Ausgabe 
5.11.1937
 
Einzelbild herunterladen

Ach, sie öffnet die Augen! Na, Mutter, Mütterchen, Muttchen, hör' dochl Da! sieh! ich umarme Eugenie. Sie liebt ihren Vetter, sie wird ihn heiraten, wenn sie will, sie wird ihm sein kleines Kästchen aufheben. Aber lebe noch lange, meine arme Frau! Komm, rühr' dich doch! Höre, du sollst den schönsten Ruhealtar haben, den es je in Saumur gegeben hat."

Lieber Gott! daß Sie so Ihre Frau und Ihr Kind behandeln können", sagte mit schwacher Stimme Frau Gründet.

Ich will's nie, nie mehr tun", schrie der Böttcher.Du wirst'? sehen, meine arme Frau."

Er lief in sein Arbeitszimmer und kam mit einer Handvoll Loms zurück, die er über das Bett streute.

Nimm, Eugenie! Nimm, Frau! die sind für euch!" sagte er und hielt die Goldstücke hin.

Hör' doch, sei wieder lustig, Frau! laß es dir wohl sein, es soll dir an nichts sehlen, auch Eugenien nicht. Hier sind hundert Louisdor für sie. Die wirst du nicht verschenken, Eugenie, diese hier nicht, was?"

Frau Grandet und ihre Tochter sahen sich erstaunt an.

Behalten Sie sie, Vater; wir brauchen nichts, außer Ihrer Liebe."

Gut, sei's so", sagte er und steckte die Louis wieder ein.Wir wollen als gute Freunde leben. Wir wollen alle in den Saal hinuntcrgehen und da Mittag essen, und alle Abende Lotto spielen, zu zwei Sous. Ihr sollt euern Spaß haben! Ja? Frau?"

Ach, ich wollte es gern, wenn es Ihnen lieb ist", sagte bte Sterbende, aber ich kann nicht aufstehen."

Arme Mutter", sagte der Böttcher,du weißt nicht, wie lieb ich dich habe. Und dich, Tochter." Er drückte sie an sich und küßte sie.

Oh, wie tut das gut, seine Tochter nach einem Streit zu küssen, mein Töchterchen. Da, siehst du, Mütterchen, wir sind ganz eins jetzt. Schließ das doch weg", sagte er zu Eugenie und zeigte auf das Kästchen.Geh, fürchte nichts. Ich werde nicht mehr davon mit dir sprechen, nie mehr."

Herr Bergerin, der berühmteste Arzt von Saumur, kam bald. Nach der Untersuchung erklärte er Gründet mit Bestimmtheit, daß seine Frau sehr krank sei, aber daß große Gemütsruhe, liebevolle Behandlung und sorgsamste Pflege ihre Todesstunde bis gegen Ende des Herbstes hinausschieben könnten.

Kostet das viel?" fragte der Alte,braucht man Medizin?"

Wenig Medizin, aber viel Vflege", erwidette der Arzt, der ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.

Kurz und gut, Herr Bergerin", antwortete Gründet,Sie sind ein Ehrenmann, nicht wahr? Ich verlasse mich auf Sie. Kommen Sie, meine Frau zu besuchen, ganz so ost, wie Sie es für richtig halten. Erhalten Sie mir meine gute Frau; ich habe sie sehr lieb, wisse,» Sie, ohne daß es so scheint, weil bei mir sich alles innerlich abspielt und mir dreifach das Herz zerreißt. Ich habe Sorgen. Die Sorge ist in mein Haus gekommen, mit dem Tod meines Bruders, für den ich in Paris Summen ausgebe daß einem die Augen übergehen, kurz und gut! und das nimmt kein Ende. Adieu, Doktor. Wenn meine Frau zu retten ist, retten Sie sie, selbst wenn man hundert bis zweihundert Franken dafür ausgeben muß."

Trotz den glühenden Wünschen, die Gründet für die Gesundheit seiner Frau hegte, deren Nachlaßerössnung schon einen Tod für ihn bedeutete; trotz der Willfährigkeit, die er bei jeder Gelegenheit für die geringsten Wünsche der erstaunten Mutter und Tochter an den Tag legte; trotz der zärtlichsten Pflege, nn der es Eugenie nicht sehlen ließ, eilte Frau Gründet dem Tod entgegen. Jeden Tag wurde sie schwächer und siechte dahin, wte die meisten Frauen dahinsiechen, die in diesem Alter von einer Krankheit befallen werden. Sie war schwach, wie die Blätter der Bäume im Herbst. Himmelsstrahlen ließen sie aufleuchten, wie diese Blätter, wenn die Sonne durch sie fällt und sie vergoldet. Ihr Tod war ihres Lebens würdig; ein echt christlicher Tod, heißt das nicht, ein wundervoller Tod? Im Monat Oktober 1822 kamen in besonderem Maße ihre Tugenden, ihre engelhafte Geduld und ihre Liebe zu ihrer Tochter zum Ausdruck; sie verlosch ohne den geringsten Klagelaut. Ein makelloses Lamm, ging sie in den Himmel ein und ließ mit Bedauern hienieden nur die sanfte Gefährtin ihres freudlosen Lebens zurück, der ihre letzten Blicke tausendfaches Leid zu weissagen schienen. Sie zitterte, daß sie dieses Lamm, so weiß wie sie selbst, allein lassen mußte, mitten in einer selbstsüchtigen Welt, die ihm sein Vließ, feine Schätze rauben wollte.

Kind", sagte sie, ehe sie ihr Leben aushauchte,ein Glück gibt es nur im Himmel, auch du wirst es eines Tages wisien."

Am Tage nach diesem Todesfall fand Eugenie neue Gründe, ihr Herz an dies Haus zu hängen, wo fie geboten war, wo sie so viel gelitten hatte, wo ihre Mutter eben gestorben war. Sie konnte die Fensternische und den erhöhten Stuhl nicht ansehen, ohne Tränen zu vergießen. Sie glaubte, das Herz ihres alten Vaters verkannt zu haben, als sie sich von seiner zärtlichsten Fürsorge umgeben sah: er reichte ihr den Arm, wenn sie zum Frühstück herunterging; er sah sie mit beinah wohlwollender Miene ganze Stunden lang an; mit einem Wort, er wandte kein Auge von ihr, wie wenn sie von Gold gewesen wäre. Der alte Böttcher war so wenig er selbst, er zitterte dermaßen vor seiner Tochter, daß Nanon und die Cruchotisten, die seine Schwäche mit ansahen, sie feinem hohen Alter zuschrieben und auch ein Nachlassen seiner Fähigkeiten befürchteten. Aber am Tage, an dem die Familie Trauerkleider anlegte, kam nach dem Eisen, bei dem Notar Cruchot zu Gast war, der allein das Geheimnis feines Klienten kannte, die Erklärung für das Benehmen des Alten zum Vorschein.

Mein liebes Kind", sagte er zu Eugenie, sobald man den Tisch weggesetzt hatte und die Türen sorgfältig verschlossen waren,du bist jetzt die Erbin deiner Mutter, und wir haben kleine Geschäfte zwilchen uns beiden zu regeln. Nicht wahr, Cruchot?"

Jawohl."

Ist es denn so nötig, fich heute damit zu beschäftigen, Vater?"

Ja, ja, Töchterchen. Ich könnte es nicht länger aushalten, in der Unge­wißheit, in der ich bin. Ich denke doch nicht, daß du deinen Vater betrüben möchtest."

Aber, Vater..."

Na, dann muß man das olles heul' abend in Ordnung bringen.

(Fortsetzung folgt.)

eS Mr! Amüsiert euch, seid fröhlich, kaßt's euch wohl sein! Es lebe he Freude!

Er warf zehn Sechssrankentaler auf das Bett seiner Frau und nahm ihren Kops, um sie aus die Stirn zu küssen.

Gute Frau, es geht dir besser, nicht wahr?"

Wie könnten Sie daran denken, in Ihrem Haus den Gott, der verzecht, zu empfangen, während Ihre Tochter aus Ihrem Herzen verbannt bleibt?" sagte üe bewegt.

Ta, ta, ta, ta", sagte der Vater mit einschmeichelnder Stimme,das wird sich finden." t

Himmlische Güte! Eugenie", ries die Mutter und wurde rot vor Freude, komm, umarme deinen Vater, er verzeiht dir."

Aber der Alte war verschwunden. Er lief, was er laufen konnte, m ferne Weinberge und versuchte seine verwirrten Gedanken zu ordnen. Grandet begann zu bieiem Zeitpunkt sein sechsundsiebzigstes Jahr. Hauptsächlich seit zwei Jahren hatte sich sein Geiz gesteigert, wie sich alle beharrlichen Leiden­schaften des Menschen steigern. Ganz entsprechend einer Beobachtung, die man über die Geizhälse, die Streber, über alle die Leute gemacht hat, deren Leben einer beherrschenden Idee gewidmet ist, hatte sich seine Neigung in besonderem Maß an dasSymbol seiner Leidenschaft geklammert. Der Anblick des Goldes, der Besitz des Goldes war seine fixe Idee geworden. Seme Veranlagung zur Herrschsucht war im Maße seines Geizes gewachfen und die Herrschaft auch nur über den geringsten Teil seines Besitzes aufzugeben beim Tode feiner Frau, schien ihm eine Sache wider die Natur. Seiner Tochter sein Vermögen barlegen, sein gesamtes mobiles unb immobiles Besitztum aufnehmen, um es zu versteigern ...

Das wäre, um sich ben Hals abzuschneiden", sagte er ganz laut mitten in einem Weingarten, während er die Reben prüfte.

Endlich war er mit sich einig unb ging nach Saumur zur Essenszeit zurück; er hatte beschlossen, Eugenie nachzugeben, sie zu versöhnen, ihr zu schmeicheln, bamit er wie ein König sterben konnte, bie Regierung über seine Millionen bis zum letzten Seufzer in ber Hanb. Gerabe als ber Alte, der zufällig seinen Hauptschlüssel mitgenommen hatte, auf Katzenpfoten bie Treppe hinauf­stieg, um zu feiner Frau zu gehen, hatte Eugenie bas schöne Necessaire ans Bett ihrer Mutter gebracht. Alle beibe machten sich in Grandets Abwesenheit das Vergnügen, Charles' Porträt anzusehen, indem fie das Bild seiner Mutter betrachteten: , ,

Das ist ganz und gar seine Stirn und sein Mund", sagte Eugeme tm Moment, wo der Winzer die Tür aufmachte.

Beim Blick, den ihr Manu aus das Gold Warf, schrie Frau Grandet auf:

Gott sei uns gnädig!" , , . '

Der Alte sprang aus das Necessaire zu wte em Tiger auf em schlafendes Kind losstürzt.

Was ist denn das da!" sagte er, riß den Schatz an sich und stellte sich ans Fenster.Gutes Gold! Gold!" schrie er,viel Gold! Das wiegt zwei Pfund. Ah, sieh! Charles hat dir das für deine schönen Münzen gegeben, was? Warum hast du mir das nicht gesagt? Das ist ein gutes Geschäft, Töchterchen! Du bist meine Tochter; da erkenne ich dich wieder." (Eugenie zitterte an allen Gliedern.)Nicht wahr, das gehört Charles?" fragte der Alte.

Ja, Vater, es gehört nicht mir. Dieser Gegenstand ist ein heilig anver­trautes Gut." .

Ta, ta, ta, ta! bat er dein Geld genommen, muß er dir deinen tlemen Schatz wiederherstellen."

Vater!"

Der Alte wollte fein Messer nehmen, um ein goldenes Schildchen abspringen zu lasien, und mußte das Necessaire auf einen Stuhl fetzen. Eugenie stürzte vor, um es wieder an sich zu reißen; aber bet Böttcher, bet gleichzeitig seine Augen bei seiner Tochter unb bei bem Kästchen hatte, stieß sie so heftig zurück, inbem er den Arm ausstreckte, daß sie fast aus das Bett ihrer Mutter siel.

Grandet! Grandet!" schrie die Mutter und richtete sich im Bett auf.

Grandet hatte sein Messer herausgezogen und schickte fich an, das Gold abzuheben.

Vater!" schrie Eugenie, warf sich auf die Knie, rutschte in dieser Stel­lung bis zu dem Alten und hob die Hände zu ihm auf.Vater, im Namen aller Heiligen und der heiligen Jungstau, im Namen von Christus, der am Kreuz gestorben ist, im Namen Ihrer ewigen Seligkeit, Vater, im Namen meines Lebens, rühren Sie es nicht an. Das Necessaire gehört weder Ihnen noch mir. Es gehört einem unglücklichen Verwandten, der es mir antiertraut hat, und ich muß es ihm unverletzt zutückgeben."

Warum siehst du es an, wenn es ein dir anvertrautes Gut ist? Ansehen ist schlimmer als antühren."

Vater, verderben Sie es nicht, oder Sie entehren mich. Vater, hören Sie?"

Grandet! Gnade!" sagte die Mutter.

Vater", schrie Eugenie mit so durchdringender Stimme, daß Nanon erschreckt hetauskam. Eugenie sprang auf ein Messer zu, das in ihrer Reich­weite lag, und bewaffnete sich damit.

Nanu?" sagte Grandet ruhig zu ihr und lächelte kaltblütig.

Grandet, Grandet, Sie töten mich", sagte die Mutter.

Vater, wenn Ihr Messer nur ein Stückchen von diesem Gold ritzt, durchbohre ich mich mit diesem hier. Sie haben schon meine Mutter todkrank gemacht, Sie werden noch Ihre Tochter töten. Nur zu I Wunde für Wunde!"

Gründet hielt fein Messer auf dem Necessaire und sah seine Tochter zögernd an.

Wärst du wohl imstande, Eugenie?" sagte er.

Ja, Grandet", sagte die Mutter.

Sie wirb? machen, wie sie's sagt", schrie Nanon.Nehmen Sie doch Vernunft an, Herr, einmal in Ihrem Leben."

Der Böttcher sah eine Sekunde lang abwechselnd das Gold unb seine Tochter an. Frau Gründet fiel in Ohnmacht.

Da sehen Sie ja, bester Herr, Mabame stirbt", schrie Nanon.

Hier, Tochter, zanken Wir uns nicht um einen Kasten. Nimm es boch!" schrie ber Böttcher heftig unb warf das Necessaire aus bas Bett.Du, Nanon, hol' Herrn Bergerin. Hör', Mutter", sagte er unb küßte bie Hanb Seiner Frau,es ist nichts, komm: wir haben Frieben gemacht. Nicht wahr, Töchterchen! Kein trockenes Brot mehr, bu sollst alles esfen, was du willst.