Das Rosenband.
Von Friedrich Gottlieb Klop stock.
Im Frühlingsschatten fand ich sie; Da band ich sie mit Rosenbändern. Sie fühlt' es nicht und fchlummerte.
Ich sah sie an; mein Leben hing Mit diesem Blick an ihrem fieben I Ich fühlt' es wohl und mußt' es nicht.
Doch lispelt' ich ihr sprachlos zu
Und rauschte mit den Rosenbändern: Da wachte sie vom Schlummer auf.
Sie sah mich an; ihr Leben hing Mit diesem Blick an meinem Leben, Und um uns ward's Elysium.
Erste Begegnung.
Mela Moller schreibt an den Pfarrer Oiefete*.
Anfang April 1751.
---Mein Kläpstock ist jetzt in Hamburg angekommen. Er läßt fragen, wann er mich besuchen darf. Ich sage gleich. Ohne daran zu denken, daß gleich nicht zwei Stunden heißt, und wohl wissend, daß ein Frauenzimmer sich nicht leicht in weniger Zeit ankleiden kann, so fange ich an, mich zu putzen. Kaum aber hatte ich mich an den Nachttisch gesetzt und die Nadeln aus den Haaren genommen, welche nun mit großer Unordnung um meine Stirn hingen, so sagt man mir: der fremde Herr ist da. Ich stecke geschwinde, geschwinde die Haare nur soviel zurück, als nötig war, um sie mir nicht in die Augen hängen zu lassen, werfe ein Neglige über, und weil ich nicht Zeit habe, es zurechtzustecken, so schlag ich ein großes, großes Tuch darüber. Die Schmidt kommt herein, ich springe ein paarmal in die Höhe und freue mich ganz unbeschreiblich, daß ich nun den Verfasser des Messias, den Freund von Gieseke, den Beiträger, sehen soll, wonach mich so sehr verlangt. Ich sehe, wie ich durch das Vorzimmer gehe, noch einmal in den großen Spiegel, sage: ich bin doch auch nicht zu meinem Vorteil gekleidet (und das war ich auch wirklich nicht), ich hätte es für einen Beiträger wohl mehr fein mögen; aber der Verfasser des Messias wird wohl nicht sehr darauf sehen. — Hätte ich gewußt, daß der Verfasser des Messias würde mein Geliebter werden, wieviel mehr wurde ich dann hierüber bekümmert gewesen sein? Nun mache ich die Tür auf, nun seh Ich ihn--ja, hier müßte ich Empfindungen malen können. — Sein
Anblick frappierte mich in dem eigentlichsten Verstände. Ich hatte schon so viele Fremde gesehen, aber niemals habe ich einen solchen Schrecken, einen solchen Schauer — ich weiß nicht, wie ich mich ausdrucken soll— empfunden. Ich hatte gar nicht die Meinung, daß em ernsthafter Dichter finster und mürrisch aussehen, schlecht gekleidet sein und keine Manieren haben müsse; aber ich stellte mir doch auch nicht vor daß der Verfasser des Messias so süß aussähe, und so bis zur Vollkommenheit schon «are — Denn das ist Klopstock in meinen Augen, ich kann nicht helfen, daß ich s sage; — aber Ihnen kann ich's sagen. —
Er stutzte auch. Wir schwiegen alle beide eine kleine Weile länger still, als man in einem solchen Falle tut. Endlich sagte er: Herr Gise e ha mir gesagt, daß ich die Erlaubnis hätte, Ihnen aufzuwarten. — Ach, Uifete, wie rührte mich der Ton feiner Stimme. Und da sah '4 'r" "L^be vor recht an. Ach, da stand er da, da. In der Schm.d en ihrer Stube vor der Sammertür. Wenn Sie hier waren, so wurde ich S,e an d,e Stelle hinführen und sagen: da roar’s, Gieseke, ba — fa"b- baB ungezwungener vieler Anmut bückte — und ich fmbe : gnaenehm, Was meinen Sie aber, daß ich nun antwortete? I aufbrinqen' Sie kennenzulernen. - Wahrhaftig, ich konnte nichts anderes °ufbr,ngem Und bann geschwinde: Wollen Sie bie Gitte haben, M 8U |e8en t setzte mich ihm gegenüber. Ich habe wich nackch -
gesehen, baß er feine Hand mit ber anbern hie t. Ich 9 ' „
von ungefähr. Klopstock hat mir aber gesagt, er habe gezittert
- * Der folgenbe Bries ber bamals breiunbzwanzlgjährigen Hamburger Kaufmannstochter Meta (Margarete) Moller an $ ^s'
Pfarrer Nikolaus Dietrich Giefeke, fchilbert bie erf e
berühmten „Meffias"-Dichters mit feiner spateren Frau bre Jahre nach diesem Brief, am 10. Juni 1754, wurde Meta mit W<* >" er^am burger Petri-Kirche getraut. Der Brief bedarf nur wemg «itlofe
er ist ebensosehr Zeugnis des empfindsamen 18.Iahrhun Mi A, ibt Stimme ein s zärtlichen Herzens, dessen Sprache: immer
- „Die Schmidt» gehörte wohl zu Metas Hamburger Freundeskre.^intt ber später erwähnten Schmlbt „mit ben blauen ugen f bie er
Klopstock- Kusine Marie Sophie Schmibi in Langen alz g '
ohne Gegenli be zu wecken, verehrte und in Gedichten °l- »Fanny be fang. -Beiträger nannte man bie M"°r °'ter (u. a^ Gieseke^unb Gellert) an ben „Bremer Beiträgen , ein« Woche sch h rn; 4. Banbe 1748 die ersten Gesänge des „Messias ersch
Friedrich von H., ber heute vergessene Hamburger Lieder- und 6 dichter. — Tour de gorge: Halsausschnitt.
mir das Zittern dadurch verbergen wollen. Er hätte sich sehr darüber verwundert, daß er zitterte, weil er’s nicht gewohnt wäre, und auch keine Ursache davon hätte finden können.
Den folgenden Tag speiste Klopstock des Mittags mit vieler unwürdiger Gesellschaft bei uns. Ich hatte mich sehr sorgfältig geputzt, ein Umstand,, der bei verliebten Mädchen, und am allermeisten bei denen, die im Begriff sind, es zu werden, sehr oft vorkommt. Ich hatte sogar deswegen meine Trauer mehr erleichtert, als ich eigentlich gesollt hätte. Wie ich ertig war, sagte man mir, Klopstock wäre gekommen. Ich wollte noch geschwinder sein, als ich schon von Natur bin, und zerriß darüber im Laufen die Garnitur meines Kleides. Ich ward sehr böse. Es mußte doch wieder gemacht werden. Das war entsetzlich, daß das Dienstmädchen so langsam war. „Fort, fort, geschwind!" schrie ich bei jedem Stiche, den sie tat. Ich hätte beinahe geflucht; wenigstens stampfte ich mit dem Fuße. Es ward glücklich fertig, und ich flog hinauf. Ich war von Klopstocks Süßigkeit fo überzeugt, daß ich mit der Schmidt gewettet hatte, bie würde Klopstock gleich unter den beiden anderen Fremden (die ich damals selbst noch nicht gesehen hatte) erkennen. Nun machte ich die Tür auf und sah — und sah gleich Klopstock. Er sah noch süßer aus als den vorigen Tag und kam mit einer so sanften Freundlichkeit zu mir, die sich nicht beschreiben läßt. Nun sah ich erst die übrigen in der Geselljchast, deren Unwürdigkeit ich damals noch nicht so kannte als jetzt. Ich sprach mit ihnen und kam wieder zu Klopstock. Ich setzte mich sogar allein mit ihm ans Fenster. „Ich bleibe bis Mittwoch", sagte er mir mit einer Freude, die mir sehr angenehm war. Ich freute mich auch. Er sah meine Kleidung an. „Ist bas Trauer?" fragte er. Es war mir sehr angenehm, daß meine Kleidung bemerkt wurde, weil's Klopstock war. Wir gingen zu Tisch. Klopstock führte mich, welches mir lieb war, obgleich mehr Gesellschaft da war. Ich bot Klopstock den obersten Platz an, wünschte aber, daß er ihn nicht nehmen möchte. „Wo sitzen Sie?" fragte er. — „Ich sitze hier." — „Ich sitze bei Ihnen." — „So setze ein jeder sich, wie ihm gefällig", sagte ich; denn nun halt' ich, was ich wollte. Klopstock sprach immer mit mir allein. Die andern nahmen es übel, ich nicht. Man sprach von schönen Augen. Klopstock sagte, er kenne die schönsten blauen Augen in Deutschland. Das sind der Schmidt ihre, dachte ich und fühlte, daß ich rot wurde. Aber tönnten’s nicht auch die meinen fein? Er sah mich doch so süß an, wie er’s sagte. Nein, das ist doch nicht möglich. — Wenn sie nur recht blau wären! Ein geschwinder Blick nach dem Spiegel, welcher betrübt wieder zurückkehrte. Klopstock, der immer mehr tändelte, tändelte nun endlich Liebe... Einen kleinen Umstand kann ich für Sie unmöglich unterdrücken. Ich reichte Rahm und einen Teller mit Aepfeln, und weil Klop- stock und Hagedorn zwischen uns saßen, fo mußte ich mich fast über Klopstock feinen Schoß legen, um chinzukonnnen. Klopstock sah sehr aufmerksam nach meiner Tour de gorge und seufzte. Ich bemerkte es und wunderte mich; denn ich hatte Klopstock bisher für einen bloßen Geist gehalten. Ich ward aber doch nicht böse darüber, da ich sonst allemal bei einer solchen Gelegenheit gegen eine jede Mannesperson Zorn und Verachtung empfunden habe. Dieses setze ich nicht etwa als einen Beweis meiner Tugend hierher, sondern es ist eine wirkliche Wahrheit.
Wir standen vom Tische auf. Klopstock hat mir nachher gesagt, daß er sich selbst gewundert habe, daß ich mit meinen andern Nachbarn fo wenig gesprochen hätte. Bel Tisch hatte man von unfern hiesigen Regenkleidern gesprochen. Ich versäumte die Gelegenheit nicht, jetzt eins bringen zu lassen und cs umzutun, auf daß sie die Mode recht sehen könnten. Ein Nebenumstand ist sonst auch, daß es mir sehr gut steht. Dieser Neben- umstand tat auch die sehr gute Wirkung auf Klopstock, daß er herflog und mich mit vielem Feuer küßte. Nun fing die Gesellschaft an, sich zu zerstreuen, und die meisten fuhren weg. Klopstock trat mit mir an ein Fenster und las einen Bries von Ihnen. Ich, um desto besser in den Brief zu sehen, weil wir ihn doch nicht ganz laut lesen konnten, hatte, wirklich ganz von ungefähr, meine Hand hinter Klopstocks Rücken gelegt. Er drückte sie mir ganz sanft mit feinem Rücken. Dieser Druck erregte bei mir ein Gefühl, das mich aufmerksam machte, das doch aber so süß war, daß ich nicht imstande war, meinen Arm zurückzuziehen (welches ich bei einer andern Mannesperson gewiß gleich getan hätte). Mein Arm blieb also ganz dicht an Klopstocks Rücken liegen, solange er den Brief las. Klopstock hat mir auch erzählt, daß ich, wie er nachher mit mir gefpro» chen und er seine Stirn fo ein bißchen gegen mich geneigt, ich die meinige auch ein bißchen fo hingebogen, daß sie sich ganz sanft einander berührt. Diesen Umstand weiß ich nicht mehr. Ich glaube daher, daß sch'- auch nicht muß gewußt haben, wie ich's getan habe. Klopstock fragte mich, ob ich feine Elegie: Die nur zärtlichen Herzens ufw. kenne. Ich sagte aus einer gewissen Furchtsamkeit, bah ich sie nicht genug kennen möchte, nein. Er rounberte sich unb faate: „So wollen wir sie zusammen lesen." Ich ging besroegen mit ihm nach ber Schmibt ihrem Zimmer. Ich fing an zu lesen, konnte aber nicht fortfahren, weil ich einen zu starken Fluß auf ben Augen hatte. Klopstock las. Er hielt meine eine Hanb. Das Herz fchlug mir gewaltig, unsre Hänbe würben immer heißer; ich fühlte sehr viel, unb ich glaube, Klopstock auch. Er las ein Stück aus betn Messias. Die Schmibt war baiuqetommen. Er fragte, ob er nicht einen Kuß bafur verdient hätte. Die Schmibt sagte ja. Ich sagte, ich küßte keine Mannesperfon. Er bisputierte viel bagegen. Ich bachte, warum küßt ber Affe dich benn nicht9 Du kannst ihm ben Kuß ja nicht geben. Herr Keller kam herauf. Er fragte, ob Klopstock benn noch nicht roegfahren wollte. Er mußte ja zu Olben. „3a, halb", sagte Klopstock, setzte sich unterbeffen hin unb trank mit uns Tee. Die Schmibt war fo gut, Herrn Keller zu unterhalten; ich schwatzte mit Klopstock. Er sagte, ich sollte mit ihm reifen. I-st sagte, ich wollte wohl. „Aber Sie würben zu sehr frieren?" „Wenn ich Ihr Feuer bei mir hätte, wohl nicht", sagte ich mit Lachen. „Ach, Sie haben genug eignes Feuer", sagte er unb küßte mich mit nicht wenigem. Endlich, nachdem Herr Keller lange angemahnt unb bie Glocke neun geschlagen hatte, fuhr mein Klopstock zu Olben.---


