acker kam Und schweigend, nach dem Abendessen, Die Bibel aus dem Schranke nahm.

Hier blätterten die schwieligen Hände In Gottes Wort und Christi Lehr. Das Kerzenlicht war milde Spende, Des Bauern Atem lang und schwer.

An dir ward auch das Brot gebrochen, Das braun in runden Schüsseln lag. An dir dem Herrgott Dank gesprochen, Der segnete den Arbeitstag.

Auf deinem glatten, blanken Holz Da stand der Krug und stand die Schale, Dereinst der Asten ganzer Stolz Beim Hochzeits- und beim Totenmahle. Du lebtest mit des Ahnen Leben, Du teiltest mit ihm Freud und Leid. Möcht einer jetzt den Platz dir geben, Der dir gebührt nach deiner Zeit.

Besuch bei Wilhelm ZRaabe.

Von Wolfgang Goetz.

Nach vielen, vielen Jahren sehe ich Braunschweig wieder. Aber, was das Knäblein von «inst gesehen hat merkwürdiges Erlebnis ist so stark gewesen, daß.der Mann nicht erstaunt. Groß und dunkel steht Dankwarderode. Die Silhouette des löwigsten aller Löwen springt in die Nacht. Ich habe Hunger; wo anders hin soll man gehen, als zu Herbst? Wilhelm Raabe pflegte einst im Kreise derHirsche" (woher der Name?) seinen Abendtrunk dort zu sich zu nehmen. Das Sofaplätzchen ist frei, an der Wand hängen Bilder des alten Mahners, Warners und Deuters. Er blinzelt zu uns hernieder, ein bißchen erfreut, ein wenig belustigt, dieses eit am gefältelte, zerfurchte und doch so klare Antlitz eines großen Entsagers, der durch alle Klüfte und Schlüste des Mondgebirges stieg und doch das gewaltige Ja fand. Es fitzt nur noch ein Gast im Zimmer, offenbar ein Sanitätsrat, der mißbilligend zu mir hinüberblickt, daß ich dreist und gottesfürchtig auf der schmalen Lederbank Platz nahm, wo einst jener Wilhelm Raabe saß. Auch als der Sanitätsrat, vom Kellner also betitelt, geht, wage ich nur flüsternd zu sprechen.

ein. Gefühl grenzenloser Trägheit kommt über mich. Warum vor 30 Jahren nicht warst du hier? Hätte es nicht gelohnt, eine Reis« hier­her zu machen, um am Nebentischchen zu sitzen, ihn anzuschauen, viel­leicht ein bißchen zu lauschen und ein nachdenkliches Wort zu erwischen. Vielleicht in schöner Läusbubenfrechheit hätte man ein Vivat Corvinusi ausgebracht. Wer weih es. Möglich, daß solche Dummheit dem Kenner der Höhen und Tiefen Spaß gemacht häste. Unwiederbringlich ein sehr dummes Wort.

Wie ich nun allein sitze, wird's unheimlich. Ich fliehe, seltener Tapfer­keit voll, denn der Wein ist gut. Ich fliehe nicht vor den guten Geistern, die da weben um das Sofa-Eckchen, ich fliehe vor dem schauderhaften Gefühl völliger Nutzlosigkeit. v _ ,,,

Da sind zwei, die noch gesucht, besucht werden sollen. Gotthold Ephraim und Wilhelm der Große. Sie wohnen ziemlich nahe beieinander. Aber zu Raabes Sterbehaus ist kein kleiner Weg, man muß schon strampeln. Es liegt an einem Platz, der diesen Namen eigentlich nicht verdient. Es ist mehr ein Anger. Dorf und Stadt berühren sich. Eine Tafel ist angebracht, aber wo wohnt« er, in welchem Stockwerk, wo war das Arbeits-, wo das Sterbezimmer? Ich gehe in das Haus, um wenigstens die Treppe zu sehen, die er hinanstieg. Ein hübsches dralles Mädchen bemerkt mein Beginnen und begrüßt mich in unverfälschtem heimischen Idiom:Wo woll'n d'nn hin?Ach, sagte ich, ,,uh wollte nur mal sehen, wo Raabe gewohnt hat. ,,Nu, in der arschten Etasche; gehn nur nuff Freiln Margarethe is oben.Ich kenne Fräulein Raabe gar nicht."Ae, die freit) sich, wenn wer gommt. Da beginne ich zu sinnen, danke xunö steige hinaus zu der Hohle des alten Merlin.

Eine breite Glastür sperrt den ganzen Flur. Ein Holzpflockchen in einer Porzellantulpe (Bitte klingeln", heißt es freundlich) ladt ein Aber ich zaudere. Da kommt von unten die muntere, jedoch gebampfte (stimme meiner Landsmännin:Awer saachen nich, daß ich s Jhnen gesaacht hawel" Gesegnetes Mädchen aus Sachsen! Ich dank« dir denn über diese deine Mahnung mußte ich so lachen, daß ich den Mut aufbrachte, der freundlichen Aufforderung der Porzellantulpe benebft H°lzpAckBttte flingelnl" zu folgen, und es machte: Zink - Z'nk, w.e eheLem be. den Großöhms und verwunschenen Tanten, wo es so gut nach wurmstichigem Holz und Lavendel roch. ,

Die Glastür wird aufgetan. Eine Dame steht vor mir, unverkennbar die Tochter ihres Vaters, und sieht mich, mit Recht, S'emlich ratlos an. Ich murmele meinen Namen, drehe den Hut m den

Gymnasiast, und äußere schließlich einigermaßen.unverständlich meine Bitte, einen Blick rn die Räume tun zu dürfen. Fräulein Margarethe ist etwas bedenklich, sie ist eben von der Reise zurück und furchtet ich mhm Anstoß an der Unordnung (wie froh war« ich, es jähe so ordentlich bei mir aus, wenn ich auf die Reise gehe).

Die Wohnung ist im Geschmack der 80er Jahre.Ja, «in kunstgewerb­liches Museum habe ich nun mal nicht", entschuldigt Fräulein Margarethe. . (Dieser sonst nicht allzu schöne Stil, hier hat erStil" gräßlicher Ge­danke, Raabe hätte sich um die Jahrhundertwende auch neu möbliert!) Aber welch ein Museum sonst! An den Wänden hängen die Bilder des Dichters, das berühmte Porträt von Fechner, der mittelalterliche Raabe von der Hand der Gattin des leider vergessenen Dichtersreundes Wilhelm Jensen, ein prachtvolles Bild, dem dasHumoristische" völlig sehlt. War er denn Überhaupt ein Humorist, wie es etwa Dickens gewesen ist? Hans Hofsmann auch als Dichter vergessen hat einmal gesagt, daß die eigentlich humoristischen Werke Raabes seine schwächsten sind. Hier aus dem Jensen-Porträt blickt ein Mann von unbeugsamem Willen, ein ganzer Kerl. Um es vorweg zu nehmen: in einem Hinterstübchen, zu Unrecht, hängt das überzeugendste aller Raabe-Bilder. Die Tochter Margarethe hat es kurz vor dem siebzigsten Geburtstag gemalt: Hier sitzt der alte Pogi. Die Augen blinzeln ein wenig, nicht eben härter wie auf dem Fechner-Bild; er lieft merkwürdigerweise sieht das Buch aus wie ein Band aus der ersten Gesamtausgabe Hauptmanns.

Zurück ins Wohnzimmer: da sind die Plaketten, die Statuetten vor, allem die ausgezeichnete des Eschershausener Denkmals.

Und dann schleppt die Tochter eine dicke Kassette herbei: Es ist die Gabe des geistigen Deutschland zum 70. Geburtstag, ein unschätzbares Album. Sie sind alle dabei, die damals etwas zu sagen hatten. Dilthey fehlt nicht, nicht Wilamowitz, und auch die Dichtergilde hat sich eingestellt. Und also berichtet die Tochter: Als der Vater diese Autographensammlung sorglich durchgeblättert hatte, blinzelte er vor sich hin:Also auf der ganzen Linie gesiegt!" Mit siebzig Jahren habe er das gesagt, dieser Wilhelm Raabe. Man faßte es kaum.

Nun führt mich Fräulein Margarethe an eine ungefüge Mappe. Zu viert kann man gang- bequem Kaffee auf diesem Ding trinken. Es wäre aber nicht zu empfehlen, denn darin befinden sich die Zeichnungen, die er spielerisch an den Rand seiner Manuskripte kritzelte. Aus jedem Blatt sind gut ihrer zwanzig solcher Zeichnungen aufgeklebt. Ich kriege einen Todschreck:Und wo sind die Handschriften?" Ich bekomme die achsel­zuckende Antwort, er habe keinen Wert darauf gelegt« Lediglich die Ditte der Mutter hat wenigstens diese Dokumente gerettet.Wenn oirs Spaß macht, kannst du ja die Schmierereien ausschneiden." Aber getrost, es sind doch noch eine Menge der Originale vorhanden, rund fünfzehn Stück, darunter der Abu Telfan, der Schüdderump, der Vogelfang, Odfeld, Hastenbeck. Ich sah sie nicht, zu Bedauern und Freude, denn sie ruhen sicher im Tresor einer Bank.

Die Zeichnungen sind durchaus beachtenswert. Das ist kein Dilettan­tismus mehr. Di« eigene Hand ist zu spüren. Bisweilen denkt man an Menzel, der einen subtileren Strich hat, aber da ist ein Friedrich auf Rekognoszierungsritt, in der Komposition, in der ganzen unheimlichen Gespanntheit erinnert dies Blättchen an die kleine Exzellenz. Auffallend ist, daß Kriegsfzenen überwiegen. Eine Schlacht aus dem Jahre 1866 ist durch die Frechheit auffallend, da hat er einfach mit dem Finger Tinte hmgewifcht und es gibt den seltsamen Dunst über einer Walstatt. Aber da sitzt auch Hanne Allmann am Wege und schaut dem Wagen nach. Soweit nicht die Manuskripte herhalten mußten, für diesen anderen Ausdruck einer explosiven Seele, sind Blätter, wie sie über Zigarren in ihren Schachteln ruhen, benutzt worden, Einladungskarten, alte Wein­etiketten ein humoriges Beisammensein gemütvollen Materials. Den Weg, dör zu diesen eindrucksvollen Kleinigkeiten führt, weisen saubere Kopien des Schülers ich sah die Daten 1846 und 47 da ist auch eine Komposition erinnere ich mich recht: zu denKönigen von Heim [cn" die offenbar eigener Erfindung ist und sich etwa an Retzsch

anlehnt. ,

Unter einer dieser Malereien steht em Aphorismus:Man muß Bücher schreiben, die gewinnen, wenn die Leute erst wieder andere R. und H. anhaben." R. und H.?Röcke und Hosen, ich kann wirs nicht anders erklären", wird mir zur Antwort. Kein Zweifel, die da neben mir steht und von feinem Blute ist, hat recht. . - -

Das Arbeitszimmer. Es ist sehr nüchtern, aber mir ist, als drehten sich die Wände. Bücher über Bücher. Leider fehlen die Zigarrenschach- teln die früher über diesen Gaben des Geistes übermütig triumphierten. Der' Schreibtisch ist winzig. Aber auf ihm thront luftig, klein und er­haben das Moderateurlämpchen, das einst jeneverheißungsvolle Ouver­türe", nach Friedrich Hebbels Wort, die Sperlingsgaffe überglänzte, em mutiges, putziges, trotziges Ding. In der Bibliothek konnte ich nur wenig stöbern. Ader Fräulein Margarethe schafft mir die Erstausgabe des Froschmäuseler" herbei. Mein Schluß, Raabe nwdjte bas Buch indes Herrgotts Kanzlei" erworben haben, geht fehl. Er hat das Werk ererbt. Man denke dieser Tatsache einmal nach. Wäre er der geworden, der er Ht wenn nicht Urväter sorgsam ihren Hausrat bei|ammenget)alten hatten, ohne ihn um schnöden Gewinn auf den widerlichen Auktionen zu ver­heuern? Da ist der Anki-Goeze, da stehen in dicker Reihe ferne eigenen Werke. Ueberalt hak er feinen Namen hineingemalt, jem krause Unter­schrift, in der sich das h des Wilhelm bereits mit dem R des Vaters­namens vermählt. Selbst der roütenbfte' Bibliophile wird Miß- achtung des Schmuckblattes oder des ersten Deckels kaum sehr mlßb.lligen. Ich für mein armes Teil würde die Erstausgabe desFroschmäuseler mit raabescher tintenklecksender Verunglimpfung mit erheblichem sireis- ausschlag bezahlen, insofern ich hierfür die nötigen märchenhaften Mone- fCn Slocheme Bitte, einen Blick in das Sterbezimmer tun zu dürfen. Sie wird gewährt. Dieses stille Heiligtum liegt neben dem Wohnzimmer Hier also fand diese Unruhe ihre Ruhe, hier ging der große Entsagende ein in das ewige Ja, das er verteidigt hat gegen alles Nem, das ihn umtobte. Es war keiner, der dies Nein so furchtbar grell in seinen.Ohren vernahm, wie Wilhelm Raabe hochgelobtz nicht einmal Fnedr'ch Nietzsche. Hier murrte er die mutwilligen Worte kurz vor dem letzten Haucheseufzer:Ist er denn noch nicht tot? vielleicht das größte Letzte Wort", das je ein Mensch gesprochen hat. Keiner hat so 'm Rausch der Agonie di« Rücksichtslosigkeit auf das eigene Ich, die restlose Hmaab«