Siehener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Nummer 92
Freitag, den 27. November
Jahrgang 1956
begreiflich;
Fliederzweig als Dank
Zimmer, auf die
in
und war
Sie nicht,
nie gewußt, daß Schlohherrin lachte
so allein, wie er von mir bringen.
eigentlich nicht. Sie war sehr Victoria?
ich seine Bücher geschrieben trank ihren Kindern zu und
lustig, aber und fuhr in Mutter:
Ich habe habe. Was?
Aber die
sagte:
Dankt ihm, dankt ihm. Das als Kind war ... Was tust du.
Das Mädchen soll ihm diesen
Copyright bg Albert Langen^Georg Müller Verlag,München 6. Fortsetzung.
zubringen.
Wie hoch ist das alles versichert?
Der Gutsbesitzer nannte die Summe, eine auffallende Summe.
Im übrigen ist hier im Schlosse nie gespart worden, es handelte sich schon immer um große Summen. Was kostet nicht zum Beispiel em oldjes Essen wie heute! Aber jetzt soll es überall leer aussehen sogar in dem berühmten Schmuckkasten der Schloßherrin, und deshalb soll jetzt dds Geld des Schwiegersohnes die Herrlichkeit wieder aufrichten.
Wieviel hat er wohl?
Ach, er hat unergründlich viel Geld.
Johannes stand wieder auf und ging in den Garten hinunter. Der Flieder blühte, Ströme des Duftes schlugen ihm von Aurikeln und Pfingstrosen, von Jasmin und Maiblumen entgegen. Er suchte sich einen Winkel unten an der Mauer und setzte sich auf einen Stein; ein Boskett verbarg ihn vor der ganzen Welt. Er war erschöpft vor Erregung, todmüde. fein Verstand war verdunkelt; er dachte daran, aufzustehen und heimzugehen, blieb aber sitzen, dumpf und schlaff. Da hört er vorne auf dem Weg Gemurmel, es kommt jemand, er erkennt Viktorias Stimme. Er hält den Atem an und wartet ein wenig, da blitzt auch die Uniform des Leutnants durch das Laub. Das Brautpaar ging zusammen spazieren.
Ich finde, sagte er, daß da etwas nicht in Ordnung ist. Was er sagt, macht Eindruck auf dich, du sitzt da und beachtest seine Worte und schreist auf. Was hatte das eigentlich zu bedeuten?
Sie hält inne und steht aufrecht vor ihm da.
Willst du es wissen? sagt sie.
Ja.
Sie schweigt. . . , ,
Es kann mir ja gleich sein, wenn es nicht bedeutete, fahrt er fort. Dann brauchst du es mir nicht zu sagen.
Sie sinkt wieder zusammen.
Nein, es bedeutete nichts, antwortet sie.
Sie gehen wieder weiter. Nervös zuckt der Leutnant mit den Epau- letten und sagt laut: . .
Er sollte sich ein wenig in acht nehmen. Sonst könnte er einmal die Hand eines Offiziers auf seiner Wange fühlen.
Sie schlugen den Weg zum Lusthaus ein.
Johannes blieb eine Zeitlang auf dem Stein fitzen, dumpf und gequält wie vorher. Alles begann ihm gleichgültig zu werden. Der Leutnant hatte Verdacht gegen ihn gefaßt, und feine Verlobte rechtfertigte sich auf der Stelle. Sie sagte, was gejagt werden mußte, stellte das Herz des Offiziers zufrieden und ging mit ihm weiter. Und die Stare 3tmt= scherten in den Zweigen über ihren Köpfen. Jawohl. Möge Gott ihnen ein langes Leben bescheren ... Er hatte bei Tisch eine ^ebe für jie gehalten und fein Herz tjerausgeriffen; es hatte ihn viel gekostet, ihre unverschämte Unterbrechung zu verdecken und wieder gutzumychen, uno sie hatte ihm nicht dafür gedankt. Sie hatte ihr Glas ergnffen und getrunken. Prosit, seht mich an, wie schön ich trinke ... Seht eucy
Eine Rede, geradezu ein Versuch zu einer Rede. Sie war nicht eben auch nicht ganz schlecht, die Gesellschaft tränt, ah weiter ihrer Unterhaltung fort. Ditlef bemerkte trocken zu feiner
Darf ich das nicht?
Nein, antwortete der Leutnant. .
Nach Tisch zerstreute sich die Gesellschaft in die Zimmer, auf die aroßen Altane und sogar über den ©arten hinunter. Johannes ging ms Erdgeschoß und gelangte in das Gartenzimmer. Hier befanden sich mehrere Gäste, ein paar rauchende Herren, der Gutsbesitzer und noch einer, der halblaut über die Finanzen des Schloßherrn sprach Sem Hof war vernachlässigt, mit Untraut überwuchert, die Zaune verfallen, ber ®nl» gelichtet; es gina die Rede davon, daß es ihm sogar schwer falle, die erstaunlich hohe "Versicherung für die Häuser und die Einrichtung auf-
VAf *4- /S Geschichte einer Liebe von Knut Hamsun
übrigens einmal eine Frau von der Seite an, wenn sie trintt. Ob sie nun aus einer Tasse, aus einem Glas, oder aus irgend etwas anderm trinkt, eht sie von der Seite an. Sie ziert sich dabei, daß es ein ©rauen ist. Sie spitzt den Mund und taucht dessen äußersten Rand m die Flüssigkeit und ist verzweifelt, wenn man ihre Hand beobachtet. Seht überhaupt einer Frau nicht auf die Hände. Sie hält das nicht aus. Sie tapituhett. Sofort zieht sie ihre Hand an sich, bringt sie in eine immer fdjonere Stellung, nur um eine Falte, eine Unfchonheit ondfN Fingern oder einen weniger wohlgeformten Nagel zu verbergen. Schließlich halt sie es nicht mehr aus, sondern fragt ganz außer sich: Auf was fehen Sie denn? ... Sie hatte ihn einst geküßt, einmal, im Sommer. Das war so lange her wer weiß, ob es überhaupt wahr war. Wie war es doch, faßen sie 'nicht auf einer Bank? Sie sprachen lange miteinander, und als sie gingen, kam er ihr so nahe, daß er ihren Arm berührte Vor der Woh- nungstür küßte sie ihn. Ich liebe Sie! sagte sie ... Jetzt gingen sie vorbei, sie sahen vielleicht noch im Lusthaus. Der Leutnant wollte ihm einen Schlag auf die Wange geben, sagte er. Er horte es sehr wohh er schlief nicht, aber er erhob sich auch nicht, trat nicht cor. Sie fjanb eines Offiziers, hatte er gejagt. Jawohl, — es war ihm gleichgültig ...
Er erhob sich von dem Stein und ging ihnen nach, zum Lusthaus. Es war leer. Oben auf der Veranda des Hauptgebäudes stand Camilla und rief ihm; es gäbe Kaffee, im Gartenzimmer. Er folgte ihr. Im Gartenzimmer faßen die Verlobten; es waren auch noch mehrere andere Leute anwesend. Er nahm seinen Kaffee, trat zurück und suchte sich einen Platz. „ , „ ...
Camilla fing an, mit ihm zu sprechen. Ihr Antlitz war so hell, und sie sah ihn mit offenen Augen an, er konnte ihr nicht widerstehen, er sprach mit, beantwortete ihre Fragen und lachte. Wo er denn gewesen sei? Im Garten? Das sei nicht wahr. Sie habe im ©arten gesucht und ihn nicht gesunden. Nein, nein, im ©arten sei er nicht gewesen.
War er im ©arten, Victoria? fragt sie.
Victoria antwortet: Nein, ich habe ihn dort nicht gesehen. , Der Leutnant wirft ihr einen erbitterten Blick zu und sagt, um feine
Brau zu warnen, unnötig laut zum Gutsbesitzer:
Wollten Sie mich nicht auf die Sdjnepfenjagb bei Ihnen mitnehmen Jawohl, antwortet der Gutsbesitzer. Sie sind mir willkommen.
Der Leutnant sieht Victoria an. Sie sagt nichts und bleibt fi&en> fie hält ihn durchaus nicht von dieser Schnepfeniagd beim Gutsbesitzer zurück. Sein Gesicht verfinstert sich immer mehr, mit nervösen Bewegungen spielt er an seinem Schnurrbart.
Camilla richtet wieder eine Frage an Victoria.
Da erhebt sich der Leutnant mit einer raschen Bewegung und sagt
^^Hat^er Sie gestoßen? fragte Camilla höchst erstaunt. Aus Versehen. Er traf mich ins Auge. Sehen Sie her. Mein Gott, das ist ja rot, und hier ist Blut. 9tein, reiben
lassen Sie es mich mit Wasser auswaschen. Ihr Taschentuch ist f 8 >
sehen Sie nur ftlbst. Stecken Sie es wieder em; ich nehme mein eiaenes Nein io etwas, gerade ins Auge! -
9 Victoria zog ebenfalls ihr Taschentuch hervor. Sie sagte nichts Dann SSL L S’XÄÄ
zum Gutsbesitzer:
Gut, bann gehe ich gleich heute abend mit.
Damit verläßt er das Zimmer.
Der Gutsbesitzer und einige andere folgten ihm.
PlötzUch°geht°die Türe auf"und der Leutnant tritt wieder ein. Er ist Haft'du ^twas^rgesfen? fragt Victoria und steht auf.
Er macht ein hüpfende Schritte an der Türe, als konnte er nicht still- Heben und geht geradeaus zu Johannes, den er gleichsam ,m Vorbe gehen mit der Hand stößt. Dann läuft er zur Ture zurück und hupft ^^Nehmen Sie sich in acht, Mann, Sie stießen mich ins Auge, sagte ^°Sie"?rrm^sich,^antwÄete der Leutnant, ich gab Ihnen eine Ohrfeige. ^°Thann?s'grift nach7em^Tafchentuch, wischte sich bas Auge und sagte:
Sie meinen das nicht so. Sie wissen ja, baß ich Sie zusammenklappen und in die Tasche stecken kann.
Za'chsnet'e dÄ Leutnant eilig die Türe und trat hinaus Ich meine es! schrie er zurück. Ich meine es: Dummkopf!
Dann schlug er die Türe mit einem Krach zu.
Wctoria dstand° noch mitten im Zimmer. Sie sah ihn an


