Katarina kann sich nicht entscheiden.
Roman von Viktor vonKohlenegg.
Copyright 1982 by August Scherl G. m. b. H., Berlin.
(Fortsetzung.)
„Ein hübscher Spatz!" sagte Frau Gugernell und machte noch ein paar genießende Drehungen, wie eine Plötzlich ermüdete gnädige Spenderin.
Dago seufzte, als es aus war. Sie war eine andere, wenn sie tanzte —: Santa Katarina. Er legte, rasch und verstohlen, eine Tangoplatte auf.
„Kommen Sie, Dagobert! Das mutz anders getanzt werden!
„Sehr gut!" sagte der begeistert und umfing sie andächtig, Duft und Wärme und Spinnwcbgewand. O Himmel und Hölle und Barby Pick!
„Müssen wir nicht noch ein bitzchen malen, Dago? fragte sie plötzlich reumütig. „Um halb zwei mutz ich--"
„Ich fasse nie im Leben wieder einen Pinsel an!" schwur et, prophetisch wilden Geistes.
Sie hob die Brauen. Sie schmiegte sich, einer Teppichfalte wegen, fester an ihn, was seine Männlichkeit und Hilfsbereitschaft entzündete. „ . ,,,
Man sollte sie — sollte sie Louis einfach wegschnappen! Ein blitzhafter Gedanke seines lebensbejahenden Herzens. Aber König Louis würde schon diese Situation höllisch übel vermerken... Von mir aus! dachte Dagobert herzlich. „Sie sind ein leibhaftiges Wunder. Katarina — gnädige Frau!"
„Aber, Dago, das ist verboten!"
Das Grammophon heulte jämmerlich. Kein guter Geiste da —?
„Wir stören?" fragte Diez, der mit einemmal mitten im Ate- IiCUnbUnc6cn ihm standen Till und ihre Freundin Barby Pick, bescheiden und mädchenhaft errötend und beide, wie es Dagobert schien, Hönisch feixend: besonders Till.
Diez hatte aufgeschlossen und war mit ihnen hereinspaziert — ein Komplott. Sie waren gemeinsam beizeiten aus der „Vegumag ansgebrochen: heute war Samstag, und Barby Pick hatte ihrem Geheimrat in der Universität assistiert.
„Wir stören?" säuselte Diez.
„Natürlich: Ihr tut den ganzen Tag nichts ... Tag, Barby! Furchtbar nett und reizend! Tag, Till! Wo kommt ihr kleinen Mädchen her? Schule schon ans? Diez, verdammter Lümmel! — Fräulein Pick, alte Freundin von Till", stellte er vor. „Muntres, tüchtiges Mädchen... Ich erzählte der gnädigen Frau schon: zeichnet sonst Biologie und Botanik in Dahlem, meist mit einem langen Mikroskoprohr im Auge. Man sieht es ihr nicht an."
Mädchenknickse/.. In die Knie, in die Knie! pochte Dtezens Herz, indes er witzig und gepflegt redete und das Grammophon aufs neue Seele und Leib beschwingte.
Dagobert stand vor dem langen braunen Mädchen mit der schneeklaren Haut. „Freue mich riesig, Baby! So geht es nicht immer hier zu", erklärte er. Das „reizende Braun der Augen und des Haars", wie Goethe von Lili gesagt hatte... Dagobert war seit längerer Zeit entschlossen, die Stelle bei Goethe nachzulesen: Diez hatte sie einmal zitiert.
Aber mitten in Musik, Tanz und Unterhaltung klang plötzlich eine neue Stimme: ein zarter, merkwürdig scharfer Bariton. Es war offenbar wieder ein Gast in Wochenendstimmung, und es war diesmal Herr Nikodem von Glod, der Vanderlip-Vetter. Er stand ebenfalls plötzlich da und sah in dem klaren Licht hier oben noch blasser und schlanker aus. Er verbeugte sich prinzlich und zeigte seine gewaltsam brennenden Augen.
Frau Schmadebach, die ihn eingelassen hatte, wackelte, wie eine fette Haremsmutter, nach dem Takt mit den Hüften.
Würdest du die Güte haben, mich vorzustellen, Katarina? Er war es gewohnt, die Leute seines Interesses nach Lust und Laune aufzusuchen: wünschte, einen Blick auf das Bild zu tun.
„Moment!" sprach Dagobert Kolosial nett von Ihnen Herr von Glod! Kenne Sie aus begeisterten Schilderungen... Wir sind im Augenblick mit anderen Dingen beschäftigt, wie Sie sehen. Legen Sie ein bitzchen ab und bedienen Sie sich! Er reichte seinen
^Vorsicht, lieber Doktor!" flüsterte Katarina, die jetzt mit Diez tanzte, warm an seinem Ohr und vermied die bemühte Teppich-
Der erschauerte, starrte auf ihren nahen roten Mund, der ein Stückchen höher atmete als der seine, was ihm eine Art Schwindel verursachte und allen kühl-sachlichen Sinn und Lebens pott endgültig aus den Beinen trieb. Wie war das gemeint? fragte er sich'wie jeder richtige unzurechnungsfähige Mann, und wußte im nächsten Augenblick, datz er morgen früh halb acht mit einer fcrti- gen wahnsinnigen Leidenschaft aufstehn würde.
Till, die ihre Lebenslage ein bitzchen eintönig fand, faßte, da im Augenblick nichts anderes vorlag, Herrn Nikodem von Glod in ihrer Nähe schärfer ins Auge, der ebenfalls den Tanzenden, besonders Diez und Katarina, stumm und aufmerksam nachsah. Kein Mensch vom Dntzend, wie cs schien, und sein Haarpelz war eine blanke Sehenswürdigkeit.
Nun blitzte sein dunkler Blick zur heftig blonden Till hiw „Famos, gnädiges Fräulein! Ich glaube, wir verständigen unL C‘nerCfcf)iItt in vollendetem Rhythmus, und Till war ein Mädchen und Weib, lind und völlig entKachelt.
werk freitragende Kuppeln, die „auf Erden" auch der genialste Baumeister nicht hätte Herstellen können und deren Größe sich zu denen der „Hagia Sofia" oder der Peterskirche wie ein Riesenluftballon zu einem Fingerhut verhalten. Nicht einmal die Scheitelpunkte dieser ungeheuren Gewölbe vermag das Auge zu erkennen, weil die in 20 Meter Höbe aufgehängten oielhundertkerzigen Bogenlampen nicht ausreichen, um die tiefe Nacht zu durchdringen, die über ihnen schwebt. Aber immer noch wühlen sich Hunderte von „Erdmännchen" und „Gnomen" immer tiefer und tiefer mit Spitzhacke und Fäustel ins glitzernde Mark der Erde und nur zögernd wagt man vorwärts zu schreiten in dieser unterirdischen Unendlichkeit, in der man dem Weltgeist näher ist als sonst und in der die Mystik des Hählenkults des Urmenschen geistert Die als Ackerbauer ihre Kultstätten und Heiligtümer in die Tiefe der nahrung- spendenden Erde verlegten, um jener geheimnisvollen Kraft nahe zu ein, die dort in dunkler Nacht, im Schoße der Allmutter all das entstehen und werden ließ, was den Oberirdischen das Leben erst ermöglichte. Denen schließlich die „Dunkelheit" zum Symbol der Gottheit selber wurde, die sie anbetend in den Höhlen verehrten. Wie Kybele, die schwarze Göttin und Pan, den Gott der Hirten und Bauern, auch staratustra und die Heiligen der Legenden, selbst Christus in der „Grotte" von Bethlehem — sie alle stehen in irgendwelchen geheimnisvollen Beziehungen zur „Höhle" als dem Symbol des Mutterschoßes , in dem sich das größte Wunder der Natur vollzieht.
*
Jeder, der mit offenen Augen eine wirkliche Höhle durchwandert, mag sie nun „natürlich" oder von Menschenhänden geschossen sein, wird sie ganz zwangsläufig mit „mythologischen" Augen ansehn und sie mit den Geistern und Gestalten seiner Phantasie, seines Unterbewußtsems bevölkern. Wie in SJanic, wo der Wanderer von der Fülle der gewaltigen, unerhörten Bilder und Eindrücke säst erdrückt wird.
*
Irgendwo wird das Salz z. B treppenartig abgebaut, aber diese unendlich langen und breiten Treppenstufen haben die Hohe eines Hauses und man glaubt am Fuße einer Pyramide zu stehen, Deren Spitze sich in der tiefschwarzen ägyptischen Nacht verliert. Man biegt um eine Ecke und steht vor einem trapezartig gebauten, schmalen Tor, das vielleicht 50 Meter vom Scheitel bis zur Sohle mißt und das geradeaus in die Grabkammer eines Pharaonen zu fuhren scheint. Wieder eine Biegung, und eine halbkugelförmige Nische tut sich auf, in die man mit Leichtigkeit das Bismarck-Denkmal von Hamburg stellen könnte Oder einen geisterhaft lächelnden Buddha, der verächtlich herabblickt auf die menschlichen Käser zu seinen Füßen. Ueberall kriechen diese Käferchen herum: sie wühlen wie emsige Termiten als schwarze Pünktchen tief unten in den Marskanälen, kleben wie Fliegen an berluanD eines weihen Saales oder huschen lautlos in schwindelnder Hohe über die hölzernen Galerien und Verbindungstreppen
Beklemmend das Ausmaß dieser unheimlichen Raume, von denen ein eigenartiges faszinierendes Fluidum ausgeht — am hebften griffe man selber in dem durchbohrenden Gefühl ein Nichts zu fein, jur Axt, um sich vor der erdrückenden Last der Weite m die engste Tiefe zu ver ^^Da"'plötzlich! Irgendwo ein ferner, langgezogener Ruf — klagend, als sei es der große Pan selber. „Zurüüüüüuuk! Suuuuuuu—ruuuuuutl Auf lammt der Blitz, nach allen Seiten slüchten d.e Ame, en, und donnernd hallt der Sprengschlag durch dos Labyrinth der Hallen und Dorne bricht sich hundertjältig an den Mauern und Wanden und rollt ab wie grollender Donner des unterirdischen Gottes, der an den Grundsesten der Erde rüttelt. Wie schäumender Gischt steigen Fontänen schneeweißen, salzigen Staubes auf, fallen in sich zusammen, schießen funkelnd wieder empor, brechen und Überschlagen sich wie Springbrunnen des Barock. Und in der Wand des weißen Staubes leuchten schwer und trübe die im feuchten Tagesnebel fahlen gelben Sonnen scheiben. der elektrischen Hängelampen. Und in diesem Nebel wird letzt die ganze Geisterwelt der Höhle lebendig: vorsintflutliche Riesenka er kriechen darin herum, die sich mit messerscharsen Zähnen in d'° Se, enwande hme.n- fressen, mächtige Schildkröten mit glitzernden Salzblocken aus Dem Rücken watscheln in langen Reihen vorüber fummenbe Hornissen bohren roütenb ihren Stachel in bie Mauern unb Treppen unb Zwischen all Diesen Ungeheuern Der Technik springen unD huschen Die Lemuren herum ober gespenstern lautlos wie Filmsilhouetten über Treppen, Galerien unb sreisthwebenbe Brücken in schwinbelnber Hohe unb werben verschluckt vom nachtschwarzen Raum.
Plötzlich erlöschen — Zufall ober Absicht?? — fdj(agarhg Die eich irilchen^Lampen, wie fterbenbe Saurier beginnen d'e Bohrhammer zu röcheln, mit mihtönenDem Schrei verstummen Die krächzenden Schnei e- maschinen, und zum Geslüster sinken D.e SUmmen der Mechchen h nab, verstummen unD nur der Widerhall ihrer letzten Worte schwirrt lautlos und Doch roieDer hörbar wie FleDermausgeslatter nn Raum. Leiserwer DenD ... noch leiser ... ganz leise - immer hoher hinauf . m-Nchts. Nur ganz oben, irgendwo, irrt wie em blindes Insekt, das von einer Glasscheibe zur andern taumelt unb bas immer roteber Zuruckgestoßen wirb, ein Echo herum, als suche es einen Ausweg. Unb bann wirb es ftlllUnb ganz dunkel. Immer noch bunkler, unvctstellbar dunkel So dunkel, daß diese von der Materie eingefangene unb -inge chlosiene Dunkelheit urplötzlich zum körperlichen, greifbaren, belebten Wesen wirb — zum brohenben Naturgott! *
So muß es gewesen sein, als sich zum ersten Male ber Ur-Mensch in bie erste Höhle wagte, sich in ber Uesen Nacht verirrte unb sinnlos vor Angst, gehetzt unb gejagt vom Widerhall seiner eigenen Schritte und Stimme den rettenden Ausgang roieberfanb.
Das war ber Tag, an Dem bie Mythe, bie Sage geboren wurde ...


