Ausgabe 
8.8.1938
 
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andern Liebhaber von der Mirzl haben die Klüfte vom Glöckner eines Tages verschlungen. Er ist nicht wieder gekommen, man hat nie mehr etwas von ihm gehört ...

Der Simmerl war recht lustig, er lachte und kicherte in der einen Minute, aber immer hatte er gleich wieder die Tränen bei der Hand.

Das Manderl von der alten Glöckner-Straße hatte eine feste, glän­zende, lange Lederhose an, die in Glanz und Fettigkeit mit einer Speck­schwarte wetteifern konnte. Die Hose war sein Stolz, sie war beinahe so alt, wie er selber. Ein rotes, abgestepptes Leiber! trug er, wie aus einer alten Bettdecke selber gemacht. Rote Backen hatte er im zer­furchten, von Wettern gegerbten, abgehärteten, mitgenommenen, vom Sturm zerschlagenen Gesicht, die Augen blitzten lausbübisch. Das war die bekannte Gestalt aus der alten Glöckner-Straße. Jahrzehntelang ging der Simmerl mit Schaufel, Rechen und Spaten immer wieder über den Tauernwea.

Menschen sind gekommen, gegangen", redete er wieder einmal ge­wählt,die Zeit hot mich nicht reicher, sondern immer ärmer gemacht. Aber der beste Freund vom Glöckner bin i geblieben."

Wieder nahmen wir eine Kurve, da strich mächtig Zugluft durch, Simmerl setzte seine Zipfelmütze auf, die ihm der Naatz gegeben hatte. ,Lähndweh" hatte er von der Luft bekommen. Er steckte seine Pfeife an.Den Tobok kriag i immer vom Naatz, der Naatz is recht guat zu mir, weil's holt doch nemma so recht geht. Ma wird olt, man rostet ein, ma kon nomma denka, nomma soviel." Aber er lief, wie ein immer wieder ausgeruhtes altes Pferd, von Kurve zu Kurve

Oben beim Pallik, wo es dann weiter geht durch die Lawinenreihen des Wasserkopfes, hatte der Simmerl einen lauten Juchzer- getan, nein, förmlich ausgestoßen hatte er ihn, um dann plötzlich wieder still zu fein. Luiserl, der Fuchs, kam gerannt.Das Füchfle mog dos net leida, er moant, daß der Juchza a Gefahr onfagt", sprach er. Der Simmerl zog sein Kirschwasserglaserl von der Ledernen heraus, lachte auf.Ja, ja, a guates Schnavserl holt am besten Leib und, Seel beinand". Daraus juchzte er noch einmal, da fing der Fuchs sogar zu heulen an, der Dackel kam gerannt, die beiden Tiere sahen das alte Manderl an und wollten wissen, von welcher Seite Gefahr drohe. Bald hetzten sie wieder voran.

Ich lachte viel, manchmal wischte ich mit dem Handrücken meine Augen trocken. Ich hörte dem Simmerl weiter zu, wie er redete, manch­mal sprach er, wie er dann wieder ins Erzählen überging. Der Hund und der Fuchs hatten ihre Augen immer scharf zum weihen Berg ge­richtet, wenn ein Eis-Schuh krachte, wenn ein Steinsturz eine Botschaft uns Erdbewohnern brachte. So kamen wir langsam höhenwärts, das Gamsli und Heterl immer hinter uns.

Auch in der Nacht blieben wir beinand, wir schliefen im Wegmacher- Häuserl, nahe beim Glockner-Haus. Die Bude war sein wirkliches Hei- matle.

Mit großer Stärke heulte draußen der nächtliche Tauernwind und Tauernsturm. Die Bude ächzte in allen Fugen. Manchmal hörten wir Eissturzgeknatter. Wie es um Mitternacht stiller geworden war, erzählte der Simmerl von der Erschließung der Glöckner-Gruppe. Sein Erzählen war jetzt eine gute Rede, er hatte die Geschichte der Vergangenheit wohl oft schon berichtet. Seine Rede sah, jedes Wort, keinen Mann hatte er zu nennen vergessen, die Geschichte war ja die Spitze von seinem Leben.

Jo, jo, die höchsten Gipfel von der Welt hot der Glöckner. Die geistlichen Herren haben um 1800 den Anfang gemacht, dos wor in der Zeit von meinem Großvater. Er hot domols mitgeholfe, daß der Gurker Bischof, der auch eun alter Gros (Altgraf) von Salm war, die Hütten im Leitertal bauen tunte. Domols hoben die Bauern von Kals und Heiligenblut mit dem alten Grafen und Bischof am Kloanglockner droben das erste Kreiz ausgerichtet. Es war eine gewaltige Exkursion. Aber das Kreiz is verwettert Der Bischof selber wor domols net oben, nur die Holzknecht, Bergführer nennt man sie heutzutag'. On Johr später is der geistliche Herr wieder auf die neubaute Solmhütten kömma, Zimmerleut hoben domols mitgeholfen, Holzknecht hoben in die steilen verfrorenen Schneehänge Blocke eingetrieben, Seile gespant und sie Herunterlossen, damit der Bischos wie auf einer Stiegen assi gehen könnt. Der Pfarrer wor mit gewesen, so Hot mir mei Großvater derzählt. Und in dem Jahr is das erste Kreiz aus der höchsten Spitz ausgestellt worden. Mei Groß­vater und mei Vater hoben oben das Kreiz geküßt, wie sie es aufg'stellt hoben. Aber auch das Kruzifix is wieder verwettert. Du siechst, der Himmel zerstört sogar die Kreiz, dos Firmament do oben nimmt koa Rücksicht auf a Kreiz und das Wetter erst recht net. Der Bischof Hot dann a poor Exkursionen g'macht, aber kuraschierter und herzhafter waren natürli die Holzknecht und Zimmerleut' gwen. Die hoben den Bischof am Seil in die Eisschluchten obi lassen und wieder afft zogen und a über den Gletscher (er meinte die Pasterze) hoben sie ihn auf einem Schlitten g'habt. Der Erzherzog Johann Hot den Gipfelkranz a versucht, is a poormol abblitzt, Hot a poormol etwas g'macht. Ganz gleich wi mi der Sturm abgenutzt Hot, so haben die Stürm die Hütten und die Kreiz und die Pflöcke und Seile wieder zernagt. Olles wor für die Katz, was die ersten g'macht haben.

Dann is es wieder still worden bei uns. So um 50 herum bin i auf die Welt gkomma und da sind denn noch berühmtere Männer zum Glöckner kömma, der Keil, der Oberst Sonklax, der Ruthner, der Thiersch, der Schaubach, der Stüdl, der berühmte Hoffmann. Noch einander sind sie komma die gelehrten Männer wie der Demelius, der Kardinal Schwarzenberg, der Graf Andrassy, der Grohmann. Für die Stadt hoben die net viel übrig ghabt. Die hoben hier im Süden die Pasterzen und das Kar, drüben Teischnitz-, Ködnitz- und Leitergletscher und im Norden den Karlinger Gletscher durchforscht. Der ganze Glocknerkomm vom Schwert bis zur Romariswond, die Wiesbachgruppe hoben sie g'macht. Der junge Hoffmann, der bei Sedan g'fallen is, wollte sogar die teis- llschen Abstürz machen. Der Polarforscher Payer wor oben und Hot mir gesagt, daß er bis zum blauen Meer geschaut Hot. Der Engländer Ball

is kömma, der Hot mir g'sogt, daß der hohe Absturz ins Glöckner Kar obi grandios fei. Grandios hat er gesagt. Grad dieser Absturz Hot dann a dem ungarischen Dragoner-Oberleutnant, er wor wieder a Gros (et meinte Markgraf Pallavicini) koa Ruah mehr lassen. Dieser schneidige und riesenstarke Kerl, so um die Vierzig wor er, i hob ihn recht gern mögen, Hot dann plötzlich 2500 Stufen auffi g'schlagen zur Glöckner- scharten. Da legst di gleit) nieder, hoben wi g'sagt, wie er zurllckkömma ist. In vier Stunden Hoden sie diese tausend Meter hohe Eisrinn« derhackt. Den gefährlichsten Weg is er gegangen. Oben der Glöckner und unser Kirchhof, dos is a guates Bett für ihn worden. A jeder muaß amol gehen, koaner kann sich das Leben verkaufen, und dos is guat jo. Der Graf is natürlich noch seinem Sieg noch kuraschierter worden. Weil ihm die Glöckner Seiten gelungen is, hoat er geglaubt, daß die ander« Seiten vom Teischnitz auffi zur Glockner-Wand a gehen wird. Si is gangen. Aber meine zwei Freind, der Tanetiner und der Rubeseir und sei Freind, hoben diesen Weg mit dem Geben zahln müssen. Doas waren die größten Männer, die ich zum Glöckner gehen gesehen hob. Größer« sind nemma kömma. Auch die Jungen können nomma mehr machen al» die, sie könne nur mehr die Wege gehn, die die Alten gemacht haben. So will's die Gottheit hoben."

Ich hörte dem Simmert still zu. Er war von der ganzen Welt, von Heiligenblut im besonderen, die einzige Brücke hinüber ins große Schwei­gen, in die Vergessenheit.

Verlassen, alt und zerstört, lag der Simmerl dort auf seiner Pritsche. Die Darstellung von der Erschließung seiner Berge hatte ihn weich ge­macht. Wie ein durchscheinendes Bild, ein Gemälde, von einem Maler auf Pergament mit Pastellsarben gemalt, im Hintergrund beleuchtet, so hell standen die Berge, wie der Simmerl erzählte, im dunklen Stübchen. Er hatte jetzt keine Ruhe mehr. ,Heut muß sich in der Welt irgend etwas, irgend mos zutrogen hoben, i sühl's ganz deutli, i sühl's sprach er, stand von der Pritsche auf, schnell wie ein Wiesel, öffnete das vergitterte Fenster. Der Mond kam jetzt übern Glockner-Kamm, wie in einem Evangelium, das von Gott selbst stammt, standen die Berge im Mondlicht da. Da nahm der Simmerl feine alte Ziehharmonika, ein ausgespieltes Instrument, herunter von der Wand, er spielte ins Weite und Breite der Nacht hinaus, sein Lebensliedl spielte er hinaus in die weiße Welt, die feine war. Es war die Melodie von feiner Kindheit, eine wunderbare Melodie, jenes Ziehharmonika-Mosaik, das man im LiedMarietta hieß sie, die einzige Frau", heute wieder hören kann. Eine Stunde lang spielte er immer die gleiche Melodie, für feinen Freund, der im Geklüft des Glöckners lag, für fein Weib, er spielte für die Männer, die vom Krieg nicht mehr gekommen sind, für die großen Männer, die'den Glöckner bezwungen haben ...

Die erstarrten Spinnen fingen an, draußen die Marjenfäden zu ziehen. Hauchdünn und flüchtig hingen die Gebilde mit dem Morgentau zusammen. Es begann zu tagen. Da hörten wir Menschen kommen vom Glockner-Haus herüber, die talwärts gingen. Träger und Jäger waren es von Heiligenblut.

Simmert" riefen sie,deinen Freind haben wir gestern Obend noch g'funden. Er liegt im Sock beim, Haus. Sechzig Jahr hot ihn das Eis festgehalten. Ganz guat schaut er noch aus. Sechzig Johr hot der Glet­scher gebraucht, um ihn vorzuschieben."

Sechzig Johr", sagte der Simmerl, wischte mit seinem roten Tüchel seine Augen trocken.Sechzig Johr", sagte er geistesabwesend. Er griff nach seinem Bergstock mit dem Handhacken und zitterte hinüber zum Glockner-Haus.

Stillung.

Von Ruth Schaumann.

Nun zünden sie die Lampen an. Alle Türen sind zugetan. Die Gassen sind alleine.

Erhellte Fenster sehn darein. Da stießt ihr Licht wie gelber Wein lieber die armen Steine.

Was ist bei uns der Docht noch kalt?

Wird die Zelle ein tiefer Wald, Darin ich mit dir lausche?

Ohne Bangen und ohne Hast, Ob ein Gräslein, ein Blatt am Ast Durch unfern Obern rausche.

Kleines Geben an meiner Brust, (Einmal hab ich dich nicht gewußt Und nun trinkst du so leise.

Aus der Gasse, in Wächtershand, Macht an der dunklen Sammerroanu Qangfam ein Gicht seine Reise.

Trifft den Spiegel und streift den Schrank, Hängt am Sims und ruht auf der Bank Und erlischt mir am Ringe.

Mondlicht tropft von des Fensters First Wolle Gott, daß du selig wirst lieber die Erdendinge.

(verantwortlich: vr. Hans Thyriok. Druck und Verlag: Brüh Ische Univerf itäksdruckerei A. Lange, Gießen.