Ausgabe 
17.9.1937
 
Einzelbild herunterladen

SichMrZamiljenbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1957

Hreitag, den 17. September

Nummer 72

Eugenie ® raubet ROMAN von Honore de Balzac

1. Fortsetzung.

Herr Gründet trug feste Schuhe, die mit ledernen Riemen zugeschnürt waren; er trug zu jeder Jahreszeit dicke wollene Strümpfe, eine Kniehose von grobem kastanienbraunem Tuch mit silbernen Schnallen, eine gelb und flohbraun gestreifte zweireihig geknöpfte Samtweste, einen weiten, kastanienbraunen Rock mit langen Schößen, eine schwarze Krawatte und einen Ouäkerhut. Seine Handschuhe, die so derb waren wie die der Gen­darmen, hielten jahrelang, und damit sie sauber blieben, legte er sie mit einer regelmäßigen Bewegung an dieselbe Stelle auf den Rand seines Hutes. Weiter wußte Saumur von diesem Manne nichts.

Rur sechs Mitbürger genossen das Recht, in diesem Haus zu ver­kehren. Bon dreien unter ihnen war der namhafteste der Reffe des Herrn Cruchot. Seit seiner Ernennung zum Gerichtspräsidenten der ersten Instanz von Saumur hatte dieser junge Mann an seinen Namen Cruchot ein de Bonfons angehängt, und er arbeitete darauf hin, den Ton auf Bonfons zu verlegen. Er unterzeichnete schon C. Le Bonfons. Wer einen Prozeß führte und so schlecht beraten war, ihnHerr Cru­chot" anzureden, merkte bald im Gerichtssaal seine Dummheit. Der Richter protegierte die, die ihnHerr Präsident" nannten, aber sein liebenswürdigstes Lächeln schenkte er den Schmeichlern, dieHerr de Bonfons" zu ihm sagten. Der Herr Präsident stand im dreiunddrei- ßigsten Jahr, besah das Gut Bonfons (Boni Fontis), das siebentausend Franken Rente abwarf und konnte auf die große Erbschaft seines Onkels, des Notars, und seines Onkels, des Abbe Cruchot rechnen, des Stiftsherrn von Saint Martin de Tours, die alle beide für ziemlich reich galten. Diese drei Cruchots, die durch eine große Vetternlchaft verstärkt und mit zwanzig Häusern der Stadt verbunden waren, bildeten eine Partei, wie ehemals in Florenz die Medieis, und wie die Medicis hatten die Cruchots ihre Pazzi. Frau des Grassins, Mutter eines Sohnes von dreiundzwanzig Jahren, kam öfter zu einem Spielchen zu Frau Gründet, weil sie hoffte, ihren Adolph mit Fräulein Eugenie zu verheiraten. Herr des Grassins, der Bankier, begünstigte tatkräftig dis Manöver seiner Frau, indem er insgeheim dem alten Geizhals ständig Dienste leistete und immer im rechten Augenblick auf dem Kampfplatz erschien. Diese drei Grassins' hatten ebenfalls ihre Anhänger, ihre Vettern, ihre treuen Verbündeten. Von feiten der Cruchots machte der Abbe, der Talleyrand der Familie, wohl unterstützt durch seinen Bruder, den Notar, das Terrain der Bankiers- gattin lebhaft streitig und versuchte, die reiche Erbschaft seinem Neffen, dem Präsidenten, zu sichern. Dieser heimliche Kampf zwischen den Cru­chots und den Grassins', dessen Preis die Hand von Eugenie Grandet war, beschäftigte leidenschaftlich die verschiedenen Gesellschaften von Sau­mur. Wird Fräulein Grandet den Herrn Präsidenten oder Herrn Adolph des Grassins heiraten? Zu diesem Problem meinten manche Leute, daß Herr Grandet seine Tochter weder dem einen noch dem anderen geben würde. Der alte Böttcher würde, aufgeblasen von Ehrgeiz, sagten sie, irgendeinen Pair von Frankreich zum Schwiegersohn suchen, der für dreihunderttausend Franken Rente alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Fässer der Grandets in Kauf nehmen würde. Andre ent­gegneten, daß Herr und Frau des Grassins adlig wären, ungeheuer reich, daß Adolph ein sehr schmucker Kavalier sei, und daß, wenn man auch nicht den Papst zum Vetter bekäme, eine so anständige Partie doch solche Leute ohne Herkunft befriedigen müßte, da doch ganz Saumur den Mann mit dem Bandmesser in der Hand gesehen hat, der überdies die rote Mütze getragen. Ganz Gescheite gaben zu bedenken, daß Herr Cruchot de Bonfons zu jeder Zeit ins Haus kam, während sein Rivale nur Sonntags empfangen wurde. Die einen blieben dabei, daß Frau des Grassins, die mehr als die Cruchots mit den Frauen des Hauses Grandet befreundet war, ihnen gewisse Ideen einimpfen könnte, die ihr früher oder später zum Erfolg verhelfen würden. Die andern setzten dem entgegen, daß der Abbe Cruchot sich wie niemand auf der Welt einzuschmeicheln verstünde, und daß Weib gegen Mönch das Spiel gleich sei.Totes Rennen", sagte ein Schöngeist von Saumur.

Die Alten im Ort, die mehr wußten, behaupteten, daß die Grandets viel zu schlau seien, um ihr Vermögen aus ihrer Familie heraus zu lassen, und daß Fräulein Eugenie Grandet von Saumur mit dem Sohn des Herrn Grandet von Paris, dem reichen Weingroßhändler, verhei­

ratet werden würde. Darauf entgegneten die Cruchotiften und dis Grafsinisten:

Erstens haben sich die beiden Brüder in dreißig Jahren nicht zwei« mal gesehen.

Zweitens will Herr Grandet von Paris mit seinem Sohn hoch hinaus. Er ist Bürgermeister eines Kreises, Abgeordneter, Hauptmann der Nationalgarde und Richter am Handelsgericht; er verleugnet die Grandets von Saumur und hat den Ehrgeiz, sich mit einer herzoglichen Familie von Napoleons Gnaden zu verbinden."

Was sagte man nicht über eine Erbin, von der man auf zwanzig Meilen in der Runde sprach und sogar in den öffentlichen Postkutschen von Angers bis Blois! Anfang des Jahres 1811 gewannen die Crucho- tisten einen denkwürdigen Vorsprung vor den Grassinisten. Der Landsitz Froidfond, der sehenswert war durch seinen Park, sein wundervolles Schloß, seine Farmen, seine Flüsse, Teiche und Wälder, und der einen Wert von drei Millionen darstellte, wurde von dem jungen Marquis von Froidfond, der sein Vermögen zu realisieren gezwungen war, zum Verkauf geboten. Der Notar Cruchot, der Präsident Cruchot, der Abbä Cruchot samt ihrer hilfsbereiten Anhängerschaft wußten den Verkauf in einzelnen Parzellen zu verhindern. Der Notar schloß mit dem jungen Mann einen sehr vorteilhaften Kaufvertrag ab, nachdem er ihm weis- gemacht hatte, er werde zahllose Prozesse gegen die Käufer anstrengen müssen, ehe er wirklich zu seinem Geld für die Parzellen käme, und daß es besser wäre, alles an Herrn Grandet zu verkaufen, der ein solventer Mann sei und außerdem geneigt, das Gut in barem Gelds zu be­zahlen. So wurde der schöne Herrensitz von Froidfond dem Schlund des Herrn Grandet zugetrieben. Herr Grandet bezahlte es zur großen lieber» rajchung von Saumur bar mit Skonto nach Erledigung der Forma­litäten. Dieser Handel machte Aufsehen von Nantes bis Orleans Herr Grandet besuchte fein Schloß, als bei einer Gelegenheit ein Wagen dorthin zurllckkehrte. Nachdem er den Blick des Herrn auf fein Besitz- tum geworfen hatte, kehrte er nach Saumur zurück, in dem sichern Be­wußtsein, fein Geld glänzend angelegt zu haben, und von dem groß- artigen Gedanken gepackt, den Herrensitz von Froidfond dadurch zu erweitern, daß er alle seine Güter mit ihm vereinigte. Darauf beschloß er, um seinen fast geleerten Schatz wieder aufzufüllen, seine Holzungen und Wälder total abzuhauen und die Pappeln auf seinen Wiesen nutz­bar zu machen.

Jetzt ist es leicht, das ganze Schwergewicht der Worte:Herrn Grandets Haus" zu verstehen. Dies fahle, kalte, schweigsame Haus, das hoch über der Stadt lag und durch die Ruinen der Wälle geschätzt war. Die beiden Pfeiler und die Wölbung, die den Eingang bildeten, waren wie das Haus selbst, aus Tuffstein, einem weißen,'den Ufern der Loire eigentümlichen Stein, der so weich ist, daß seine Haltbarkeit im Durch­schnitt kaum zweihundert Jahre übersteigt. Durch die ungleichen und zahlreichen phantastisch aussehenden Löcher im Stein, die durch die Unbilden der Witterung entstanden waren, wirkten Bogen und Pfeiler so, wie wenn sie aus den Steinen mit kleinen gewundenen Verzie­rungen gemacht wären, wie sie die französische Architektur verwendet, und erinnerten etwas an den Vorhof eines Gefängnisses, lieber dem Torbogen lief ein langes Basrelief aus hartem behauenem Stein, bas die vier Jahreszeiten darstellte; die Figuren waren schon zerfressen und ganz schwarz. Dieses Basrelief war überdacht von einer hervorspringenden Platte, auf der sich verschiedene Zufallsvegetationen, wie gelbes Mauer- kraut, Wicken, Winden, Wegerich breitmachten, und ein kleiner Kirschbaum, der schon ziemlich hoch war. Die Haustür aus massiver Eiche, braun, aus- getrocknet, überall gerissen, schien schwach, war aber fest zusammengehalten durch die Anordnung ihrer Bolzen, die symmetrische Figuren bildeten. Ein viereckiges Gitter, klein, aber mit sehr starken, von Rost roten Stäben, nahm die Mitte der nicht sehr großen Tür ein und diente sozusagen als Lager für einen Hammer, der an einem Ring befestigt war und auf den fratzenhaften Kopf eines alten Nagels schlug. Dieser Hammer von länglicher Form, in der Art, die unsere Vorfahren einen Jäckel nannten, ähnelte einem großen Ausrufungszeichen; ein Altertumskenner würde, wenn er ihn genau untersuchte, noch einige Züge des außerordentlich derbkomifchen Gesichts daraus herausfinden, das er ehemals darstellte, das aber durch den langen Gebrauch unkenntlich geworden war. Durch das kleine Gitter, durch das man in den Zeiten der Bürgerkriege die Freunde erkennen sollte, konnten Neugierige im Hintergrund einer dunkeln und grünlichen Wölbung einige schadhafte Stufen erkennen, auf denen man zu einem Garten emporstieg, den malerisch dicke, feuchte Mauern umgrenzten, aus denen es überall sickerte, und die voll von Büscheln schwacher Stauden stan­den. Das waren die Mauern des Bollwerks, über dem sich die Gärten einiger benachbarter Häuser erhoben. Im Erdgeschoß des Hauses war der ansehn­lichste Raum ein Saal, dessen Eingang sich unter der Wölbung des Torwegs befand. Wenig Menschen kennen die Bedeutung des Saales in den kleinen Städten von Anjou, der Touraine und Serri. Der Saal ist alles zusammen: Vorzimmer, Salon, Arbeitszimmer, Boudoir, Eßzimmer; er ist der Schau-