vielleicht Lehren, bk viel härter sind, Herrsem ist kein Kinderspiel, Stephan, Unb ein schlechter Herr ist schlimmer als em Wkr Knech, Diele Frau dort war ein guter Herr, Lerne du das erstl Zerstöre nicht, was sie aufbaute. Bilde dir nicht ein, daß du etwas besser machen könntest als sie, weil du ein Mann bist. Das wäre eine gefährliche Einbildung, Nun gehl Und das von vorhin bleibt unter uns!"
Er zögert. So hat er feine Mutter noch nie gesehen. Selbst in Kindertagen nicht. Wenn er mit den Brüdern in den letzten Jahren zu am- men war und das Gespräch aus die Mutter kam, haben sie immer gesagt: Ach — die Mama!" und haben dabei gelächelt. Die Mama, das war: ein kleines Boudoir voller Blumen, das war: ein Hauch eines ganz bestimmten Parfüms, das war: Lieblingsspeisen und ganz besonders guter Kaffee in Alt-Wiener Tassen, schwarz und gold, das war: hübsche Kleider, gut angezogene Herren, die ihr die Hände küßten, das war: der Papa, der sie sehr liebte, und manchmal waren es auch Ermahnungen, die man nicht ernst nahm. Und nun ist es zum erstenmal etwas anderes, ist: Mutter.
Ganz im Unterbewußtsein dämmert diesem jungen Grasen Stephan Czeh, daß diese Wandlung viel mit dem zu tun hat, was sich jetzt in feinem Leben wandelt. Er fühlt, daß diese Frau, diese Mutter, plötzlich spürte, daß sie eine Verantwortung hat für ihre Söhne.
Er nimmt die Hand, die ihn eben schlug, und küßt sie.
Dann geht er, wie es ihm besohlen wurde. —
Olli Czeh sieht ihm nach. Sie ist über sich selbst verwundert und über den Willen und den Mui, die plötzlich in ihr wach wurden. „Lauser! sagt sie noch einmal vor sich hin und hat schon wieder ein Lächeln tote weiß ja: der Steffi ist ein guter Junge; sie hat ihn lieb. Geschadet haben ihm die Watschen sicher nicht, stellt sie fest.
Sie läutet.
„Sie können abnehmen", sagt sie.
„Zu Befehl, Frau Gräfin."
„Wie alt sind Sie eigentlich, Joseph?"
„Achtundsiebzig, Frau Gräfin." . ,, .
„Sie haben den alten Grafen Czeh noch gekannt, ich meine den Großvater der Baronin Wallnitz?"
„Jawohl, Frau Gräfin."
„Den Urgroßvater auch noch?" „
„Jawohl, Frau Gräfin, damals kam ich aufs Schloß.
„Wann war denn dos?"
„Kurz nach dem siebziger Krieg, Frau Gräfin.
Merkwürdig, denkt sie, die Peuhen scheinen die Zeit nach ihren Kriegen einzuteilen.
Sie geht hinaus auf die Terrasse. Jetzt ist es Nacht, eine laue Sommernacht. Aber es ist nicht dunkel: der Mond steht am Himmel und wirft fein Licht durch die Zweige der alten Bäume. Tief saugt sie die Lust ein. Schön ist es hier und still und friedlich. Man kann fast vergeffen, daß der Krieg tobt und daß der Poldi in Italien steht und der Franzl unten an der griechischen Grenze, bei Erniana hat er geschrieben oder so ähnlich; sie kann sich die vielen Namen und Orte nicht merken, von denen die Berlautbarungen in den Zeitungen berichten.
Korbsessel stehen auf der Terrasse. Olli setzt sich und zieht einen zweiten Stuhl dicht neben den ihren; sie will auf Irene warten.
Dann kommen Mutter und Tochter Arm in Arm langsam im Dämmern des Mondes auf das Haus zu. Olli beobachtet sie; wie oerfchieden sie sind: Irene schlank und groß, Lexe gedrungen und gut einen halben Kops kleiner; ihr Gang ist auch schwerer als der der Mutter; im Halbdunkel könnte man glauben, sie wäre die Aeltere.
Als sie in den Lichtkegel treten, der durch die Saaltür in den Garten fällt, erhebt sich Olli. „Erfchreckt nicht", sagt sie, „ich bin’s. Der Steffi ist schon zu Bett." Und dann zu Lexe: ,Mßi du uns allein? Ich rnöcht noch ein biß! mit der Mama plauschen."
„Gern, Tante Olli."
„Gute Nacht, Lexe." , _
„Gute Nacht, Tante Olli. — Gute Nacht, Mutter. Schlaf schon.
„Ich roiU's versuchen, Kind."
Lexe geht durch die Flügeltüren, kehrt noch einmal um. „Soll ich bas Licht brennen lassen?"
„Schalte ruhig aus", sagt Irene, „mir können den Strom sparen. Der Mond scheint ja."
Da fitzen sie beinander, ganz dicht, die beiden Gräfinnen Czeh, die beiden Witwen. Die eine, deren Leben so schwer war, vielleicht weil sie nicht die Kraft hatte, es leicht zu nehmen, und die andere, deren Leden so leicht war, vielleicht weil sie es immer nur leicht sehen wollte.
„Sei dem Steffi nicht böse", beginnt Olli, „er hat's nicht schlecht ge
meint vorhin."
„Es ist schon vorbei. Es ist schon wieder gut. Nur ein wenig viel war's in letzter Zeit; da versagen die Nerven."
Olli tastet nach ihrer Hand, sie findet sie, zieht sie bis auf ihren Schoß und streichelt sie.
„Willst du dich nicht einmal aussprechen, Reni? Du hast doch noch keinen gehabt, zu dem bu's konntest. Ich meine: fo alles mal vom Herzen ’runter. Von Günter, Reni, und all das andere. Denk hatt, ich hört' gar nicht zu, wenn du sprichst."
„Ach Olli."
Sie streichelt die schlanke kühle Hand weiter. „Wie hast's denn erfahren, damals?" Sie lockt, sie will den Ring sprengen, der um das Herz dieser Frau gefchmiedet wurde.
Da fängt Irene an: „Es kam ein Brief, Olli, mit einer fremden Handschrift auf dem Umschlag, aber mit demselben Stempel, den Günter- Briese immer trugen: Kampfgeschwader 1. Da wußte ich'- schon." Langsam kommen die Worte, aber sie kommen und befreien; sie werden schneller, sie werden zum Strom. Es sind keine Klagen, keine Anklagen; es ist nur ein schweres Berichten.
Olli trBftet nicht, fragt nicht, unterbricht nicht. Sie läßt fließen, was fließen muß. Nur einmal sagt f>e: „So — der Bruce hat ihn geholt , und ihr ist, als ob doch noch ein Fünkchen Licht in all dem Dunkel sei.
Dann spricht Irene auch vom Dorf, von Waldhausen und von den Gütern: daß die Menschen hier anders sind als drüben in Oesterreich; daß sie für den Wald hinten in den Bergen nicht hätte fo sorgen können, wie sie gewollt, weil die Aecker wichtiger gewesen wären, daß aber gerade an ihm alles nachgeholt werden müsse, sobald die Zeiten es zuUeßen, und daß der Schwarzbach reguliert werden müsse, das sei fast das not- wendigste. „Sag's dem Stephan — fag’s dem Stephan. Wie eine Angst steht der Satz, sich wiederholend, zwischen allen anderen Sätzen.
Endlich beginnt der Strom zu versiegen und endet in der Frage: „Und du, Olli, bleibst du in Waldhausen?"
Ein wenig, zwei Wochen oder drei etwa. Ich muß doch noch ein bissel auf den Steffi achtgeben. Dann komme ich zu dir, Irene, und schon da mal nach dem Rechten. Aber dann muß ich wieder nach Wien.
Erfchreckt ist Irene. „Du willst nicht hierbleiben?"
Nein, Reni, ich kann nicht. Ich muh nach Wien. Die Buben muffen schon allein laufen lernen. Der Steffi hier, und der Leopold auf den Gütern in Mähren, und der Franzi muß auch Landwirtschaft lernen, wenn er zurückkommt aus dem Krieg; sie müssen alle ran, es ist ja so viel geworden, was verwaltet werden muß. Dann bleibt nur nur der Kleine, der Ferdi, bei dem hat's noch Zeit mit dem Lernen.
Sie macht eine Pause, sieht in das silberne Mondgeslirre oben in den Zweigen und zögert. Sie steht auf, geljt ein paar Schritte hm und her, spricht schließlich im Schreiten weiter. „Wien, Rem, Wien. Ich hab dich hier schon einmal gefragt, ob du nicht zu uns kommen willst, zu uns nach Wien. Weißt noch, damals war's, als der Alexander... Sie bricht ab, fährt aber gleich wieder fort. „Damals lebte der Kaiser noch. Jetzt haben wir eigentlich gar keinen Kaiser mehr, denn der Karl istJo jung da ift vieles ganz anders. Das sagen mir alle. Aber Wien, Rem, das ist noch da. Trotz Krieg. Willst nicht doch hinkomrnen?.
Irene muh lächeln. „Ader Olli, was soll ich in Wien?
, Ich brauch'- halt. Den Ring, die Burg, den Graben, die Kärntner Sträh' und die Donau, den Prater und die Berge." Ihre ^mme wird ganz warm und ganz ftoh. Da blühen tief im Inneren in einem Winkel von Irenes Herzen längst vergangene Tage auf, die M»n oerfunten schienen für immer, und es ift, als ob die- Erinnern hinflosse zu der anbOUi kauert sich wieder in ihren Korbfessel und saht Irenes Hand. „Ich will dir's beichten, Reni, nur dir. Es weih noch niemand, ich selbst weih es eigentlich noch nicht. Ich werd' wieder heiraten. Ich kann nicht allein fein, ich kann nicht. Grad weil ich den Ferdi fo liebgehabt hab, fo namenlos lieb.“ Sie beginnt zu meinen, sie läßt sich vornubersinken, sie preßt ihre Lippen aus Irenes Hände und birgt ihr Gesicht in Irenes Schoh. Ihr ganzer Körpe zittert vor Schluchzen.
Irene streicht ihr über das Haar: „Wer ist's denn, Olli?" fragt sie, mie eine Mutter ihr Kind fragt. „Hast du ihn denn lieb?"
Olli richtet sich auf. Schon sind die Tränen mieber fort. „Wer es ift, «Reni? Aber das weiß ich doch noch nicht. Schau, do find fo viele, tue mich haben möchten. Da ift der lauer Barenfels, rneißt, der tue Burg in Kärnten hat, da ist der Toni Anspach und der Steffi Leuchtenstein und dann auch noch der Ernö Radjonny; aber nach Ungarn mag ich nicht gehen. Alle sind sie lieb zu mir, aber ich meist halt noch nicht, wen ich nehmen soll. Es ift schon schwer. Komm doch nach Wien, Rem, und rat mir. Du bist so gescheit. Und nicht wahr, Reni, du verstehst mich? Ich kann doch nicht aueinbleiben, wenn ich auch die großen Buben hab. Ich bin doch eben grab vierzig."
Irene steht auf. Ihr ift wirklich leichter geworden ums Herz, weil sie sieht, dost es noch glückliche Menschen gibt auf der Welt, einfache, ungekünstelte Menschen.
,£Sa, Olli, ich komm' nach Wien."
Sie sagt es, obgleich sie weiß, bah sie es nie tun wirb, aber sie kann Olli in biesem Augenblick nichts abschlagen. Sie nimmt ihren Arm, brückt ihn ganz fest und führt sie ins Haus.
Im Saal macht sie Licht. , „ ~
Da ift auch schon der alte Joseph. ,Zch schließ die Türen, Frau Gräfin."
„Aber, Joseph, du bist noch auf?“
.Gewiß, Frau Gräfin. In meinem Alter braucht man nur wenig Schlaf.“ y
Sie reiten über die Hohe Eifel.
Der Krieg ist zu Ende.
Das deutsche Heer zieht nach Osten, der Heimat zu. Alle Straßen sind belegt, so viele müßen zurück, so viele.
Kolonnen, Kolonnen, ein graues Band, vom Schicksal gewonnen dem Vaterland.
Unb so viele blieben vor bem Feind, so viele.
Neben bem Hauptmann Bernb von Wallnitz reitet Dieter von Notz, ber Oberleutnant, unb singt: ..... Annemarie ..."
Sie sind von ber großen Chaussee abgebogen und haben einen Waldweg eingeschlagen, um schneller vorwärtszukommen, sie müssen die Kolonnen ber Division überholen, um rechtzeitig bie Befehle für ben nächsten Tag fertigmachen zu können.
Der Notz ist bem Divisionsstab zugeteitt worben, bamals im November 1917, als Wallnitz ben anberen Orbonnanzoffizier in bie Front zurück- fchicken ließ. Die Division mar neu aufgestellt worden aus allerlei Verbänden, die aus Rußland nach dem Westen geschickt wurden; es hatte Wallnitz als Generalstabsossizier viel Arbeit gemacht, sie zusammenzu- fchweißen, er trug ja mit (einem Kommandeur bie Verantwortung.
(Fortsetzung folgt.)


