Ausgabe 
27.5.1938
 
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Graf Eberstein.

Von Ludwig Uhland.

Zu Speier im Saale, da hebt sich ein Klingen,

Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.

Graf Eberstein

Führet den Reihn

. Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.

Und als er sie schwingt nun im lustigen Reigen, Da flüstert sie leise (sie kann's nicht verschweigen): Graf Eberstein, Hüte dich feinl

Heut nacht wird dein Schlößlein gefährdet fein."

Ei", denket der Graf,Euer kaiserlich Gnaden, So habt Ihr mich darum zum Tanze geladen!" Er sucht sein Rotz, Läßt seinen Trotz

Und jagt nach seinem gefährdeten Schloh.

Um Ebersteins Feste, da wimmelt's von Streitern, Sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern.

Graf Eberstein

Grüßet sie fein,

Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein.

Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen, Da meint er, es seie die Burg schon genommen.

Doch auf dem Wall

Tanzen mit Schall

Der Graf und seine Gewappneten all:

Herr Kaiser, beschleicht Ihr ein andermal Schlösser, Tut's not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser.

Euer Töchterlein

Tanzet so fein,

Dem soll meine Feste geöffnet sein."

Inr Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen,

Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.

Graf Eberstein

Führet den Reihn

Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.

Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen,

Da flüstert er leise, nicht kann er's verschweigen:

Schön Jungfräulein,

Hüte dich fein!

Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet fein."

Onkel Ruben.

Von Selma Lagerlöf.

Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner Junge, der auf dem Marktplatz mit feinem Kreisel spielte. Der kleine Junge hieß Ruben. Er war nicht mehr als drei Jahre, aber er schwenkte feine kleine Peitsche so tapfer als nur irgendeiner und ließ das Kreisel schnurren, daß es eine wahre Freude war.

. Run geschah es, daß der kleine Junge, so tapfer er auch war, müde davon wurde, seinen Kreisel schnurren zu lassen und sich nach einem Ruheplatz umsah. Ein solcher war -nicht schwer zu finden, es gab keine Sessel oder Bänke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe versehen. 2er kleine Ruben konnte sich nichts Besseres denken.

Er war ein gewissenhaftes' kleines Bürschchen. Er hatte eine dunkle Ahnung, daß Mutter es-nicht wollte, daß er aus fremder Leute Treppen- Itufen sitze. So ging er und setzte sich auf ihre eigene Steintreppe, denn jie wohnten auch am Marktplatz.

Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig kalt. Der Kleine lehnte den Kopf an das Geländer, zog die Beine hinaus und iühlte sich so wohl wie nie zuvor. Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein draußen über den Markt tanzte, wie Jungen umher- 'pangen und Kreisel schnurrten bann schloh er die Augen und schlum­merte ein.

Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, war ihm nicht fo wohl zumute, wie als er einschlummerte, sondern alles schien so furchtbar unbehaglich. Er lief zu Mutter hinein und meinte, und Mutter sah, daß er krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar Tagen toar der K-^e tot.

Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Cs kam nämlich so, daß feine Mutter ihn so recht aus tiefstem Herzensgrund betrauerte, mit solch tinem Schmerz, der den Jahren und dem Tode ttotzt. Mutter halte noch Mehrere andere Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zett und ihre Gedanken h Anspruch, aber es gab immer noch einen Raum in ihrem Sinn, wo i)r Sohn Ruben ganz ungestört Hausen konnte.

Und Bruder Ruben wurde für feine Brüder und Schwestern bald ebenso lebendig wie sür seine Mutter. Sie war so, daß sie alle mit ihren Augen sahen, und bald hatten sie dieselbe Gabe wie sie, ihn draußen auf der Steinstufe sitzen zu sehen. Und natürlich fiel es keinem von ihnen ein, sich dort hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend jemanden auf einer Stein­stufe oder einem Steingeländer oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es ihnen einen Stich ins Herz, und sie mußten an Bruder Ruben denken.

Es kam auch nicht so selten vor, daß einer von ihnen dachte:Ach, wer doch Mutter soviel Freude machen könnte wie Bruder Ruben!" Und dennoch wußte keiner mehr von ihm, als daß er Kreisel gespielt und sich auf einer Steinstufe erkältet hatte. Aber er mußte ja merkwürdig gewesen {ein, da Mutter eine solche Liebe zu ihm hatte.

v Denkt nur, als der älteste Bruder einen Fremden über den Fluß ruderte und damit seine ersten Groschen verdiente, da kam er und gab sie seiner Mutter, ohne sich auch nur einen einzigen, Batzen zu behalten! Da sah Mutter so fröhlich aus, daß ihm das Herz vor Stolz schwoll, und er konnte nicht umhin, zu verraten, wie ungeheuer ehrgeizig er ge­wesen war.

Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder Ruben?"

Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches, strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen draußen auf den Steinftufen. Und Mutter hätte sicherlich gern ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte, aber sie konnte nicht.

Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie."

Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten st^ nicht lassen, es zu erstreben.

Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermögen und Ansehen herauf, während Bruder Ruben nur still aus seiner Steinstuse sah. Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.

Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wußte sie doch, daß sie sie zu ihm führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter bei dem Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen. /

Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen erhöht und vergöttert hatte.

Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Er glitt auch noch in das Leben feiner Geschwisterkinder.

Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berührung mit Onkel Ruben kam. Einmal war er auf dem Eise umgesallen. Er wax aus purer Bosheit von einem großen, bösen Jungen umgeworfen worden, und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da seine Mama nicht weit weg sein konnte.

Aber er hatte vergessen, daß seine Mutter doch zu allererst Onkel Rubens Schwester war. Als sie Axel auf dem Eis« sitzen sah, da kam sie gar nicht begütigend und tröstend, sondern nur mit diesem ewigen:Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel Ruben, der gestorben ist, gerade als er fünf Jahre alt war, so wie du jetzt, weil er sich in einen Schneehaufen gesetzt hat."

Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben sprechen hörte, aber er fühlte die Kälte bis ans Herz. Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzählen, wenn ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte er sich schon hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, aber jetzt war es, als wenn ihm diesex Tote seine eigene Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht zulasten. So lernte er Onkel Ruben hassen.

Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war eine Steinbalu­strade, auf der es schwindelnd herrlich zu sitzen war. Tief unten lag der Steinboden des Flur, und wer oben rittlings saß, konnte träumen, daß er über Abgründe dahinzog. Axel nannte die Balustrade fein gutes Roß Grane. Auf feinem Rücken sprengte er über brennende Wallgräben in verzauberte Schlösser. Da saß er stolz und trotzig, während die großen Haarlocken von dem heftigen Anlauf wehten, und kämpfte Sankt Georgs Kampf mit dem Drachen. Und noch war es Onkel Ruben nicht eingefallen, dort reiten zu wollen.

Aber natürlich kam er. ©eixbe, als der Drache sich in Todesängsten wand und Axel in stolzer Siegesgewißheit dafaß, hörte er das Kinder­mädchen rufen:Axel, nicht da fitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht Jahre alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem Stein­geländer geritten ist. Hier darfst du nie mehr fitzen, Axel!"

Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der draußen auf dem fonnenbefdjienenen Marktplatz mit feinem Kreisel gespielt hatte. Run mußte er erfahren, was es heißt, ein großer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche war er geworden, die die Zeit, die war, der kommenden aufstellte.

Cs war draußen auf dem Land bei Onkel Ivan. Eine ganze Menge Basen und Vettern waren auf dem herrlichen Landgut versammelt. Axel ging da herum, von seinem Haß gegen Onkel Ruben erfüllt.

Endlich waren die Kinder allein, kein Großer war dabei. Da fragte Axel, ob sie von Onkel Ruben "gehört hätten.

Er sah, wie es in den Augen aufblitzte und wie viele kleine Fäustchen sich ballten, aber es schien, daß die kleinen Mädchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben gelernt hatten.Still doch", sagte die ganze Schar.

Nein", sagte Axel,jetzt möchte ich wissen, ob er noch irgend jemand andern peinigt, denn ich finde, daß er der lästigste von allen Onkeln ist."

Jetzt wurde das Sündenregister des armen großen Mannes «ufgezählt. Onkel Ruben verfolgte alle feine Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb überall, wo es ihm gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen Alter mit dem, dessen Ruhe er stören wollte.