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SietzenerZamilieÄMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger j______
Jahrgang 1935 Montag, den U. März_____________ Kummer 20
Die Hochzeitskuh
Roman einer jungen Liebe von Aosef Magnus Wehner
Copyright 1928 b y Georg Müller Verlag A.-G., München
(Fortsetzung.)
Diese Vorsicht war gar nicht nötig. Kaum hatte Friedrich am nächsten Sonntag von Bertolbs Vater nur ein Wort vom zweiten Lehrer gehört, b- bot er nach einer geschickten Fragestellung Birge selbst an, baß sie mit dem jungen Herrn hinaufgehe unb Orbnung schaffe. Dann ruckte er (einen Hut, empfahl sich unb stieg ben Berg hinaus, wahrenb Vater unb Ito nach Birge spähten. Plötzlich kam sie. Sie hörte ihren Namen rufen mb kam langsam auf Bertolbs Kater zu. Sie hatte ihr Kopftuch zuruck- »ischlagen. Als sie vor bem alten Herrn stanb, würbe ihr feines Gesicht fr feuerrot, baß sogar bas gelbe Haar zu brennen schien. Otto suhlte ihre fanb in ber seinen zittern unb sah, baß Birge überaus schön war, von dm Fesseln bis zu ben fein geschwungenen Brauen. Sie schlug ihre Augen voll auf, als sie hörte, was man von ihr verlange, unb sagte zu, als sie erfuhr, ihr Vater habe es, erlaubt.
Auch bie Ueberraschung bes bäuerlichen Hausherrn gelang. Er über- jib Bertolbs Vater sofort bie Schlüssel zu bem Zimmer bes jungen Leh- nrs, unb fo fliegen bie brei bie bunkle Stiege hinauf. Oben angekommen, Mpfahl sich ber alte Herr unter bem Vorwanb, er müsse mit bem Bauern wch über bie Miete sprechen, Otto möge nur anorbnen, wohin er bie hnterbunten Sachen gebracht haben wolle, Birge würbe ihm unzweifel- Ikft gehorchen. Das Mäbchen sah mit ängstlichem unb oerrounbertem Wck bie Tür zugehen, machte sich aber an bie Arbeit. Schon hatte sie bas Mt gerichtet unb Kissen unb Decke geglättet, ohne baß Otto ein bebem tmbes Wort gesprochen hatte Er schlenberte im Zimmer herum unb zog .plötzlich seine Brieftasche heraus, in ber ein Bilb Bertolbs lag. Er öffnete f. unb richtete es fo ein, baß bas Bübchen oben auf ben Haufen Um trbnung fiel, bas Gesicht nach unten. Birge brehte bem Verschwörer ir bie,em Augenblick gerabe ben Rücken zu. Darauf stellte sich Otto in te Fensternische unb wartete, was nun komme. Birge roanbte sich unb Mllte bas nächste Stück — es war ein geblümtes Tuch — ergreifen. Sie sah bas Bübchen nicht sofort liegen. Erst als sie bas Tuch in schnel- |(m Eifer an ihre Brust gezogen hatte, sah sie es bie schräge Bahn (jnunterflimmern. Sie bückte sich unb hob es auf.
H Da hätte niemand sagen können, wessen Herz ,etzt am heftigsten hing. Otto sah, baß Birge ben Abgebübdten sofort erkannte. Ihre Hanb nnk blitzschnell herab, als halte sie eine glühenbe Kohle 'unb wolle sie tlien lassen. Diese Bewegung war rührenb genug, um Otto zu über« mqen, baß Birge noch an Bertolb hänge. Nun aber geschah etwas feunberbares. Dieselbe Hanb, bie bas Bübchen hatte wegwerfen wollen, gmq ebenso schnell roieber zurück unb näherte sich ber Tasche Birge hatte offenbar bie Absicht, einen Diebstahl zu begehen. Sie mochte denken, baß ginge, bie so unerwartet erschienen, mit vollem Recht auch geheimms- Mll verschwinden bürfen. Aber ba warf sie wie 4>in ungelernter Dieb |d»neU noch einen Blick auf Otto, ob er nichts von aliebem gesehen habe. Tiefer Blick war ihr Verhängnis. Sie sah in bie blauen Augen Ottos, | Ibisse sorschenben, unwillkommenen Augen, unb schämte sich furchtbar, baß st- ertappt war.
Unb nun kam biefer blonbe Gast auch noch auf sie zu unb fragte st,einhellig, was sie ba in ber Hanb habe. Birge versuchte zu lügen, alner ihre Gebauten verwirrten sich, es fiel ihr burchous nichts Brauchbares ein. Da nahm Otto ihre Hanb unb wollte sie langsam aufbrücken. Airge hatte ihre Finger um bas Bübchen gerollt unb wehrte sich. Was ging ben frechen Menschen ihr Funb an?
Da ließ Otto bie Hanb los unb sagte gleichmütig: „Wenn Sie es durchaus behalten wollen, so schenke ich es Ihnen. Ich weiß auch so, nie mein Bertolb aussieht"
Da enblich konnte auch Birge reben. Sie warf ben Kops zuruck, stolz, b inahe hockmütig unb sprach — unb bas war eine ausgemachte Lüge: „Scfi will Ihnen Ihren Bertolb nicht nehmen. Da haben Sie ihn roieber."
Unb sie reichte Otto, inbem sie zum Fenster hinaussah, bas Bübchen bn. Er bemühte sich nicht im mindesten, es ihr abzunehmen. So stanb st eine grausame Weile, bas Bübchen in ber Hand, bann legte sie es, oi.ne ein Wort zu sagen, sorgsam auf bie Kante bes Tisches. Kaum hatte si sich aber seiner entledigt da fuhr sie roie ber Blitz herum und rief C:to zu: „Was wollen Sie hier? Sie sind ja gar kein Lehrer!"
Iebt war sie im Recht. Sie ahnte, daß man sie fangen wolle, ia sie durchschaute sofort bas ganze Gewebe, bas bie beiben Männer, ber alte m e ber junge, um sie spinnen wollten, unb nun war sie nicht mehr zu
fangen. Otto war bestürzt. Mit mühsamem Gleichmut nahm er bas verhängnisvolle Bübchen unb betrachtete es, als solle es ihm einen guten Gedanken einhauchen. Unb plötzlich tat er bas Beste unb Einfachste: er sagte bie Wahrheit.
Währenb Birge nur noch langsam Stück für Stück aufräumte, erfuhr sie, wie es Bertolb gehe. Sie würbe blaß wie ber Tob, als Otto schwor, fein Freunb habe nie etwas mit Anna gehabt. Dann brach sie los, nicht [aut unb heftig wie anbere Mäbchen, fonbern so leise unb keusch, als wolle sie roeber Erregung noch Wunden zeigen. Sie klagte zitternd ben Liebsten an, er habe eine anbere geküßt. Er habe sich dis heute noch nicht gerechtfertigt, unb sie glaube auch nicht, baß er bas könne; benn bas Bilb, auf bem er mit Anna am Walbranb stehe, könne er nicht aus ber Welt schassen.
Das konnte auch Otto nicht. Aber er stritt tapfer für feinen Freunb; er erzählte, wae ihm Birge bebeute, unb baß er ihretwegen nach ber Prüfung in die Kolonien gehen werde, um in ber Frembe unb Weite Vergessen zu finben. Er sprach so gut und feurig, baß Birge fchon begann ihn mit Scherzen zu unterbrechen, Bertold habe sich einen tüchtigen Werber gesucht. Als er aber geendet hatte, schüttelte sie dennoch ben Kops. Sie hatte zu viel gelitten, um in einer kurzen Stunbe bas Unglaubliche zu glauben. Das verstanb Otto, unb er gab ihr in allem recht. Schließlich sagte er: „Wir wollen es gut sein lassen, Birge. Aber eins müssen Sie mir versprechen: Schreiben Sie mir öfter, wie es Ihnen geht, unb ich werbe Ihnen, wenn Sie wollen, über Bertolb schreiben. Ich will Sie nicht Hals über Kops zusammenbinben. Sie müssen sich langsam roieber Zusammenleben. Nur bas eine muß ich wissen: ob ich nicht umsonst hierher gekommen bin?"
Da setzte sich Birge auf ben Ranb bes Bettes. Sie sah nachbenklich in ihre Schürze hinunter unb sprach bann langsam: „Nein, Sie finb nicht umsonst gekommen Ich verspreche auch, Ihnen zu schreiben, roie es mir geht. Es wird nicht viel sein, was ich ba zu schreiben habe, unb ich will auch nicht, baß Bertolb baoon erfährt. Er könnte sonst glauben, ich schreibe um seinetwillen. Das soll nicht sein. Er muß ganz von selbst kommen, unb wenn ich ihm je roieber schreibe, bann nur, wenn er zuerst roieber gekommen ist. Sie sollen ihm auch nicht erzählen, baß Sie hier gewesen finb Unb dann hören Sie eins: Unser Nachbar ist gestorben; ec- ist drüben keine Frau im Hause. Wer weiß, was ich ba tun muß... Jedenfalls will ich drüben helfen, es ist nur ein Söhn ba. Unb bann muß ich bei meinem Vater bleiben; er braucht mich. Sie bürfen sich aber nicht wundern, wenn Sie recht wenig Briefe von mir bekommen. Und wenn ich einmal gar nicht mehr schreibe, dann wissen Sie, daß Sie auch Bertold nie mehr von mir zu erzählen brauchen. Denn bann bin ich nicht mehr zu Hause. Wer weiß, was ich noch tun muß . "
Das war bas Enbe der Unterredung. Mit verlorenem Ausdruck stand Birge auf und öffnete die Fenster. Otto bot ihr mit bescheidenen Worten nochmals Bertolds Bild an. Sie nahm es nicht, weil es zu früh fei, und weil es nicht von ihm selbst komme. Dann gab sie dem Studenten die Hand und ging schnell fort, ohne dem alten Herrn noch zu begegnen. Auf dem Wege zum Berghof stritten die heftigsten Gefühle in ihr. Sie war einmal zornig, daß sie überhaupt mit Otto gesprochen hatte. Sie sagte sich, sie habe sich überlisten lassen. Dann aber tat es ihr leid, daß sie das Bildchen nicht genommen habe, und sie ertappte sich dabei, roie sie Bertolds Züge im Geiste nachmalte. Das Bildchen geisterte überall im Frühlingslicht ... Sie war in diesem Kampf sogar froh, daß ihr Hans ein Stück heimlich entgegenkam. Der gute Bursche stand in einem Hafelbusch und schaute sie freundlich an. Mil wehem Herzen gab sie ihm die Hand und winkte ihm, zu schweigen. Hans zog die Zweige wieder über sein Gesicht und sah der Davoneilenden verwundert und glücklich nach.
Otto war mit dem Ergebnis seiner Reise nicht unzufrieden. Zwischen Bertold und Birge war nun wieder die unsichtbare Brücke geschlagen, auf der bie ©ebanfengeifter bei Tag und Nacht hin und wieder eilen konnten. Unb wenn auch Bertolb nichts von dieser Geisterbrücke erfuhr, so wußte Birge um so mehr davon. Sie mußte jedenfalls jetit immer an Bertold denken, so oft sie an die Briefe dachte, die sie Otto versprochen hatte. Der Freund -roeifelte nicht bomn. daß das Machen bald wieder einen bunten Schleier um ben Geliebten weben werbe, fo


