Norden erscheint die reinste Latinität der Geste — Neuburg ist eine Stadt mit dem „humanioren" Angesicht, dem wir Heutigen die geschuldete Bewunderung und Dankbarkeit zu zollen leider oft und leicht versäumen ... Die große Kirche endlich, die der noblen Renaissance des Rathauses von der anderen Seite her Antwort gibt, läßt weder die Vornehmheit einer ausgezeichneten Hofkirche noch, zumal im Innern, die fast mit römischer Pracht wetteifernde Fülle der Formen vermissen: weiß in weiß stuckiert ist sie das Bild eines herrschaftlichen Reichtums, — ohne die Zurückhaltung zu verlangen, die der Pracht auch den Adel gibt.
Die Stadt auf dem Weg,- der sich von selbst ergibt, weiterhin durchwandernd, begegnet man den kleineren Kirchen, die als Peterskirche, als Studienkirche dem vorbildlichen Stil der Hofkirche sich einigermaßen anzugleichen streben, Eine freilich ist recht bayrisch-barock: die, Heiliggeist- spitalkirche drunten im Tal, am Rand der alten Stadt — eigentümlich durch einen besonders bemerkenswerten Hochaltar, Das kirchliche Neuburg tritt neben dem höfischen deutlich hervor. Kein Wunder, Ist diese Stadt bis etwa 1800, durch drei Jahrhunderte die Hauptstadt eines Fürstentums gewesen, so hatten vordem, im frühen Mittelalter, Bischöfe in ihr Hof gehalten und wenn das fürstlich-weltliche Neuburg des 17. Jahrhunderts den Stil der Kirchen bestimmte, so waren die Kirchen dennoch älter.
Links und rechts begleiten dich die guten alten Häuser: nicht wenige noch versteckt mittelalterliches Ansehens, andere mit ihren barock geschweiften Giebeln stattliche und frohe Zeugen des 17. und 18. Jahrhunderts, allo von kräftig einfacher, zugleich gesättigter und schlichter, zugleich bürgerlich gemäßigter und großzügiger Form und Wesenheit. Manchmal fällt dein Blick auf ein Stück Stadtmauer und Wehrgang; einmal hängen weich wie Schleier die Aeste einer Lärche in die feste und klare Straße hinein: ein andermal stimmen dich die Blütenbäume der Bürgergärten am alten Gemäuer zu Hoffnung und Freude. Du trittst in eine alte Mauernische, und nun schaust du auf die in der Tiefe zwischen Feldern und Wäldern ruhig und bestimmt strömende Donau hinab, die ein Bild lebendiger und schicksalhafter Stetigkeit des Daseins ist und dich unwiderstehlich ermutigt: so stehst du über der Donau, und Neuburg ist dein Balkon. Du gehst bergab und im Bogen, wie eben die alte Linie der Straße dich weitersührt, und wenn du, aus dem oberen Tor hinausgetreten in die Vorstadt, dich wendest, um wieder zurückzusteigen, dann baut sich dir die alte Stadt ins schauende und entzückte Auge wie ein Stadtbild aus dem Merian — reinlich, sicher, von wohltuender Freundlichkeit und schönem Ernst zu gleichen Teilen gesegnet.
Aber noch ist längst nicht alles gesehen. Da bleiben Dinge, in denen sich Neuburg recht mit dem bayrischen Leben verbindet — mit jenem bayrischen Leben, das im Barock seine eigentliche Form gefunden hat. Da bleibt das köstliche Taxishaus am Hauptplatz, nahe dem Rathaus, — eines jener Poeme, die das bayrische 18. Jahrhundert einzigartig gedichtet hat: da bleibt am gleichen Platz die Provinzialbibliothek. Man muß sie von innen kennen lernen; außen reizend, ist sie innen ein wahres Wunder an spätbarocker Lieblichkeit, Quellhaftigkeit, Grazie, Phantasie. Die Anmut der Galerie im zweigeschossigen Büchersaal, die Putten, die Vasen mit den bunten Barockblumen, die frei ausgeschwungenen Giebelfragmente: dies alles ist, auf zierliches Maß gebracht, bezwingende Urkunde des Stils, den man als den nationalen aller bayrischen Formgedanken feiern darf.
Dies etwa ist die Stadt Neuburg — dies und etwas anderes dazu: nämlich ein Kurort für Menschen, denen es lieb ist, die Kräfte der Heilkunst und die Zauber einer von einem großartigen Strom regierten Landschaft mit den Kostbarkeiten einer erlesenen alten Stadt vereint zu finden. Neuburg ist der größte Kneippkurort nach Wörishofen, und als solcher verfügt es über alle der Aufgabe entsprechenden Einrichtungen. Auch dies ist eine Tatsache, die einer nachdrücklichen Erinnerung wert ist! Besucher der Stadt, die von ungefähr gekommen sind, im ausgedehnten Englischen Garten vor den Mauern draußen am Ufer der Donau spazierend den moralischen Gewinn eines verbrachten Tages überschlagen, dürfen sich getrost fragen, ob sie nicht auch ihre der Erholung bedürftige Leiblichkeit dieser Stadt für eine Weile anvertrauen wollen.
Wulfila.
Von Franz Spund a.
Um das Jahr 300 nach Christus herrschte im Gotenvolk der große König Ermanarich, dessen Reich sich über fast ganz Osteuropa erstreckte. Aber bald nach seinem Tode löste sich die Volkseinheit auf, und das Gotenland zerfiel in einzelne Gaue, über welche Richter, denen Königsgewalt zukam, regierten. Die bedeutendsten waren Athanarich, der im Kaukaland herrschte — im jetzigen Siebenbürgen — und Fritigern, dem alle Länder nördlich vom Unterlauf der Donau gehörten, beide aus Ermanarichs Geschlecht, aus der Sippe der Amaler.
In diese Länder brachte der Syrer Audius die erste Kunde des Christentums, ein ernster Mann, der von den Goten Odo genannt wurde. Aber seine Predigten, in denen er eine völlige Abkehr von der Welt forderte, hatten nur geringen Erfolg. Nach einigen Jahren wurde er mit feinen wenigen Anhängern von Athanarich vertrieben und wanderte nach Syrien aus, wo die kleine Schar von Räubern erschlagen wurde.
Doch kurz darauf glückte die Gewinnung einer größeren Anzahl von Goten für das Christentum durch einen Mann, der ganz anders auf das Seelenleben feiner Anhänger Einfluß gewann, durch Wulfila. Dieser war zwar nicht aus echtgotischem Blut, denn sein Großvater war als Kind bei der kleinasiatischen Stadt Sadagolthina geraubt worden, aber Wulfila war als (Bote erzogen worden und fühlte sich ganz als solcher. Er Halle in seinen jungen Jahren in Konstantinopel das Christentum kennengelernt, und zwar in seiner arianischen Form. Die neue Lehre hatte auf ihn einen so starken Eindruck gemacht, daß er es sich zum Ziel setzte, sein Volk für sie zu gewinnen. Der griechische Bischof Sozomenos ernannte ihn zuerst zum Lektor und Prediger, dann weihte er ihn tum Bischof über alte Gotenländer.
Von nun an wirkte er ustermüdsich in allen gotischen (Bauen, indem er sich bemühte darzustellen, daß zwischen der alten und der neuen Lehre nur geringe Unterschiede bestünden und daß man ein guter (Bote und ein guter Christ zugleich sein könne. Aber ein allgemeines Thing, das von Athanarich und Fritigern einberufen wurde (354), verfügte, daß die neue Lehre staatsgefährlich fei und daß alle Christen die beiden Marken verlassen müßten. Das war ein harter Schlag für Wulfila, der bisher in Fritigern einen Beschützer gefunden hatte. Wohin sollte nun der Gotenbischof mit seiner Gemeinde ziehen? Da kam von Kaiser Konstantius Rettung. Dieser überließ ihm und seinen Anhängern das Hämusgebirg« südlich der Donau — das heutige Rhodopegebirge — wo er vor allen Nachstellungen gesichert leben sollte. Es fiel den Ausziehenden wohl schwer, die alte Heimat zu verlassen und die Familienbande mit den Zu» rückbleibenden zu lösen, aber sein Glaubenswut stärkte die Schwankenden.
So wurde das Hämusgedirge mit feinen Tälern eine Insel des Glückes usid Friedens im Sturm der Völkerwanderung. Athanarich und Fritigern wurden bald darauf von den Hunnen bedrängt und hatten blutige Kämpfe mit dem Kaiser Valens zu bestehen, den sie auch in der Schlacht bei Adrianopel besiegten. In diesen Wirren glückte es Wulfila, seinem Volk den Frieden zu erhalten. Das unwirtliche Waldgebirge wurde gerodet und dadurch Raum für die wachsende Volkszahl geschaffen. Wie ein Patriarch der biblischen Zeit leitete er sein Volk, dem er den ganzen Sinn des Christentums erschloß, indem er die Frohbotschaft in das Gotische übersetzte.
Da er mit ganzer Seele am Christentum hing, zeigte er sich um die Glaubensfrage seiner Zeit sehr besorgt. Denn die Gemüter erregten sich über die Frage, ob Christus als zweite göttliche Person mit Gottvater wesensgleich (homousios) ober wesensähnlich (homoiusios) sei. Der Streit ging also urft den Buchstaben i. Zwischen den beiden Parteien, von denen die ersten dem Glaubensbekenntnis des Athanasius, die zweiten dem des Arius folgten, wurden die Kämpfe immer erbitterter, an denen auch die breiten Volksmassen teilnahmen. Wulfila hing der Lehre des Arius an, weil sie ihm leichtoerständlich für feine Goten erschien. Als aber die Glaubenskämpfe der gesamten Christenheit immer größeren Schaden zusügten, ging sein Bestreben dahin, die Gegensätze zu überbrücken. Zu diesem Zweck wurde ein Konzil nach Konstantinopel einberufen, das eine gemilderte Form der arianischen Lehre als Halb-Arianismus (Semi-Arianismus) zuließ. Da sich aber die Hoffnungen, die Wulfila daran knüpfte, nicht erfüllten, und der Glaubensstreit noch hitziger wurde, zog er sich von allen theologischen Fragen zurück und lebte von nun an nur noch für sein Volk. Er weihte viele seiner Schüler zu Priestern, von denen einer, Auxentius, das religiöse Testament Wulsilas niederschrieb, in dem er sich klar zur Lehre des Arius bekennt. Man nimmt an, daß er um 382 gestorben ist.
Wulfilas Bibelübersetzung ist uns als das älteste geschriebene Dokument einer germanischen Sprache kostbar und ein wertvoller Besitz, aus dem sich sowohl das Wesen Wulfilas als auch das des gotischen Volkes erschließen läßt. Die Aufgabe, der er sich unterzog, war eine gewaltige: es galt, die altgermanische Welt mit den neuen Vorstellungen des Christentums zu einer Einheit zu verschmelzen. Schon die Wahl der Schriftzeichen bot Schwierigkeiten, denn die (Boten kannten nur Runen, die nun an das griechische Alphabet angeglichen werden mußten, aber jetzt nicht mehr geritzt, sondern mit Tinte auf Pergament gemalt wurden. Teile dieser Bibel werden in der Universitätsbibliothek von Upsala als sogenannter Codex argenteus ausbewahrt (silberne Handschrift), der so heißt, weil die Anfangsbuchstaben aus Silber sind, während die übrigen mit Purpur gemalt wurden.
Noch wichtiger als die Angleichung der heimischen Schriftzeichen an die fremden war die Uebertragung der fremden Geisteswelt in die heimischen, attoertrauten Vorstellungen. Wulfila war bemüht zu zeigen, daß das Christentum nichts Fremdartiges ist, sondern daß es sich mit den von den Vätern ererbten Anschauungen sehr gut vereinigen lasse. Daher mußte er beim Uebersetzen darauf bedacht fein, alles leichtoerständlich auszudrücken und sinngemäß der gotischen Umwelt anzupassen. Vor allem galt es, einen richtigen Ausdruck für den neuen Christengott zu finden. Nun heißt im griechischen Urtext, den Wulfila vor Augen hatte, Gott häufig Kyrios. Dieses Wort hat aber die Bedeutung Alleinherrscher, Despot. Bei den Goten war aber dieser Begriff verhaßt, deren König ein vom Volk gewählter Herrscher (thiudans) war. Daher übersetzte Wulfila das gefährliche Kyrios mit Frauja (Fröja), in dem unser deutsches „froh", aber auch der milde Gott Froh enthalten ist. Aus dem verhaßten Despoten ist also ein srohmachender, beglückender (Bott geworden So wurden die gotischen Seelen für Frauja-Christus gewonnen.
Andere Beispiele sind vielleicht noch klarer: So übersetzt Wulfila das griechische Wort anomia (Gesetzlosigkeit) mit unsibja, das ist das, was gegen die Sippe verstößt: und sogleich versteht jeder Gote, was damit gemeint ist. Ferner wird pistis (blindes Vertrauen, dem man sich unterwirft) mit galaubja übersetzt, was unserem „Glauben" entspricht, aber auch die Bedeutung von Liebe hat, denn der Gote kann nur das glauben, was er auch liebt. Für den Frieden, den Frauja-Christus denen "gibt, die an ihn glauben, irägt Wulfia ein eigenes Wort „gawairthi“, das Einswerden aller Gleichgesinnten.
Diese wenigen Beispiele zeigen, wie der ®otenbi[d)of alles daransetzte, den neuen Gott den Goten liebenswert zu machen, wie er auch die Anrede im Vaterunser mit „Atta unsar“ übersetzt, was eine Koseform ist und etwa bedeutet: „Lieb Väterchen". Die (Boten sollen also zu Gott wie Kinder zu ihrem Vater empordlicken. Es fehlt also die orientalische Vorstellung von dem sich furchtbar rächenden Gott.
Wulfila zeigt sich in^seinem Werk überall als feinsinniger Kenner der germanischen Seele. So glückte es ihm, die Westgoten unmerklich ins Christentum hinäberzusühren, ohne daß ihr Gewissen ihnen den Borwurf machen konnte, dem alten Väterglauben untreu geworden zu sein. Sein Werk ist noch heute eine Fundgrube des Wissens, aus der man die geistigen Vorstellungen der germanischen Urzeit erkennen kann.
Verantwortlich: Dr. tzan« Thtzrtvl. - Druck und Verlag: Vrühlsche Universitätsdruckerei «. Lange, Gießen.


