Jahrgang (958
Montag, den 25. April
Nummer 32
losigkeit, die in
lersberg.
blond ist
ge
wußtsein
I der Stephan es nach Gesetz
Herz Im LW
Roman von Hano-<rla/par von Zobeltitz
Copyright by deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart
18. Fortsetzung.
8fhM»Uh iWi % Ä unb me'B nun, was das Schwerste an diesem * f dl? Trennung von diesem Leben in der Natur, für das sie gearbeitet hat m all den ernsten Jahren. Gewiß: die Fruchtbarkeit des Ackers ist unermeßlich, und der Wald verjüngt sich ohne Rast. Aber der tim hnnfrff °b J?er bem er dienstbar sein soll, ihn liebt und "lcht nur hingenommen werden wie etwas selbstver- o-k-n? Gegebenes, er will behandelt werden nach den Gesetzen seines Lebens, denn er ist selbst: Leden.
d°i begriffen, was Erbe der Scholle heißt,, di- sich weiterspen- er = UJ den Sohn, vom Sohn auf den Enkel, auf die, die geboren sind auf chr und deshalb mit ihr verwachsen im gleichen Rhythmus des Lebens: ein Strom durchfließt beide, den Erben und die Scholle, und ihre gegenseitige Liebe tragt Frucht für das ganze Land.
Irene steht im Korn und fürchtet um die Scholle. Ihr ward, als sie Gunter, den Erben, trug, wohl der Rhythmus dieses Bodens ins Blut getragen worden, denn sie ist in ihm gewandelt, seit die Verantwortung sie an ihn band. Wird der Strom jetzt, da ein neuer Herr kommt, nicht unterbrochen, wird er nicht versanden und mit ihm die Scholle?
Wieder hebt Irene die Arme und streicht Über die Aehren. Ihr ist, als glitten ihre Hande über ganz Waldhausen, über Merzbach, Prichter- ?,or!c.un\.®^9ut als reichten sie hinüber bis ins böhmische Land und streiften die Felder von Körlitz und Freiershaus, von Mollnitz und Wellersberg Di- Sonne scheint über ihr Haupt, dessen Haar immer noch blond ist w:e reifender Weizen, wenn auch die ersten Silberfaden es durchziehen.
Irene steht im Korn und segnet das Land, das sie verlassen muß.
„ Als sich der Tag neigt, geht sie ins Schloß zurück und setzt ihre Unterschrift unter die Dokumente: .Irene Gräfin Czeh-Waldhausen, borene Freiin von Eilsleben.' Sie tut es klar und stolz im Bewutz: erfüllter Pflicht. 0
Dann drückt sie Stephan, Ezeh die Hand: „Gewinne dein Land lieb und behalte es lieb."
ihr..." Er will Irene nach!
Olli ihm in den Weg: sie ist ganz geraffter Willen, sie wachst vor ihrem Sohn. „Lauser hast du gesagt. Ja, das bist du." Sie hebt ihre Hand und schlägt ihm ins Gesicht, rechts und links, wie sie ihm Ohrfeigen gegeben hat, als er noch ein Kind war. „So", sagt sie dann und atmet tief und wie befreit, „so — damit du weißt, daß du noch eine Mutter hast." Sie zeigt zur Tür. „Bon der Frau dort kannst du lernen, mein Junge, an die Frau denke, solange du hier bist. — Und denke voll Dank an sie. — Und voll Ehrfurcht." Sie muß tief Luft holen zwischen den einzelnen Sätzen, denn ihr Herz schlägt voll Hast. „Und nun geh auf dein Zimmer."
GietzenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Es wird eine kleine Tafelrunde.
ß Die Beamten und Anwälte haben den Abendzug nach Breslau ge- n»mmen, und die Verwalter find auf ihre Güter zurückgekehrt. So sitzen zu viert um den Tisch: Irene und Lexe, Olli und Stephan. Irene ist
Er steht unbeweglich, alles Blut ist ihm ins Gesicht gestiegen. Er weiß nicht, ob er lachen soll über die Ohrfeigen, die er erhielt, oder ob er heulen soll vor Wut. Dann bricht seine Jugend durch und begehrt auf: ,Lch verbitte mir, Mutter..."
Sie hält ihm die Linke mit gespreizten Fingern schüttelnd vor das Gesicht und winkt ab. „Verbitte dir nichts, Stephan. Sei dankbar für die Lehre, die du eben erhieltest. Von zwei Frauen. Sie erspart dir
doch^alles°7uwüchst^^' ZantC 9t6ni' ba6 69 knapp bei euch ist, wo ,^rene sieht auf sieht den Neffen an, der nun Herr hier ist. „Es wächst Äe uns Wir' roUd)5' tieferten wir ab. Was wir brauchten, 5(eiSbtommt^Lä?m^^9teni' W”b 8utter unb ei" bM »Wir haben'? so gehalten."
„Ich glaub', das werd' ich ändern."
wirklich nicht böse gemeint, er ist eben noch sehr jung. Aber Olli ^fuhlt, wie seine Worte Irene treffen müssen, sie empfindet die Takt- » i dieser Betonung des „Aenderns" steckt: sie schämt sich für lyren Sohn. „Steffi!" ruft sie. 1 w 1
Als Irene und Lexe den Saal verlassen haben, fährt Stephan Ezeh hoch: „Was fällt dieser Frau ein, mich abzukanzeln wie einen Lauser! Ich werde ihr..." Er will Irene nachlaufen.
Da tritt “...... ■ “ - -
jum letztenmal Hausherrin hier. Die Enkelkinder sind schon in Berlin muft Sbekeuterfiebl'nipVffn f<Merer in Kriegslazaretten erholen hl» im» l'e. Die Koffer find gepackt, Irene hat für sich und Lex« den Wagen zur Bahn für morgen vormittag bestellt 4
».•2eretaüC bedient. Er bleibt in'Waldhausen, als ob er ein
MhL unxes arrar^ Majorats sei, wie die Teller, die Schüsseln, das >2 Iber und die Glaser, die er so lange von der Anrichte zur Tafel trua w'e d-e Möbel, die Bilder, die Teppiche, die Vorhänge, wie alles, was ba9 schloß birgt vom Dach bis zum Keller. Er hat gefragt, ob er nicht mit der Frau Gräfin nach Berlin gehen dürfe. ..Ich 'dank' dir Joseph" hat Irene geantwortet, „aber ich brauche keinen Diener mehr."' ’ ' - ^9 ist kein üppiges Mahl, das zum Abschied gereicht wird, es ist s?or karg -s ist kaum zum Sattwerden. Stephan ist andere Kost ae- üer^m'Jnn 1 " k" brr- Sie haben immer ihre besondere Offi-
mlr ffr h9l n°h°bk, die Oesterreichet, und darauf gehalten, daß sie gut nemimhow“1• m b<.er b^' Tage hier schon über die Verpflegung
gemeint ’ enIroi^t li>m eme Bemerkung, sie ist wirklich nicht bös-
Stephan Ezeh ist noch sehr jung, einundzwanzig. Er hat drei Front- layre hinter sich, sie haben ihn wohl gereift, aber noch begreift er nicht, was hinter den Worten Irenes steht: er spürt nur, daß es mehr ist als Worte: ein Vermächtnis. Er beugt sich über Irenes Hand und küßt sie. -Ich danke dir, Tante Irene."
3um Abendessen kommt Olli Ezeh aus dem oberen Stock, in dem oie Fremdenzimmeh liegen, ins Erdgeschoß. Sie hat in den drei Tagen, die sie nun mit ihrem Aeltesten hier ist, jedes Alleinsein mit Irene ver- nueben. Ihr sind diese Verhandlungen peinlich, sie wäre ihnen am liebsten lanz fern geblieben, sie wird das Gefühl nicht los, daß ' ~
m fremdes Eigentum einbricht, obgleich sie weiß, daß all, mb Recht geschieht. „Müssen wir denn selbst zur Uebemahme nach Wald" sausen, Steffi?" hat sie den Sohn gefragt. „Weißt, ich mein', solche Omge machen am besten die Anwälte untereinander ab; dazu sind olche Leut' doch da. Gibt halt dem Anwalt eine Vollmacht. Wir be- üajen bann später die Tante Reni, wenn sie in Berlin ist. Das macht kch leichter." Als Stephan jedoch darauf bestand, selbst nach Waldhausen !U fahren, begleitete sie ihn; nicht seinetwegen, sondern Irenes wegen; fe liebte Irene, liebte sie ehrlich unb aufrichtig unb selbstlos, soweit dies sei ihr möglich war, unb dachte: Vielleicht hat die Reni eine Frau nötig ui diesen bitterschweren Tagen. Es war ein Opfer, das sie brachte.
Sie hat die Trauer um Ferdi schon abgelegt — das Trauerjahr ist st lange um, und der Ferdi hat doch dunkle Kleider nie an ihr ge= rwcht —, aber hier in Waldhausen trägt sie wieder Schwarz. Sie ist sanglicher geworden, obgleich die Mehlspeisen auch in Wien knapp sind bi letzter Zeit, wenn man sich auch nicht solche Einschränkung auferlegt vie die im Reich. Das Mollete steht ihr nicht schlecht, es erhält ihr die bklsche; ihre Haut hat noch immer die samtenen Pfirsichtöne und ihr i>oar noch immer das krause, helle Sonnenblond. Wenn sie neben ihrem Ältesten steht — sie reicht ihm knapp bis zur Schulter —, glaubt chr oiner die Mutter.
t f T/'2u kannst abtreten, Joseph, ich läute nachher.« W e tief doch der Stachel mit feinen kleinen Widerhäkchen in ihrer Seele haftet, unb wie stark er schmerzt, wenn man nur an ihm tastet.
c,. B!?en nun alle vor ihren Tellern und rühren nichts mehr an. klei d’ bleibt auf der Schussel, Butter in der Dose und Brot im Korb.
Und keine Silbe wird gesprochen.
Da steht Irene auf zum letztenmal von diesem Tisch. Ihre Hände fassen die hohe Lehne des Stuhls, in die das Wappenschild der Grafen ^Zeh geschnitzt ist sie umpressen das Eichenholz so stark, daß die Finger- feH" weiß werden. Sie richtet sich auf, sie zwingt die anderen, gleich ihr hinter die Stichle zu treten, sie wartet, bis sich keiner mehr bewegt. Dann iprirfjt sie mit erhobenem Kopf das Gebet, spricht es laut in den weiten Raum hinein: „Dem Herrn sei Dank für Speis' und Trank Amen.
Sie wendet sich ab und geht durch die offenen Flügeltüren hinaus auf die Terraise und hinein in den Park.
Lexe stürzt ihr nach: „Mutter!"
Ihren Arm legt sie um die Schultern der Tochter. „Komm Kind, wir wollen noch einmal zur Höhe."
Als sie oben stehen, blaut der Sommerabend; es sind ja die längsten Tage im Jahr. Die Lichtpunkte der Fenster blitzen unter den Siroh- dachern der dörflichen Häuser, lieber die Felder breitet sich ein ganz feiner Nebelschleier. Die Käuzchen beginnen zu rufen.
In die Dämmerung hinein fragt Irene leise: „Weißt du eigentlich, Lexe, daß du das Legte bi ft, was mir bleibt?''
Lexe umschlingt ihren Hals: „Und die Kinder, Mutter."


