GicheimZamiliendlätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1958 Montag, Öen 27. Juni Nummer 49
Lady Hefter Stanhope
EINE FRAU OHNE FURCHT
Von Maria Josepha Krück von poturzyn
Copyright by Deutsche VerlagS-Anstalt Stuttgart
. 9. Fortsetzung.
Auch dieser Winter, 'der fürchterliche Winter von 1812 auf 13, nahm ein Ende. Die ersten Blumen sproßten um den Orontes, Vögel sangen rings um Hamah, und der Wüstenkönig kam, um die „Melika", seine Königin, abzuholen.
Ob Lady Stanhope wisse, daß Mahannah der größte Gauner der Welt sei, ließ der britische Konsul aus Aleppo fragen.
. Hefter lachte: „Ja, es find Canaillen, ich weiß. Aber ich ziehe die Canaillen den Dummköpfen vor. Dummköpfe können ebensoviel Schaden anrichten und langweilen einen zu Tode dabei. Ueberdies — muß ich nach Palmyra!"
Bruce, Meryon, ja sogar die englische Zofe sollen diesmal mitreiten. Palmyra betritt Hefter nicht ohne Gefolge.
Mahannah bekam als Preis seiner Eskorte 3000 Piaster — von denen 2000 erst nach heiler Rückkehr zu zahlen waren. Bruce hatte den Handel abgeschlossen, nicht Hefter, sie — vertraute auf Mahannah. Hatte er nicht kürzlich in Gegenwart eines ihrer Diener zu gleicher Zeit von ihr und dem Sultan eine Depesche erhallen und achtlos den Bries des Sultans beiseitegelegt: „Die Nachricht her Königin zuerstl" —
„An Generalleutnant Oake'sf usw. usw. Malta.
Hamah, den 13. März 1813. Mein lieber General!
... Da Lady Hefter nicht willens war, ihre Reise nach Palmyra aufzugeben, haben wir die nötigen Vorbereitungen getroffen. Wir haben jede Art vop Vorsicht angewandt, um Verrat zu verhüten, ... ich denke, daß Sie keine Furcht zu haben brauchen, wir würden als Gefangene in der Wüste zurückbehalten werden... Der Chef der Anisi kommt morgen selbst, uns abzuholen. Wenn Lady Hefter in diesem Unternehmen Glück hat, wird sie zum mindesten das Verdienst haben, als erste europäische Frau diese einst berühmte Stadt zu betreten. Wer weiß, ob sie sich nicht als zweite Zenobia erweist, die bestimmt ist, die Stadt zu ihrer alten Größe zu erheben? Am Ende geht sie vielleicht doch noch eine Ehe ein mit Ibn Saud, dem großen Häuptling der Wahabiten. Er wird nicht als besonders liebenswertes Objekt dargestellt: aber wenn man Liebe dem Ehrgeiz unterordnet, könnten sie ihre Waffen vereinen, eine große Revolution hervorbringen, sowohl in Religion wie in der Politik, und den Thron des Sultans stürzen... Ich wollte, Sie kämen, sie mit Ihrem militärischen Rat zu unterstützen.
Ich möchte gern einige Kenntnis über die Wahabiten erlangen, sie sind ein sonderbares Volk, und ich glaube, daß, wenn die Pforte nicht sehr große Anstrengungen macht, sie niederzuzwingen, sie eine große Revolution in politischer und religiöser Hinsicht im Osten Hervorrufen werden.
Ich bin,
' mein lieber General,
Ihr aufrichtiger Freund Michael Bruce."
Der Postsack, der für Malta bestimmt war, trug auch ein anderes Schreiben:
Mein lieber General!
Morgen steige ich aufs Pferd mit siebzig Arabern und gehe endlich nach Palmyra... Ich bin in solcher Eile, daß ich nicht alles schreiben rann, was ich wünsche... Gott segne Sie, mein lieber General; ich hoffe, daß ich bei meiner Rückkehr vom Sitz meines Kaiferreiches Briefe aus England vorfinde...
Ihre aufrichtige
Hefter Stanhope."
Mein Kaiserreich! Es war Spott — und Ernst zugleich; sogar Bruce wurde von dem FiebeMergriffeu.
Am 20. März 1813 stand ganz Hamah auf den Beinen, die Frauen halb verschleiert, die Kinder winkend und schreiend, die Männer hielten es ausnahmsweise nicht unter ihrer Würde, an die Türen zu laufen. Eine Meile weit war die Straße gegen Osten von Menschen erfüllt. Zwischen Stambul und Bagdad ertönte der Name: „Mylady Stanhope!"
Sie ritt in die Wüste, nach Palmyra!
Ein herrlicher Mantel wehte von ihren Schultern, als arabischer Beduine war sie gekleidet und ritt ihr bestes Pferd, eine Stute, die an Ausdauer und Schnelligkeit alles übertraf, was ein Europäer gewöhnt war.
Siebzig Beduinen umgaben die „Melika"; die hallen ihre Lanzen mit Straußenfedern geschmückt, die Haare hingen in Locken über die wilden Gesichter. Ein langes Gemurmel von Mitleid erhob sich... Mylady wagte ihr Leben!
„Bitte, liebe Kaiserin, reisen Sie nicht mit zu wenig Gefolge in die Wüste", schrieb im letzten Augenblick ein englischer Konsul, „Ihre Vor« gängerin Zenobia hätte die Gefangenschaft vermeiden können, wenn chr " Gefolge zahlreicher gewesen wäre."
Vierzig Kamele mit ihren hochnäsigen Gesichtern trugen die Kosse« Reis, Mehl, Tabak, Zucker, Biskuitts, Seife und Badewannen.
Nasfr, der Beduinenprinz, erwartete die Karawane an den Quellen von Keffiyay. Er lag gerade im Krieg mit seinem Nachbarstamm, und man müsse — selbstverständlich — einen Krieg gewärtigen, erklärte er hoffnungsvoll.
In strenger Reihenfolge ritten sie dahin, Nasfr mit Hefter an der Spitze; dann die Eskorte der Beduinen; in der Nachhut Bruce und Meryon, beide mit liebvoll gepflegten Bärten, denn die Beduinen schätzten dieses Zeichen „der Weisheit und Männlichkeit": schließlich bewaffnete Diener.
Es war ein kühler Morgen, der Himmel blau und hoch. In der großen Einsamkeit, der flimmernden Leere der Wüste, erschienen dir kleinsten Zeichen des Lebens und huschten vorüber wie Erscheinungen aus einer anderen Welt: ein Fuchs, ein fliegendes Rebhuhn, ein Büschel Gras.
Man ist auf der Erde, die niemand auf der Welt unterworfen ist, mit wenigen Dienern und kärglichen Waffen; unter dem Schutze eines Volkes, das fremd ist wie ein ferner Abschnitt der Weltgeschichte, das keinen Tod fürchtet und zu schweigen versteht ...
Wenn ein Diener in der Wärme feinen Mantel 'auszieht oder sich schneuzt, ist plötzlich Mantel und Taschentuch verschwunden, und Nassr erklärt die Gegenstände als Beute eines Scherzes ... Dann plötzlich, in der brütenden Hitze der Mittagsrast, werfen sie die Turbans ab, daß die langen Haare fliegen ... Gruppen sammeln sich mit wildem Geschrei, ein schneidender Pfiff jagt die Pferde gegeneinander, im Galopp, mit eingelegten Lanzen, stürmen die Beduinen los ... Ehe die Köpfe der Pferde sich berühren, werfen sie sich blitzschnell herum... Es ist Spiel, natürlich! Wenn auch zuweilen Blut dabei fließt.
Am Horizont taucht eine Karawane auf. Die Beduinen werden unruhig. Ist es Beute? Hefter blickt geradeaus und sagt klar:
„Es sind Pferde ohne Reiter!"
Hat je einer von diesen Fremden schärfer gesehen als ein Araber, wenn er die Lider senkt und unter den Wimpern heroorsteht? Aber Hefter hat recht, und Nassr verkündet stolz:
„Du bist unserem Stamm verwandt, Königin!"
Wenn die Schatten farbig hereinfallen, das Licht untergeht, die Perle der Freunde, die Sonne, dann wird bei halbverschütteten Quellen Haltgemacht. Aus schwarzer Ziegenhaut sind die Zelte, tausendfach durchlöchert. Die Frauen bereiten weiches Brot in der Asche, ein riesiger Topf füllt sich mit Reis — das Wasser stammt aus irgendeinem Loch und das Fett ist ranzig. Jeder greift mit der Hand in den Topf, knetet blasend einen heißen Knödel und wirft ihn zur Kühlung senkrecht in die Luft. Dann wird der Knödel auf die Daumen gespießt und mit Behagen verzehrt.
Manchmal gibt es Schaf, manchmal geröstetes Kamel; dann Kuchen von ungesäuertem Brot und Traubensaft. Immer aber Kaffee! Wenn die Körner in einem Mörser gestampft werden, läuft alles im Lager herbei. Die Tassen werden mit Lumpen gereinigt, Wasser ist zu kostbar dazu.
Die Königin ißt nicht aus demselben Topf, kein Mensch sieht sie bet ihrem Mahl, sie hat ein geschlossenes Zelt, vor dem ein schwarzer Sklave mit einer Streitaxt wacht, und so heißt es — keine Flöhe!
Abends empfängt sie Mahannah, den Wüstenkönig, Nassr und die Vornehmsten der Beduinen, sie ganz allein. Denn Bruce hat sich am ersten Tag den Zorn der Araber zugezogen. Für ihn waren die Wüstensöhne nichts als ein untergeordnetes Volk, dem er Befehle erteilen wollte. Worauf Mahannah der „Melika" lächelnd zu verstehen gab, wenn „der junge Mylord" es wagen würde ohne ihre Begleitung in die Wüste zu reiten, könne keiner für fein Leden bürgen. Und Nafsr, der Kronprinz, rächte sich, indem er Brucens ganze wohlgepflegte Existenz mit unnachahmlicher Hoheit wie Luft betrachtete.
So sitzt nur Hefter, die weiße Frau, mit den fremden Veduinen» scheichs bis in die dunkle Nacht. Mahannah spitzt seine schlauen Ohren: von Napoleon möchte er wissen, diesem Mann, der den Arabern als ein Erlöser gilt, als Beschützer gegen das große, gefürchtete Rußland. Noch ist die Nachricht seiner Umkehr in Moskau nicht in die Wüste gedrungen.
Hefter erzählt — und erfährt von ihm, was sie wissen will: daß für diese Menschen der Adlerblick ihre Verteidigung ist, ein Zauberwort chr Schutz: das Schicksal selbst noch Recht spricht — ein geworfener


