Siebener Samilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957 Zreitag. den 29. Oktober Nummer 84

Eugenik brandet

ROMAN von Honore de Balzac 13. Fortsetzung.

Den Gläubigern blühte einSchicksal, das unerhört war in der Handelswelt. Sie werden sich in derselben Lage, in die er sie gebracht hat, zu dem Zeit­punkt befinden, zu dem die Ereignisse dieser Geschichte sie wieder auf den Schauplatz der Handlung rufen. Als die Renten auf hundertundfünfzehn stan­den, verkaufte der alte Grandet und zog ungefähr zwei Millionen vierhundert­tausend Franken in Gold ein, die in seinem Fäßchen sich mit den sechshundert­tausend Franken angehäufter Zinsen trafen, die ihm seine Staatsfchuld- scheine eingebracht hatten. Des Grassins blieb in Paris aus folgenden Gründen: erstens war er Abgeordneter geworden, zweitens halte er als alter Familienvater, den aber das langweilige Saumuraner Leben um­brachte, sich sterblich verliebt in Florine, eine der hübschesten Schauspielerin­nen am Theater de Madame, und der Quartiermeister kam bei dem Bankier wieder zum Durchbruch. Es ist unnötig, über seine Aufführung zu reden; in Saumur wurde er als durch und durch unmoralisch beurteilt. Seine Frau war heilfroh, daß sie in Gütertrennung lebte und genug Verstand hatte, um das Haus in Saumur zu halten, dessen Geschäfte unter ihrem Namen fvrtgesührt wurden; so konnte sie die Lücken ausfüllen, die Herrn des Grassins' Torheiten in ihr.Vermögen gerissen hatten. Die Cruchotisten übertrieben so geschickt die heikle Lage der quasi Witwe, daß sie ihre Tochter sehr schlecht verheiratete und auf eine Verbindung ihres Sohnes mit Eugeuie Grandet verzichten mußte. Adolph ging zu des Grassins nach Paris und soll dort ein großer Taugenichts geworden sein. Die Cruchots triumphierte^.

Ihr Mann muß den Verstand verloren haben", sagte Grandet, als er Frau des Grassins eine Summe gegen Sicherheiten gab.Sie tun mir sehr leid, Sie sind eine nette kleine Frau."

Ach", antwortete die arme Dame,iver hätte gedacht, daß am Tage, da er von Ihnen wegging, um nach Paris zu reisen, er in sein Unglück rennen würde?"

Der Himmel ist mein Zeuge, gnädige Frau, daß ich bis zum letzten Moment alles getan habe, um ihn an der Reise zu verhindern. Der Herr Präsident wollte mit aller Gewalt an seine Stelle treten; aber wenn er so sehr darauf drang, hinzugehen, so wissen wir jetzt, warum."

Auf diese Weise hatte Gründet keinerlei Verpflichtungen gegen die des Grassins.

In jeder Lebenslage haben die Frauen mehr Grund zum Kummer als der Mann und leiden mehr als er. Der Mann hat Kraft und kann sich nach Seinen Fähigkeiten betätigen; er handelt, er geht vorwärts, er ist beschästigt, er macht Pläne, er denkt an die Zukunft, und findet darin Trost. So machte es Charles. Aber die Frau bleibt zurück, verharrt angesichts des Kummers, von dem sie nichts ablenkt, sie steigt in bie Tiefe des Ab­grunds herab, die er vor ihr auftut, mißt sie ans und füllt sie ost mit ihren Wünschen und Tränen an. So machte es Eugenie. Sie schritt den Weg ihres Schicksals. Zu sühlen, zu lieben, zu leiden, sich hinzugeben wird immer der Text des Frauenlebens sein. (Eugeuie sollte ganz Frau sein, ohne das, was die Frau tröstet. Ihr Glück, das aufgeschossen ivar wie auf der Mauer gesäte Nelken, um das wundervolle Wort von Bossuet zu, gebrauchen, sollte nicht eines Tages ihre Hände füllen. Leiden lassen nie auf Sich warten, und für sie kamen sie sehr bald. Am Morgen nach Charles Abreise hatte das haus Grandet für jedermann wieder seine alten Züge, außer für Eugeme, bie es plötzlich sehr leer fand. Ohne daß ihr Vater es wußte, sollte nachmetn Willen Charles' Zimmer in dem Zustand bleiben, in dem er es verlassen hatte: Frau Grandet und Nanon machten sich bereitwillig zu Mitschuldigen dieses Status quo. c.

»Wer weiß, ob er nicht eher, als wir glauben, zurückkommt , sagte )ie.

»Ach, ich wünschte, er wäre da", antwortete Nanon,ich habe mich n° an ihn gewohnt. Er war ein sehr freundlicher, sehr guter Herr, beinah ilo hübsch und lockig wie ein Mädchen."

Eugeuie sah Nanon an.

_Heilige Jungfrau, Fräulein, Sie machen Augen, daß tote <jl)ie «eele ,n Verdammnis stürzen, sehen Sie doch nicht so in die Welt.

Seit diesem Tag nahm die Schönheit voit Fräulein Grandet einen «euen Ausdruck an. Die schweren Liebesgedanken, von denen ihre Seele fügsam ausgefüllt wurde, die Würde der geliebten Frau.gaben ihren Kbgen eine Art Leuchtkraft, die die Maler als Heiligenschein darstellen.

ihr Vetter dagewesen war, konnte Eugeme mit der heiligen yu flf ot bet Empfängnis verglichen werben; nach seiner Abreise ähnelte sie b r Jungfrau Mutter: die Empfängnis der Liebe hatte sich m ihr vollzogen.

Diese beiden so verschiedenen Marien, die so gut von einigen spanischen Malern dargestellt sind, gehören zu den herrlichsten Gestalten in der reichen Fülle des Christentums. Auf dem Rückweg von der Messe, in die sie am Morgen nach Charles' Abreise gegangen war und in die sie täglich zu gehen gelobt hatte, kaufte sie beim Buchhändler der Stadt eine Weltkarte, die sie neben ihrem Spiegel annagelte, um ihrem Vetter aus seiner Fahrt nach Indien folgen zu können, um sich ein wenig abends und motgends auf das Schiff zu begeben, das ihn dorthin führte, um ihn zu sehen, tausend Fragen an ihn zu stellen, um ihm zu sagen: Geht's dir gut? Leibest bu auch nicht? Denkst bu wohl an mich, wenn bu ben Polarstern siehst, dessen Schönheit und Bedeutung du mir erklärt hast?

Dann des Morgens blieb sie nachdenklich unter dem Nußbaum sitzen, auf der Holzbank, die von Würmern zernagt und von grauem Moos be­wachsen war, wo sie sich soviel törichte liebe Dinge gesagt, wo sie Luft­schlösser für ihren kleinen Haushalt gebaut hatten. Sie dachte an bie Zukunft unb betrachtete bas kleine Stück Himmel, auf baä bie Mauern ihr ben Blick gestatteten, ober das alte Mauerstück unb bas Dach, unter bem Charles Zimmer lag. Mit einem Wort: es war bie einsame Liebe, bie wahre Liebe, bie ausharrt, bie sich in alle Gebauten einschleicht unb ihren Kern bilbet, ober wie unsre Väter gesagt hätten, ben Lebensstoff. Wenn bie sogenannten Freunbe bes alten Granbet kamen, um ihr Abenbspielchen zu machen, war sie heiter, verstellte sie sich; aber währenb bes ganzen Morgens plauberte sie von Charles mit ihrer Mutter unb Ranon. Nanon verstaub wohl, baß sie mit ben Serben ihres jungen Fräuleins mitfühlen könnte, ohne ihre Pflichten gegen ihren alten Herrn zu versäumen, baher sagte sie zu Eugenie: Wenn ich einen Mann gehabt hätte, bann wäre ich ihm... in bie Hölle gefolgt. Ich hätte ihm... was ... also ich hätte mich für ihn umgebracht; aber... nrchts zu machen. Ich werbe sterben, ohne zu wissen, was bas Leben eigentlich ist. Aber glauben Sie, Fräulein, baß bet alte Coruoiller, der trotzbem ein guter Kerl ist, an meinet Schütze hängt, wegen meiner Renten, genau wie bie Leute, bie hierher kommen, um ben Schatz bes Herrn zu beriechen, Ihnen ben Hof machen. Das merke ich, weil ich eine feine Nase habe, wenn ich auch ein plumper Turm bin; na, unb Fräulein, bas macht mir Vergnügen, obwohl's keine Liebe ist." So vergingen zwei Monate. Das häusliche Leben, bas früher so einförmig wat, würbe jetzt burch bie ungeheure Wichtigkeit ihres Geheimnisses belebt, bas biese drei Frauen noch inniger verbanb. Für sie weilte unb verkehrte Charles immer noch unter ben angegrauten Balken bes Saales. Morgens unb abends öffnete Eugenie das Neeessaite und betrachtete das Bild ihrer Tante. An einem Sonntagmorgen wurde sie von ihrer Mutter überrascht, gerade als sie sich bemühte, Charles' Züge in denen des Porträts wiedetzufinden. So wurde Frau Grandet in das schreckliche Geheimnis des Austauschs eingeweiht, den bet Abgereiste mit Eugeniens Schatz vorgenommen hatte.

Du hast ihm alles gegeben?" sagte die Mutter erschreckt.Was wirst bu benn zum Vater am Neujahrstage sagen, wenn er dein Gold sehen will?"

Eugeniens Augen wurden starr, unb bie beiben Frauen verhrachten ben halben Morgen in einer löblichen Angst. Sie waren in solcher Aufregung, baß sie bas Hochamt versäumten unb nur zur Solbatenmesse gingen. In brei Tagen war bas Jahr 1819 zu Enbe. In btei Tagen mußte etwas Schreckliches geschehen, eine bürgerliche Tragöbie beginnen, ohne Gift, ohne Dolch, ohne Blutvergießen; aber für bie tjanbelnben Personen grausamer als alle Dramen, bie sich in ber berühmten Familie bet Atriden abgespielt haben.

Was soll ans uns werben", sagte Frau Granbet unb legte ihre Strick­arbeit in ben Schoß.

Die arme Mutter litt seit zwei Monaten unter solcher inneren Unruhe, baß bie wollenen Pulswärmer, bie sie im Winter brauchte, noch nicht fertig waren. Diese häusliche scheinbare Kleinigkeit hatte traurige Folgen für sie. Ohne bie Pulswärmer würbe sie von ber Kälte in verhängnisvoller Weise gepackt mitten in einem Schweißausbruch, ber burch einen furchtbaren Zornanfall ihres Mannes verursacht war.

Ich büchte, wenn bu mir bein Geheimnis antiertraut hättest, mein armes Kinb, hätten wir Zeit gehabt, nach Paris an Herrn bes Grassins zu schreiben. Er hätte uns ähnliche Golbstücke wie beine schicken können, und wenn auch Granbet sie gut kennt, vielleicht..

Aber wo hätten wir soviel Gelb hergenommen?"

Ich hätte meinen Grunbbesitz verpsänbet. Uebrigens hätte Herr bes Grassins uns wohl..."

Es ist keine Zeit mehr", unterbrach Eugenie mit bumpser aufgeregter Stimme ihre Mutter.Morgen früh müssen wir ihm boch zum neuen Jahr in seinem Zimmer Glück wünschen?"

Ach, Kinb, soll ich nicht am (Enbe zu ben Cruchots gehen?"

Nein, nein, bas würbe mich ihnen ausliefern, unb wir würben von ihnen abhängig. Außerbem, ich habe meinen Entschluß gefaßt. Ich habe recht getan, ich bereue nichts. Gott wirb mir beistehen. Sein heiliger Wille geschehe. Ach, wenn bu seinen Brief gelesen hättest, würbest bu auch nur an ihn gebacht haben, liebe Mutter."

Am nächsten Morgen, dem 1. Januar 1820, gab die brennende Sorge, deren Beute Mutter und Tochter waren, ihnen die natürlichste Entschuld!-