hunq ein, um nicht feierlich in Grandets Zimmer zu gehen. Der Winter 1819/20 war einer der härtesten icit Jahren; der Schnee verschüttete bte Dächer. , „
Frau Grandet ries ihrem Mann zu, sobald sie hörte, daß er sich in feinem Zimmer rührte:
Grandet, laß doch von Nanon ein blßchen Feuer bet mir anmachen; die Kälte ist so schlimm, daß ich unter meiner Decke erstarre. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich mich schonen muh. Uebrtgens , fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, „Eugenie soll sich hier anzlehen. Das arme Kind könnte sich etwas holen, wenn es bei diesem Wetter in seinem Zimmer Toilette macht. Nachher wünschen wir dir dann ein gutes neues Jahr beim Feuer >m Saal."
„Ta, ta, ta, ta, was für eine Rede! Wie du das Jahr anfangst, Frau Grandet, du hast noch nie so viel gesprochen. Du hast doch nicht in Wem getauchtes Brot gegessen, sollt' ich meinen"
Es herrschte einen Augenblick Schweigen.
„Na schön", fuhr der Alte fort, dem augenscheinlich der Vorschlag seiner Frau in seinen Kram pahte, „ich will tun, was Sie wünschen, Frau Grandet. Du bist wirklich eine gute Frau, und ich will nicht, daß dir schließlich noch in deinem Alter etwas zustößt, obwohl im allgemeinen Die la Bertilliöres aus dauerhaftem Stoff gemacht sind. Was? nickt wahr!" rief er nach einer Pause. „Aber da wir was davon geerbt haben, verzeihe ich ihnen."
Und er hustete.
„Sie sind heute morgen lustig, Grandet", sagte die arme Frau ernst.
„Ich, ich bin immer lustig":
„Lustig ist der Vöttchersmann, Bringt ihm euern Bottich an."
fügte er hinzu und trat ganz angekleiüet bei seiner Frau ein.
,/Ia, in drei Teufelsnamen, es ist wahrhaftig tüchtig kalt. Wir werden gut frühstücken, liebe Frau. Des Grasstns hat uns eine getrüffelte Gänseleberpastete geschickt, ich will sie von der Post holen. Er muß auch einen Doppel-Napoläon für Eugenie mitgeschickt haben", sagte ihr der Böttcher ins Ohr. „Ich habe kein Gold mehr, Frau, ich hatte zwar noch ein paar alte Stücke, dir darf ich das ja sagen; aber ich mußte sie ausgeben für Geschäfte."
Und zur Feier des ersten Tages im neuen Jahr küßte er sie auf die Stirn.
„Eugenie", rief die gute Mutter, ,cher Bater muß mit dem rechten Fuß zuerst aufgestanden sein, er ist guter Laune heut' früh. — Paß auf, wir kommen so davon."
„Was hat denn der Herr nur?" sagte Nanon, als sie bei ihrer Frau eintrat, um Feuer anzumachen.
„Eben hat er zu mir gesagt: .Guten Morgen, gutes Neujahr, altes Tier. Mach' Feuer bei meiner Frau, sie friert.' Machte ich ein dummes Gesicht, als ich sehe, daß er die Hand ausstreckt und mir ein Sechsfrankenstück gibt, das noch fast gar nicht abgeschabt ist. Hier, Madame, sehen Sie es mal an. Ach, der gute Mann. Er ist ein würdiger Mann, wirklich. Da gibt's welche, die werden je älter je härter; aber er, der ist so sanft wie unser Likör und wird immer besser. Er ist ein ganz vortrefflicher, ein sehr guter Mann .. "
Das Geheimnis von Grandets Fröhlichkeit lag in dem vollkommenen Gelingen feiner Spekulation. Herr des Graffins hatte, nach Abzug des Geldes, das ihm der Böttcher für Eskontierung von hundertfünfzigtaufend Franken holländischer Wechsel schuldete, und des Zuschusses, den er ihm vorgestreckt hatte, um das für den Kauf der hunderttausend Franken Rente nötige Geld zusammenzubringen, ihm durch die Post dreißigtau- send Franken in Talern geschickt, den Rückstand von einem halben Jahr feiner Zinsen, und ihm die Hausse der staatlichen Renten mitgeteilt. Sie standen jetzt auf neunundachtzig, die angesehensten Kapitalisten kauften sie Ende Januar zu zweiundneunztg. Grandet gewann in zwei Monaten zwölf Prozent feines Kapitals und konnte von jetzt ab fünfzigtausend Franken alle halbe Jahre einfaffieren, bei denen es keine Steuern, keine Reparaturen gab. Er begriff mit einem Wort die Rente, diese Geldanlage, gegen die sonst Provinzler eine unüberwindliche Abneigung haben, und sah sich, ehe fünf Jahre um waren, als Herrn eines Kapitals von sechs Millionen, das sich ohne Mühe vergrößert hatte und das zusammen mit dem territorialen Wert feiner Besitzungen ein riesiges Vermögen darstellte. Die sechs Franken, die er Nanon geschenkt hatte, waren vielleicht der Lohn für einen ungeheuren Dienst, den die Magd, ohne es zu wissen, ihrem Herrn geleistet hatte
.Na, na, wo läuft denn der alte Grandet hin, der rennt ja heut' früh, als wenn's brennt', dachten die Kaufleute, die dabei waren, ihre Läden zu öffnen
Als sie ihn dann vom Kai zurückkommen sahen, gefolgt von einem Gepäckträger der Paketfahrt, der auf einem Karren gefüllte Säcke vor sich herfchob, sagte jemand:
„Das Wasser läuft immer ins Meer, der Alte nach feinen Talern."
„Und die kriegt er von Paris, von Froidfond, von Holland", sagte ein anderer.
„Er wird schließlich noch Saumur kaufen", schrie ein dritter.
„Der macht sich nichts aus der Kälte, er ist immer beim Geschäft", sagte eine Frau zu ihrem Mann.
„Na, Herr Grandet, wenn Ihnen das da unbequem ist", sagte ein Tuchbändler, sein nächster Nachbar „will ich's Ihnen abnehmen."
„Ach was, es sind Sous", antwortete der Winzer.
„Von Silber", sagte der Gepäckträger leise.
„Wenn du was von mir haben willst, leg’ dir ’n Schloß vor's Maul", sagte der Alte zum Gepäckträger, als er feine Haustür öffnete.
,Ach, der alte Fuchs, ich hielt ihn für taub’, dachte der Gepäckträger, ,es scheint, wenn's friert, kann er hören.'
„Hier find zwanzig Sous als dein Neujahrsgefchenk und nun still! pack' dich!" sagte Grandet zu ihm, „Nanon wird dir deine Karre zurück- bringen. — Nanon, sind die Vöglein in der Messe?"
Herr."
sterben", sagte sie zu flammende Blicke voll Nanon, als gegen elf
sich selbst.
Bei diesem Gedanken warf sie ihrer Mutter
ihrem Schweiß, bringen was hervor." _
Eugenie erhob sich, aber als sie ein paar Schritte zur Tür gemacht hatte, drehte sie sich heftig um, sah ihrem Vater ins Gesicht und sagte
Mut zu.
„Räum' das alles weg", sagte Grandet $u
Uhr das Frühstück beendet war, „aber laß den Tisch da. Wir können dann bequemer deinen kleinen Schatz betrachten", sagte er mit einem Blick auf Eugenie. „Kleinen —, meiner Treu, nein! Du besitzt nach dem eigentlichen Wert fünftausendneunhundertneunundfünfzig Franken und vierzig dazu feit heute früh, das macht sechstaufend Franken weniger einen. Na, schön, da will ich dir noch den Franken geben, um die Summe abzurunden, weil, siehst du, Töchterchen ... Na, was hörst du uns zu? Marsch kehrt, Nanon, und geh an deine Arbeit," Nanon verschwand.
,Jf)ör’ mal, Eugenie, du mußt mir dein Gold geben. Du wirst es nicht deinem Väterchen abschlagen, mein kleines Töchterchen, was?"
Die beiden Frauen blieben stumm. ,
„Ich selber hab' kein Gold mehr. Ich hatte welches, aber ich hob es nicht mehr. Ich gebe dir sechstausend Franken in Livres dafür, uni du wirst sie anlegen, wie ich es dir sagen werde. Du brauchst nicht mel)r\, an dein Heiratsdutzend zu denken. Wenn ich dich verheirate, was bald [ein wird, werde ich dir einen Zukünftigen schaffen, der dir das schönste Dutzend schenken wird, von dem man je hierzulande gesprochen hat. Allo höre, Töchterchen; es bietet sich eine schöne Gelegenheit; du kannst deine sechstausend Franken bet der Regierung anlegen, und du hast alle sechs Monate fast zweihundert Franken Zinsen, und da gibt's keine Steuern dabei oder Reparaturen oder Hagel, Frost, Ebbe und Flut oder sonst was, was die Einkünfte schmälert. Du willst dich vielleicht nicht von deinem Gold trennen? was, Töchterchen? Bring' es mir trotzdem. Ich werde wieder Goldstücke für dich sammeln, Holländer. Portugiesen, Rupien des Moguls, Genueser; und mit denen, die ich dir zu den Festtagen schenke, wirst du in drei Jahren die Hälfte deines hübschen kleinen Goldschatzes wieder beisammen haben. Was sagst du, Töchterchen? Was läßt du den Kopf hängen? Also, los, geh' ihn holen, den Kleinen. Du solltest mir die Augen küssen, weil ich dich so in die verborgenen Kräfte uni Geheimnisse vom Leben und Tod der Taler einweihe. Wirklich, die Taler leben und rühren sich, wie Menschen: sie kommen und gehen, arbeiten in
„Dann kos, reg’ dich, an die Arbeit", rief er und lud ihr die Säcke auf.
In einem Augenblick waren die Taler in sein Zimmer gebracht, wo er sich einschloß.
„Wenn das Frühstück fertig ist, klopf' an die Wand. Bring die Karre zur Paketfahrt zurück."
Die Familie frühstückte erst um zehn Uhr
Hier unten wird der Vater nicht dein Geld sehen wollen , sagte Frau Grandet zu ihrer Tochter, als sie von der Messe heimkamen. „Sonst tust du, als wenn du frierst. Dann werden wir Zeit haben, deinen Schatz bis zu deinem Geburtstag wieder anzufüllen . ."
Grandet kam die treppe herab und dachte dabei daran, daß er feine Pariser Taler sofort in gutes Gold umtauschen wollte, und an seine wundervolle Spekulation in Staatsrenten. Er war entschlossen, alle seine Einkünfte so anzulegen, bis die Renten den Kurs von hundert Franken erreicht hatten. Ein verhängnisvoller Gedankengang für Eugenie! Gleich als er hereinkam, wünschten chm beide Frauen ein glückliches Neujahr, eine Tochter, indem sie ihm um den Hals fiel und ihn liebkoste, feine Frau ernst und mit Würde. , _
„Ja, ja, mein Kind", sagte er und küßte feine Tochter auf die Wan- gen, „ich arbeite für dich, weißt du! — ich will dein Glück. Man mutz Geld haben, um glücklich zu fein. Ohne Geld, prost die Mahlzeit! Da, hier ist ein ganz neuer Napoleon, ich habe ihn aus Paris kommen lassen. Denn, bei allen Teufeln, hier hab' ich kein Gran Gold. Nur du allein hast Gold. Zeig' mir dein Gold, Töchterchen."
„Pah, es ist zu kalt, wir wollen frühstücken", antwortete ihm (Eugenie. „ v „
„Na schon, aber nachher, was? Es wird uns allen verdauen helfen. Der brave Graffins hat uns das hier eigens geschickt", fuhr er fort; „also eßt, meine Kinder, das kostet uns nichts. Es geht ihm gut, dem des Grassins, ich bin zufrieden mit ihm. Dieser gedörrte Stockfisch leistet Eharles einen Dienst und obendrein gratis. Er ordnet die Geschäfte des armen toten Grandet sehr gut. Aah, aah", sagte er mit vollem Mund, nach einer Pause, „das schmeckt gut. Iß doch davon, Frau; das gibt Kraft mindestens für zwei Tage."
,/Ich habe keinen Hunger. Ich bin fehr schwächlich, wie du ja weißt.
„Ach was, du kannst dich vollpfropfen ohne Furcht, daß dir der Bauch platzt; du bist eine la Seriellere, eine Frau, die was aushält. Du bist allerdings ein kleines gelbliches Krümchen, aber ich habe Gelb
Die Erwartung feiner schimpflichen, öffentlichen Hinrichtung ist vielleicht weniger entsetzlich für einen Verurteilten, als es für Frau Grandet und für ihre Tochter die Erwartung der Dinge war, die nach diesem Familienfrühstück kommen muhten. Je luftiger der alte Winzer sprach und aß, je mehr schnürte sich das Herz der beiden Frauen. zu- jammen. Doch hatte die Tochter einen Halt in dieser Lage: sie schöpfte Kraft aus ihrer Liebe.
„Für chn, für ihn würde ich taufend Tode
zu ihm: r
,Zch habe mein Gold nicht mehr."
„Du hast dein Gold nicht mehr", schrie Grandet und ging hoch wie ein Pferd, bas zehn Schritte neben sich eine Kanone abfeuern hört.
„Nein, ich habe es nicht mehr."
„Du irrst dich, Eugenie."
„Nein."
„Beim Winzermesser meines Vaters!"
Wenn der Böttcher diesen Fluch ausstieh, zitterten die Wände.
(Fortsetzung folgt.)


