Schwalm.
Von Paul Appel.
. Geschmückt mit seiner Ruhe, still, grüßt das Land.
Hier wohnen Sinnende im warmen und im kalten Hauch des Jahres.
Heuer ist's warm, schimmrig, selig gelind.
Und wir grüßen und sind gegrüßt.
Von den Männern mit dichten Augen,
Von den Knaben, die heben den ArmI
Und unterm Hausdach stehn die lustigen Mütter,
Di« klaren Frauen, die Brust unterm Latz,
Zupfen die gelben Ketten am Hals, Und streichen die Röcke.
Wie ich den lieben Gott suchte.
Von Hermann Claudius.
Immer, wenn ich als kleiner Knirps, der noch keine Schulbank gebrückt hatte, etwas ausgefressen haben sollte, nahm mich die Mutter vor, hob bedeutsam den Zeigefinger und sagte, nun sei der liebe Gott ganz böse, ich solle es ja nicht wieder tun. Meine Mutter verzog mich wohl. Weiter tat sie mir nichts, ja, sie küßte mich manchmal hinterher und lächelte.
Es war immer dasselbe. Als ich im Nachbargarten die unreifen Gurken gepflückt hatte, um — mit Nachbars Gufchi zusammen — Puppe damit zu spielen, war der liebe Gott böse. Als ich die Drahttür zum Kaninchenstall endlich aufgekriegt hatte, daß beinahe die Kaninchen ins Freie gehüpft wären, wenn meine flinke Schwester Paula es nicht rechtzeitig bemerkt hätte — war der liebe Gott böse. Und als ich im Keller von den eingemachten Zwetschen genascht hatte, daß mir der Bauch hinternach weh tat — war der liebe Gott wieder böse.
Ich dachte schließlich darüber nach, wo der liebe Gott nun eigentlich sei: im Garten, im Keller oder wo sonst. Daß es ein Geheimnis mit chm sei, — das dachte ich mir im stillen auch. Und so fragte ich meine Mutter eines Morgens, als sie beim Kartvffelfchälen sah: Wo ist eigentlich der liebe Gott?
Meine Mutter sah mich an, lächelte, zeigte mit dem Zeigefinger der rechten Hand, in der sie noch das Messer hielt, halbwegs in die Höhe und sagte: Oben im Himmel. Und dann schälte sie emsig weiter und fing nach ihrer Art dabei an zu singen. Da ging ich in den Garten und guckte mir überall den Himmel an. Er war ganz klar und ohne eine einzige Wolke. Da war nirgends ein Platz für den lieben Gott, wo er sich niederlassen konnte.
Und eines Abends, als mich mein Vater ausnahmsweise wieder einmal zu Bett gebracht hatte und noch ein paar Augenblicke bei mir saß, fragte ich ihn: Vater, wo ist der liebe Gott? Da strich sich mein Vater langsam seinen langen Bart, dann wies er aus dem Kammerfenster auf einen hellen Stern, der draußen fchon am Abendhimmel stand und sum kelte. Dort wohnt der liebe Gott — sagte er mit seiner tiefen Mannesstimme, sprach mit mir das Nachtgebet und ging hinaus.
Ich schlief ganz glücklich ein. Das war ein schöner Ort. Da mochte der liebe Gott wohl wohnen. Aber am anderen Morgen war der Stern nicht mehr da. Wo war nun der liebe Gott?
Mittags traf ich Schwester Paula, die gerade die Bodentreppe hinauf wollte. „Du, Paula" — nahm ich einen schnellen Anlauf — „sag doch mal, wo eigentlich wirklich der liebe Gott wohnt!" Paula blieb verdutzt auf der Stufe stehen und sah mich an. ,Lu hast 'n Fimmel!" rief sie dann und fing an zu lachen und lachte noch, als sie schon längst die Treppe bis oben hinaufgestiegen war.
So landete ich zuletzt mit meiner Frage bei meinem Onkel Eduard. — Onkel Eduard kam öfters zu Besuch. Er kam weit her mit der Eisenbahn, die an unserem Haus und Garten vorüberfuhr und winkte immer mit einem bunten Taschentuch. Das Taschentuch mit den bunten Punkten kannte ich schon von fern und winkte eifrig wieder. Und dann liefen Paula und ich schleunigst nach dem kleinen Bahnhof hinüber und holten den Onkel ab. Paula half ihm den Koffer tragen, und ich hüpfte nebenher.
Onkel Eduard hatte ein freundliches Gesicht und war lustig. Bei aller Lustigkeit war er immer leise. Es mußte auch ganz still sein, wenn Onkel Eduard erzählte. Als Onkel Eduard nun seine allerschönsten Geschichten schon auserzählt hatte, kam ich chm eines Tages mit meiner quälerischen Frage: „Du, Onkel Edu, sag du das mal, wo ist richtig-eigentlich der liebe Gott?"
Onkel Edu sah mich mit seinen freundlichen grauen Augen lang« an, bann schaute er zum Himmel hinauf — ach, dachte ich, er weiß es auch nicht besser — und sagte dann langsam: Vielleicht zeige ich es dir noch heute abend.
Nachmittags war es dunkel, als sollt« es Regen geben. Auf einmal zuckte es hell auf und wieder und immer häufiger. Und dann rollte der erste Donner. Das Gewitter war da.
Ich saß mit meinem Onkel Eduard in meiner kleinen Schlafkammer am Fenster. Von dort aus sah man über das Moor und auf die Luruper Tannen. Darüber war der Himmel ganz hoch und weit. Wir saßen und konnten deutlich die dunklen Wolken auffteigen sehen. Es war noch so hell, daß die Blitze nicht weh taten. Dann aber kam auf einmal die Finsternis, und die Blitze waren wie Feuer, und der Donner wollte gar nicht aufhören, und das Haus zitterte. Ich kroch mich dicht an Onkel Edus Flausrock und hielt maufestill.
Da faßte Onkel Eduard mich sachte unters Kinn und hob meinen Kopf zu sich auf und sagte langsam und feierlich und noch leiser als sonst: Sieh, da droben hinter den schwarzen Wolken und hinter den hellen Blitzen und über den lauten Donnern, da wohnt der liebe Gott. Und alle die Blitze und alle die Donner hält er in seiner Hand. — Da verkroch ich mich noch tiefer In Dntfl Edus Flausrock, bis das Gewitter vorüber war.
Aber am andern Tage war der Himmel wieder Mau und klar, ün5 alle Blumen und Blätter im Garten waren noch einmal so fr-sch Wo war nun wieder der liebe Gott geblieben?
paar Tage später hatte mir Onkel Eduard vor dem Abendbrot eine Geschichte erzählt und brachte mich auch nun selber zur Ruhe, denn die Geschichte war noch nicht zu Ende gewesen. Er wollte sie mir oben in meiner Kammer weitererzählen. Und bas tat er denn auch und saß danach noch eine Zeit auf dem Bettrand, und es war ganz still. Da sah ich auf einmal durch das Fenster den schönen Siern wieder leuchten. Du Edu — sagte ich — Vater sagt, da auf dem schönen Stern, da wohnt der liebe Gott. Und du sagst, auf den Wolken. Und morgen früh 'st der Stern wieder weg, und die Wolken sind auch roeq. Sag es mir doch mal richtig!
Sa nahm mein Onkel Eduard meine Hände in feine beiden Hände und sagte mit leiser Stimme, so, als ob einer ein leises Lied singt: Hör, Armantje: der liebe Gott ist auf dem schönen Stern, und der liebe Gott ist ouf der dunklen Wolke. Dann ist er ganz groß und gewaltig und größer als alle Riesen in den Geschichten. Aber er kann sich auch ganz klein machen, viel kleiner als die kleinsten Zwerge. Und bann schlüpft er in uns hinein und fitzt in unferm Herzen mitten in unserer Brust. Und bann klopft es.
Onkel Cbuard schwieg, faltete meine Hiinbe mit feinen Händen zusammen und sprach bas Nachtgebet. — Gute Nacht, Armantje — Gute Nacht.
Dann ging er aus der Kammer und zog die Tür behutsam hinter sich zu.
Ich habe noch eine Zeitlang wach gelegen und gehorcht und habe mein Herz klopfen hören. Immerzu hat es geklopft mitten in der Brust.
Da habe ich zuletzt gesagt — ganz leise hab' ich es gesagt: Ja, lieber Sott, ich weiß es, daß du da bist. Klopf nur nicht mehr. — Und dann bin ich eingeschlafen.
Aeuburg an her Donau.
Von Wilhelm Hausen st ein.
Der erste Anblick, mit dem der Zureisende das Bild der herrlich gelegenen und imponierend emporgebauten Stadt ersaht, offenbart auch schon das Außerordentliche dieser Stätte: den Charakter einer festlichen und heiteren, einer grohgestimmten und zugleich behaglichen alten Residenz. Zumal, wenn einer den Zugang über die Donaubrücke nimmt, fühlt er sich sofort ganz und gar in dem Bann des Schlosses, das, ein mächtig beherrschendes System von Baukörpern, bewacht von zwei über« kuppelten Flankentürmen, von der Höhe herabschaut und in den Himmel aufsteht: stark und artig: Burg und zugleich ein städtisches, nach Stadt- weise verfeinertes Schloß: wehrend und anziehend; stolz und zugleich auch liebenswürdig. Allein schon die bedeutende Masse des Bauleibs wurde Eindruck machen; es kommt aber hinzu, daß dieser Bauleib glücklich gegliedert ist und daß er zwischen Wucht und Eleganz eine ungewöhnlich angenehme Haltung behauptet. Sonst sieht man in der Heran- tunft kräftig auffteigenbe Kirchtürme mit barock gerunbeten Helmen (Helmen, bie mit benen der Schloßtürme, in einem schönen, gleichsam reimartigen Einklang stehen); die Kirchtürme zeugen von einer ausgeprägten geistlichen Vergangenheit bes schönen Neuburg. Don weitem schon begreift man aber auch den festen, rüstigen und gemütvollen Zusammenhang der bürgerlichen Stadt.
Näher besehen erweist sich bas Schloß als ein Gefüge mit offenkundig reicher und weit zurückgreisender Geschichte. Im Unterbau verleugnen sich die gotischen Züge nicht; aber freilich hat bas Schloß sein eigentliches Gesicht in jener weltlich glänzenben Zeit empfangen, bie man Renaissance nennt. Anmutig gewellte Giebel reden sogleich davon; roter Marmor am Binnentor, zu einer vornehmen Portalagraffe ausgebildet, zeugt von der architektonischen Kunstsprache eines nicht mehr mittelalterlichen Zeitalters; in seiner repräsentativen Form ist das Schloß eine Residenz des 16. Jahrhunderts. Und wie sehr! Man fühlt sich an bas Heidelberger Schloß erinnert. Weshalb auch nicht? Schloß Neuburg gehört dem gleichen Zeitalter an wie Schloß Heidelberg, und wie am Heidelberger Schloß hat auch am Neuburger Schloß einer der brillantesten Re- naisiancedynasten als Bauherr seine wahrhaft fürstliche Spur hinterlassen — Ottheinrich, der Pfalzgraf, dem die Macht seiner Persönlichkeit 1556 mit der Kurwürde bestätigt wurde. 1537 hat er den Neuburger Ottheinrichsbau beginnen lassen. Hier ist zwar Donauland; der deutsche Südosten hat hier schon angefangen. Aber ist es nicht, als spräche der rheinpfälzische Westen brüderlich in diese Residenz herüber und durch sie zu uns hcrab, zu den Spaziergängern auf der Donaubrücke und in der Schrannenstraße? Und ist nicht gerade dies der besondere Reiz des seltenen Stadtbildes, das den Namen Neuburg trägt? Doch auch der Süden ist nicht weit von diesem Schloß — der mittelmeerländische Süden! Die Trakte des Schlosses umschließen einen großen Hof. Seine Form ist nicht so regelmäßig, wie der echte Süden es lieben würde; aber die Arkadengalerien vermögen es doch, den Süden herüberzubeschwören, und wer in diesen frohen Galerien an einem schönen Sommertag wandelt, der weih, daß der blaue Himmel diesseits und jenseits der Alpen manchmal eine einzige Pracht ist.
Auch ist der nahe Karlsplatz, den wenig« Schritte vom Schloß her erreichen, mit der Reinheit feines Barocks, mit der fest umschließenden und den Platzraum doch freigebig bestimmenden Würde seiner Bauten nicht nur ein deutscher, nordischer Hauptplatz, sondern zugleich auch wie eine italienische Piazza, und wie er im Viereck mit niedrigen Bäumen zerahmt ist, vermag er an provenzalische Raumbilder zu erinnern. So pricht in diese schöne Stabt immer unb immer wieber auch bie Welt jerein, bie als ein uraltes Ziel beutfdjer Sehnsucht brüben über den Bergen in der Sonne lagert. Wie südlich-reizend stehen die Säulen« baldachine da, die über den Bürgersteig umgreifen! Dem Rathaus hat das stühe 17. Jahrhundert eine monumentale Freitreppe vorgelegt, bie den klassischen Raum in seiner Schönheit vvllenbs bestätigt: mitten im


