Cornelia, und ihr Gesicht war heiß und ihr Mund war fest und zu, und dann küßte ich sie wieder, und dann waren ihre Lippen weich und wie im Schlaf.
Wir gingen zum Zelt zurück und niemand sprach etwas, und setzten uns nebeneinander vor das Zelt und hatten keinen Hunger, und die Bäume und der See schienen jetzt noch stiller und wie verzaubert und wie in einem fremden Land.
Oer Lieblingsbaum.
Von Conrad Ferdinand Meyer.
Den ich pflanzte, junger Baum, Dessen Wuchs mich freute, Zähl' ich deine Lenze, kaum Sind es zwanzig heute.
Oft im Geist ergötzt es mich, lieber mir im Blauen, Schlankes Astgebilde, dich Mächtig auszubauen.
Lichtdurchwirkten Schatten nur Legst du auf die Matten, Eh' du dunkel deckst die Flur, Bin ich selbst ein Schatten.
Aber Haschen soll mich nicht
Stygisches Gesinde,
Weichen werd ich aus dem Licht Unter deine Rinde.
Frische Säfte rieseln laut, Rieseln durch die Stille. Um mich, in mir webt und baut Ew'ger Lebenswille.
Halb bewußt und halb im Traum lieber mir im Lichten Werd' ich, mein geliebter Baum, Dich zu Ende dichten.
Fahrt nach Adelaide.
Reisebericht aus Australien von Heinrich Hauser.
Unser Mitarbeiter, der Dichter Heinrich Hauser, schickt uns von seiner Reise kreuz und quer durch den fünften Kontinent einen neuen Bericht.
Ich mußte von Murray-Bridge nach Adelaide fahren und nahm statt der Eisenbahn zur Abwechslung einen der vielen Autobusse. Es ist erstaunlich: zwischen dieser kleinen Stadt von 5000 Einwohnern und Adelaide verkehren nicht nur drei Zugpaare am Tag, sondern noch mindestens ein halbes Dutzend Autobusse, so daß man fast zu jeder Stunde fahren kann. Die Autobusse — die kleineren sind einfach große amerikanische siebensitzige Personenwagen — befördern mehr Fahrgäste in Australien als die Eisenbahnen. Die Fahrpreise im Auto sind nur wenig höher als die der Bahn, und warum alle diese kleinen Fuhrunternehmer ihr Auskommen finden, das erkannte ich nach der ersten Fahrt.
Der Fahrer war der Typ des alten, zuverlässigen Chauffeurs, ein Typ, den wir alle kennen. Mehrere ältere Damen wurden vor ihren Häusern abgeholt und mit viel Umstand und Sorgfalt in die Rücksitze placiert; dann ging es los mit der sanften Geschwindigkeit von 60 bis 70 Kilometer über erstaunlich gute Asphaltstraßen. An einem Farmhaus stoppte der Fahrer, ging zum Briefkasten, der, wie Üblich, auf einem Pfahl am Straßenrand stand, und holte einen Zettel heraus.
„Woher wußten Sie, daß da ein Zettel für Sie war?"
„Sahen Sie nicht die alte Zeitung auf dem Pfahl? Das war das Signal, eine Art Flagge. Es ist eine Öifte von Besorgungen, die ich für den Farmer machen soll. Ich bekomme eine Kommission dafür."
Aehnliche Steps vor Farmen und vor kleinen Läden ereigneten sich mehrfach, und auf dem Rückweg war der Wagen bis über die Motorhaube mit Paketen überladen. Das ist ein großer Vorteil für den Kunden des Auto-Fuhrunternehmers; die Eisenbahn kann keine Besorgungen für ihn machen in der Stadt.
In großen, sanften Wellen dehnte sich die Landschaft, eine Dünung des festen Landes. Von den Hügelkämmen hatte man einen sehr weiten Blick über graue Grassteppen und über abgeerntete Felder.
„Das alles hier ist Weizenland", meinte ich, „man kann Weizen nicht jahraus jahrein auf dem gleichen Feld bauen. Was tut der Farmer, wenn der Boden erschöpft ist?"
„Dann läßt er die Felder brach liegen; manchmal drei Jahre lang." Wir kamen durch ein Dorf, in dem viele Häuser leer und verfallen waren. Die Hügel ringsum waren von Gruben zerwühlt und am Orts- ausgang ragte die Ruine einer Fabrik.
„Das ist eine alte Kupferstadt", erzählte der Fahrer; früher lebten ein paar tausend Menschen hier, die Fabrik war eine Kupferschmelze. Aber die oberflächlichen Erze erschöpften sich und der Kupferpreis fiel, so daß der Bergbau sich nicht lohnte. Früher gab es hier vier, fünf Hotels." (Die Zahl der Hotels ist hierzulande eine Art Maßstab für die Größe einer Ortschaft.)
Wir kamen in die Berggegend des Hinterlandes von Adelaide; der höchste Berg der Kette, der „Mount Lofty", ist ungefähr so hoch wie der Feldberg im Taunus.
Es war anregend zu sehen, wie die einzelnen Völkergruppen der
Einwanderer typische Pflanzen ihrer Heimat mit in die neue Welt gebracht hatten. Ein Dorf, in dem vorwiegend Italiener wohnten, en kannte man an den Agaven, die als natürlicher Zaun um die Häuser wuchsen. Ein großes deutsches Dorf „Hahndorf" (benannt nach dem Kapitän des ersten deutschen Auswandererschiffs) machte einen ganj heimatlichen Eindruck mit feiner schönen alten Lindenallee, mit feiner Sauberkeit, mit seiner Kirche vom Friedhof umgeben, dessen Gräber j, reich mit Blumen bewachsen waren, daß er einen fast festlichen, heiterer Eindruck machte. So viele Deutsche leben in Südaustralien, daß ir Adelaide eine große deutsche Schule besteht, die einzige höhere deutsch. Schule in Australien.
In vielen Kurven und Kehren von fast alpiner Bauart glitten wir ir die Ebene, wo im Dunst weit gebreitet, weiß, vor dem glitzernden Meer Adelaide lag. Wundervolle Bergtäler, luftig und weit, so wie ich die Wälder des antiken Griechenlands mir denke, begleiteten den ganzer Weg; leider auch zahlreiche Reklamefchilder von schlechtestem Geschmack
Es gab auch recht wirkungsvolle Reklamen: Ein Autofriedhof hatte zum Beispiel zwei Autowracks hoch in die Wipfel einiger großer Kiefern hineingesetzt, wo sie wie enorme, unnatürliche Vögel wirkten. Das Paradox — Autos auf Bäumen — gab einen glänzenden Blickfang ab.
Als ich meine Geschäfte abgewickelt hatte, blieb in den toten Stunden gegen Mittag nichts besseres zu tun, als zu frühstücken und ins Kiro zu gehen. (Die Kinos beginnen hier um elf Uhr mit den Vorstellungen.)
Ich nahm den Lunch in einem der zahlreichen unterirdischen Restaurants (man findet sie auch vielfach in London), die hier den Vorteil haben, kühler zu sein als die oberirdischen. Man bekommt überall ein Essen mit drei Gängen für 75 Pfennig nach deutschem Geld. Tischletnen und Tischsilber sind durchweg von vorzüglicher Qualität.
Gern hätte ich einen australischen Film gesehen. Seit einigen Jahren stellt man hier auch Spielfilme her. Man ist indessen zum Teil auf den englischen Markt angewiesen, der diese Filme abnimmt, um fein eigenes Einfuhrkontingent nach Australien zu erhöhen. Da gerade kein australischer Film lief, mußte ich „Den letzten Mohikaner", eine amerikanische Produktion nach Cooper, über mich ergehen lassen. Der Film war schlecht, aber gut waren die kleinen Jungen, die das Kino bevölkerten; Angstschreie ertönten, wenn Lederstrumpf am Marterpfahl stand, in bas wilde Kriegsgeschrei der Indianer stimmte man tapfer ein, und Triumphgeheul ertönte, wenn Chingachgok die Feinde mit dem Tomahawk zerschmetterte. Es war ein echter, alter Vorkriegs-Kintopp.
In der Wochenschau wurden unter anderem die Leistungen eines deutschen, geländegängigen Autos gezeigt. Während aber fonft_ftet5 gesagt wurde, woher die Aufnahmen stammten, wurde in dieser Szene bin deutsche Herkunft verschwiegen.
Dann schlenderte ich noch eine Stunde durch die Hauptstraßen. Die- Hitze ist so groß, wenn auch nicht drückend, daß man sich tatsächlich ungern schnell bewegt. An den hinteren Stoßstangen der Autos sah ich vielfach Wassersäcke hängen. Der Kühler muß in diesem Klima öfter nachgefüllt werden als bei uns.
In den Buchläden war australische Literatur mit australischen Themen betont im Vordergrund; man spürt in der Literatur wie überall den kulturellen Ehrgeiz des jungen Kontinents. Rächst den üblichen englisch-amerikanischen „Thrillern" waren Bücher, die künftige Wellkriegskatastrophen prophezeiten, augenscheinlich besonders beliebt. Deutschfeindliche Bücher sah ich nicht.
Ein Reisebüro überraschte mich durch Wintersportbilber vom „Mount: Buffalo“, dem höchsten Berg Australiens. Ich hatte keine Ahnung gehabt, daß es in Australien Wintersport gibt.
Wir fuhren heim. Zurückzufahren in eine schon bekannte Lanbschaft, zu schon bekannten Menschen, ist auch ein „Heimfahren" in gewissem Sinn. Die Pakete und die älteren Damen wurden nach und nach abgeladen. Die älteren Damen gaben mir tatsächlich Rätsel auf, vor allem, weil es zwei grundverschiedene Typen gab: Der eine Typ war stattlich, beherrschend, selbstbewußt und anspruchsvoll. Ehemänner, Sohne, Töchter kamen pflichtbewußt und eifrig ans Gartentor gelaufen, um diese .Königin-Mütter" mehr oder weniger aus dem Wagen zu heben. Dieser „Känigin-Mutter"-Typ ist bei uns seltener Art.
Der zweite Typ der älteren Frauen überraschte mich noch mehr; das waren blasse, kränklich aussehende Frauen, die scheu und ängstlich ihre Tür nur einen Spalt weit öffneten, wenn der Fahrer ihnen die Pakete übergab. Sie taten kaum den Mund auf; da war kein Lachen, kein freundliches, heiteres Wort. Der Gegensatz zu den fast durchweg offenherzigen, geselligen, lebensfrohen Männern schien mir erstaunlich, und ich finde vorläufig keine Erklärung dafür.
Ich vergaß von den Bars zu erzählen; in Adelaide und überall ist ihre Rolle groß. Das heiße Klima macht Durst, und es wird viel getrunken, unheimlich viel, obwohl man nicht viele Betrunkene sieht.
Obwohl die Bar Treffpunkt und Diskuffionsplatz der Männerwelt ist, führt sie ein etwas verborgenes Dasein. Die Eingänge sind so eingerichtet, daß man auch bei offener Tür nicht hineinsehen kann. Das entspringt der alten englischen Idee, daß Trinken ein Laster sei, dem man, wenn überhaupt, im geheimen frönen müsse.
Meist sind mehrere Ausgänge vorhanden, so daß man ungesehen in eine Seitengasse entweichen kann. Der Schanktisch in dem großen, halb- dunklen Raum, ist oft im Viereck aufgebaut, so daß der Barmann nach allen Seiten hin bedienen kann. Barstühle fehlen; man kommt zum Trinken, nicht zum Verweilen. Höchstens kann man sich mit seinem Glas auf eine der Bänke an der Wand zurückziehen.
Eine Kampagne für australischen Weißwein mit Sodawasser wirb gegenwärtig geführt. Man sagt mit Recht, baß dies Getränk gesünder fei und billiger als der ewige Whisky-Soda. Oft habe ich auf Tropen- reifen gewünscht, es möge Moselwein mit Selterswasser geben, statt Whisky. Eine Kampagne für dies Jdealgetränk in Tropenländern, von Deutschland aus geführt, hätte sicher gute Aussichten, und wir würden eine „Schorle" zum halben Preise des Whisky-Soda liefern können...
Verantwortlich Dr. HanS Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'sche Llniversitäts-Duch- und Lteindruckerei. 2l. Lana«, Gießen.


