Hübsches und Nützliches mehr kaufen können, weil bk Welt voll von Maschinen ist.
Allein das leugnen wir ja, wir haben den Himmel gemessen und die Welt gewogen, wir sind verschieden von Himmel und Erde. Gott selbst wußte vielleicht nicht so genau, wieviel seine Sonne wiegt, er machte sie groß und licht, und so war es gut. Es ist nicht auszudenken, wie klug Gottes Kinder geworden sind. Sie leben nicht mehr aus Baumen, oder doch nur einige, und auch diese werden noch lernen, auf Stühlen zu sitzen, daran ist kein Zweifel.
Aber am Ende sind sie doch einerlei Brüder in dem, was ihre Herzen am tiefsten ausrührt. Die letzten Siegel können sie nicht lösen.
Da lebe ich, und lebe schlechtweg. Kein einziger Tag in meinem Leben ist unnütz gewesen, nein, keiner wäre wegzudenken. Ich bleibe bei meinen eigenen zwei Händen, sie ernähren mich ja, mehr brauche ich nicht! Warum soll ich eine Last schleppen mein Leben lang, schließlich muh ich sie doch hinlegen und mich selbst dazu. Ein anderer nimmt sie auf, der macht die Last noch ein wenig größer, das genügt ihm nicht, was ich geschleppt habe. Bis sie auch ihn erdrückt, einen nach dem anderen. Alle vergehen, und nur die Last bleibt zurück. Und dabei ist sie gar nichts, was man nötig hätte, man zehrt nicht von ihr, sie macht das Leben nur schwer.
Es gibt freilich Dinge in der Welt, die sich nicht erklären lassen. Daran ist kein Zweifel, daß einem so verwickelte Dinge begegnen können, Gott hat sich immerhin dies und jenes vorbehalten. In alle Töpfe sollt ihr mir nicht schauen, sagte er am Anfang. Aber er hat es wiederum so eingerichtet, daß niemand an seinen Rätseln zugrunde gehen muß, er hat die Welt so gebaut, daß wir mit Händen greifen können, was wir im Leben brauchen.
Die Welt ist Erde, so wie ich es sehe, Wald Ackerland, man muß es ein Jahr ums andere bebauen und davon leben. Der Mann, der zuerst da war und der zuletzt da sein wird, das ist der Bauer.
Gestalten der Nordlandküste.
Bon unserem v. 8. - Berichterstatter.
(Nachdruck verboten.)
D r o n t h e i m.
Die Provinz Nordland ist keineswegs der nördlichste Landesteil Norwegens, vielmehr schließen sich im Norden noch die ausgedehnten Provinzen Trorns und Finnmark daran an. Trotzdem ist der Name nicht ganz irreführend, denn Nordland, das sich von der Provinz Drontheim an bis zu den Lofoten hinauf erstreckt, ist das nördlichste skandinavische Gebiet, das eine alte Kulturtradition sein eigen nennt und viele geschichtliche Erinnerungsstätten aus der Wikingerzeit aufzuweisen hat. In der Zeit vom 15. bis 18. Jahrhundert, in der Norwegen von Dänemark aus regiert wurde, geriet Nordland in Vergessenheit, seine Kultur in Verfall. Heute bemüht sich das selbständige Norwegen, dem Nordlande seine alte Bedeutung wiederzuverschasfen und ihm im Rahmen des Königreiches' einen hervorragenden Platz anzuweissn.
Im Innern der Provinz, die sich zu beiden Seiten des Polarkreises lang und schmal an der Küste hinzieht, wird im Anschluß an den Bau einer Eisenbahn in größtem Ausmaße Siedlungsland geschaffen. Das ist notwendig, weil der Ueberschuß der norwegischen Bevölkerung heute nicht mehr wie früher nach Amerika auswandern kann, und es ist möglich, weil die stets fortschreitende landwirtschaftliche Wissenschaft und Technik den Boden immer besser bereiten lernt und immer neue wetterharte Kulturpflanzensorten heranzüchtet. Früher war das Innere der Provinz Nordland schon deshalb nicht anbaufähig und kaum bewohnt, weil die notwendigen Verkehrswege in dem gebirgigen Wald- und Moorgebiete fehlten. Das Leben spielte sich damals und spielt sich noch heute in der Hauptsache an der freilich ungleich rauheren Küste ab; der Haupterwcrbszweig ist die Fischerei. Auch an landschaftlicher Mannigfaltigkeit ist die Küste dem Inlands weit überlegen. Abgesehen von der Gegend um die Lofoten, die eine Welt für sich ist, zeigt die Nordland- tüste eine Fülle eigenartiger Formen, die in Verbindung mit den exzentrischen Delcuchtungsverhältnissen der kalten Zone und dem ursprünglichen Phantasicreichtum des nordischen Geistes sehr wohl die alten Sagen und Sagenkreise zu erklären imstande sind, in denen die Wirkung der Landschaft auf das Gemüt des Nordländers ihren volkskünstlerischen Ausdruck gefunden hat.
Fern im Süden, im Geirangerfjord, stürzen sieben Wasserfälle nebeneinander über eine Felswand herab. Es sind die Sieben Schwestern. Als die Sonne ausnahmsweise einmal in den tiefen, engen und gewundenen Fjordspalt hineinsah, fand sie, daß die Sieben Schwestern zu übermütig geworden seien. Deshalb verbannte sie sie an die Nordlandküste, verwandelte sie in Berge und gab ihnen eine schwierige Ausgabe, damit sie den Ernst des Lebens kennsnlernen sollten. Von ihrer hohen Warte aus sollten die Sieben Schwestern genau aufpassen, was an der Nordlandküfte vor sich ging, während die Sonne im Winter in südlichere Länder gereist war. Als die Sonne im Frühjahr zurückkehrte, wußten die Sieben Schwestern ihr Folgendes zu berichten: Der Pferdemann war auf stolzem Rosse über das Meer dahingesprengt. Er war ein großer Jäger vor dem Herrn. Mit der bissigen Meute seiner Hunde hatte er das Polarlöwenpaar auseinandergetrieben. Der Löwe zwar hatte im Norden eine neue Gemahlin gefunden; die Löwin aber war gen Süden geflohen: dort saß sie nun auf einem Felsen im Meere und meinte — eine nordische Niobe! Der Pserdemann war auch ein gefährlicher Schürzenjäger. Er hatte der Jungfrau nachgestellt, und als die Keusche ihm in südlicher Richtung entschwunden war, hatte er in enttäuschter Raserei seinen Pfeil nach ihr abgeschosfen. Der Riese Torg aber, der ebenfalls die Jungfrau begehrte, hatte seinen großen, alten Schlapphut dazwischen geworfen: den hatte
nun der Pfeil des Pferdemanns durchbohrt, und die Jungfrau war unversehrt daoongekommen. .
Ich fand an derlei Sagen, als ich sie zum ersten Male hörte, nicht viel Gefallen. Mir steht die Natur zu hoch, als daß ich in jeder ihrer Fvrmenschöpfung krampfhaft eine menschliche Gestalt suchen möchte. Und ich sage mir: wie phantasiearm ist doch die menschliche Dichtung, gemesfen an dem wirklichen Naturgeschehen! Hier an der Nordlandküste ist vor Urzeiten eine Erdscholle von kontinentaler Ausdehnung von der heutigen skandinavischen Landmasse abgerissen, ist in die Tiefe gesunken und hat den Ozean einströmen lassen. Ihre Bruchsplitter stehen noch heute vor und an der Küste in Form von ungezählten bizarren Insel- und Festlandbergen. Der Eiszeitgletscher hat seine Fjorde in das Land geritzt, und aus dem Meere erhebt sich ein Fels, durch dessen jetzt 2000 Meter hohen Gipfel die Brandung vor unvorstellbaren Zeiträumen ein Loch gewaschen hat. Ist es nicht langweilig und kleinlich, eine so großartige erd- geschichtliche Entwicklung in hausbacken« Sagen umzudichten? —
Erst als ich die Nordlandküfte genauer kennengelernt hatte, verstand ich die Sagen und wußte sie zu würdigen. Ob sie sich ursprünglich auf wirkliche Erlebnisse ober auch auf mythologische Vorstellungen gründen, weiß ich nicht. Jedenfalls aber sind sie der Landschaft, aus der sie gewachsen sind, in einer geradezu seherischen Weise angepaßt. Sieht man die Landkarte an, so erscheint es sinnlos, daß hier Natur- gestalten, in diesem Falle Vermenschlichungen von Jnselbergen in ein und derselben Sage zusammengefaßt sind, die in Wirklichkeit völlig zusammenhanglos über einen mehrere hundert Kilometer langen Stiften« streifen verteilt sind. Aber gerade diese Zusammenfafsung ist eine Fein- heit, mit der der Sagendichter — bewußt oder unbewußt — auf eine Eigentümlichkeit der Landschaft aufmerksam macht. Denn von den Gipfeln der Sieben Schwestern aus sieht man tatsächlich zwischen der Jungfrau (dem Felsen Lekamöen auf der Insel Leka) im Süden und der etwa 250 Kilometer davon entfernten neuen Löwengemahlin (der Insel Bolga) im Norden gleichzeitig auch alle übrigen Gestalten der Sag«, wie sie sich gleichsam zu einem System landschaftlicher Höhepunkte ver- einigen.
Leider habe ich selbst diesen Anblick nicht genießen können, während ich eine lange, dunkle Septembernacht hindurch bei eiskaltem Regen und undurchdringlichem Nebel aus dem über tausend Meter hohen Hauptgipfel der Sieben Schwestern festsaß. Aber so hoch braucht man sich nicht einmal zu versteigen; denn schon vom Küstendampfer aus sieht man durch die breiten, langen Sunde des Fahrwassers hindurch fast ebenso weit. Freilich nicht auf der ersten Fahrt! — Erst wenn man die Landkarte nn Kopf (und außerdem ftrahlenbes Wetter) hat, unb wenn man die einzelnen Gestalten von allen Seiten genau kennt, bann kann man es- beobachten, wie sie, eine nach der andern, im fernen Norden auftau“en und, nachdem sie einen einmal um die Uhr herum ständig begleitet haben, nach annähernd 24sttindiger Fahrt also, eine nach der andern im Süden wieder versinken: Lekamöen, der Iungfrausels: Torahatten, der pseil- durchlöcherte Hut des Riesen, durch dessen jetzt 200 Meter hohen Gipfel das Meer einen Tunnel gefressen hat, als das Land einmal vorübergehend in die Tiefe gesunken war; die Hestmann-Jnsel, den Pferdemann. der wie ein gewaltiger Reiter auf hohem Roß mit langem, wallenden Mantel hinter dem lieblichen grünen Eilande Kvarö drohend aufragt; feine Hunde, die groteske kleine Felsinfelgruppe Träna weit draußen im Meere: Lo- ounben, die Löwin, anfangs eine mächtige runde Felsboftion, bann, wenn man um sie herumgefahren ist, vor Trauer fast kopfüber in das Meer finkend; ihr Gemahl, dessen stolze Felsenmähne doch über dem Inselkirchlein Rödö wallt; und endlich der Inselberg Bolga. der des Löwen neue Auserwählte darstellt.
Daß der Pferdemann in der Sage eine Hauvirolle spielt, ist leicht er- klärlicb; denn er ist nicht nur besonders ansehnlich, sondern sicherlich war es auch den Alten schon bekannt und bedeutungsvoll, daß über ihn hinweg der Polarkreis läuft. Diel geistreicher ist es, daß die Sage alle die eben genannten Gestalten ausdrücklich den Sieben Schwellern gegen« überstellt. Denn hier handelt es sich tatsächlich um zwei vollständig voneinander oerfchi ebene Grupven von Bergformationen — weniger 'm geologischen Sinne als hinsichtlich ihrer landschaftlichen Wirkung. Der Pferdemann unb die, die er verfolgt, finb alle oerbällnismäßig klein. 200 bis 500 Meter hoch Sie ragen alle einsam auf kleinen Inseln weil außerhalb der Küste, so daß man sie während der Doriiberfahrt schon aus großer (Entfernuna und dann fast ununterbrochen sehen kann. Unb sie sind alle äußerst einfach, aber durchaus einziaartig geformt. Die mäcfv tigen, über tausend Meter hoben Sieben Schwestern baaeaen erbeben sich auf großer Insel nabe dem Festlande; auch sie sind verblüffend einfach gestaltet. fast ungeschlacht, aber ihre Einfachheit wirkt nicht grotesk, sondern monumental. Und dasselbe gilt von allen anderen Bergen ihrer Art. von denen die aroßen Inseln Donna unb Tomma etwa, um nur Zwei der unzähligen Namen zu nennen.
So ist die ganz« Nordlandküste in all ihrer Eigenart und Mannigfaltigkeit, mit ihren weiten Durchblicken und ihren zweierlei Berggestalten durch die Vermittelung der alten Sage an unferm innern Auge vortibergezogen. Nur eine Insel hatte die Sage vergessen, die größte und am weitesten in das Meer hinausgeschobene der ganzen Küste, die Insel Vega. Zur Hälfte ist sie fruchtbar unb besiedelt, zur Hälft« von hohen, wilden Gebirgen gekrönt. Außen im offenen Meere ist ihr noch die kleine Insel Sola vorgelagert, die wie ein Thronfessek aussieht. Ich denke mir auf dem Felsthron von Sola einen Riesen sitzen, dem die Insel Vega gehört, und der das ganze Nordland beschützt. Der dafür sorgt, daß die jetzt im Gange befindliche Wiederbelebung Nordlands nicht nur eine technisch- wirtschaftliche werden möge, sondern auch eine g e i ft i g = t u (t u - rekle; daß neue Menschen heranwachsen. die mit der unvergleichlichen Natur ihrer Heimat ebenso innig verbunden finb, wi« jene Alten es waren, die sie mit Sagen umwoben.
Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. - Druck und Derlag: Brühlfche UntversitätS-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-


